Lab. Jahrbuch 1995/96 für Künste und Apparate

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
(Erweitere Fassung eines Textes aus Kunsthochschule für Medien, Köln (Hg.)

Der Kampf um CD-Rom.

Fundamentalismus in den Künsten, der Technik, den Wissenschaften.

Man kann kaum eine Tageszeitung lesen, ohne auf den Begriff "Kulturkampf ' zu stoßen. Warum wird so viel Aufhebens von der Kultur gemacht - haben wir nicht genug Probleme und auch Gestaltungsaufgaben in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Soziales? Die Antwort heißt knapp und pointiert: Die Kultur ist in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt worden, weil Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Entwicklung ihre zentralen Legitimationsbegriffe nicht selbst erarbeitet haben. Nation, gar Kulturnation, Volk, Sprachgemeinschaft, Traditionsgemeinschaft, Rasse, Ethnie gehen samt und sonders auf Erfindungen der Künste und Geisteswissenschaften zurück. Die täglich von so gut wie jedermann zitierte "kulturelle Identität" von Individuen und Gruppen, von Minderheiten und Mehrheiten ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei uns zum Beispiel von Dichtern wie Achim von Arnim und Clemens von Brentano, von Philosophen wie Hegel und Fichte, von Kunsthistorikern und Germanisten wie die Gebrüder Grimm erfunden worden mit der Absicht, den Widerstand der deutschen Stämme, die ja keinen gemeinsamen Staat hatten, gegen die Usurpation Napoleons zu mobilisieren.

Im Namen der postulierten kulturellen Identität der Deutschen versuchte man herauszustellen, wofür und wogegen man gemeinsam kämpfen sollte. Man kämpfte gegen die Ansprüche der französischen Revolutionäre von 1789 ff, eine sozialrevolutionäre internationalistische Republik der freien Bürger zu schaffen, in der die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Menschen nicht mehr aus der Zufälligkeit ihres Herkommens, ihrer Geburt, ihrer Religion, ihrer regionalen Traditionen bestimmt werden sollten, sondern fonnalrechtlich oder philosophisch abstrakt vorgegeben wurden.

Die Resolutionäre nahmen für sich in Anspruch, im Namen der Menschheit und nicht einer bestimmten Gruppierung von Menschen in Staaten, Rassen, Volksgemeinschaften zu sprechen. Das Leben und Treiben der Menschen wurde unter den Anspruch universeller, also für alle Menschen als Gattungswesen geltende Regeln hingestellt - Verkehrsregeln gleichsam -, ohne Ansehen der Person und der Gemeinschaften, also über alles hinweg, woraus bis dato Individuen und Gruppen ihr Selbstverständnis gewonnen hatten.

Im Namen dieser neuen Ordnung der Verhältnisse zwischen den Menschen, dieser universellen Zivilisation, trat Napoleon seinen militärischen Vereinigungsfeldzug an. Höcherlbildlich gesprochen klemmte sich Napoleon das nach ihm benannte Regelwerk des Code Napoleon unter den Arm, um die althergebrachten traditionellen Ordnungen zivilisatorisch zu vereinheitlichen: eine heroische Mission, die vor Moskau scheiterte.

Die Widerstandskraft gegen die radikale Zivilisierung der Menschheit nach einheitlichen Standards und Regeln bezogen die Preußen und Russen, die Engländer und Spanier eben aus jener denkwürdigen Fiktion ihrer kulturellen Identität, die die Künstler und Geisteswissenschaftler aus den von ihnen rekonstruierten Traditionen seit der Völkerwanderung (dem Ende des römischen Imperiums) mit Bauten und Märchen, mit Heldengesängen und Lebensformen der Regionen glaubten beweisen zu können.

Die in Kleinstaaten lebenden, provinziell geprägten Menschen in Deutschland, das es als politische und wirtschaftliche Einheit gar nicht gab, wußten plötzlich, was sie gemeinsam hatten, eben ihr Deutschtum, ihr Deutschsein, kurz, ihre Kultur. Die galt es zu verteidigen und in der Verteidigung zu bestärken gegen die revolutionären Vertreter einer über alle regionalen Besonderheiten hinausführenden Zivilisation.

Wie mächtig die neue Identitätsbestimmung aus angeblichen kulturellen Traditionen gewesen ist, zeigt sich daran, daß etwa Napoleons Gegner England, Preußen und Rußland sie übernehmen, obwohl sie im 18. Jahrhundert bereits die Zivilisierung der rebellischen Regionen zum Reformprogramm erhoben hatten: in Rußland als radikale Verwestlichung seit Peter dem Großen; in Preußen durch das Staatsverständnis Friedrichs des Großen, dem nicht nur regionale Sitten und Kulturformen, sondern auch alle Religionen wie Weltanschauungen völlig schnuppe waren, solange ihre Anhänger sich den Pflichten als Staatsdiener unterwarfen; von den Engländern des 18. Jahrhunderts ganz zu schweigen, desgleichen von den französischen Aufklärern, die den Fortschritt ohnehin nur als universelle Entfaltung unaufhaltsamer Zivilisierung der gesamten Menschheit verstanden hatten. Sie alle und viele andere mußten sich der neuen Legitimationsfigur, der kulturellen Identität, unterwerfen. Sie paßten die kulturellen Einheiten mit staatlichen Einheiten zusammen und fanden so zu der zentralen und wirkmächtigsten Ordnungskraft des 19. und 20. Jahrhunderts: dem Nationalstaat, wobei "Nation" die politische Manifestation von ethnischer, rassischer, religiöser, eben kultureller Identität bezeichnete.

Der kulturell legitimierte Nationalstaat war ein Postulat jenseits aller historischer Wahrheit; er war eine Vorstellungskraft besetzende Fiktion, eine kontrafaktische Behauptung. Sie durchzusetzen, ging nicht ohne schwere Kämpfe ab, eben die Kulturkämpfe.

Kulturkampf war der Schlüsselbegriff der Bismarckzeit in den 70er und 80er Jahren nach der Reichsgründung von 1871 und der Bayreuthgründung von 1876. Zunächst bezeichnete Kulturkampf die Auseinandersetzung des deutschen Reiches unter Führung Bismarcks mit der katholischen Kirche, mit Rom. Es ging um den Einfluß, den der nicht national geprägte Katholizismus auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft haben sollte und haben durfte. Von heute aus macht man sich die Bedeutung dieser Ebene von Kulturkampf am besten bewußt, wenn man daran denkt, daß der Papst in Rom als eine Art oberster Ayatollah gesehen wurde, der alle weltlichen Dinge der Priesterherrschaft unterwerfen wollte, um eine Gottesherrschaft im Namen der Evangelien zu etablieren. Die Auseinandersetzung zwischen Regnum und Sacerdotium, zwischen weltlicher und geistlicher Macht, hatte bis zurück ins alte Ägypten ein zentrales Motiv der Geschichte gebildet. Deswegen waren Bismarck, wie alle Repräsentanten des Nationalstaates, daran interessiert, mit möglichst großer Breitenwirkung über die Geschichte derartiger Kulturkämpfe aufzuklären. In heute fast phantastisch klingenden Auflagenzahlen konnte z.B. der Ägyptologe Georg Ewers in der populären Darstellungsform des historischen Romans die Zeit des alten Ägypten und des Hellenismus (das ist die Zeit nach Alexander dem Großen) seinen Zeitgenossen vor Augen führen.

Gustav Freitag übernahm die Darstellung dieses zentralen Kulturkampfmotivs von der Völkerwanderung bis zur gescheiterten deutschen Revolution von 1848; und Felix Dahn, der heute noch bekannteste unter den vielen erstrangigen Fachleuten, die Geschichte in Geschichtsschichtungen vergegenwärtigten, spezialisierte sich auf die für die Deutschen vermeintlich besonders wichtige Völkerwanderungszeit, die Zeit des Eintritts der Germanen in die Geschichte.

Sein Hauptwerk, "Ein Kampf um Rom", nahm schon im Titel das Kulturkampfmotiv auf, es schildert den Kampf der Ostgoten unter Theoderich und Teja gegen Ostrom, gegen Byzanz, d.h. gegen die Usurpation des Reiches, gegen die Priester. Die Byzantiner hatten weltliche und geistliche Macht in Einheit von Kaiser und Papst als politisches Modell etabliert. Auf sehr raffinierte Weise integrierte Felix Dahn die handelnden Personen der Bismarckzeit in das historische Panorama (Bismarck z.B. als Cethegus), um die erneute Ambition der Kirche auf einen westlichen Cäsaropapismus abzuwehren. Gerade, weil der Kampf um Rom mit dem großen Trauerzug der geschlagenen Ostgoten am Vesuv im Jahre 551 endet, vermittelte sich dem Leser die Verpflichtung, eine Wiederholung dieses Desasters im Bismarckschen Kampf zu verhindern. Die künstlerische, literarische, musikalische Phantasie, die Arbeit der Künstler und Geisteswissenschaftler sollten diesen Abwehrkampf tragen. Wie wirkungsmächtig die kontrafaktischen Behauptungen, die romanhaften Fiktionen und fachwissenschaftlich gestützten historischen Imaginationen tatsächlich waren, und zwar nicht nur in Deutschland, sieht man daran, daß der englische Romanautor Disraeli es fertigbrachte, seine Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Als Premierminister, noch dazu als Jude, gelang es ihm, die Königin von England zur Kaiserin von Indien zu machen, und Königin Viktoria folgte ihm resp. seiner Dichterphantasie, seiner Geschichtsdichtung. Eine Ungeheuerlichkeit, die bis in unser Jahrhundert viele Fortsetzungen fand.

Der türkische Statthalter in Ägypten beauftragte Verdi, unter Anleitung des französischen Archäologen Mariette, eine Oper zu schreiben, die dem Anspruch auf politische Autonomie Ägyptens gegenüber dem erst jungen türkischen Imperium zur Geltung verhelfen sollte. Der Anlaß für diese Inanspruchnahme historischer Imagination mit den Wirkungsmitteln des "Emotionskraftwerks" Oper war die Eröffnung des Suezkanals. Mit seiner "Aida" schuf Verdi so etwas wie eine ägyptische kulturelle Identität, deren Identität dennoch große Folgen für die städtebauliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung im damaligen Ägypten und bis in die Zeit Nassers gehabt hat.

Unter den vielen Beispielen für die Verwirklichung künstlerischer und wissenschaftlicher kontrafaktischer Behauptungen von kultureller Identität ragt diejenige Richard Wagners heraus. Könige und Fürsten, Kanzler und Präsidenten bekundeten durch ihre leibhaftige Anwesenheit in Aufführungen von Wagner-Opern, erst recht in Bayreuth, daß die wahre Reichsgründung erst in der Wagnerschen Vision geschichtsmächtig werden würde. Denn Wagner bot in der Tat die bis zu Hitler vorherrschenden Wunschvorstellungen über den Ausgang des Kulturkampfes mit Katholiken und Juden, mit Freimaurern und heimatlosen Intellektuellen, mit Sozialrevolutionären, Anarchisten, mit den Sozialisten und Gewerkschaften und auch für den Kampf unter den Kulturen, also den Kampf im Namen der deutschen Kultur gegen die Russen und Polen, gegen die Franzosen und Engländer.

Wagner war der Großmeister strategischer Mobilisierung der Kulturkämpfer in zahllosen Wagnervereinen und ihren Publikationen (10 Bände programmatischer Schriften hat Wagner publiziert); er vermochte sein Werk (wie später nur Hollywood) als Summe aller Wirkungskalküle durchzusetzen, und niemand konnte sich diesen Wirkungskalkülen entziehen, selbst wenn er, wie Nietzsche oder Fontane, die Gefahren erkannte, die in solcher rucksichtslosen und alles durchdringenden Verwirklichung von Hirngespinsten lagen. Die Nibelungentreue und die Götterdämmerung, das Walten der Walküren und der heroische Kampf Siegfrieds gegen das blinde Schicksal, sprich gegen die universale Zivilisation, in der die Götter und Helden, die Rassen und Völker, die Kulturregionen und ihre Traditionen schließlich untergehen müßten, waren bis in die Mitte unseres Jahrhunderts jederzeit aktualisierbare Formeln und Handlungsanleitungen in den Kulturkämpfen mit ihren Höhepunkten des I. und II. Weltkriegs.

Man berief sich auf diese gefährlichen Konstruktionen, auf diese Fiktionen, wie auf eine geschichtliche Realität, und wo sich die geschichtliche Realität den kontrafaktischen Behauptungen, den bloßen Ideen nicht fügen wollte, versuchte man mit allen Mitteln, mit militärischer und wirtschaftlicher Macht, die Geltung dieser Ideen zu erzwingen. Daß die Kulturkämpfer mit diesem Vorgehen genau dem entsprachen, was etwa die katholische Kirche zur Unterwerfung der säkularisierten Welt unter den Primat der Religion betrieb, ist nur wenigen aufgefallen. Glaubensvorstellungen als Gebot göttlicher Offenbarung, künstlerische Phantasien über Massenkommunikation, wissenschaftliche Systemkonstruktionen (wie "Sozialismus") mit politischer Macht zu verwirklichen, die Wirklichkeit also unter die Vorherrschaft von Ausgedachtheiten zu zwingen, das kennzeichnet jede Art von Fundamentalismus. Deswegen wäre es kurzsichtig, heutige Parallelen zu den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts auf den religiösen Fundamentalismus zu beschränken.

Der Kampf um Rom findet heute vor allem als Kampf mit den neuesten Technologien und wirtschaftlichen Gütern statt. Er ist gegenwärtig ein Kampf um CD-ROM, also um die Compactdisc R = read, O = only, M = memory. Wenn wir die Anweisung befolgen, die Compactdisc CD-ROM als Anleitung zum Lesen und Verstehen des Gedächtnisses, also auch der Geschichte der Kulturkämpfe zu nutzen, wird aus CD-ROM die CD, die Christliche Drehscheibe der abendländischen Geschichte. Und es wird die Analogie zwischen heutigem Technofundamentalismus, also der Unterwerfung unserer Realitätserfahrung unter die technischen Vermittlungsmedien, und der historischen Unterwerfung der politischen und sozialen Verhältnisse unter den Herrschaftsanspruch der christlichen Drebscheibe Rom deutlich.

Nach Meinung vieler Beobachter begehen wir einen schrecklichen Irrtum, wenn wir meinen, daß die Entwicklung universaler Technologien, die die weltweite Kommunikation beherrschen, ihre Wirtschaft und Politik vernetzen, bereits aus sich heraus die Überwindung der zerstörerischen Kulturkämpfe nach sich zöge. Wie Hitler beispielsweise höchste technische Rationalitat ohne weiteres für die Durchsetzung der kulturkämpferischen Blut-und-Boden-ldentität einsetzen konnte, so setzen heute die Fundamentalisten (die Protestanten in den USA, die Öko-Fundis bei uns, die Wirtschaftsfunktionäre in der ehemaligen Sowjetunion, die islamischen Fundamentalisten in den jungen Nationalstaaten von Nordafrika über Ägypten, den Iran, Pakistan bis nach Malaysia) die allerneuesten Technologien ein, um ihre Konzepte unserer Wirklichkeit aufzupressen. Der Kampf um CD-ROM ist immer auch noch ein Kampf um die christliche Drehscheibe Rom, aber auch um die Drehscheiben Mekka, Washington resp. Moskau und Peking. Die Zahl der historischen Kulturen in der außerwestlichen Welt ist viel größer als die des Westens. Also hätten die Kulturen ein größeres Recht auf Durchsetzung als die paar westlichen Kulturen. Immerhin ist das Bewußtsein für die Brisanz dieser Auseinandersetzungen in den vergangenen 5 Jahren rapide gestiegen. Noch scheint es die Möglichkeit zu geben, mit Verweis auf historische Erfahrungen, solche Kulturkämpfe unter die Kontrolle zivilisatorischer Minimalstandards zu bringen.

Was begründet diese Hoffnung? Sind nicht längst die Künste und jetzt auch die Naturwissenschaften gezwungen, Aufmerksamkeit und Wirkungsanspruch dadurch zu erlangen, daß sie ihre Forschungsresultate mehr oder weniger deutlich als Machtversprechen in den Kulturkämpfen positionieren? Wer hätte schon - wie Syberberg, Botho Strauß, wie die Kunsthistorikerstreiter Nolte und Co., wie die Verfasser der Kulturkampfschrift "Die selbstbewußte Nation" - Aufmerksamkeit in allen Medien und sozialen Gruppierungen gefunden? Alle diese skandalträchtigen Kulturkämpfer konnten so stark die öffentliche Auseinandersetzung beherrschen, weil sie indirekt bewiesen, daß wir mit der emphatischen Behauptung von kultureller Identität in den 80er Jahren den Mund zu voll genommen haben; denn einerseits reklamieren diese Künstler und Wissenschaftler nun für sich genau das, was wir im Programm des Multikulturalismus jeder Minderheit geradezu aufgenötigt haben, nämlich im Namen ihrer kulturellen Identität Ansprüche auf Politik und Gesellschaft zu stellen. Andererseits zeigt ihre Reklamation einer deutschen kulturellen Identität, wohin wir geraten, wenn diese hypothetischen Konstrukte der autonomen Minderheitenkulturen tatsächlich ernstgenommen werden.

Das Echo auf die Autoren enthüllt die tatsächliche Haltlosigkeit von Identitätspolitik, d.h. der Legitimation von Politik durch Kulturenidentität. Insofern haben diese Kulturkämpfer uns einen gebörigen Schrecken vor der inneren Logik der Identitätspolitik eingejagt; uns schlottern die Knie. Bereits jetzt herrscht Panik vor den Konsequenzen der Identitätspolitik. Vereinzelt rechtfertigen Radikalisten ihre Gewalttätigkeit damit, daß sie durch die Identitätspolitik gezwungen würden, ihr kulturelles Selbstverständnis mit allen daran hängenden sozialen und politischen Überlebensgarantien zu verteidigen, weil mit eben diesen Mitteln ja auch die anderen Gruppierungen ihren Autonomieanspruch zur Geltung brächten. Ein humanes Leben, wörtlich genommen also ein menschenwürdiges Leben ist nach dieser Auffassung nur gewährleistet, wenn Heimat und Sprachgemeinschaft, Kirche und Lebensgewohnheit als unverbrüchliche Bezugsgrößen garantiert sind. Wenn Heimat, Sprache, Sitten die kulturelle Identität im Kern bilden, dann müsse man sie mit dem jedermann zugestandenen Recht auf Behauptung verteidigen. Dann ist Kulturkampf Kampf um Selbstbehauptung in Territorien und Sicherung des gemeinschaftlichen Wohlstands für alle Zeit, ohne Veränderung auf alle Zeit, denn ohne garantierte Zukunft verlören alle gegenwärtigen Selbstbehauptungen ihren Sinn.

Und der Ausweg? Gibt es Hoffnung auf die Einsicht, daß der eigene Egoismus Kooperation und Veränderung nahelegen könnte; oder auf die Einsicht, daß alle anderen im Namen ihrer Kulturen das Gleiche tun wie wir selbst, d.h. die Einsicht in eine notwendige Umorientierung, weg von der Identitätspolitik, der Multikulturalität? Wenn es eine begründete Hoffnung gibt, dann liegt sie darin, daß die verschiedensten Kultur- und Naturwissenschaften mit ihrem Arbeitsprogramm "Kulturgenetik" uns allen langsam zu zeigen vermögen, welchen Logiken wir folgen. Denn was wir uns als kulturelle Leistung zuschreiben, ist nichts anderes als die Logik unserer sozialen Natur. Was wir im besten Sinne und beim besten Willen bisher als humanistische Überwindung der Naturlogik der sozialen, also unserer tierischen Natur verstehen möchten, haben wir in den bisherigen Kulturen nicht einmal andeutungsweise erreicht.

Bevor wir uns je wieder gut gemeinten, aber bisher haltlosen Humanisierungskonzepten zuwenden, sollten wir uns dazu überwinden, uns zu homonisieren, d.h. zu erkennen, daß wir ein evolutionäres Produkt der Natur sind unter Bedingungen, die wir nicht uns selber verdanken und nicht durch eigene Setzungen aufgeben können. Homonisierung statt Humanisierung, das heißt anzuerkennen, daß sich zum Beispiel unsere Kulturkämpfe in nichts von den Auseinandersetzungen tierischer Lebensgemeinschaften unterscheiden. In diesem Sinne müßten wir anzuerkennen lernen, daß auch Tiere eine Natur des Sozialen, also eine Kultur haben. Homonisierung statt Humanisierung heißt, endlich zur Kenntnis zu nehmen, was uns seit den großen Aufklärern des 18. Jahrhunderts schon zu erkennen möglich ist, aber eben im 19. mit der Durchsetzung der homogenen Kulturnation und ihres politischen Ausdrucks wieder verdeckt wurde - denn diese Homogenität der Nationalstaaten ist bloß ein Clan- und Stammestreiben in größeren Formationen. Und das heißt zu erkennen, wie ungeheuer gering genetisch und funktionslogisch der Grad unserer Freiheit ist. Auch als Denker und Dichter, als wissenschaftliche Systementwerfer und Konstrukteure folgen wir in deprimierend hohem Anteil den Logiken, die unser natürlicher Weltbildapparat, unser Gehirn, mit allen seinen Operationsformen und Leistungsmodi von selbst produziert. Zum Teil gelingt es bereits heute, diese Naturlogiken, diese sogenannten evolutionären Logarithmen herauszuarbeiten und experimentell zu bestätigen. Wer einmal zur Kenntnis genommen hat, daß eine angeblich so kulturelle intellektuelle Hochleistung wie das Ordnen von 16 Zahlen nach bestimmten Vorgaben von einem Computer ohne Bewußtsein, ohne Intellektualität, ohne Vernunft in 63 Schritten gelöst wird, d.h. in nur 2 Schritten mehr als durch den Weltrekord mathematischer Spitzenleister, der wird einen gebörigen Respekt vor der Naturlogik, unter der wir überwiegend unser kulturelles Leben führen, gewinnen.

Zusammengefaßt: >Zivilisierung basiert auf der Hoffnung, daß wir zu akzeptieren lernen, auch nur Menschen wie alle anderen Menschen zu sein, das aber heißt zugleich zu erkennen, daß wir auf die das Leben garantierenden Logiken der Natur festgelegt sind. Zu diesen Logiken gehört als die Natur des Sozialen genau jenes Verhalten, das in den Kulturkämpfen sichtbar wird. Das eben versucht die Kulturgenetik herauszuarbeiten. Eine gewaltige Ernüchterung, die allen Kulturkämpfern dringend anzuempfehlen ist; denn nur sie führen sich als hochleistungsfähige Affen auf; aber das ist keine Diskriminierung, sondern Selbsterkenntnis.

Identitätspolitik beruft sich auf das Selbst, auf das Eigene, auf das Unsrige; aber sie erfindet dieses Selbst als kontrafaktisches Postulat Jetzt gilt es, die Anerkennung unseres Selbst als Produkt der Naturevolution anzuerkennen. Hoffen wir, daß wir zu dieser realistischen Einschätzung nicht erst kommen, wenn im Namen höchster kultureller Werte die Natur im Tode vernichtet ist. Dann ist es zu spät, die Natur wird über uns hinwegschreiten, als wären wir nicht gewesen und erst recht nicht unsere so grandiosen kulturellen Selbstbehauptungen.