Heilsversprechen

Neue Zürcher Zeitung – Und erlöse uns vom Übel

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

upj. Nach einem Wort von Friedrich Schlegel ist der Historiker ein rückwärtsgewandter Prophet; in der Zukunft vermag er nichts anderes zu sehen als in der Vergangenheit: Leid und Trümmer. Wer mehr von der Geschichte erwartete – Glück etwa und Fortschritt –, hat sich einem Heilsversprechen anzuvertrauen, dessen Herkunft gnostischer oder theologischer Natur ist. Ein «stolzes Stück Aufklärung» nennt Norbert Bolz – Mitherausgeber des anzuzeigenden Sammelbandes – jene Einsicht, dass gerade das Gelingen des aufklärerischen Heilsplans die Erde «ins Licht triumphalen Unglücks» taucht. Aber hat die historische Desavouierung der grossen Heilsversprechen das Thema obsolet gemacht? Eben gerade nicht. Wir alle wollen – wider besseres Wissen – noch immer erlöst werden; grundloses Hoffen auf Heil gehört zum Inventar alltäglichster Widervernunft. – Vor etwas mehr als einem Jahr hat die Philosophische Fakultät der niederländischen Universität Utrecht dem Thema «Heilsversprechen» ein Symposium gewidmet. Die Beiträge von Gernot Böhme (Philosophie und Esoterik: Konkurrenten um die geistige Orientierung der Zukunft), Christoph Menke (Heros ex machina: Souveränität, Repräsentation und Botho Strauss' Ithaka), Willem van Reijen (Der Messias und der letzte Gott. Heilsversprechen bei Benjamin und Heidegger) u. a. sind hier nachzulesen.

Werk ohne Wirkung?

Martha Laugs hatte, wie ähnlich arbeitende Künstler, Schwierigkeiten, ihrem Publikum klarzumachen, worin die Leistung ihres Vorgehens besteht. Die Bilder als Auslöser befreienden Lachens zu bewerten, schien der Ernsthaftigkeit des erörterten Problems gegenüber unangemessen zu sein. Der Verzicht der Künstlerin, in ihren Arbeiten irgendein Mittel zur Bewältigung des Problems zu empfehlen, verhinderte, sie als Autorität für nachahmenswerten kritischen Einspruch auszuzeichnen. Wohlweislich vermied es Martha Laugs auch, irgendwelche künstlerische Schöpferkraft mit humanitären Appellen den sogenannten unmenschlichen, eiskalten Praktiken bornierter positiver Wissenschaftler entgegenzusetzen. Die Ausstellung bot keine Möglichkeit, wohlfeile Rechtfertigungsstrategien von Künstlern nachzuvollziehen, sie etablierten aus ihrem Selbstverständnis heraus immer schon die Kunst als Gegenwelt zur technischen Welt. Denn jede Einlassung auf die Geschichte der Künste im technischen Zeitalter belegt eine solche Annahme als – wenn auch verständliches – Wunschdenken eines Publikums, das seinem eigenen Blick auf die Moderne die fromme Unschuld bewahren möchte. Die Künstler wußten zu genau, daß ihre Wirkungsansprüche nur Chancen hatten, erfüllt zu werden, wenn sie wie die positiven Wissenschaften mit den natürlich oder kultürlich gegebenen Voraussetzungen des Einwirkens auf andere Menschen kalkulierten. Die Mehrzahl der für tatsächlich wirksam gehaltenen Kunstproduktionen bestand, zumindest seit Wagners Zeiten, im Wesentlichen aus dem Kalkül der Wirkungen, die man zu erzielen versuchte. Die Künstler erwiesen sich als ausgefuchste Empiriker der Psychologie, der Soziologie und der Neurophysiologie. Selbst da, wo sie sich als Sendboten heilsgeschichtlicher Visionen zur Geltung bringen wollten. Wo sie auf das Pathos der Irrationalität setzten, um sich vor Widerlegungen zu schützen, taten sie das zumindest so rational begründet wie nur irgendein positiver Wissenschaftler. Vor allem aber konnten und wollten sie sich nicht aus sozialen und politischen Umsetzungen von Optimierungsstragien für das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen und die Ausformung des individuellen Lebenspotentials heraushalten, seien diese Umsetzungen nun universalsozialistisch, nationalsozialistisch oder in irgendeiner Form liberalistisch begründet. Die Künstler waren in diese Projekte nicht nur auf gleiche Weise verstrickt wie Wissenschaftler, Politiker oder Unternehmer, sie haben diese Projekte mitkonzipiert und mit allen zu Gebote stehenden Möglichkeiten zu entfalten versucht. Ja, die tatsächlich wirkungsmächtigen unter ihnen wußten, daß ihren individuellen Vorstellungen in dem Maße Bedeutung zukam, wie sie sie Projekten der Positivität verschwisterten. Für diesen Sachverhalt steht bis heute der Fall Wagner. Er spiegelt sich in den vielen kleineren Fällen Riefenstahl, Breker, Benn, Speer, Jünger, Celine oder neuerdings denen der afro-amerikanischen Rapper und der Mehrzahl aller Künstlergestalter der Unterhaltungsbranche, die angeblich ja nur leichte Kost ohne soziale oder politische Auswirkungen produzieren. Der scheinheilige oder naive Appell "Wagner von Hitler zu befreien" oder Wagners musikalisches Schaffen von seinen weltbildlichen Programmen zu trennen, weil die Kunst nichts mit der Politik, der Wirtschaft oder der Waffentechnologie zu tun habe, würde darauf hinauslaufen, dem Künstler Wagner seine Wirkung zu nehmen, also seine Werke in bestenfalls Wohlgefallen stimulierende Hintergrundgeräusche aufzulösen.