Lustmarsch durchs Theoriegelände – Ästhetik einer schweren Entdeutschung. Mit Liturgien und Performances.

Vom Sorgenkind zum Wundergreis – Bazon Brock zieht Bilanz zum Siebzigsten und sammelt Grabbeigaben für seine Generation.

Bazon Brock und Udo Lindenberg | Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände", ZKM Karlsruhe 2006 Bazon Brock und Udo Lindenberg | Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände" im ZKM Karlruhe, 2006 Ausstellungsansicht "Lustmarsch durchs Theoriegelände" im ZKM Karlsruhe | © Jürg Steiner, 2006 Magnes magnitudine instinctuque divinitatis - durch Gespür für das Göttliche und tatkräftige Vernunft | Lustmarsch, III.11, S. 308; Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände - Musealisiert Euch!" im ZKM Karlsruhe 2006 © Jürg Steiner Um mehr zu sein, als man scheint, muß man mehr scheinen. | Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände - Musealisiert Euch!", ZKM Karlsruhe 2006; Lustmarsch, II.7, S. 226 (ähnliches Bild) © Jürg Steiner
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ausstellung: 04.03.-14.03.2006
ZKM | Medienmuseum, Lichthof 8
Eröffnung: 03.03., 19 Uhr

Die Ausstellung »Kontrafakte. Karfreitagsphilosophie - Der Faschist als Demokrat« im ZKM ist die erste Station der Ausstellungsreihe »Lustmarsch durchs Theoriegelände«, die 2006 in elf Städten stattfindet. Unter dem Titel »Vom Sorgenkind zum Wundergreis« zieht Bazon Brock zu seinem 70. Geburtstag Bilanz. Jede Präsentation besteht aus elf Topologien, mit denen Bazon Brock sich 50 Jahre lang in Literatur, Theater, Ästhetik, Film, Fernsehen, Hörfunk, Action Teaching und Ausstellungen beschäftigt hat. Diese Resultate werden in einem Theoriegelände positioniert.

1. Die Normative Kraft des Kontrafaktischen | Karfreitagsphilosophie | Der Faschist als Demokrat

Thementotem und Performancerahmen für ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe

„Wenn die Wirklichkeit nicht mit unseren Konzepten übereinstimmt, umso schlimmer für die Wirklichkeit; jetzt erst recht!“, bekennen wir pathetisch – das nennen wir idealistisch – und huldigen der Gesetzeskraft des Kontrafaktischen, des Ausgedachten, der Fiktionen mit dem Bekenntnis: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Aber dem Karfreitagspathos der Gottesmörder folgt immer ein österlicher Katzenjammer. Ihn bezeugt gegenwärtig das westliche Demokratieverständnis, dem zufolge es nicht das gleiche ist, wenn zwei dasselbe tun. Also bloß kein schlechtes Gewissen bei Angriffskrieg, Eugenik, Euthanasie, Vertreibung als Partizifizierung, Verwaltungshaft als Schutzhaft, wie sie insgesamt von veritablen Demokratien gerechtfertigt werden. Der „Wandel durch Annäherung“ war so erfolgreich, wie er uns lieb war. Wir haben uns also bei vollem politischen Bewußtsein den totalitären, fundamentalistischen Regimen weitgehend anverwandelt.

Bezug auf Brocks Huldigungsadressen für Heinrich Klotz.

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Die Ausstellung »Kontrafakte. Karfreitagsphilosophie - Der Faschist als Demokrat« im ZKM ist die erste Station der Ausstellungsreihe »Lustmarsch durchs Theoriegelände«, die 2006 in elf Städten stattfindet. Unter dem Titel »Vom Sorgenkind zum Wundergreis« zieht Bazon Brock zu seinem 70. Geburtstag Bilanz. Jede Präsentation besteht aus elf Topologien, mit denen Bazon Brock sich 50 Jahre lang in Literatur, Theater, Ästhetik, Film, Fernsehen, Hörfunk, Action Teaching und Ausstellungen beschäftigt hat. Diese Resultate werden in einem Theoriegelände positioniert.

Eine Kunstausstellung unterscheidet sich von einem Theoriegelände der Ästhetik wie ein Chemielabor von einem Messestand für Kunststoffhausrat. Brock arbeitet mit den Künsten, anstatt sie bloß an die Wand zu nageln. Das Brocksche Kunstdenken eröffnet große Perspektiven. Theoreme wie »Gott und Müll« oder »Der verbotene Ernstfall« demonstrieren, wodurch man aus Beliebigkeit Verbindlichkeit schafft und aus Glaubenszweifel eine Ewigkeit baut. Die Kunst lehrt zu verehren, wovor wir uns fürchten; die Museen sind Tempel für kunstbekennende Atheisten. Brock gibt Anleitungen für Fininvests, also Investitionen ins Ende; er baut Rettungskompletts und widerruft das 20. Jahrhundert. Das sind Action Teachings der besonderen Art, deren Ziel es ist, eine bleibende Sammlung von Grabbeigaben für die 1968er Generation mit Wiederauferstehungsanlage zu schaffen.

»Gewaltmarsch« durch die Ausstellung
Bazon Brock, Professor für Ästhetik und Gestaltungstheorie an der Universität Wuppertal, integriert wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten (Filme, Theater, Hörspiele, Ausstellungen) über Formen der Vermittlung. Anlässlich seines 70sten Geburtstags zieht Brock Bilanz und skizziert in seiner Ausstellung zehn Topologien, mit denen er sich 50 Jahre lang in Literatur, Theater, Ästhetik, Film, Fernsehen, Hörfunk, Action Teaching und Ausstellungen beschäftigt hat. Die Ausstellung im ZKM ist jeweils zur Führung mit dem Ausstellungsmacher geöffnet. Der so genannte »Gewaltmarsch« findet nachmittags von 16–17 Uhr, der »Lustmarsch« in den Abendstunden, von 18–22 Uhr statt.

Ein Demonstrationszug zu dem Thema »Gott und der Müll« vom ZKM in die Karlsruher Innenstadt ist geplant für den: 06. März 2006, 14.30 Uhr

Gesucht werden 288 Sänger bzw. Demonstranten, die die vierundzwanzig Abteilungen der Sänger aus dem Buch der Chronik des alten Testamentes repräsentieren. Eingeladen sind alle Karlsruher Bürger und Bürgerinnen. Unkosten sowie ein Demonstrationshonorar werden vor Ort erstattet. Auch persönliche Grabbeigaben werden angenommen.

Am 07. März 2006 haben Sie die Gelegenheit, bei dem Brock'schen »Lustmarsch« von 18 bis 22 Uhr dabei und gleichzeitig Teil einer Fernsehaufzeichnung zu sein.

Kurzbiografie
Bazon Brock (*1936) versteht seine Arbeit als »hauptamtlicher Beweger«, der in ungewöhnlicher Praxis und Theorie seine Rezeptions-Ästhetik propagiert. Will in radikaler Veränderung die Kultur »in den materiellen Lebensprozeß zurücknehmen«. Als Professor für nicht normative Ästhetik, Kulturkritiker und multimedial arbeitender »Generalist« zahlreiche Veröffentlichungen von Büchern, Schriften, Manifesten, Projekten für Funk, Film, audio-visuelle Performances und Happenings, u.a. mit Künstlern wie Joseph Beuys und Wolf Vostell. Als sein Hauptwerk gilt »Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten« (1977).

Weitere Stationen der »Lustmärsche«: Frankfurt (Main), Köln, Hannover, Wuppertal, Graz, München, Berlin, Leipzig, Pfaeffikon/Zürich und Hamburg