UIPT (T. Taub, vice-dispatcher).

„Katabasis Soteriologike“, Katalogbuch zur Ausstellung,

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Nur Bad Painting ist Good Painting

Vor 12 Jahren wählte sich Tomas fünf Beispiele für diese Art von Strategie, die er mit dem Namen bad painting, "schlechte Malerei", belegte. Schlecht zu malen bedeutet nicht nur zu malen, obwohl man es nicht kann, sondern "schlecht" im Sinne von "bösartiger Distanzierung von dem, was man vermag". Bad painting als Strategie des Scheiterns im Gelingen ist etwa das, was Cézanne praktiziert hat: er versuchte sein ganzes Leben lang, nicht "gut" im akademischen Sinne malen zu können, um zu einer neuen Malerei zu kommen. 20 Jahre lang bemühte er sich, einige Äpfel, ein paar Zitronen auf einem Tisch zu fixieren, und es ist ihm bekanntermaßen bis zu seinem Lebensende nicht gelungen, das zu meistern. Cézanne ist als Maler gescheitert, und darin lag seine Bedeutung. Mit einem der Ausgangswerke seiner Bildfolge verweist Taub auf Cézanne.

Ein zweiter Verweis bezieht sich auf Hieronymus Bosch. Dieser hatte sich mit der größten Form des Scheiterns auf Erden, nämlich mit dem Weltuntergang, beschäftigt. Er scheiterte als Künstler darin, das Scheitern zu bewältigen. Es gibt keine Möglichkeit, den Weltuntergang oder den Holocaust künstlerisch zu bewältigen.

Ein drittes Beispiel kommt aus der jüdischen Theologie, Theorie und Philosophie, nämlich der Verweis auf das Scheitern im Sinne eines Aufhörens. Man hört am Sabbath auf zu arbeiten, etwas zu tun. Man stellt sich still, man entzieht den Ereignissen die zeitliche Basis, man tritt gegenüber den Bedingungen des Arbeitens in den Streik.

Mit dem Schiffbruch greift Taub noch ein Thema auf, das in der Kunstgeschichte ohnehin permanent bearbeitet wurde.

Zuletzt verweist er auf die Spiritualität von Jakob Böhme, der versuchte, das Problem des strategischen Scheiterns dadurch zu bewältigen, daß er die Welt immer weiter, auf einen einzigen Punkt, ein Sandkorn hin, eingrenzte.

Mit diesen fünf Beispielen strategischen Scheiterns als Gelingen füllt Taub seinen Zyklus. Er endet mit einem Raum, in dem vor der Leere der Wand nur noch Katabasis und Anabasis als Säulen der Auf-und-Ab-Bewegung, der Bottom-Up- und der Top-Down-Bewegungen der heutigen Wissenschaft zu sehen sind.
Taub läßt die Welt der Menschen lesbar werden als ein Scheitern, wie es alle Religionen, alle Philosophien, alle politischen Systeme bisher erfahren haben, und am Schluß steht der Verweis auf das Kreuz und die Rose im Kreuz, auf das Thauma und das Trauma und auf den Regenbogen, das Zeichen der Anabasis vom irdischen Leben in ein anderes Leben.

Der gesamte Zyklus ist also eine allmählich sichtbar und lesbar werdende Welt des menschlichen Scheiterns, des Scheiterns der Götter, des Scheiterns der Diktatoren, des Scheiterns der Künstler, des Scheiterns der Philosophen. Aber dies einsehen und verstehen zu können, begründet die Größe des Menschen als jemand, der lernt, sich selbst zu verstehen. Der Zyklus ist ein Beispiel, ein exemplum mundi, ein Weltbuch, eine Enzyklopädie des menschlichen Scheiterns. Warum ist das so wichtig? Erst heute beginnen wir zu verstehen, daß alles, was Menschen auf Erden für ein Gelingen bzw. das Lösen von Problemen halten, in nichts anderem besteht als im Produzieren neuer Probleme. Man nimmt ein Medikament gegen Nierenversagen, bekommt aber davon einen Herzschaden.

Nur die Künstler wissen seit 600 Jahren, daß das Scheitern beispielhaft für menschliches Tun ist und haben deswegen eine Kunstgeschichte entwickelt, deren Zusammenhang in einer langsamen Ansammlung von lauter Positionen völlig unlösbarer Probleme besteht.

Da wir inzwischen bemerken, daß auch ökologische und politische Probleme nicht mehr lösbar sind, daß Rassen-, Ethnien- und sonstige Konflikte auf der Ebene der Naivität nicht ausgetragen werden können, müssen wir uns beeilen, die Welt als eine solche Sammlung von prinzipiell nicht lösbaren Problemen anzunehmen. Die Künstler zeigen uns, wie man damit fertig wird. Wir lernen bei ihnen nicht, Künstler zu werden, wir lernen, uns selbst zu verstehen im Blick auf das, was wir alle am schlechtesten aushalten, nämlich eine heillose Welt. Die Soteriologie ist keine Heilsgeschichte durch Erreichen des Paradieses oder des Sozialismus, sondern sie ist eine Heilsgeschichte als Selbstkonfrontation des Menschen mit der Welt als einem für Menschen prinzipiell unlösbaren Problem. Das ist Thauma und Trauma, Wunder und Wunde im Abschluß-Terzett der Arbeiten von Tomas Taub.