UIPT (T. Taub, vice-dispatcher).

„Katabasis Soteriologike“, Katalogbuch zur Ausstellung,

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Katabasis Soteriologike.

Vor zwölf Jahren begann Tomas Taub eine Bewegung, ein Fluxusunternehmen, zu einem Zeitpunkt, als das größte aller bisher auf der Erde gesehenen Erlösungswerke – und darauf bezieht sich Soteriologie – gescheitert war, beziehungsweise absehbar zu scheitern drohte: der Sozialismus. Wenn das größte aller bisherigen Erlösungswerke – im säkularen wie im theologischen Maßstab – scheiterte, mußte sich jeder Künstler überlegen, was es für ihn noch bedeuten konnte, selber Werke zu schaffen. Was sollte irgendein Tun in einem Atelier, auf einer Leinwand, an einer Skulptur, in der Architektur als Behauptung von Bedeutung noch bewirken, wenn selbst ein solches Erlösungsunternehmen wie der Sozialismus sang- und klanglos zusammenbrach?

Von dieser Überlegung aus startete Taub seinen Rückgriff auf eine historisch sehr bekannte Form, solche Ereignisse zu würdigen: die Anabasis und die Katabasis. Diese Literaturformen entstanden, als griechische Autoren dem großen Alexander, einem antiken Lenin, einem säkularen Soter der Antike, folgten und sein Scheitern beschrieben. Die Anabasis ist die Lehre vom Scheitern in der Geschichte und dem, was sich daraus ergibt. Anabasis ist die Bewegung des Vorangehens, horizontal oder vertikal, und jede Bewegung ist immer zweifach: man geht hin und man kommt zurück, man steigt auf, und man kehrt herab. Also ist die Anabasis begleitet von der Katabasis, dem Weg zurück oder von oben nach unten. Basis ist das, worauf wir stehen, die Erde, die uns trägt. Ana heißt "weg vom Boden, auf dem wir stehen", "in die Zeiten", "in den Himmel", "in die Ferne", und kata heißt "unter dem Boden", "unter der Basis der Evolution, der Heilsgeschichte, des menschlichen Wesens".

Katabasis Soteriologike ist also ein Erlösen, ein Verwirklichen, ein Erreichen durch Scheitern, nämlich durch das Zurückgehen auf das, was sich unter unseren Standpunkten bewegt. Man kennt diese Art des Scheiterns aus der Geschichte in vielfacher Hinsicht, z.B. christologisch: "die Letzten werden die ersten sein" oder historisch: die Verlierer von Kriegen werden die Sieger sein – Japan und Deutschland, die Verlierer des Zweiten Weltkrieges, als jüngste Beispiele. Oder man kennt sie kunstgeschichtlich: die entartete, die stigmatisierte Avantgarde wird die bedeutende Kunst von morgen sein. Oder wirtschaftlich: wer ökonomisch erfolgreich sein will, muß aus Dreck Gold machen. Oder man kennt dieses Gesetz der Geschichte kulinarisch: die Abfälle der Gegenwart, die Speisereste der Armen sind die kulinarische Delikatesse von morgen. Pizza ist ein bekanntes Beispiel, wie man aus Scheitern Gewinn zieht.

Das sind Gesetze der Geschichte, die die Geschichte nicht am Erreichen von Wille und Vorstellung messen, sondern an der Größe und der Bedeutung der Konsequenzen des Nicht-Erreichens, des Scheiterns. Diese Gesetzmäßigkeit wurde in keinem anderen Bereich derartig präzise durchgearbeitet wie in der Kunst.

Tomas Taub ist ein Künstler, der deswegen historische Kommentare auf das Scheitern der Soteriologie des Sozialismus, auf das Scheitern aller Erlösungsvorstellungen der Ökologie, der Ökonomie abgeben kann, weil seine Offensive darin besteht, sein eigenes Tun von vornherein als ein Scheitern aufzufassen und auszuweisen. Künstlerisches Arbeiten ist immer schon und ausschließlich gelungen im Scheitern.
Das kam so: die Künstler beerbten die christlichen Theologen, sie griffen von ihnen z.B. das Attribut des Schöpfergottes auf, indem sie sich selber als schöpferisch bezeichneten. Ihre gesamte Begriffsideologie ist theologisch. Die Künstler haben aus dieser theologischen Diskussion auch das entscheidende Beispiel für das Verhältnis von Tun und Gelingen, von Tun und Wirkung entnommen: das Beispiel Abrahams.
Abraham war ein Mann, der Inspiration hatte (wie die Künstler das von sich behaupten), der die Stimme Gottes hörte und folglich gehorsam war. Er gehorchte, indem er den Willen Gottes vollführte, seinen eigenen Sohn zu opfern. Damit wurde Abraham der erste Faschist, der erste Totalitarist, der erste Fundamentalist. Er lehrte alle Menschen, wohin es führt, wenn sie so gehorsam sind, im Namen hoher Ideen, im Namen göttlicher Offenbarung selbst gegen das Leben vorzugehen.

Wenn Künstler wie Abraham nur ihrer Inspiration gehorchen, dann sind sie als Mensch, als Individuum gar nicht vorhanden, sondern dann sind sie nur Medien der göttlichen Eingebung, aber nicht Künstler. Sie agieren als Exekutoren göttlicher oder politischer Vorstellungen. Es kommt also nicht darauf an zu hören, sondern zu sehen! Und das drückt Tomas Taub aus, indem er diese Katabasis und die Anabasis, das Auf und Ab, signiert mit dem Namen TAUB. Taub ist das deutsche Wort für: nicht hören, aber dafür sehen. Wenn Abraham taub gewesen wäre, hätte er nicht versucht, eine aberwitzige Idee in die Tat umzusetzen. Also müssen Künstler sich von der Inspiration, von der Vorstellung künstlerischer Größe verabschieden, um als Künstler überhaupt vorzukommen. Das funktioniert nur, wenn man von vornherein nicht intendiert, etwas großartig Geniales gelingen zu lassen, sondern wenn man sich vornimmt zu scheitern. Wenn man seit Jahrhunderten Scheitern als Form des Gelingens in der Kunst strategisch betreibt, dann muß man auf eine bestimmte Weise handeln, die im Deutschen mit dem Begriff des Unterlassens bezeichnet wird. Man tut etwas, aber man tut es nicht, damit es gelingt sondern damit etwas herauskommt, das nicht riskiert, einen selbst zu verschlingen.