Ingeborg Lüscher. Fusion. Mailand 2001.

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

mit dem Fussball-Video "Fusion" von Ingeborg Lüscher (kürzlich in Zürichs Bahnhofhalle uraufgeführt),

Die Besten brechen die Regeln.

Sport als Kulturmuster.

Ingeborg Lüscher formuliert mit FUSION eine strange revelation, eine befremdliche Enthüllung unserer alltäglichen Bereitschaft, das regelhafte sportliche Spiel als Leitbild gesellschaftlicher Kooperationen verstehen zu wollen. Denn was empfehlen uns die reizendsten Sozialtherapeuten?

Sie propagieren: Sei ein guter Verlierer; fair geht vor; nach dem Spiel ist immer vor dem Spiel; Sex ist der gesündeste Sport; Sport ist in Geselligkeit (Verein) am schönsten; mens sana in corpore sano/wer rastet, rostet …
Wie kam es dazu, daß Sport zum Leitbild sozialer Aktivitäten werden konnte? Für diese Historie sind die Engländer zuständig. Ihre Oberschichten entwickelten im 18. und 19. Jahrhundert den neuen Sozialcharakter des Gentleman. Das war eine Anverwandlung des Höflings/Cortigiano, der ritterliche Tugenden ins Zivilleben übertrug, vornehmlich in den Umgang mit Frauen. Aus dieser Tradition heraus wurde der Gentleman zu einem Dompteur der kriegerisch-unsittlichen Begierden, der Antriebe "Lustgewinn und Unlust-Vermeidung" und der Motivation zur Machtausübung und Herrschaftsstabilisierung. Aber, so betont der Gentleman, dieser Zähmungsakt findet in der Menagerie statt, also als Spiel, als Simulation mit Wiederholungsmöglichkeit und Widerrufsrecht. Die Handlungsmuster der Gentlemen waren die des Spiels nach Regeln unter der Voraussetzung, daß Spielen nur dann sinnvoll ist, wenn sich alle an die Regeln halten. Mit Regelbrechern, mit Kriminellen kann man nicht spielen.

Als die Gentlemen mitte des 19. Jahrhunderts zu Industriellen und damit zu Managern der Gesellschaft (neben den damals entstehenden Sozialcharakteren Parlamentarier und Journalist) wurden, griffen sie auf den Domestizierungszirkus "Spiel" zurück, um die Energien der unterdrückten, schlecht versorgten und kaum erzogenen Arbeiter ihrer Fabriken zu kanalisieren. Mitten in den heftigsten Klassenkämpfen und Schlachten um soziale und politische Rechte sollten die Spielregeln der Gentlemen-Unternehmer die Fremd- und Selbstbeherrschung der Arbeitermassen formen. Dazu mußten die Arbeiter, die Angehörigen der Unterschicht, virtualisiert werden. Sie wurden zu Sportlern, d.h., solange sie "sportlich" spielten, waren sie nicht mehr klassenkämpferische Arbeiter oder schlecht weggekommene Kreaturen, sondern eben Sportler – ein virtueller Sozialrang, eine virtuelle Nobilitierung, die nur auf dem Sportfeld und unter den Regeln des Sports galt. Je länger und öfter man Sport trieb, desto stärker überwog für die Selbstwertschätzung der virtuelle, noble Sozialcharakter "Sportler" die realistische Kennzeichnung "Arbeitstier", "Kanonenfutter" oder "williger Vollstrecker".

Die Aufhebung aller Unterschiede durch Klassenzugehörigkeit, Konfession oder Nation im Sport wurde zu einem allgemeinen weltweiten Kulturmuster erklärt, als Herr Coubertin die antike Kultfeier der Delphischen Spiele in der Olympiade der industriellen Neuzeit wiederaufleben ließ. Seinen virtuellen Charakter enthüllt das Kulturmuster Olympiade mit den kontrafaktischen Behauptungen, beim Spiel ginge es nur ums Dabeisein und nicht ums Gewinnen, um den ideellen Wettkampf ohne tödliche Konkurrenz. Das ist natürlich eine Dummheit. Selbst unsere erfolgreichsten Heiligen zogen noch vor Gott Gewinn aus ihrer Selbstlosigkeit und konkurrierten um seine Gnade mit den Durchschnittskanaillen der Schöpfung. Aber solche Verklärung des menschlichen Wesens und der sozialen Realität durch die Erhebung in den virtuellen Stand engelhafter Reinheit und heiliger Interessenlosigkeit verhilft dem Sport zu einer starken symbolischen Repräsentanz des von Muskelkolossen und Renntieren verkörperten sozialen Daseins.
Dieser symbolischen Repräsentanz widmet Ingeborg Lüscher ihren Film. Sie setzt nicht, wie übliche TV-Journalisten, die Kritik an der Verlogenheit des Sports als längst kommerzialisiertem Unternehmen mit hochbezahlten, aber rechtlosen Arbeitssklaven fort; sie fusioniert die sozialen Verhaltensformen im Sport, im Kommerz, im Kriegerkampfbund (Fight Club) zu dem Kulturmuster, das sich unabhängig von allen olympischen Beschönigungen oder sozialen Verharmlosungen oder psychischen Entlastungen zeitlos durchgesetzt hat: das Muster des Kampfes, selbst des ernsten, ja tödlichen Kampfes nach berechenbaren Parametern und festschreibbaren Regeln.

Die Botschaft von Lüschers FUSION für die Bereiche Sport, Kommerz, Krieg nach Genfer Konventionen, Kulturkampf der Iren, Basken, Albaner, Tschetschenen etc. lautet:
Unsere Unterwerfung unter Regeln ist nur solange zu erwarten, wie der Verstoß gegen die Regeln mit nachhaltigem Ausschluß vom Spiel geahndet werden kann.
Das Spiel nach Regeln fördert aber gerade das Verlangen der Intelligentesten und Besten, die Regeln zu brechen.

Die Sportler, die Händler, die Kulturfunktionäre, die Soldaten können die Bestrafung des Regelverstoßes nicht selbst durchsetzen. Sie können nicht einmal die Urteilsinstanz selbst etablieren. Sie müssen auf die Existenz von strafenden Göttern und strafenden Richtern, strafender Börse oder strafender Hand des Marktes zurückgreifen. Solche Macht haben die Mode, das Gerücht, das Vorurteil, die kulturelle und soziale Diskriminierung, also die Verkörperungen des Zeitgeistes in ihren symbolischen Repräsentanzen. Eine schlechte Figur zu machen, sich lächerlich zu machen, die Aufmerksamkeit zu verlieren heißt, an Marktwert zu verlieren, an Öffentlichkeit wie an persönlicher Attraktivität. D.h., die Selbstwahrnehmung der eigenen Person in den Augen der Anderen, also das eigene Image, wird zur richterlichen Sanktionsgewalt, da unsere Überlebenschancen oder Mitlebensmöglichkeiten auf allen Ebenen von dem Image abhängen, das unser Schicksal ist.

Spielen heißt also, sein Image herauszufordern, sportlich spielen heißt, das Bild, das andere von mir haben, also das Image, durch das Idealbild zu ersetzen, das andere von mir haben sollen.
Die Sanktionsgewalt von Mode, Gerede und anderen Repräsentanten des Zeitgeistes wird immer dann sichtbar, wenn jemand als Sportler oder Manager oder Kulturpropagandist oder Künstler dabei erwischt wird, wie er sein Image durch sein Idealbild ersetzen will. Da foult er den Zuschauer, den Kunstbetrachter, den Konsumenten und nicht bloß den Mitspieler, Konkurrenten oder Kollegen. Solche fouls symbolisiert Lüscher durch Schwarzweiß-Konter, die die Fusion von goal-Stand und Konto-Stand, Spielstrategien und Berechnungen des Computers, Freudenausbruch und Vergewaltigung, Spielerposition und Unternehmenshierarchie und dgl. verdeutlichen.

Zwischensumme: Nach Regeln (also sportlich) zu spielen, fordert die Intelligenz des Akteurs zum Regelbruch heraus Den Betrachter stimuliert das Spiel nach Regeln zur Bewertung dieser Intelligenz: Herausragend ist nur, wessen raffinierter Regelverstoß nicht geahndet werden kann.
Damit wird das Kulturmuster Sport beschreibbar: Jeder sucht seinen Vorteil in der Kaschierung eines Regelverstoßes; die Besten im Sport, in der Wirtschaft, in der Kultur sind diejenigen, die ihre Intelligenz zum Regelbruch nutzen und zur Täuschung der Urteilsinstanzen, also zur Vermeidung von Strafen. Die Täuschung gelingt in allen Handlungsbereichen am besten durch Uniformierung, also durch Ununterscheidbarwerden gegenüber allen Konkurrenten. Die Uniformierung signalisiert die Orientierung auf Regelhaftigkeit. Wer im Business mitspielen will, tut gut daran, täglich die Pendler-Maschinen zwischen München und Hamburg mit den gleichen uniformen Verhaltensweisen und Redewendungen zu besteigen wie alle Mitkonkurrenten. Diese Uniformen müssen allerdings dem Macht-Niveau gemäß mindestens Armani-Standard entsprechen. Je höher die modisch-symbolische Repräsentanz, d.h., je mehr Armani, Trussardi, Boss, desto besser gelingt die Uniformierung. Je uniformierter die Gruppe der Konkurrenten, desto offensichtlicher verpflichten sich Alle auf das Verständnis: Es ist das Zeichen Deiner Fähigkeit, die Regeln zu brechen und das Zeichen Deines Prestiges, dabei nicht erwischt zu werden.

Das nennt man seit einiger Zeit die Logik und die Moral des schwarzen Sektors, früher Mafia geheißen. Mit der zunehmenden Auffassung von sozialem Handeln in Ökonomie, Politik, Kultur als der Orientierung auf intelligenten Regelbruch wurde sozusagen die gesamte Gesellschaft mafiotisiert. Da es keinen Sinn macht, die Normalität (Geschäftswelt) für eine singuläre Abweichung (Mafia) zu halten, wurde die Mafia legalisiert, d.h. virtualisiert, wie schon häufiger in der Historie des Kulturmusters Sport. Der virtualisierte Regelbrecher wurde zum Kavalierstäter und die Unfähigkeit, den Regelverstoß kaschieren zu können, wurde zum Kavaliersdelikt.

Mitten in Marktkonkurrenzkämpfen, Absatzschlachten und Produktionsfeldzügen werden die Regelbrecher zu Gentlemen-Verbrechern. Und Gentleman-Verbrecher mit Kavaliersdelikten ist man nur solange, wie man das Spiel "brich die Regel, aber laß dich nicht erwischen" vor aller Augen mitspielt.

Die Intelligenz der Künstlerin Ingeborg Lüscher zeigt sich darin, daß sie auch die eigene künstlerische Konzeption und Arbeit einer Filmerin ganz offen als sportlich im obigen Sinne darstellt: Der Film selbst bleibt ganz spielerisch – ohne Weltverklärung oder metaphysische Hochstapelei. Der Film bricht mit allen Regeln tiefsinniger Kunstschöpferei, und die Autorin läßt sich nicht dabei erwischen, daß sie sich gerade mit dieser sportlichen Haltung als Künstlerin von großem Prestige ausweisen will. Also ist sie eine Künstlerin von großem Prestige, die auf intelligente Weise das seit 150 Jahren im Westen vorherrschende Kulturmuster Sport enthüllt, ohne sich eines Sakrilegs überführen zu lassen. Sie sollte möglichst umgehend eine Version des Kulturmusters Sport am Beispiel des Frauenfußballs nachliefern.