Recht, Geist und Kunst.

Liber amicorum für Rüdiger Volhard.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Zivilisationsprozeß und Wirtschaftsdynamik

Die Entwicklung einer globalen Zivilisation mit Berufung auf zivilisatorische Standards wie Rede- und Versammlungsfreiheit, Rechtstaatlichkeit, Säkularisation, also Verbot religiösen Bekenntniszwangs und dergleichen, hätte keine Chance, wenn sie nicht von Kräften getragen würde, die ihrer Natur nach zur globalen Durchsetzung tendieren. Solche Kräfte sind vor allen anderen die Wissenschaften.

Da es keine französische oder deutsche Physik geben kann, keine spezifische japanische Statik oder brasilianische Mathematik, mußte sich das Betreiben von Wissenschaften aus spezifischem kulturellen Selbstverständnis lösen. Zwar prägt die kulturelle Zugehörigkeit auch Wissenschaftler und ihre Arbeitsvoraussetzungen, aber der Sache nach ist es nicht möglich, sich gegen die Mathematik zu wenden, weil sie mit arabischen Zahlen operiert und man selber nicht zu einer der arabischen Kulturen gehört. Zwar haben chinesische Wissenschaftler sich bei der Verwendung von Schwarzpulver kulturell determinieren lassen, aber die Chemie des Schwarzpulvers ist nicht auf kulturelle Indienstnahme beschränkt. Die in der Anwendung von Wissenschaften entwickelten Technologien (heute dominierend als Verkehrs-, Kommunikations- und allgemeine Produktionstechnologien) lassen sich gerade dann nicht unter kulturellem Verschluß halten, wenn aus ihnen alles herausgeholt werden soll, was sie leisten, mit welcher Absicht auch immer; denn diese Absichten sind gegenüber der Wirkung der Technologien nicht kulturell domestizierbar. (Dafür ist die Wirkung der Teletechnologie in den zurückliegenden Jahren ein Beispiel; sie überspringt alle kulturellen oder sonstigen Grenzen).

Wenn sich die neben der Diplomatie älteste zivilisatorische Praxis, nämlich das Handeltreiben, der durch Wissenschaften und ihre Anwendung entstandenen Produkte annimmt, sorgt sie indirekt dafür, daß die Kenntnis der Technologien bei denen verbreitet wird, mit denen man handelt. Je ökonomisch interessanter, also leistungsfähiger, begehrenswerter die gehandelten Produkte werden, desto mehr Kenntnisse müssen dem Handelspartner vermittelt werden, damit er mit den hochwertigen Gütern sachgerecht umgehen kann. Das gelingt nur, wenn auch die Produktnutzer ihren kulturell geprägten Erwartungshorizont erweitern, d.h. sich die Technologien aneignen. Auch ohne das Gebot, wissenschaftliche Erkenntnisse müßten jedermann zugänglich sein, sorgte der Handel selber in erheblichem Umfang für die Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse, Verfahren und ihrer Anwendung. Tendenziell werden so die Produktnutzer zu Produktproduzenten, und damit werden sie Konkurrenten.
Aber gerade diese Befähigung ist die Voraussetzung dafür, Kooperationen entwickeln zu können. Diejenigen werden die Konkurrenz am besten nutzen, die fähig sind, Kooperationen aufzubauen. Wer dabei nicht auf Reziprozität achtet, also auf ein stabiles Gleichgewicht in den Beziehungen der Partner, kann zwar kurzfristig, aber nicht auf lange Sicht, erfolgreich sein – auch das ist ein beachtlicher zivilisatorischer Effekt. Die Konkurrenz wird somit zur Konkurrenz unter denen, die kooperieren können und denen, die das nicht können oder wollen. Jedenfalls ist auf die angedeutete Weise die Dynamik des wirtschaftlichen Austauschs mit der Entfaltung einer interkulturellen Zivilisation und ihrer zwangsläufig universellen Standards verbunden.

Der Hinweis darauf, daß letztendlich die Dynamik dieses Geschehens aus Unterschieden, aus Niveaudifferenzen gespeist werde (Marktsättigung wäre dann eine Einebnung der Niveaus), wird zumeist pejorativ vorgebracht, als dürfte es keine Unterschiede geben.

Nun behaupten ja gerade die Kulturtraditionalisten die Unterschiede zwischen den Kulturen. Sie verweisen auf die Kraft der Kulturen, Unterscheidungen zu generieren. Möge es so sein, denn dann wird die Wirtschaftsdynamik mit ihren zivilisatorisch wirkenden Sekundärfolgen noch lange erhalten bleiben. Aber dazu ist es notwendig, die kulturellen Differenzen nicht auf traditionelle, schon vorhandene, zu stützen und sie ängstlich zu verteidigen um den Preis ihrer Kooperationsfähigkeit; vielmehr haben sich dann die Kulturen darin zu bewähren, daß sie immer erneut, mit Blick auf internationale Kooperation, angemessene Unterscheidungen hervorbringen. Nur dann sind sie ja im eigentlichen Sinn lebende Kulturen. Es bleibt zu hoffen, daß diejenigen, die mit der kulturellen Differenz ihren Anspruch auf Eigenständigkeit begründen, gerade unter dem Druck globaler Wirtschaftskooperation und zivilisatorischer Standardisierung langsam verstehen, was sie zu leisten haben.

Wie geht man dabei vor? Für die europäisch geprägten Kulturen wurde ein Weg beschrieben, für den ebenfalls die Künste ein Beispiel sind. Was jeweils als traditionelle Kunst verstanden wird (auch wenn es die Moderne von gestern ist), wird durch das Neue nicht abgeschafft. Es kommt vielmehr in einer überraschend leistungsfähigen Weise zur Geltung: in den Museen. Je weiter die Entfaltung der Kunst voranschreitet, desto differenzierter wird der Umgang mit den traditionellen und historischen Beständen. Modernität äußert sich in den Künsten nicht im Verschwinden des Alten, sondern in seiner Vergegenwärtigung – wenn auch in musealisierter Form. Dadurch, daß man sich im Pathos der Modernität auf die Künstlerleistungen des 20. Jahrhunderts besonders einläßt, werden die Leistungen eines Leonardo oder Michelangelo oder Rubens nicht geschmälert, sondern in besonderer Weise sichtbar. Am Bestand der Künste wird erst erkennbar, ob und welche neuen Sichtweisen oder generell welche Unterscheidungsleistungen die Avantgarden als Repräsentanten der Modernität zustandebringen. Nie zuvor sind die traditionellen Bestände derart geschätzt worden wie im Zeitalter der Moderne, auch wenn die Modernisten erklärtermaßen sich von den Traditionen absetzen wollten; das ist nur eine notwendige Erweiterung des Erwartungshorizontes der einzelnen Künstler, um zu eigenen Produktionen zu kommen. Insgesamt aber haben die Modernisten, auch die einer universalen Weltsprache der Kunst, die ungeheure Leistung erbracht, die historischen Bestände im Bewußtsein ihrer Gegenwart zu verankern und damit auch heute noch wirksam werden zu lassen. So weit man gegenwärtig den Debatten folgt, gibt es keine anderen Konzepte für die Erhaltung unterschiedlicher Kulturen in der Weltzivilisation, die ihrerseits unabdingbar ist, wenn die internationalen Beziehungen fruchtbar sein sollen, anstatt zerstörerisch.
Noch einmal sei betont, daß die Beschwörung von Eurozentrismus und Kulturimperialismus sowie die Beschwörung der alles verschlingenden Wirtschaftsdynamik radikalisierter Konkurrenz in Europa selber genauso stark ist wie außerhalb Europas gegenüber Europa. In der Auseinandersetzung mit den beschworenen Problemen haben die europäischen Kulturen und die europäischen Verfechter einer universellen Zivilisation einen Erfahrungsvorsprung, der äußerst leidvoll erkauft wurde. Diese Erfahrung gilt es zu nutzen, wenn denn Erfahrungen tatsächlich auch denen nutzen, die sie nicht gemacht haben. Wir müssen gegenwärtig alles daransetzen, wenigstens die Mitglieder der westlichen Kulturen auf diese Erfahrung zu verpflichten und damit zu verhindern, daß sich die blutigen Auseinandersetzungen der europäischen Geschichte in der Beziehung zwischen Europa und den Kulturen Afrikas, Asiens und denen des Orients wiederholen. Die stärkste Hoffnung dafür bietet eine globale wirtschaftliche Kooperation und die von ihr getragene Entwicklung einer universalen Zivilisation.

Wenn die Tendenzen zur globalen Wirtschaftskooperation und Kommunikation unumkehrbar sind, wie es der Fall zu sein scheint, ergibt sich gerade für Kulturleistungen eine neue Bedeutung. Nach grober Schätzung werden bereits heute mehr als 50% des Bruttosozialproduktes westlicher Länder durch kulturelle Distinktionen initiiert. Anschauliches Beispiel dafür bietet das Produktdesign für Konsumgüter, wie zum Beispiel Modedesign.

Wenn etwa auf dem japanischen Markt europäische Mode Interesse findet, dann legen die Käufer großen Wert auf die Unterscheidbarkeit etwa von italienischer oder französischer Mode. Und umgekehrt ist in Europa die Modeproduktion von Japanern gerade deswegen geschätzt, weil sie sich als japanische erkennen läßt. Die kulturellen Kontexte von Designern als Japaner, Italiener oder Franzosen zeichnen die jeweilige Modeproduktion aus. Je mehr kulturelle Differenzen oder Unterscheidungsleistungen in die Modeproduktion eingehen, desto höher ist ihre Attraktivität für Käufer. Also initiieren kulturell geprägter Geschmack, Material-, Form-, Farb- und Stilbewußtsein, sowie kulturell geprägte Attitüden und Wahrnehmung, soweit sie in das Produktdesign eingehen, wirtschaftliche Aktivität.

Der globale Markt erzwingt langsam eine Anpassung an Standards der Material- und Fertigungsqualität. Auch Vertragstreue in Lieferpünktlichkeit, Zahlungsmoral und Flexibilität gegen Störfaktoren werden sich globalen Standards angleichen. Umso wichtiger werden die Unterscheidbarkeiten der Produkte für den Konsumenten durch ihre kulturellen Impacts und ihre Adaptierbarkeit an die Erwartungen der Produktnutzer in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten. Solche kulturelle Stimulierung des Marktes wird immer noch unterschätzt, aber genau durch diese Leistung können die regionalen Kulturen weltweit produktiv werden. Ihr Bemühen um Unterscheidbarkeit von anderen läuft dann nicht mehr gegen die technisch und ökonomisch getragene Weltzivilisation, sondern parallel zu ihr.