Visionen und Lösungen.

Dokumentation der Wirus-Werkstatt- Gespräche 1993.

Kurzfassung für Eilige

Alle Menschen verfügen (im Normalfall) über das gleiche neurophysiologische Substrat, das wir umgangssprachlich Gehirn nennen. Auch die Funktionsweisen aller menschlichen Gehirne, der zentralen Nervensysteme, sind gleich. Warum aber fallen unsere Gedanken und Vorstellungen, Meinungen und Urteile so unterschiedlich aus, daß wir den Eindruck haben, Menschen lebten in ganz unterschiedlichen, je eigentümlichen Denk-, Vorstellungs- und Erfahrungswelten - so unterschiedlich, daß die Menschen sich nur unter ungeheuren Anstrengungen verständigen, geschweige denn verstehen können? Das gilt auch für Angehörige einer Sprach- und Kulturgemeinschaft, ja sogar für das Verhältnis zu vertrauten Lebenspartnern (allerdings sind bei Angehörigen einer Gemeinschaft die Folgen des Mißverstehens oder Nichtverstehens weniger gravierend - immerhin ein Vorteil enger, sozialer Bindungen). Eine Antwort auf die Frage liegt in der Annahme, daß die staunenswerten Leistungen unseres Gehirns ermöglicht wurden, weil sich in der Evolution immer geschlossenere, spezifischere Leistungen des Gehirns herausbildeten, was zugleich die Art und Zahl der Kooperationen dieser spezifischen Leistungstypiken enorm erhöhte. Die für den Menschen wahrscheinlich bedeutendste Form des Zusammenwirkens unserer spezifischen, neurophysiologischen Potentiale liegt in der Entwicklung unserer Sprachlichkeit - das gilt sowohl für die Leistungen des individuellen Bewußtseins wie für die Vermittlung zwischen den einzelnen Individuen. Wenn wir Sprachlichkeit primär als Zeichenverwendung verstehen, wird die ungeheure Vielfalt des Umgangs mit Zeichen deutlich. Zwar unterliegt die Verknüpfung von Zeichen (ihre syntaktische Dimension) gewissen Regeln; zwar kann die Zuordnung von Zeichen auf das Bezeichnete (die semantische Dimension) nicht schlechthin beliebig gewählt werden; zwar ist der praktische Gebrauch von Zeichen weitgehend auf relativ wenige Zwecke (die Pragmatik des Überredens, Überzeugens, der generellen Akzeptanz) ausgerichtet - aber die Wahrscheinlichkeit einer weitgehend gleichsinnigen Form des Zusammenspiels dieser Faktoren ist rein rechnerisch so gering, wie wir sie in der Selbst- und Fremdwahrnehmung tatsächlich erleben. Deswegen versucht man, den Sprachgebrauch zu konventionalisieren bis hin zur dogmatisch festgelegten Eindeutigkeit. Gerade dadurch verlieren wir unsere schöpferische Fähigkeit (individuell und kollektiv) zur Anpassung an veränderte Situationen der Lebensbewältigung. Es gilt also, eine Balance zwischen unumgänglichen Konventionen und hinreichenden Abweichungen von normiertem Sprachgebrauch zu finden. Dazu bedienen wir uns explizit oder implizit gewisser Strategien. Hier werden nur Strategien der Ästhetik angesprochen, also Strategien des produktiven Umgangs mit Worten, Bildern, Gesten, mit Konzepten, Plänen, Programmen, denn ich verstehe die Ästhetik als Frage nach den Relationen zwischen Denken, Sprechen und Handeln oder als Frage nach dem Verhältnis von intrapsychischen Prozessen, ihren sprachlichen Vergegenständlichungen und ihren Auswirkungen auf die Kommunikation.
Ich gehe ein

  1. auf die künstlerischen und wissenschaftlichen Strategien der Abkoppelung von Zeichen und Bezeichnetem, von Anschauung und Begriff, von Inhalt und Form (Reißverschluß der (Konvention),
  2. auf die Strategie der Problematisierung; Probleme verstehen sich nicht von selbst, ihre Lösungen sind der Ausgangspunkt neuer Probleme (der Künstler als Problemfindungsexperte),
  3. auf die Strategie des Ruinierens; die Ruine als Form der Vermittlung zwischen Konzept und Realisierung, warum Vollendung tödlich ist (Destruktion als produktive Kraft),
  4. auf die Strategie der Musealisierung als Möglichkeit, Vergangenheit und Zukunft zur konkreten Ausformung von Zeitgenossenschaft zusammenzuschließen, die Gegenwart des Abwesenden (Zeit-Management),
  5. auf die Strategie des Unterscheidens, um zur Einheit des Unterschiedenen zu finden. Der Prozeß der Regionalisierung und der Behauptung von Kulturautonomie findet seine Einheit nicht in der Multikultur, sondern in einer universellen Zivilisation (die Moderne als Versuch, den permanenten Kulturkämpfen zu begegnen).