Visionen und Lösungen.

Dokumentation der Wirus-Werkstatt- Gespräche 1993.

Ästhetik

Die Ästhetik, wie ich sie betreibe, beschäftigt sich mit folgenden Problemen:
Wie können Menschen ihre Gedanken, Vorstellungen und Gefühle so "ausdrücken", daß sie von anderen Menschen verstanden werden? Wir alle machen die Erfahrung, daß es ungeheuer schwer ist, sich anderen Menschen verständlich zu machen und die Gedanken, Vorstellungen und Gefühle Anderer so zu verstehen, daß sie sich verstanden wissen. Wir machen auch alle die Erfahrung, selber nicht ganz genau zu wissen, was wir denken, vorstellen oder fühlen, bevor wir nicht versuchen, diese unsere intrapsychischen Aktivitäten auszudrücken. Wir erleben, überrascht durch die Reaktionen unserer Gesprächspartner, daß wir offenbar in Worten, Bildern, Gesten und Mimik etwas gesagt haben, wovon wir nicht wußten, daß wir es überhaupt gedacht oder vorgestellt haben. Wir sagen dann, der Versuch, uns auszudrücken, bringe uns auf ganz neue Gedanken. Wenn das der Fall ist, erleben wir das Bemühen, uns anderen verständlich zu machen, als fruchtbar. Als unfruchtbar empfinden wir Gespräche, in denen beide Partner nur immer wiederholen, was sie nun einmal zu meinen glauben, ohne daß sich durch das Gespräch die Positionen verändern. Wir sagen dann, unsere Partner monologisierten nur - sie könnten und wollten nicht verstehen. Wir gehen also - wie selbstverständlich - von der Annahme aus, Verstehen sei nicht nur ein Austausch von eindeutig ausgedrückten Gedanken und Vorstellungen (kurz Informationen genannt); offenbar fühlen wir uns wechselseitig nur verstanden, wenn sich die Positionen der Gesprächspartner durch das Gespräch so ändern, daß beide nach dem Gespräch irgendwie anders denken, vorstellen oder fühlen als zuvor. Wenn das gelingt, sagen wir, wir hätten tatsächlich mit unserem Partner kommuniziert. Was heißt das? Es ist durch das Gespräch gelungen, zwischen den Gedanken und Vorstellungen der Partner, zwischen ihren intrapsychischen Prozessen, ihrem je eigenen Bewußtsein eine Verbindung herzustellen. Wodurch ist das erreicht worden? Ganz offensichtlich durch die Benutzung von Sprachen, in denen wir uns auszudrücken versuchen. Diese Wort- und Bildsprachen, diese Körpersprache und sprechenden Umstände des Ortes und der sozialen Zusammenhänge verfügen über eigene Gesetzmäßigkeiten oder Eigenschaften (Regeln), die keiner der Gesprächspartner selber geschaffen hat, sondern die sie gemeinsam vorfinden und die sie sich angeeignet haben. Die Fähigkeit zu solcher Aneignung von Sprachen besitzen wir von Natur aus; wie wir von dieser Fähigkeit Gebrauch machen, hängt von unserer Sozialisierung ab, also von der Art und Weise, wie wir von Kindesbeinen an in Sprachgemeinschaften eingeführt und aufgenommen werden. Die Sprachen, die wir uns aneignen, sind also gemeinschaftsstiftend, weil sie auch von anderen verwendet werden. Allerdings bedienen wir uns der Sprachen, um unsere ganz individuellen intrapsychischen Aktivitäten des Denkens, des Vorstellens und des Fühlens auszudrücken. Da wir das eben in Sprachen tun, die nicht die unseren sind, sondern die einer Gemeinschaft, werden wir nie hundertprozentig genau das sagen können, was wir meinen und auch nie hundertprozentig durch Andere genau in dem Sinne verstanden werden können, den wir unseren Ausdrücken geben - wer sich einer Sprache bedient, die ganz und gar seine eigene ist, wird sich überhaupt nicht verständlich machen können - eines der Leiden, die man in psychiatrischen Krankenanstalten zu lindern versucht.

Jeder, der Sprachen verwendet, muß damit rechnen, daß zwischen dem, was er an Gedanken und Vorstellungen ausdrücken will, und den sprachlichen Ausdrucksformen eine Differenz bestehen bleibt. Die Verwendung der gleichen Sprachformen, Worte, Sätze, Bilder, Gesten garantiert nicht, daß ihre Verwender das gleiche meinen, es sei denn, man legte wie die Mathematiker eine eineindeutige Zuordnung von sprachlichen Zeichen und ihren Bedeutungen fest. Solche Konventionalisierungen des Zeichengebrauchs werden immer wieder auch für die soziale Kommunikation des Alltzgs versucht, aber jeder weiß, daß solche für alle geltenden eindeutigen Zuordnungen von Zeichen und ihren Bedeutungen nur um den Preis erzwungen werden können, individuelles Bewußtsein nicht mehr repräsentieren zu dürfen. Das kennzeichnet Ideologien, also Sprachnormierungen, von denen sich politische oder religiöse Fanatiker die Kontrolle darüber erhoffen, was ihre Klientel denkt, fühlt oder vorstellt. Bei solcher hochgradigen Konventionalisierung riskiert man aber, daß die Kreativität von Menschen schlagartig verloren geht. Denn das, was wir als schöpferisches Vermögen von Menschen erfahren, liegt in der Fähigkeit, sich von Denk- und Sprachkonventionen so weitgehend wie möglich zu entfernen, ohne daß die soziale Kommunikation zusammenbricht. Schöpferische Menschen sind also diejenigen, die die Differenz zwischen Gedanken, sprachlichem Ausdruck und dessen Aneignung (Verstehen) durch andere Menschen nicht nur auszuhalten vermögen, sondern dazu nutzen, selber auf andere Gedanken zu kommen. Im konventionellen, dogmatisierten Sprachgebrauch der Kommunizierenden kann sich dieses Neue kaum einstellen. Wo es sich aber einstellt, wenn also Menschen als Schöpfer neuer Konzepte, neuer Produkte, neuer Formen, neuer Sichtweisen in Erscheinung treten, können sie für die soziale Kommunikation nur produktiv werden, wenn alle Beteiligten damit zu rechnen gelernt haben, das ihnen bisher Unbekannte probeweise zu tolerieren. Dazu fordern wir mit der alltaglichen Ermahnung auf: "Lassen Sie den Mann doch erstmal ausreden, lassen Sie ihn doch erstmal machen!", damit wir uns im eigenen Interesse nicht der Chance berauben, etwas Neues zu erfahren, wodurch wir unsere eigene kommunikative Fähigkeit erhöhen könnten. Lernen heißt also immer, neue, möglichst leistungsfähigere sprachliche Brücken zwischen individuellen Bewußtseinen und der sozialen Kommunikation zu bauen. Lernen heißt also, immer weitergehend unser Denken und unsere Vorstellungen zu verändern, also immer fähiger zu werden, mit undogmatischem sprachlichem Zeichengebrauch umgehen zu können und damit den Grad unserer Freiheit von den Zwängen des eigenen, nur um sich selbst kreisenden Denkens und der Verwendung normierter Sprache zu erhöhen. Erst in dieser Freiheit sind wir in der Lage, uns veränderten Situationen und Aufgabenstellungen, anderen Individuen und anderen Gemeinschaften gegenüber anzupassen. Erhöhte Anpassungsfähigkeit führt also nicht zur Einpassung oder Einzwängung in ein konventionelles, vorgegebenes Schema, sondern ist die Voraussetzung dafür, sich von Schematismen der Denk- und Sprachkonventionen so weitgehend wie möglich freizumachen.