Visionen und Lösungen.

Dokumentation der Wirus-Werkstatt- Gespräche 1993.

1. Reißverschluß der Konvention

Die gegenwärtig meist diskutierte Entkoppelung von Zeichen und Bezeichnetem besagt, daß sich vornehmlich in den elektronischen Massenmedien der Bilderzeugung die Möglichkeit entwickelt habe, nur noch mit Bildern ohne spezifische Bedeutung zu operieren. Man spricht von der Abkoppelung der Bilder von ihren Referenten. In der Wirtschaft ist dieses Problem durch einen Typus von Werbung für Produkte bekannt geworden. Die Text-Bild-Kombinationen solcher Werbung haben mit den ursprünglich zu bewerbenden Produkten nichts mehr zu tun – skandalträchtiges Beispiel solchen Abkoppelns der Werbung von den Produkten liefert die Firma Benetton, deren Kampagnen eine eigenständige Bildwelt schaffen, die als Image der Firma beschrieben wird. Nur auf dieses Image, diese identifizierbare Zeichen- und Bilderwelt komme es an, also auf den "bloßen" Namen der Firma, egal, was sie produziert oder dienstleistet. Wir empfinden das als Zumutung - wie jede kreative Leistung. Da wir hier nicht Moral- und Wahrheitsfragen berücksichtigen, sondern nur die ästhetische Ebene, ist es nicht unangemessen, darauf hinzuweisen, daß nach dem Benetton-Prinzip im Allgemeinen und Konkreten die Strategien der Innovation betrieben werden. Dafür quer durch die Geschichte und die Disziplinen einige Beispiele:
Als man die hölzernen, archaischen Kultbauten Griechenlands durch Steinbauten ersetzte, verwandelte man an diesen dorischen Tempeln alle funktionsbedingten Merkmale der Holzbauten zu rein dekorativ-ornamentalen Merkmalen der Steinbauten. Man koppelte die Funktionen also von ihrer Lesbarkeit als Architektur ab und entwickelte so einen neuen Stil.

Professor Wankel konnte den nach ihm benannten Motor schaffen, weil er fähig war, das herkömmliche Beziehungsgefüge von Anordnung der Motorteile und ihrer Funktionen zu entkoppeln. Er veränderte unseren Blick auf den herkömmlichen Motor mit dem revolutionären Gedanken, den Motor selber motorisch werden zu lassen, also den Motor sich drehen zu lassen, anstatt ihn als unbewegten Beweger wie herkömmlich aufzufassen.

Der Jahrhundertkünstler René Magritte kam zu seinen heute allgemein aufgegriffenen Zeichenerfindungen, indem er die konventionelle Bindung von Bild und Begriff löste. Einerseits zwang er ungewöhnliche Begriffe zu einer neuen Einheit mit bekannten Bildern, andererseits kombinierte er alltägliche Begriffe mit bisher nicht bekannten Bildverschachtelungen. Oder er ließ als Bild die auf Leinwand gemalten Worte Wolken, Baum, Horizont sich mit unseren Vorstellungsbildern dieser Wolken etc. verbinden, ohne sie auf dem Gemälde überhaupt zu visualisieren. Das Entkoppeln von Anschauung und Begriff, von Inhalt und Form, von Zeichen und Bezeichnetem ist der Kernbestand aller planmäßigen Versuche, innovativ zu sein. Die Psychologie der Kreativität hat das Entkoppeln zur Findungstechnik ausgearbeitet, z.B. im sogenannten Brainstorming, in dem die Teilnehmer angehalten werden, sich möglichst von konventionellem Gebrauch von Begriffen und Anschauungsweisen freizumachen, ihre Vorstellungskraft von den Fesseln der Denkkonventionen und Zeichengebungen zu lösen, um Probleme so zu betrachten, wie man sie bisher nicht sehen konnte.