Visionen und Lösungen.

Dokumentation der Wirus-Werkstatt- Gespräche 1993.

4. Zeit-Management

In den Kulturwissenschaften hat man mit der Musealisierung eine geniale Möglichkeit gefunden, Zeit als Produktiv-Faktor zu thematisieren. In unserer naiven Vorstellung begegnen wir der Zeit als einem gerichteten Kontinuum von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Fluß der Zeit ist unumkehrbar. Warum sollten wir uns aber um die Vergangenheit und die Zukunft scheren, wenn beide Zeitformen sich tatsächlich von unserer Gegenwart, der Gegenwart der Lebenden, radikal unterscheiden würden? Warum sollte uns die Vergangenheit interessieren, wenn sie tatsächlich vergangen wäre oder die Zukunft, wenn sie tatsächlich das noch nicht Erreichbare darstellte? Richtigerweise nehmen wir an, daß die Vergangenheit eben nicht vergangen ist und die Zukunft davon abhängt, wie wir uns auf sie ausrichten. Die Musealisierung von Kulturzeugnissen ist die bislang leistungsfähigste Form, die Vergangenheit als Bestandteil unserer Gegenwart wirksam werden zu lassen. Sie ermöglicht es uns, aus der Position der jeweils Gegenwärtigen nach rückwärts jene Zusammenhänge von Gegenwart und Vergangenheit anzusprechen, die wir im Begriff 'Traditionen' fassen. Weil Traditionen in den jeweiligen Gegenwarten geschaffen werden, sind sie in ihnen auch wirksam und nicht umgekehrt. Damit wird deutlich, daß wir nur Gegenwärtige sind, wenn wir uns Traditionen zulegen, also z.B. individuelle Biografien oder kollektive Geschichtsschreibungen, d.h., wenn wir eine gegenwärtige Vergangenheit als Zeitform schaffen.
Musealisierung ist ein Verfahren zur Schöpfung von Zeit. Das gleiche gilt für die Orientierung auf die Zukunft, denn von der Gegenwart aus beziehen wir uns auf sie als eine geschaffene Vielfalt möglicher Zukünfte. In der hoffenden oder ängstlichen Erwartung solcher Zukünfte tragen wir mit unserem gegenwärtigen Verhalten zur Schöpfung der Zukunft bei, denn unser gegenwärtiges Verhalten wird in Hoffnung und Angst ganz entscheidend durch unsere Zukunftsannahmen geprägt (aus der Reihe der Mechanismen, die auf dieses Verhältnis einwirken, sei hier nur an das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophetie erinnert). Vergangenheit und Zukunft sind also nur als Zeitschöpfungen der Gegenwart wirksam. Jedenfalls für Menschen; für Gott, die Götter, den Weltgeist oder die Evolution mag das anders sein. Jede ästhetisch produktive Operation wird also die schiere Gegenwärtigkeit in die Schöpfung von Vergangenheit und Zukunft verwandeln. Heute klagt man in allen Handlungsbereichen, keine Zeit mehr zu haben. Selbst komplexe Produktionszyklen verkürzen sich auf Saisongrößen. Daraus kann man nur den Schluß ziehen, wir hätten die Notwendigkeit der Schöpfung von Zeit noch nicht erkannt, weil wir uns auf die Unerschöpflichkeit des Rohstoffs Zeit naiverweise verlassen. Deswegen geht uns die Zeit aus. Wir leben gar nicht mehr in der Gegenwart, sondern etwa im Jahre 2010, denn bis dahin haben wir (vornehmlich über das Kreditwesen) unsere Zukunft bereits verbraucht.