Visionen und Lösungen.

Dokumentation der Wirus-Werkstatt- Gespräche 1993.

5. Die Moderne als Versuch, den permanenten Kulturkämpfen zu begegnen

Nichts kennzeichnet die heutige Weltlage so wie die Unzeitgemäßheit, in der sich unzählige Gesellschaften und Kulturen dieser Welt im Verhältnis zu den universellen Technologien der Kommunikation, des Verkehrs, der Produktion befinden. Wir erleben diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen als Regionalisierung. Immer mehr Teilgesellschaften bestehen auf ihrer Abkoppelung von der universellen Zeitlichkeit, d.h. von dem Druck der Gegenwart. Diese Gruppen und Grüppchen beharren auf ihrer kulturellen Autonomie im ausdrücklichen Widerstand gegen ihre Vereinnahmung durch diese Gegenwart. Um diese Disparität von kultureller Eigenzeit und entwicklungsgeschichtlicher Weltzeit auszuhalten, flüchtet man in eine Fiktion von Einheit, die Multikultur genannt wird. Allein Multi-Vielheit ist noch keine Einheit, sondern bestenfalls eine Addition des Vielfältigen. Je stärker die Behauptung der vielen autonomen Einheiten angestrebt wird, desto stärker zerfallen mit blutigen Konsequenzen die territorialen und staatlichen Einheiten, die die Moderne erst geschaffen hat, um Entwicklung zu ermöglichen. Entwicklung hieß zwar auch immer weitergehende Ausdifferenzierung in sich geschlossener Einheiten (wie z.B. Firmen), aber unter der Voraussetzung für alle geltender Verpflichtungen auf Standards und Regeln. Dieses Regelwerk hieß und heißt universelle Zivilisation. Sie manifestierten sich in der universellen Geltung von Menschenrechten, wissenschaftlichen Erkenntnissen, technologischen Erfindungen etc. Ihre Geltung sollte durch Einsicht in den Vorteil gesichert werden, den sie verschaffen. Die Grenze der Vorteilsnahme liegt dort, wo die zivilisatorischen Errungenschaften von den unzeitgemäßen autonomen Kulturen dazu benutzt werden, sich wechselseitig zu unterwerfen. Richtig gehandhabt, zerstört die universelle Zivilisation nicht die Vielfalt der Kulturen, sondern erlaubt ihnen erst, sich auf der gleichen Stufe der Zeitgemäßheit und der Verfügung über die gleichen Instrumente zur Geltung zu bringen – allerdings "nur" als musealisierte, z.B. als Folklore. Gegen diese Musealisierung wehren sich die angeblich autonomen Kulturen auf groteske Weise: Mit modernsten Technologien rufen sie zum Widerstund gegen die gleichmacherische Technologie auf. Mit der Inanspruchnahme von Menschenrechten setzen sie ihr Kulturverständnis durch, in dem etwa Frauen nicht wählen dürfen, die Meinungsfreiheit als satanischer Unglaube verfolgt wird und dergleichen.

Wenn wir heute Maßstäbe unseres wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen sowie politischen und sozialen Handelns so schmerzlich missen, dann liegt das nicht an der durch universelle Zivilisierung erzwungenen Pluralität, ja Beliebigkeit. Vielmehr fehlt es uns an der Bereitschaft und der Einsicht, uns den zivilisatorischen Standards selber unterwerfen zu müssen. Zweifellos werden die blutigen Kulturkämpfe der Regionalisten und Autonomisten uns aber bald schon lehren, in dem Aufbau der Weltzivilisation die Einheit zu sehen, in der wir uns überhaupt erst als kulturelle Wesen je eigener Prägung definieren. Dazu sind wir als Unternehmer und Künstler, als Politiker und Wissenschaftler aufgerufen. Das gibt unserem Handeln und Verhalten erst eine geschichtliche Perspektive, d.h. eine Zukunft.