“Die Poesie der schwarzen Löcher. Wissenschaftliche Rede im Strudel der ästhetischen Differenz von Denkbarkeit, Vorstellbarkeit und Darstellbarkeit.”

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs 626, Freie Universität Berlin

Manuskript

Das Grundthema der Ästhetisierung der Vermittlung möchte ich durch Vorgaben betrachtet sehen, die aus der Neurophysiologie stammen. 1962 hat Sperry die namhaften Splitbrain-Experimente durchgeführt. Man hat das Corpus Callosum, die Brücke zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns, durchtrennt, um experimentell herauszufinden, auf welche Weise die hemisphärischen Leistungszentren kooperieren. Das Ergebnis wurde dann weltweit aufgenommen und interpretiert, u. a. durch Karl Popper als einem Wissenschaftstheoretiker und von J. C. Eccles als einem Neurophysiologen. Gemeinsam haben sie 1977 die Untersuchung „The Self and its Brain“ publiziert und damit eine fruchtbare Diskussion jenseits der Hirnforschung angestossen. In dieser ging es zum einen um die Aufsehen erregende Bestätigung alter Annahmen, dass nämlich unabhängig von den sozialen, strategischen, technologischen oder institutionellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer man diese Probleme diskutiert, eine Kontinuität von Diskursen existiert, – die Diskurse gegen die Rhetoren und Sophisten bei Sokrates, der Diskurs in der „Topik“ von Aristoteles, die Diskurse von Tertullian über den ehrenwerten Alexander von Baumgarten bis hin zu Kant und den Diskursen der Moderne –, die allesamt ein und die selbe Diskussion celebral zelebrieren. Die sensationelle Entdeckung war deren empirische Überprüfbarkeit, da diese vollständig mit den gesamten Erfahrungen, sowohl aus dem Kunstbereich, aus der Philosophiegeschichte, als auch aus der Sprachtheorie, korrespondierte, letztere vornehmlich durch de Saussure und Wittgenstein vertreten. Das Bedeutende an den diskursiven Prozessualisierungen liegt nicht in ihrem plötzlichen Erscheinen im 20. Jahrhundert, sondern dass sie im Hinblick auf die Frage nach der Ästhetisierung der Vermittlung von jeher konstitutiv für den Akt der Kommunikation in bestimmten Unterscheidungsmöglichkeiten gewesen sind. Zugleich sind damit entscheidende Voraussetzungen gestiftet worden, um wissenschaftliche, künstlerische, politische oder soziale Diskussionen zu führen. Popper und Eccles ist der Nachweis einer unglaublichen Erfindung gelungen, die zu unserer Natur in Gestalt unseres Weltbildapparates gehört, dass nämlich in das Gehirn bereits der Mechanismus eingebaut ist, mit dem es sich selbst in seinen Funktionsweisen auf die Schliche kommen kann. Dieser Nachweis ist zwar mit den heutigen Mitteln der PET- Evidenzerzeugung wunderbar darstellbar und führt uns geradewegs zu einer Auseinandersetzung mit den Grundlegungsfragen, die das Verhältnis von Ästhetik, Ethik und Epistemologie betreffen. Das entscheidende Moment ist das der Vermittlung und wie sich das, was in unserem Weltbildapparat, also intrapsychisch vor sich geht, mit den anderen interpsychisch Prozedierenden, also den anderen Menschen, vermittelt. Wie ist der Übergang von der intrapsychologischen Prozedierung, – Kognition, Imagination, Repräsentation – zu der Sphäre der Kommunikation, also Verwandlung von Intra in Inter gestaltet? Inter ist das klassische Moment der Vermittlung, also das Inter-esse als bekannteste Form der Orientierung auf das Problem der Evidenzerzeugung und der Evidenzkritik. Zugleich ist Inter, um eine Luhmannsche Verkürzung anzuwenden, die Ebene der Prozedierung von Bewusstsein. Die Inter-Sphäre kommt durch Kommunikation untereinander zu Stande, nämlich als die Vermittlung zwischen diesen Bewusstsein generierenden, autopoetischen Einheiten, genannt Zentralnervensystem mit Gehirn. Die namhafteste aller Leistungen unseres eigenen Körpers besteht in der Bewertung dieses Generierungsvorgangs selbst. Das Zwischenhirn mit dem limbischen Regulativ ist beständig mit der Begründung der Reflexivität durch die Bewertung der Tätigkeiten, die das Gehirn selber vollzieht, beschäftigt. Die Kontrolle über die Richtigkeit oder die sinnvolle Art der Prozedierung des Großhirns oder der Kooperation der Großhirnrindenhälften über das Corpus Callosum kann nur dann gelingen, wenn das, was man aussagt, auf sich selbst übertragen wird. Durch die Reaktion des eigenen neurophysiologischen Trägermediums wird dem Gehirn die Chance gegeben, in einer Art von Rückkopplung zu kontrollieren, was es gesagt hat.


Die Pointe ist nun, dass genau das, was die Wissenschaftler den anderen Menschen vorwerfen, – unklare Trennung von Ich und Welt, von Interesse und Subjektivität auf der einen Seite und objektiver Kontrolle auf der anderen Seite –, zugleich das ist, was die ungeheuer große Leistungsfähigkeit des Gehirns ausmacht. Bereits in der Antike ist bekannt gewesen, dass ein Satz, in dem der Redner nicht selbst vorkommt, völlig sinnlos ist, da die einzige Möglichkeit, einen Satz zu beurteilen, darin begründet ist, dass das, was er bewirkt, an dem Sprecher selbst kontrollierbar werden muss. Um diese per auctoritas hergestellten Ausprägungen in der Vermittlungssphäre geht es.

In der Kunst existieren gleichsam systematische Untersuchungen zu diesem Gegenstandsbereich, die man als „Zwischenraumgespenster“ dargestellt findet, wie etwa bei Paul Klee. Er thematisiert in Schrift und Bild das Inter als Zwischenraumgespenst. Die Figuren und ihre Grundverhältnisse bringt er als kognitive, theoretische oder intelligible Objekte zur Darstellung, um sie von dem Objektstatus anderer Artefakte, Kunstwerke oder wissenschaftlichen Abhandlungen zu unterscheiden. Damit schließt Klee an eine Problemgeschichte an, die von der Antike bis heute an dem Verhältnis rührt, das zwischen den in der Paideia, also in der Ausbildung der Jugend verwendeten intelligiblen Objekten, den Lehrmitteln, und dem, was unter Anwendung der Lehrmittel schließlich herauskommt, besteht. Dieses Verhältnis ist zu verlängern in die theoretische Anlage und praktische Anwendung der Mittel eines Laborbestands hinein, und von dem betreffenden Forscher unter dem Gesichtspunkt zu hinterfragen, ob er denn in seiner Handhabung eine Trennung zwischen Intentionen und Mitteln überhaupt sinnvoll einführen darf. Der Forscher wird erkennen, dass sein wissenschaftliches Resultat nur unter Berücksichtigung der Methodologie sinnvoll einzuschätzen ist, dass also auf der Ebene der ontologischen Prozedierung das Anzeigen und das Indizieren mit der Beschaffenheit seiner Rechenwerke korreliert.

Die Entdeckung bei diesen neurophysiologischen Splitbrain-Experimenten war, dass wenn die verschiedenen Leistungszentren durch Kooperation der spezialisierten, neurophysiologischen Großhirnzentren zusammenarbeiten, gerade die Art des Zusammenwirkens das entscheidende Moment sein müsse. Unter Verwendung der antiken Terminologie, die in der Neurophysiologie wieder benutzt wird, operiert die kognitive Prozedierung linkshemisphärisch und organisiert die rechtshemisphärisch angesiedelte imaginatio , wo die alle Begriffe notwendigerweise begleitenden Vorstellungen (nach Kant) prozediert werden und zu der repraesentatio in Relation gesetzt werden. Um die Notwendigkeit der repraesentatio, also den Übergang von Intra zu Inter zu veranschaulichen, kann man sich analog dazu das Verhältnis vergegenwärtigen, dass einzelne Bücher im Unterschied zu der Literatur im Ganzen ausmacht. Ein Buch hat eine Intra-Logik, d. h. eine Werklogik in sich. Literatur selbst wird aber erst durch das Dazwischen vieler Bücher konstituiert. Literatur ist weder das eine Buch noch das andere, noch alle zusammen, sondern es ist das, was sie im Hinblick auf die Tatsache unterscheidbar macht, dass sie alle Bücher sind. Der Kern der Sache ist selbst von den Philosophen übersehen worden, nämlich dass die drei Leistungszentren, cognitio, imaginatio, repraesentatio, in ihrer Kooperation untereinander in der Kunst entwickelt und zur Darstellung gebracht wurden. Es waren die Action-Painter und die Action-Teacher als Spezialisten für die Zwischenraumgespenster, die sich insofern als Vermittler herausstellten, als sie im Ästhetischen den Übergang von Intra in Inter zu Anschauungen verhalfen. Diese Transition ist als eine eigene Sphäre zu begreifen. Auf dieser Intersphäre erkennt man die innere Logik eines Werkes im Verhältnis zum Aufbau der Literatur und zum Aufbau der Wissenschaft in ihrer Unterschiedenheit. Jedermann leuchtet sogleich ein, dass eine Bibliothek kein Buch ist. Aber wer glaubt, in einer Bibliothek ein Buch zu finden, der irrt sich, der hat keine Ahnung, was eine Bibliothek leisten soll. Diese Erfahrung kommt in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ wunderbar zur Geltung. Im Kapitel 100 General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung, kommt der General in die Bibliothek in Wien und hat ein Erweckungserlebnis. Er begegnet einem Bibliothekar, der ihm ganz kühl entgegnet: „Herr General, Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!“ Diese Stelle zeigt auf das Erstaunlichste, dass Lesen im Hinblick auf den Umgang mit Literatur als Bibliotheksbestand überhaupt nichts zu tun hat. Wahrscheinlich ist Lesen die absurdeste Art, auf das zu reagieren, was in einer Bibliothek geboten wird. Statt dessen wird durch Musil deutlich, dass man auch als Leser an einem Interraumgespenst schreibt, das anzufertigen wäre: „Das Buch der Bücher“, in Analogie zur Bibel, oder wie es bei Musil heißt, die „Bibliographie der Bibliographien“. Es ergeht also die Weisung an das Innere unseres Schädels, nicht nur den Katalog aller Bestände, sondern den Katalog aller Kataloge anzulegen, in denen je gattungsspezifisch etwas aufgelistet wird. Und dies wiederum wird durch das öffentliche Auftreten der ersten Action-Painter à la Jackson Pollock anschaulich. Es ist nicht zu leugnen, dass da ein Zeichengefüge mit attraktiver Appellstruktur hergestellt und damit gleichsam der Aufbau unseres Weltbildapparats vorgeführt wurde. Alles das, was man bei den Action Paintern im Aufbau zu sehen bekommt, ist insofern lesbar, wie es im Hinblick auf dessen Verweisungsstruktur ein „das da“ markiert, von dem fragwürdig ist, was es sei. Wenn man mit einer deiktischen Geste auf einen Pollock weist und dabei das Griechische hu to si, „das da“, meint, so ist zu fragen, wo dieses „das da“ denn sei, wenn das, worauf man zu verweisen meint, überhaupt nicht da ist?

Ob man diese Dinge, wenn sie zumindest in der Vorstellung existieren, auch mit sich führen könne, darüber schreibt Jonathan Swift in seiner genialen Darstellung der Akademie von Lagado in „Gullivers Reisen“. Die Herren Professoren und Projektemacher können die rätselhaften Vorgänge, die sich in der Sprache vollziehen, schließlich nur noch ertragen, indem sie die Dinge, von denen sie sprechen, bei sich am Leib oder auf dem Buckel tragen. Sie wissen durchaus, dass das zeigende, verweisende “dieses dort“, das hu to si, nur dann sinnvoll ist, wenn jemand dorthin gucken kann, wohin gezeigt wird. Pollock lieferte einen Attraktor, in der Tat ein Bild als Verweisungscharakter, das an die Frage rührte, was denn dessen Referenz sei. Was repräsentiert dieses Geklecker von Farbspuren, das auch noch visuell attraktiv ist, indem man es vom Boden, wo es unter Schwingen der durchlöcherten Eimer entstand, in die Vertikale der Wand hob, um es mit dem Status eines Bildes zu versehen? Indes war ein Wandlungsläuten zu hören, das man dann auch in Gestalt des Raschelns von Dollars vernahm. Das von Pollock hergestellte Artefakt stellte eine Weise dar, die Verbindung von Repräsentiertem und Repräsentierendem zu einem Bild zusammenzufassen, das nach den Vorgaben durch unsere Natur fragt. Eine kognitive Höchstleistung muss derjenige aufbringen, der kognitive Äquivalente für das zu finden sucht, was da repräsentiert wird; es ist schlichtweg nicht möglich. Diejenigen Leute, die sich bemühten, Pollock auswendig zu lernen, also eine dem Bild entsprechende imaginatio als innere Vorstellung zu entwickeln, wurden reihenweise in die Irrenanstalt eingewiesen. Sie sind an der sensationelle Entdeckung gescheitert, dass es repraesentatio ohne cognitio und ohne imaginatio geben kann. Daraufhin verwiesen die Wissenschaftler auf eine in der modernen Wissenschaft bereits einstudierte Akrobatik, die von Rudolf Carnap 1927 im Sinne eines Vorstellungsverbotes erlassen wurde. Dieser Erlass artikuliert eine bestimmte Art von Zuordnung von cognitio, imaginatio und repraesentatio, bei der kein kognitiver Begriff der Wissenschaft von einer Vorstellung begleitet werden darf, es sei denn, der Betreffende habe vor, sich als wahnsinnig zu deklarieren. Wenn ein Astrophysiker den Begriff „schwarzes Loch“ als kognitiven Begriff vollkommen einwandfrei definieren kann, ist er sofort in der Psychatrie, wenn er vermeint, sich dadurch etwas einwandfrei vorzustellen. Die täuschenden Vermittlungsgespenster schleichen sich dann ein und der Astrophysiker kommt dazu, auf einen wirbelnden Gulliausfluß in der Badewanne zu zeigen und zu behaupten, dass so das schwarze Loch aussähe. Er irrt fundamental, denn wenn er sich tatsächlich um Vermittlung im Ästhetischen bemühte, so würde er darauf verweisen, dass es für die Wissenschaft zwischen cognitio, imaginatio und repraesentatio keine Möglichkeit einer dogmatisch standardisierten Zuordnung gibt. Statt dessen verhält es sich im Ästhetischen so, dass man bei der Bestimmung eines Phänomens die prinzipiell unaufhebbare Differenz zwischen cognitio, imaginatio und repraesentation zu spezifizieren hat. Dazu sind die erzielten Zuordnungen zu unterscheiden, die zwischen Denkbarkeit, cognitio, und Darstellbarkeit vermitteln. Verhalten sie sich in einer Entsprechung zueinander, dann hat man sich mit einer Tautologie beschäftigt. Kombiniert man die Vorstellbarkeit mit der Darstellbarkeit, dann hat man ein Phantasma vor sich. Verbindet man die Kognition, also das Denkbare, mit dem Vorstellbaren, jedoch ohne repraesentatio, dann verbleibt das Ganze in der Sphäre des Intra und kann überhaupt nicht kommuniziert werden und entzieht sich jedweder Erörterung. Diese Überlegungen bedeuten für die Sphäre der Kommunikation, von einer fortlaufenden Verschiebung der Relationen von cognitio, imaginatio und repraesentatio auszugehen, so dass ein Zwang zur Differenzbildung entsteht, den Kleist so treffend als „die allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden“ bezeichnet hat. Die ästhetische Differenz erzwingt sich als Wandlung der cognitio oder der imaginatio bei repraesentatio. Wenn man spricht, redet, gestikuliert, ist das, was als Anlass des Aktes diente, eben der Gedanke, im repräsentativen Verweisen einem Wandel unterworfen. Nach einiger Zeit realisiert man dann, dass es prinzipiell unmöglich zu sein scheint, repraesentatio als Einheit von cognitio und imaginatio herzustellen. Darum lohnt es sich, die Vielfalt von Ansätzen zu einer normativen Ästhetik zu vergessen und statt dessen der Erfahrung in der kommunikativen Praxis von Platon über Quintilian bis hin zu der Ästhetik des 18. Jahrhunderts bei Baumgarten nachzugehen und die Übereinstimmungen zu sehen. Alle haben die prinzipielle Unbeherrschbarkeit des intrapsychischen Geschehens in der sprachlichen notwendigen Vergegenwärtigung und Materialisierung gemeinsam, denn der Übergang in die Intersphäre ist schlichtweg nicht beherrschbar und deshalb auch eben diejenige Sphäre, in der die Differenz voll aufgehen kann. Wenn ein Maler sich innerlich ein Bild vorstellt oder erinnert, macht er während des Malens die Erfahrung, dass seine Vorstellung vom Bild sich durch dessen Darstellung komplett wandelt. Sogleich ist damit der Kern der psychoanalytischen Therapie, der Kunsttherapie, benannt. In dieser Hinsicht ist Freud der Vater der Kunsttherapie, der Musiktherapie und der Maltherapie geworden. Bringe jemanden dazu, etwas darzustellen und ihm die Erfahrung zu ermöglichen, dass das in keinerlei Weise auf das beziehbar ist, was er immer schon wusste oder was er immer schon dachte oder was er sich immer schon wünschte und wollte. Erst in der Erfahrung der Eigenlogik der Intersphäre, als der sprachlich oder bildlich kommunizierten Sphäre zwischen diesen autopoetischen Bewusstseinsmaschinen, wird Freiheit und das Gefühl der Autonomie garantiert.
Eine jede Wissenschaft ist heute in dem Maße Teil des öffentlichen Diskurses, wie es ihr gelingt, durch Vorgabe eines kognitiven Begriffes, wie „schwarzes Loch“, sofort öffentlich ganze Kaskaden von imaginativen Vorstellungen zu entwickeln. Über diese inneren psychischen Vorstellungen wird dann wiederum eigentlich kommuniziert. Doch wie deutlich kommt uns hierbei zu Bewusstsein, dass jedes noch so gute Imaging, jede noch so gute wissenschaftliche Illustration in Zeitschriften, ob im „Focus“ oder in „Nature“, oder ob im Kunstbereich, falsch sein muss? Vielmehr dient die Illustration als schlagender Beweis der Falschheit unserer Vorstellung von dem, was nur kognitiv abstrakt gefasst werden kann. Erst in der Differenz zwischen Darstellungs- und Vorstellungsgehalt erblickt man ein Moment der Freiheit und der Aufklärung, erst in diesem Unterschied liegt der Erfolg der Ästhetisierung von Kommunikation. Das Gleiche gilt natürlich für die Ethik und für die Epistemologie, denn dort wird ebenso eine sprachliche Repräsentation, eine begriffliche oder bildliche, erzeugt, die man nicht wie in der Mathematik eineindeutig-tautologisch einfach auf intrapsychische Prozesse im Bewusstsein umzusetzen weiß. Identität ist nicht erzwingbar, außer man produziert Tautologien.

In ästhetischen Prozessen der Vermittlung werden ganz bewusst Formen der reflexiven Vergewisserung entwickelt, die im Stande sind anzuzeigen, ob ein Gehirn voll ausgeprägt ist. Dafür ist von einem Bewusstsein unumgänglich, dass um die Notwendigkeit der Strategie des Fakens weiß. Die Erfahrung des Fakens jedoch macht ein geistig gesunder Mensch bereits als Kleinkind, wenn es beweist, dass es reflexiv zu operieren beginnt, indem es lügt. Es verfügt geschickt über seinen neurophysiologischen Träger, produziert stolz, was die anderen als Lügen moralisch abwerten, in Wahrheit aber einen Hinweis auf die Reifung dieses Gehirns darstellt. Bereits ein Kind kann bewusst falsche Ankopplungen zwischen intrapsychischen Kognition, Imagination und der sprachlichen Repräsentation liefern. Wenn man nun systematisch lügen könnte, wäre das Problem aus der Welt geschafft. Die Ethik ergibt sich daraus, dass man eben nicht systematisch zu lügen vermag. Das Gehirn hat nicht genügend Kapazität, um systematisch das Lügen als Konstruktionsprinzip des Verhältnisses von cognitio, imaginatio, repraesentatio etc., von Inter und Intra, herzustellen. Man muss sich nur einmal klar machen, was es heißt, dass in der Natur mit den Prinzipien der Tarnung, der Täuschungs- und Chamäleon-Effekte üblicherweise gearbeitet wird. Die Aspekte, unter denen das evolutionär entwickelt worden ist, haben eigentlich nicht mit dem menschlichen Bewusstsein zu tun. Man hat bereits nachgewiesen, dass Kaniden ein voll entwickeltes Bewusstsein haben, und dass man bei Hunden eine Rangfolge ihrer philosophischen Befähigung zu lügen ablesen kann. Es wurden Experimente unternommen, die das von Thomas Mann geschilderte Wechselspiel von „Herr und Hund“ unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Überbietungsversuche untersuchen, einander wechselseitig die eigene Überlegenheit, Souveränität und Autonomie vorzuführen. Der Hund beweist seine geistige Kapazität, indem er versucht, den Herrn zu täuschen, um so bewusst strategisch sein Ziel zu erreichen. Der Herr denkt seinerseits, dass der Hund ihn bloß hinters Licht führen wolle, er selbst das aber durchschaut, da er viel intelligenter ist. Aber die Untersuchungen haben gezeigt, dass der Hund das antizipiert und darauf bereits reagiert. In dem Sinne kann man nachweisen, dass Hunde bereits auf die gleiche Weise über ästhetische, ethische und epistemologische Operationen verfügen, wie dann auch Primaten und insbesondere Menschen. Die Bedeutung dieser Operationen in Bezug auf die Wahrheitsfrage ist an die Evidenz von Relationen des intellectus ad rem gebunden, d.h. an die intrapsychische, kognitive Verstandesarbeit, die sich an der Sache in der Welt vollzieht. Wenn also Evidenz in dem Verhältnisses von intellectus und rem vorliegen soll, dann ist klar, dass unter Bezugnahme auf das Prinzip der Wahrheit, die willentliche Dispensierung dieses Prinzips, etwa in der Camouflage und in der Tarnung, stattfinden können muss. Die Wahrheitsfrage, die ethische Gutheitsfrage und die ästhetische Frage sind keineswegs Resultate kultureller Anstrengungen, sondern sind ganz Grund legend an die Bewusstseinsmaschinerie des entwickelten Lebens selber gekoppelt.

Nachgewiesen hat man das über Momente der Täuschbarkeit. Wenn ein Gehirn über die fabelhaften Fähigkeiten zur Entwicklung von Reflexivität und Selbstbezüglichkeit verfügt, dann wird es ihm schnell ersichtlich sein, dass nur im Bewusstsein des Getäuschtwerdens die optische Täuschung überhaupt bedeutend ist. Die geläufigen Aspekte des Getäuschtwerdens kennt man aus der Kunstgeschichte, so z. B. die Mosaikfußböden aus dem alten Rom, die unter Einsatz des Trompe-l`œil-Effekts, den Augentäuscher-Effekt nur dann als solchen auf sinnvolle Weise realisieren können, wenn er als Täuschung genossen wird; auf die hoch entwickelte Trompe-l`œil-Malerei im 17. Jahrhundert ist natürlich ebenso zu verweisen. Auch hier geht es um den Begriff des Zwischenraumgespenstes. Denn so naiv war kein Römer, dass er glaubte, die Illusion würde für die Realität genommen werden. So dumm sind selbst unsere heutigen Werber nicht. Nur manche Philosophen sind so naiv, zu glauben, die Werber spiegelten Leuten etwas vor, was sie glauben sollen. Kein Konsument der Welt hat je geglaubt, dass der Inhalt einer Verpackung mit dem, was auf der Packung abgebildet wird, – also die repraesentatio der Substanz –, im Verhältnis 1:1 stünde. Ein solcher Konsument erwiese sich als völlig lebensunfähig.

Dagegen war es ein sensationeller Erfolg der bürgerlichen Maler, nicht mehr im Auftrag für einen bestimmten Fürsten oder Adeligen zu arbeiten, sondern für den anonymen Adressaten, nämlich für den anthropos, für den, der auf die gleiche Weise gestrickt ist, wie jeder andere Mensch auch. Der Erfolg der Adressierung des anthropos war eben, dass man um die Souveränität des Bürgers wusste, die darin besteht, dass er im Genuss des Getäuschtwerdens, die Überlegenheit seiner kognitiven Fähigkeiten zu demonstrieren vermag. So verhält sich der Bürger auch gegenüber der heutigen Werbung, indem er das Getäuschtwerden durch die aufgehobene Differenz von Verpackung und Inhalt, als Ausdruck von Souveränität goutiert. Der Bürger betrachtet genießerisch die Angebote der Trompe-l`œil-Maler, um jederzeit den Genuss des Getäuschtwerdens zu haben. Er kann sich dann seine vollkommene anthropologische Funktionstüchtigkeit attestieren lassen, da er ahnt, dass sein Gehirn noch funktioniert, wenn er es noch v in Ordnung. Ich funktioniere noch wie jedes menschliche Gehirn an der Reaktion seines Hündchens kontrolliert. Wir wissen das, weil Giotto di Bondone das als erster bewiesen hat. Auf seinen Arena-Fresken in Padua wird Joachim dargestellt, wie er nach Hause kommt, was man an der Reaktion des Hündchens ablesen kann. Der Hund wird so gezeigt, dass sich aus seiner Reaktion die Identifizierung der Person ergibt. Jeder, der den Hund sieht, weiß sofort, dass der seinen Herrn identifiziert. Giotto erzielt den Effekt einer Ästhetisierung von Vermittlung, die sich in der Bild-Rezeption als die eigentlich sinnhaften, kognitiven, intelligiblen, theoretischen Objekte herausstellen. Diese eignen sich, wenn es sich um herausfordernde Artefakte von Künstlern handelt, uns einige Justierungsinstrumente für die Entfaltung der Möglichkeiten erkennen zu lassen, die wir von Natur aus in der evolutionär entwickelten Weltbildmaschinerie unseres Bewusstseins verankert haben. An der Kunst können wir im Imaginativen unser intellektuelles Vermögen eichen. Die unglaubliche Bedeutung der Kunst als Eichinstanz hat seit 500 Jahren, seit es sie expressis verbis gibt, nur zugenommen, zumal die anderen, ungleich fundamentalistischeren Begründungsunternehmungen, ob päpstlicher oder ob akademischer Dogmatik, nicht mehr Geltung beanspruchen können.

Ob jemandes Gehirn richtig funktioniert, kann man eigentlich nur im Hinblick auf das Verhältnis von Evidenz und Evidenzkritik herausfinden, d. h. inwiefern derjenige von Bewusstsein der Täuschung getragen ist. Mit Hilfe des neurophysiologischen Ansatzes ist es möglich, Bildkritik zu treiben, und zwar im einem Maße, das über das Potential eines just populär werdenden bildwissenschaftlichen Instrumentariums weit hinausgeht. Die Kunst, als die entscheidende Erschließung von Evidenzkritik, hat, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und Formen der Kritik des Bildes, Kritik als Bild realisiert. Das Bilderverbot lässt sich nur malen. Die Kritik an der Evidenzerzeugung durch Bilder muss sich als Bild realisieren, sonst ist sie nicht gültig. In der modernen Kunst der 50er Jahre nahmen sich einige jüdische Maler, wie Rothko und Motherwell, dieses Problems annahmen. Sie haben es verstanden, den Status eines Bildes zu generieren, in der das Bild als die Kritik des Bildes vorhanden ist. An einem Rothko vermag man nachzuweisen, dass es sich um die Realisierung des Bilderverbots als Bild handelt. Darin liegt die intellektuelle Herausforderung und macht es zugleich auf allen Ebenen, der cognitio, der imaginatio, der repraesentatio, attraktiv, sowie auch auf der Ebene empathischer Übertragung und Wirkungsprozessen der Affektkommunikation, also der Entwicklung von Intra in Inter, so bedeutsam.

Bedeutsam ist mithin die Kommunikation unter Wissenschaftlers nur dann, wenn wechselseitig von der Falschheit ihrer Propositionen ausgegangen wird. Aber ohne den Verweis auf das Falsche, ohne das Bewusstsein, dass unsere Veranschaulichungsformen, Modellentwicklungsideen und repraesentatio-Vorschläge notwendigerweise falsch sein müssen, lässt sich überhaupt nicht thematisieren, dass es sich bei den angesprochene Phänomen um Beispiel einer negativen Dialektik handelt. Der negativen Ethik und der negativen Ästhetik ist allein das Kaputte, das Hässliche und das Gelogene real. Damit ist die negative Dialektik auf der Ebene menschlicher Kommunikation erfahrbar, denn nirgends ist die Vermittlung der Wahrheit, der Gutheit, der Schönheit real, denn diese sind so überhaupt nicht gegeben. Wenn man aber etwas als falsch oder kaputt oder häßlich bezeichnet, muss man denknotwendig die Begriffe Gutheit, Wahrheit und Schönheit entwickeln, gerade um es als häßlich zu erfahren. Betrachtet man moderne Kunst als Dilettantenkunst, muss man gleichzeitig gewusst haben, was denn Könnerschaft sei. Was uns eint, ist die Notwendigkeit, uns auf die Wahrheit mit Hilfe der Falschheit und auf die Gutheit im Hinblick auf das Lügen oder auf die hu to si -und-aletheia-Unterscheidung einzulassen. Für die Ästhetisierung der Vermittlung heißt das, auf die Differenz abzuzielen, wie sie sich bereits in dem Problem der Evidenzerzeugung auf der Basis unserer prinzipiellen Täuschbarkeit gezeigt hat. Im Alltag, ob vor Gericht, ob in der Politik, ob im Marketing oder in der Medienlandschaft, hat man ständig Umgang mit Modellen der visuellen optischen Täuschbarkeit. Aber selbst das, was man noch vor 20 Jahren der Bildzeitung oder dem Schmierenjournalismus oder den inkriminierten Bestien des Kapitalismus vorgehalten hat, dass sie mit Lügen operieren würden, ist heute als der Adel der Vermittlung anzusehen. Jeder, der die Bildzeitung liest, weiß, dass hier alles deutlich erkennbar falsch und erkennbarer Betrug ist, der unter erkennbaren Interessengesichtspunkten zu Stande gekommen ist. Es wird nur noch getestet, wie sehr der Leser darauf hereinfällt. Überall, so auch im Umgang mit historischen Dokumenten und (vermeintlich authentischen) Bildmaterialien, ist man vor die Anforderung gestellt, einzuschätzen, ob die Photographie eines historischen Ereignisses, z. B Lenins Rede auf dem Roten Platz, gefälscht ist. Aber weiß jedermann, dass die Möglichkeit, dieses Ereignis zu dokumentieren, mit deren Fälschbarkeit einhergeht? Meistens ist das Bild gefälscht, aber als Fälschung ist es wahr. Aber selbst die Kritik
an diesem Photo, ist nur als Photo realisierbar.

Die Notwendigkeit zu Vermittlungen und Ästhetisierungen in der Wissenschaft ist erkannt, zumal die Wissenschaftler und deren autopoetischen Bewusstseinsmaschinen ohnehin abhängig von der Intersphäre der Gemeinschaft der Wissenschaftler oder der Gesellschaft sind. Aber unabhängig von solchen grundsätzlichen Notwendigkeiten, die heutigen Praktiken ganz anders bewerten zu müssen, entsteht der Eindruck einer veränderten Kommunikationsstruktur, die sich daraus ergeben hat, dass die gebündelte Einsicht aus Wissenschaft, Kunst und Literatur die ist, dass es in Wahrheit den alten Adam nicht nur noch, sondern tatsächlich gibt. Er ist schlicht unausrottbar und ist in die evolutionären Logiken und in unseren Weltbildapparat eingeschrieben. Was man ab dem 18. Jahrhundert anthropologische Konstanten nannte, was man die Untersuchung des anthropos im Unterschied zum humanum nannte, kann man als die Bewegung von der Humanisierung zur Hominisierung begreifen. Erst muss man wissen, was wir von Natur aus sind, bevor man jedwedes humanistische Konzept zu bewerten vermag, denn die Basis jeder Humanisierung ist die Hominisierung. Auf dem anthropologischen Wege lassen sich eine Vielzahl von Verläßlichkeiten erreichen, so z. B., wenn man sich über Ähnlichkeiten im Gesichtsausdruck verständigt. Ein Persönlichkeitsausdruck entsteht bei einer Photographie, nur dort, wo jemand glaubt, der Photographierte sähe einem anderen ähnlich. Man ist gewissermaßen nicht photographierbar, wenn niemand anderes einem ähnlich sieht. Weist man nicht gewisse Merkmale auf, wie etwa archetypische Vorgaben für die Organisation des Prinzips der Identität, so hat man auch keine Chance, als Politiker zu reüssieren. Es entscheidet also nicht die individuelle Abweichung, die Ausnahmeerscheinung, die Singularität, denn mit Singularitäten können die Menschen wenig bis nichts anfangen. Wenn etwas singulär ist, wie der Holocaust, ist er unerheblich. Wenn man aber behauptet, dass der Holocaust keineswegs singulär gewesen ist, sondern in der Geschichte, dem Prinzip oder der Tendenz nach, mit mehr oder weniger millionenfach realisiert worden ist, dann behandelt man den einen Fall in der Geschichte wie viele andere. Man muss sich dann wahnsinnig anstrengen, zu sagen, warum denn der historische Holocaust von 1941 bis ´1945 in besonderer Weise für die Entfaltung unseres Zeitgenossenbewusstseins bedeutsam gewesen ist.
Ist dieses singulär, hat es keine Bedeutung. Es hat nur eine Bedeutung dadurch, dass es etwas Grundsätzliches repräsentiert. Das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem, von Singulärem und Grundsätzlichem ist in seiner Bedeutung für die Künste bereits frühzeitig ermittelt worden und hat zu einer fruchtbaren Konfrontation zwischen cis- und transalpiner Malerei geführt, bei der das Konzept der Individualitätsbildung in der norditalienischen Malerei ganz anders angegangen wurde als in der Donauschule und oder bei Dürer. Die Italiener malen die konkrete Individualität im Hinblick auf das, was sie vom Menschen selbst in genereller Hinsicht aussagen können, wohingegen in den Niederlanden, etwa bei Roger van der Weyden, das Bemühen auf eine singuläre Individualität zu gehen scheint, die eine einmalige Abweichung verkörpert. Von heute aus gesehen generiert sich Individualität in der Fähigkeit und dem Anspruch des Wissenschaftlers oder des Künstlers dadurch, inwieweit er die Menschheit repräsentiert, d. h. einzelner Träger eines allgemeinen Verständnisses ist. Durch das „Ich repräsentiere die Allgemeinheit“ wird die res publica und die demokratische Tugend begründet. Man ist besonders in dem Maße, wie man wie alle anderen ist. Die Größe und Bedeutung der Wirkung von Wissenschaftlern und Künstlern besteht darin, inwieweit sie – neurophysiologisch – wie alle anderen sind. Der sensationelle Nachweis aus der Neurophysiologie besagt, dass alle Menschen mit normalen autopoetischen Bewusstseinsmaschinen komplett gleich funktionieren, mit den gleichen Mechanismen operieren und dass erst im Hinblick auf diese Gleichheit die Unterschiedenheit in der Begriffsbildung, in den Erzählungen und in den Repräsentationen zu Stande kommt. Die Gehirnforschung hat zeigt, wie es zu den Abweichungen kommt, wie manche einen großartige Gedanken haben, dessen Bedeutung ganz in der Repräsentation der Normalität liegt. Dieses normale Bewusstsein basiert auf einer prinzipiellen Täuschbarkeit, des weiteren bestimmt von einer prinzipiellen Interessengeleitetheit, vervollständigt von einer prinzipiellen Ungebildetheit und unzureichenden Ausgebildetheit. In diesem Sinne kann man sich, auch im Interesse an Selbstkenntnis, zu einem Exempel solcher Verfasstheit machen. Dass das singuläre Individuum das Vorbild für andere sei, ist doch überhaupt nicht möglich, sondern das Individuum ist Beispielgeber geworden durch die Art der Normalität, die man ausschließlich garantieren kann, wenn man den Hominisierungsprozess vollständig durchgearbeitet hat. Hominisierung heißt auf der Basis dieser neurophysiologischen, evolutionären Entwicklung, seine Abhängigkeit von den kleinsten Beeinträchtigungen, Stimmungen, atmosphärischen Erwartungen, wie Ärger, einzugestehen: „Zuallererst, – ich hatte gestern Ärger, Herr Kandidat. Das müssen Sie verstehen, aber das kriegen Sie jetzt voll mit im Examen. Ich muss Sie nun leider schlecht behandeln! Entschuldigung Sie, das ist nun mal so. Aber da ich das weiß, kriegen Sie trotz ihres völlig kläglichen Auftritts hier - und vor meinem Ärger ist alles kläglich, was Sie bieten könnten -, kriegen Sie ein sehr gut. Weil Sie das ertragen haben, was ich ihnen da zumute. Merken Sie sich das, wenn Sie selber später an den Hebeln sitzen.“ Dem Wissenschaftler solchen Adels ist auch zuzutrauen, dass er das normale Bewusstsein eines Homo sapiens sapiens bzw. der anthropologischen Konstanten erkannt hat, dass er weiß, dass alles auf dem grundsätzlichen Kooperationsschema zwischen den neuronalen Leistungszentren beruht. Er kann das flexible Gefüge aus imaginatio, cognitio und repraesentatio im Hinblick auf die Frage erörtern, in welchem Verhältnis er denn cognitio und die imaginatio einsetzt, oder imaginatio und die repraesentatio in Relation setzt, oder cognitio mit der repraesentatio – und schließlich die komplette Abkopplung, wenn die Vorstellungsebene, meistens durch Bilderverbot, von der Darstellungsebene abgeschaltet wird. In diesen Prozedierungen erblickt man die unglaubliche Evolution und Dynamik innerhalb der Entfaltungsgeschichte von Künsten und Wissenschaften. Sogleich sieht man, wie sie damit in immer weitergehender Weise umgegangen sind und damit sogleich das bestätigen, was das so genannte Globalisierungsphänomen besagt, nämlich auf die immer weiter fortschreitende Entkopplung von der Kultur zu setzen und gleichzeitig die Bewegung hin zu einer universalen, anthropologischen hominisierenden Darstellung des Sachverhaltes zu betreiben. Insofern kann ich nur noch zum Erlernen des Lügens auffordern, gemeinsam mit den besten Künstlern und besten Wissenschaftlern. Das ganze Geschäft auf der Ebene der Kommunikation ist auf fintieren, taktieren und hinters Licht führen begründet, nur dass die Wissenschaft zugleich die Begründung der Evidenzkritik ist und die Kunst ebenfalls, soweit sie ernst zu nehmen ist, Begründung der Evidenzkritik ist, also in dem ontologischen Objekt- und Artefaktstatus des Kritisierten selbst Aufenthalt nimmt und innerhalb dieser Evidenz erzeugenden Sphäre operiert. Deswegen gilt es, die Wissenschaftler als auf Kommunikation orientierte und als sozial wirksame Rhetoren zu sehen, um sie in der Wirksamkeits- und Effektivitätskontrolle auf dieses Grundmuster hin zu durchschauen. Man erkennt ihn, als den im Hinblick auf seine Täuschbarkeit aufgeklärten Wissenschaftler, daran, dass er um seine Interessengeleitetheit weiß und erkennt, welche externen, intrinsischen und sonstige Logiken in seinen Ansatz eingehen. Er wird mir nicht vorspielen, dass es ihm als Wissenschaftler ausschließlich um die Wahrheit geht, weil er viel zu intelligent ist, um sich so eine Naivität leisten zu können. Und das begründet dann die neuen Typen der nicht nur gefakten, der nicht nur intrinsischen, theoretischen und kognitiven Objekte, sondern auch der intrinsisch gefakten, sozialen Kommunikationsformen, die man alle durchspielen und durchschauen kann. Deswegen haben sich Wissenschaft und Künste zu Grund legenden sozialen Strategien gewandelt. Ihre Bedeutung haben sie dadurch erreicht, da sie mittlerweile genau so wie andere soziale Institutionen oder ausdifferenzierte Systeme funktionieren und von diesen überhaupt nicht mehr unterscheidbar sind. Der Stammtisch ist nicht mehr von der Ministerrunde unterscheidbar. Minister sind doch die Trottel, die den Leuten am Stammtisch vorwerfen, sie produzierten Stammtischgeschwätz, die Minister aber hätten weise Einsichten. Die Voraussetzung wäre, zu erkennen, dass auch die Professorenrunde oder die Berufungskonferenz ein Stammtisch ist und nur darin ihren Sinn erfüllen. Was passiert aber, wenn alles Stammtisch ist? Was ist denn das Verbindliche und Verläßliche im Gequatsche, in der bloßen Durchsetzung von Doxa, also von bloßen Meinungen? Man fährt dann noch einmal gemeinsam mit Adorno und Bloch Straßenbahn und sagt sich, dass das wohl viel interessanter sei als jedes philosophische Seminar. Was man dort an Herausforderungen an unser Verstehen geboten bekommt, dass ist schier unüberbietbar. Man müsste Jahrhunderte lange Trainingserfahrung haben, um so einem Geschwätz überhaupt standhalten zu können, wenn man die philosophischen Voraussetzungen nicht hätte, um dem standhalten zu können, was alle anderen wie die Pest meiden: Bodenlosigkeit, Relativität, Mehrwertigkeiten, Ambivalenzen als Voraussetzung der Erzeugung von Verbindlichkeit. Diese Verbindlichkeit soll sich aber jenseits von Dogma, von Fundamentalismus, von Autorität durch den Markt, Professor, Delegation oder Approbation entwickeln. Sie soll aus der auctoritas entstehen, durch Autorschaft, d. h. durch individuelle Kraft zur Erhebung von Wahrheitsansprüchen in der Erkenntnis des eigenen Tuns als lügenhaftes Tun. Das gilt heute für alles und jedermann; dem kann mich sich nicht entziehen. Übrig bleibt uns nur, die Verhältnisse als weder das eine noch das andere zu fassen, und sich in ein komplettes Zwischenraumgespenst zwischen Kunst und Literaturwissenschaft zu verwandeln.