Platons Höhle.

Das Museum und die elektronischen Medien.

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Von Höhlenschatten zu neuronalen Höhlenzeichen.

Eine verkürzte Perspektive.

Die platonischen Höhlen jüngerer Baureihe sind (historisch-chronologisch) das Bergwerk, das U-Boot auf Tauchfahrt, die Nachtflugmaschine, der autopilotgesteuerte und der Instrumentenflug, das Raumschiff, das Netzwerk der kommunizierenden Computer. Ihnen allen ist gemeinsam ein nur noch durch Anschauung von Instrumenten gegebener Bezug auf die Umwelt der Systeme, ohne daß den Bewohnern der Höhlen, den Operateuren und Passagieren noch eine orientierende Vorstellung der Außenwelt möglich und nötig wäre. Die Vermittlung der Umwelt ins geschlossene System spaltet die naiv genommene Einheit von Anschauung und Vorstellung, mit der wir unsere natürliche Orientierung in Lebensräumen bewältigen. Für die Einheit von Anschauung und Vorstellung hat sich der Begriff Black Box bewährt.

So faßten wir bisher das menschliche Hirn als Dunkelkammer auf, in der „irgendwie“ die sichtbare Welt mit der „Vorstellung“ ihrer unsichtbaren Gesetzmäßigkeiten korreliert wurde – mit dem praktischen Resultat, daß die Welt tatsächlich in dem gegeben schien, was wir von ihr wahrnehmen. Die angeschaute Welt und die vorgestellte gingen nahtlos ineinander über.
Die Vorstellung war die Fortsetzung der Anschauung im Bereich des Unanschaulichen. Dieser anthropozentrische Standpunkt ermöglichte es, die Götter oder den Schöpfergott, die Totenreiche oder Paradiese vorzustellen, wie wir die Welt des Sichtbaren anschauen. Zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Innen und Außen vermittelte die Black Box den geheimnisvoll dunklen Übergang zwischen diskreten und kontinuierlichen Zuständen, zwischen unbelebt und belebt, zwischen Ja und Nein.
Wenn man in die Black Box eindringen will, um zu erhellen, was die Übergänge ausmacht, faßt man sie als platonische Höhle auf und gerät in jene Schwierigkeiten, Anschauung und Vorstellung noch zu vermitteln, die offenbar Platons Gleichnis so faszinierend erscheinen läßt.
Weil Anschauung und Vorstellung der platonischen Höhle nicht zur Übereinstimmung gebracht werden können, sind die bildenden Künstler, die Experten für eine bildliche Veranschaulichung von Vorstellungen, allesamt daran gescheitert, dieses attraktive Gleichnis in Bildwerke zu übersetzen. Die wenigen überlieferten Versuche (nicht mehr als ein halbes Dutzend aus den zurückliegenden fünf Jahrhunderten) fielen – wie Jeannot Simmen gezeigt hat – herzlich unbedarft aus.
Das gleiche gilt für die Darstellung heutiger Versuche, der operationalen Anschaulichkeit des Big Bang (des Urknalls), den schwarzen Löchern, dem endlichen, aber unbegrenzten gekrümmten Raum eine Vorstellung zuzuordnen. Anschaulich sind die Meßergebnisse, die mathematischen Konstrukte und astrophysikalischen Modellbildungen, denen aber keine Vorstellung zu entsprechen vermag. Auch die binäre Operation von Rechnern ist jederzeit der Anschauung zugänglich, aber nicht in adäquate Vorstellungen zu überführen. Wer das dennoch versucht – und unsere natürliche Disposition verführt uns alle von Zeit zu Zeit dazu –, fällt in die Naivität sprachlicher Operationen zurück, die ihn im Extremfall zu fundamentalistischer Begriffsgläubigkeit zwingt oder in die Bewußtseinsspaltung des psychiatrisch defizienten Typs. Um das zu verhindern, führte die jüdische Theologie das Bilderverbot ein und die modernen Wissenschaften das Vorstellungsverbot (so Carnap 1927). Nur unter strikter Einhaltung dieser Vorstellungsverbote bei ebenso strikter Orientierung an der Anschauung von Zeichen und Wundern konnte und kann es jemand wagen, Astro- oder Kleinteilchenphysik resp. Theologie oder die Künste zu betreiben.
Man kann auch sagen: Ohne ästhetisches Kalkül mit der Differenz von Anschauung und Vorstellung bzw. ohne den platonischen Chorismos zwischen anschaulich konkreter Welt und dem Reich der Ideen, ohne die Erfahrung prinzipieller Uneinholbarkeit von Bewußtsein in Kommunikation werden alle Aussagen über die Welt zu beliebigen Metaphern oder Bildern, zu Gleichnissen oder willkürlichen Analogien. Genau für diesen Sachverhalt steht das platonische Höhlengleichnis, sobald man sich dazu verführen läßt, in ihm ein Beispiel für die Einheit von Anschauung und Vorstellung zu sehen, deren Erzwingung Platon gerade abwehren wollte. Methexis, also Teilnahme oder Anschluß der Erscheinungen an die Ideen, der Kommunikation ans Bewußtsein über sprachliche Operationen, ist nicht der Erkenntnis zugänglich, sondern nur als theoretisches Konstrukt postulierbar. Der moderne Ausweg aus diesem Dilemma heißt: Erkenntnisfragen bleiben auf den Umgang mit selbst produzierten Sätzen und Bildern, Modellen und Theorien beschränkt. Die radikalste Ausformulierung dafür bietet der Konstruktivismus mit dem hypothetischen Konstrukt autopoietischer Systeme – eben um den Preis, daß Erkenntnis und Wirklichkeitserfahrung, also Anschauung und Vorstellung nicht mehr zu vereinheitlichen sind. Als Wirklichkeit manifestiert sich die Welt gerade in dem, was wir nicht erkennen und durch die Operationen der Systeme nicht anschließen oder nicht aneignen können. Oder Luhmännisch gesprochen: In den Graden zunehmender Veranschaulichung wird die Wirklichkeit unsichtbar. Die Formen des Anschaulichen, Sichtbaren wandeln sich durch Variationen, Metaphorisierung, Analogiebildung etc., aber die Unsichtbarkeit, d.h. die Unvorstellbarkeit bleibt prinzipiell erhalten.

Kann man dem Sachverhalt anders als mit den Verfahren der philosophischen Ontologie entsprechen, denn es fällt ja nicht schwer, auch den radikalen Konstruktivismus ontologisch zu begründen? Schon Schopenhauer hat das demonstriert, und die Anfälligkeit moderner Naturwissenschaftler (wie jüngst Murray Gell-Mann oder Frank J. Tipler), ihre Kosmologien mit den herkömmlichen philosophischen und theologischen Welterklärungen kompatibel zu machen, belegt das ebenfalls. Einen Weg zeigen offenbar Künstler, wie sie Michael Fehr und Clemens Krümmel unter dem Titel "Platons Höhle" zusammengeführt haben.
Einen anderen Weg, oder vielmehr einen zur reflexiven Kunst parallelen, schlagen Detlef B. Linke, Olaf Breidbach und ich unter dem Namen "Neuronale Ästhetik" vor. Kurz gefaßt haben wir ihn wie folgt skizziert:
Das Instrument des Computers erlaubt uns, mathematische Operationen zu verbildlichen. In den damit gewonnenen Skizzen können wir die Dynamik auch komplexerer Interaktionen – im expliziten Sinne – anschauen. Damit gewinnt in diesem und mit diesem Medium die Anschauung eine analytische Funktion. Die Vielfalt von Überlagerungen in den wechselwirkenden Funktionskreisen sind der Analytik nur in einem sehr mühsamen Prozedere zugänglich, aber sie werden in der Anschauung augenfällig. In ihr zeigt sich das Ganze der Reaktionen in seiner Dynamik. Die Sequenz der diese aufbauenden Determinanten bleibt zwar prinzipiell abzuarbeiten, doch erlaubt das Bild auch, diese Dynamik eines programmierten Systems experimentell anzugehen, zu variieren, Effekte zu studieren, zu kombinieren und damit den Computer als einen Skizzenblock zu benutzen, der aus der Enge der nur diskursiven Abarbeitung von Einzelzuständen hinausführt. Dies jeweils vor Augen liegende Ganze ist aber nicht mehr analytisch faßbar.
Die hier auftauchenden Probleme sind quantitativer Art, allein die Dauer einer solchen Berechnung würde es nicht mehr erlauben, die Dynamik der im Modell studierbaren Systeme auch noch vorzustellen. Damit liegt die Bewertung von Variationen, der Einblick in die Bedeutung von Parameterkonstellationen in der Anschauung. Das Bild erlaubt mir zu entscheiden, ob und wo ich gegebenenfalls einen Teilaspekt auslöse, ihn in einer strikteren, analytischen Untersuchung zu betrachten. Die Anschauung leitet somit aus den Zwangsführungen des Diskursiven heraus.
Das Verhalten auch komplexer, interaktiv verzahnter Reaktionen wird analysierbar. Die Simulation gewinnt analytisches Gewicht.
Mit dem Skizzenblock Computer kann die Anschauung des Rationalismus aus seiner Enge heraus in ein offeneres Feld der Analytik setzen, das der Ratio den Raum gibt, auch organisch ineinandergreifende Teilräume systematisch zu studieren. Die Ratio erweitert sich, indem sie auf die Anschauung vertraut. Der Skizzenblock Computer bietet das Instrumentarium, den Weg zu einer derart analytisch figurierenden Anschauung zu finden. Ist damit dann nicht auch zugleich die Frage der Objektivierung unseres Wahrnehmens aus einer neuen, geöffneten Perspektive aufzunehmen? Steht nicht in dieser dem Denken verfügten Sprache der Bilder die Dimension offen, durch die sich die Realität in das Denken selbst hineinfindet? Z. B. durch PET-Verbildlichungen der neuronalen Aktivitäten des Bilderanschauens. Die neue Ebene der Analytik ist mit der Korrelierung von PET-Bildern der neuronalen Aktivität »Anschauen« und der angeschauten Bilder gegeben. Die Objektivierung des Bildes, die die Farbe der Bildschirme als Effekt der Programmierung, das Angeschaute als Eigenexplikation des in der Ratio Formulierten erscheinen läßt, zeigt schon im engeren Zirkel des sich selbst reflektierenden Denkens, daß dies nicht bei sich verbleibt, sondern sich vielmehr – in der Wahrnehmung – immer wieder in seinem Außen verankert. Die Spekulation, das hypothetisch gesetzte Gedankenkonstrukt, wird erst in der Veräußerlichung, die es einer Anschauung verfügbar macht, dem denkenden Subjekt wirklich zu eigen.
Das wichtigste Bild, über das sich diese Ratio sichern kann, findet sie in der Darstellung ihres Organs. Schon auf der physiologischen Ebene ist klar, daß Wahrnehmen ein komplexer Prozeß ist, in dem das Organ aus der ihm eigenen Bestimmung heraus einen Erregungseingang verarbeitet. Die Realität des Außen wird nicht erst in einer – wie auch immer zu definierenden – Reflexivität, sondern schon in der ersten Aufnahme der Sinnesdaten verformt, die Realität des Außen wird in die Realität des Hirns gesetzt. Die Struktur des Wahrnehmungsapparates kategorialisiert in der – im übrigen auch letztlich dessen Historie verständlich machenden – Eigenbestimmtheit dasjenige, das wir dann als das „Objektive“ zu verstehen suchen. Die dies „Objektive“ fundierende Realität wird aber nicht völlig aufgehoben, vielmehr wird sie nur in eine neue Objektivität, die Realität des Hirngewebes transformiert.
Dies läßt sich fassen, die hier wirksamen Teilmechanismen lassen sich isolieren. Die Gesamtreaktionen des in der Analyse dann zum Objekt werdenden Hirns sind zu veranschaulichen. In der Simulation verdinglicht, nimmt sich das Wahrnehmen selbst als Objekt. Der Exkurs in eine dritte – mediale – Dimension zahlt sich aus. Die neuronale Struktur wird – auch in ihrer Dynamik – veranschaulicht. Das Wahrnehmen wird sich Objekt. Die Ästhetik kann sich als neuronale selbst objektivieren. Wir stehen am Ende einer rein diskursiven Bestimmung unserer Wahrnehmung, wir können die Augen wieder öffnen und unserer Anschauung trauen.