„Lernt zu lügen mit den Objektiven. Photos als Ereignisbilder und historische Quellen. Zur Anthropologie der Medien“

Israel März 2001 Israel März 2001
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das Goethe-Institut und die Universität in Tel Aviv bieten ein dreitägiges action-teaching von Bazon Brock und Ben Shalom zur Frage einer Medienanthropologie nach Marshall McLuhan an.

Wenn die Medien die Botschaft sind, sollte man die Funktionslogiken der Medien und ihrer Anwendung kennen. Diese Logiken lassen sich nur aus ihrer Dysfunktion, vulgo "Lügen", heraus be¬stim¬men. Lügen hat zur Voraussetzung, daß nur noch das erklärtermaßen Falsche als solches wahr ist.

Medienleistungen müssen also falsifiziert werden, um sie in Bezug zur Wahrheit zu setzen. Das begründet die heutige Auffassung von fakes als Erkenntnismitteln.


Solche Fragen ergeben sich nicht aus intellektueller Spielerei sondern aus der Alltagspraxis der Kommunikation. Von der Wirkung der Werbung bis zu den offiziösen TV-Nachrichten, von der medizinischen Diagnostic per Imaging bis zur Verwendung von Filmen und Tonbändern vor Gericht lassen sich zahllose Beispiele fataler Naivität gegenüber den Funktionslogiken der Medien anführen. Jüngst wurde die deutsche Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" in Misskredit gebracht, weil die Kuratoren Fotos als historische Dokumente verwendeten, ohne sich zu fragen, wann und in welchen Sinne Fotografien überhaupt Beweischarakter besitzen. Die Zahl inszenierter Ereignisbilder in den Medien wächst ständig, die vorgeben, daß die Verbildlichung des Ereignisses ein Beweis dafür sei, das es stattgefunden habe. Medien inszenieren Fotodokumente zu politischen Gipfeltreffen, als ob die Fotos die Verifikation der beim Gipfeltreffen verhandelten Probleme seien. Jüngst durfte die österreichische Außenministerin nicht auf den Photos von EU-Konferenzen erscheinen, weil diese visuelle Lücke im Gruppenbild der Beweis für die vereinbarte Ausgrenzung sei, obwohl die Außenministerin an den Gipfelgesprächen teilgenommen hatte. Die Abbildung farbloser Wäschestücke mit unterschiedlichen Weißwerten wird von der Werbung zur Stützung der Aussage verwendet, ein Waschmittel wasche weißer als andere, was ja in der Konfrontation der abgebildeten Weißflächen sichtbar würde.
Im Mittelpunkt des action-teachings zur Medienanthropologie steht einerseits die Fotografie. Unser Darstellung werden drei Studien zugrundegelegt:

1. Alain Jaubert, Fotos die lügen. Politik mit gefälschten Bildern, Frankfurt 1989

2. John Taylor, War-photopraphy. Realism in the british press, London - New York 1991

3. Wolfgang Kemp, Theorie der Fotografie, München 1979


Diese historischen Ansätze werden für die heutige elektronische Bildgenerierung weiter entwickelt.
Das action-teaching wird in einer Theorielandschaft, die am Veranstaltungsort installiert ist, stattfinden. Die Theorielandschaft ist ihrerseits ein fake. Aus der Geschichte der Kunstfälschungen (Höhepunkt ihrer Darstellungen ist Orson Welles Film "F for fake"(1974) lassen sich leistungsfähige Kategorien einer Medienanthropologie ableiten. Diese Ableitung bilden einen weiteren Schwerpunkt des action-teaching.

Die Teilnehmer der Veranstaltung werden angeleitet, per Fotoapparat und Computer die Aneignung des Gelernten in der Produktion eigener Medienfakes zu beweisen. Die intelligentesten Lügen werden prämiert und im Goethe-Institut ausgestellt. Denn nur durch Lügen entwickeln wir Verantwortung für die eigene Argumentation.