Das Magazin

(Tages-Anzeiger und Berner Zeitung) Nr. 33, 14./15. August 1992.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

2. Der soziale Körper

Ilya Kabakovs Wohnklo (Die Toilette, 1992) ist eine im heutigen Rußland übliche Form der Gefängniszelle als Lebensraum. Nichts ist daran schrecklicher als die unmittelbare Nähe von Scheißkübel, Eßtrog und Pritsche. Dies kennzeichnet die Asozialität des Gefängnisses.

Nach Kabakovs Auffassung ist die Zelle des asozialen Vegetierens bereits zu einem weltweit realisierten Behausungsprogramm geworden, dem Wohnkübel. Menschen werden zur Fäkalie der Gesellschaft. Die Gesellschaft scheidet den Menschen aus, wie der Körper sich seines Kots entledigt. Was bereitet uns dabei Schrecken? Es ist die gestörte Balance von Intimität und Einpassung in die Gemeinschaft. Beide Sphären haben ihre eigene Aura. Der Duft der Intimität ist der Gestank der Gemeinschaft.

In einer intakten Zivilisation ist die Toilette der geachtetste Ort der Intimität, denn die intensivsten Selbsterfahrungen macht der Körper mit seiner Ausscheidung. Gemeinsam eine Toilette unter Wahrung der Intimität zu benutzen, ist der Kern des Sozialen. Der Abort ist das Sanktuarium der Gemeinschaft. Seine Duftmarken außerhalb der Intimität zu setzen, führt zu sozialen Konflikten, wenn Abort und Gemeinschaftsraum räumlich nicht mehr zu trennen sind, vermengen sich Privatheit und Gemeinschaft bis zur Entwürdigung der Individuen: Das Leben endet in der Scheiße. Im Wohnkübel zerfällt der soziale Körper.

Auffällig viele Arbeiten auf dieser Documenta beschäftigen sich mit der Entleerung der Körper. Als könnte man an den Toiletten den Zustand der Gesellschaft am präzisesten darstellen.

Nirgends im sozialen Verband ist die Geschlechterunterscheidung so deutlich wie bei der Beschriftung und der Form der Toilettentür (Erika Rothenberg, Difference, 1991). Zum Beipiel als bloße Sichtblenden, die Beine und Kopf freilassen und so die Phantasie des schamlosen Betrachters stimulieren.

Apropos Geschäft: Der alte Sigmund Freud hat uns gelehrt, das Geschäftemachen als eine Fortsetzung des Geschäftes der Intimität zu verstehen. Wer Probleme mit dem Stuhlgang hat, geizt und krankt sein Leben lang in den Beziehungen von Geben und Nehmen, von Intimität und Gesellschaftlichkeit. Bei der Wichtigkeit des intimen Geschäfts ist die gestalterische Überhöhung der Toilette Dienst an der Gemeinschaft. Gute Gemeinschaftseinrichtungen wie Hotels erkennt man daran, daß sie der Gestaltung ihrer Toiletten genausoviel Aufmerksamkeit widmen wie der Gestaltung des Ballsaales oder der Empfangshalle.

Auf diese Kulturleistung zielt möglicherweise das Pissoir im Grünen von Attila Richard Lukacs (Eternal Tea House, 1992), das den Stoffwechsel auf alle unser Leben bestimmenden Wechsel bezieht. Zum Beispiel auf den Wechsel der Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, dem Lukacs in altmeisterlicher Manier auf uringoldenem Grund Gestalt gibt.

Die Toilette ist der Tempel der Körperlichkeit. Schliesslich war für die antiken Römer die Cloaca maxima eine Göttin. Kein Wunder, denn Ausscheiden ist eine Grundfunktion unseres Lebens, genauso wie Essen oder Sexualität. Dem Essen, der Nahrung haben die Künstler immer schon ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Von alters her arrangieren wir die Nahrung zu einem Ensemble, zu einem Bild, das gegessen werden will. Bei der Sexualität tun wir uns schon schwerer, sie kann leicht in der Gestaltung als Bild in Pornographie entarten. Dem Kot, diesem unabweisbar notwendigen Stoffwechselprodukt, dieser Ausscheidung der Körpermaschine, die nicht zurückgehalten werden kann, haben bisher nur wenige Künstler ihre Aufmerksamkeit geschenkt.

Wim Delvoye (Mosaik, 1992) tut das, indem er den Kot, den wir bisher immer nur als unseren eigenen zu betrachten, manchmal ausführlich zu betrachten gewohnt sind, den Blicken aller aussetzt. Er zeigt uns das Strukturprinzip der Kotablagerung: als Haufenbildung, als Fladen und als gekringelte Wurst. Bruce Naumann (Anthro/Socio [Rinde spinning], 1991) führt in seinem optisch-akustischen Ornament die Bewegungsformen der sozialen Maschine vor, in der der einzelne Mensch, Anthropos, steckt. Er lebt in der Erwartung, daß ihn die anderen Körper ernähren, schreit also "feed me", und empfindet gleichzeitig die Angst, daß sie ihn dabei verschlingen, repetiert also "eat me". In der sozialen Maschinerie steckt der Mensch als soziales Wesen, Socio. Er hofft, daß ihm die anderen helfen: "help me", und lebt in der Furcht, daß sie ihn dabei erst recht verstümmeln: "hurt me". Bruce Nauman hat einen Klagegesang installiert, den der Menschen über die ihnen von der Natur aufgezwungene Notwendigkeit, mit anderen zusammenzuleben. Es ist ein sehr übertragungsstarkes Arrangement, das den Besucher schon nach wenigen Minuten panikartig in die Flucht – in eine Einsamkeit – treibt.

Eine Prägung unseres sozialen Körpers steckt uns, glaube ich, allen noch in den Knochen: die Schule. Noch heute spüre ich mein gnadenloses Eingepaßtsein in die Sitze und Bänke. Ich kam mir vor wie mumifiziert, als würde mir das Blut ausgesogen. Statt dessen erhielt ich eine Infusion mit Tinte. Nur im Kunstunterricht gelang es, die Kolonnen der Schönschriften und Zahlen mit wilden, freien, anarchistischen Gesten nach draußen zu schleudern, in die Welt, in die unser Blick immer schon durch das Fenster des Schulzimmers gegangen war. An dieser anarchistischen Gestalt ließen wir uns hinab ins Leben, wie Rapunzel ihre Haare aus dem Turm herabließ. Wir schossen das fliegende Klassenzimmer raketensteil auf den Mond. Oder wir erhoben uns über die Schule, über die Stadt, über den Kontinent, über die Erde bis an den Glanz des Mondes.

Tadashi Kawamata (Favela, 1992) nimmt mit seinen Dorfbauten in der Aue in Kassel die Tradition der englischen Gartengestaltung auf. In diesen englischen Gärten des 18. Jahrhunderts wurden antike Ruinen aus ganz neuem Material aufgebaut und kleine Schäferidyllen, Hüttchen der Landbevölkerung, von denen der Adel annahm, daß sie ein friedfertiges Leben der Urmenschen führten. Wie diese Bauten in den englischen Gärten des 18. Jahrhunderts an den Ursprung unserer europäischen Zivilisation, die bäuerliche Kultur einerseits, die römisch-antike andererseits, erinnern sollten, so erinnern die Bauten von Kawamata an das absehbare Ende unserer europäischen Zivilisation. Ein Ende, das wir in den Favelas der südamerikanischen Großstädte bereits erleben, aber auch in den verlassenen Wehrdörfern Vietnams.
Der soziale Körper lebt in den Siedlungen, in den verdichteten Lebensräumen der Städte. Wenn diese Lebensräume zerfallen, zerfällt auch die Gesellschaft, sie löst sich auf in eine bloße Addition von lauter egoistischen Individuen, die als Schrebergärtner ihr eigenes Elend züchten.

Eine Installation von Cildo Meireles (Fontes, 1992) zeigt, daß die Gemeinschaft der Körper ihre größte Gewalt erhielt, als sie sich einen meßbaren Raum und eine kalkulierbare Zeit schuf. Die einzelnen Körper kannten ihr eigenes Maß: den Fuß, die Elle, und ihre eigene Zeit: die Zeit der Ermüdung, die Zeit der Konzentration.

Der Körper des Betrachters ist auch träge. Er setzt sich gern an einem Ort fest. Da sitzt er dann und besitzt und hält die Welt für ein Wohnzimmer. Aber Achtung: In Guillero Kuitcas Installation (ohne Titel, 1992) ist der Abstand zwischen der Schrankwand und der Sesselkolonie nicht kleiner als der zwischen Sarajevo und Frankfurt. Mit dem Kopf in Kassel und den Füßen im Feuer des Balkans messen wir unser Bett, das er mit einer Weltkarte bezogen hat.