Das Magazin

(Tages-Anzeiger und Berner Zeitung) Nr. 33, 14./15. August 1992.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

3. Der fremde Körper

Als Touristen genießen wir die Exotik der Fremdheit. Aber wenn diese Fremden zu uns kommen aus aller Herren Ländern, in ihren Trachten, mit ihrem merkwürdigen fremden Aussehen und ihren Gebräuchen, dann erscheinen sie uns fremd im Sinne von nicht zu uns gehörig. Wir haben Probleme mit ihnen, weil wir glauben, daß sie außerhalb unserer Welt stehen und diese fremde Welt in unsere transformieren wollen.

Die eigentliche Erfahrung der Fremdheit können wir auch in unserer eigenen Kultur machen. Die der klassischen Antike nachempfundenen Gestalten auf dem Dach des Kasseler Fridericianums sind den meisten unserer Mitbürger mindestens genauso fremd wie irgendwelche Menschen aus Afrika oder Asien. Die Fremdheit, die Künstler am meisten fasziniert, ist nicht darauf hin gedacht, irgendwann vertraut zu machen durch vieles Hinsehen, durch langes Hinsehen, durch Analysieren, Betrachtung, Vergleichen, durch Analogiebildung. Es ist vielmehr eine ungeheure Leistung von Künstlern, etwas schaffen zu können, das auf immer fremd bleiben soll und nicht angeeignet werden kann.

Jimmie Durham (An approach in love and fear, 1992) läßt uns selbst Christus, die zentrale Gestalt der christlichen Zivilisation, als fremd erscheinen. Nicht etwa nur deshalb, weil er ihn einerseits als schwarz und weiß, andererseits als halb schon verwest und dennoch dem Leben zugehörig zeigt. Durhams Christus wird ein Fremder, weil ihn der Künstler zugleich als Mensch und als Tier zeigt. Die Erfahrung von Fremdheit ist immer von der kulturellen Prägung abhängig. Was in der einen Kultur als völlig vertraut gilt, ist für die Mitglieder einer anderen Kultur etwas Absonderliches, Angst Machendes, Aggressionen Auslösendes. Ich frage mich, ob die Skulptur von David Hammon (ohne Titel, 1992) auf einen Afrikaner, einen Jamaicaner oder auf einen Schwarzen in den USA nicht völlig anders wirkt als auf uns. Für uns ist sie etwas Bedrohliches, spinnenartig Fremdes, etwas auf uns Zukommendes, vor dem wir uns zu schützen versuchen. Dabei handelt es sich um nichts anderes als darum, daß Hammon die in einem New Yorker Frisiersalon abgeschnittenen Haare von Schwarzen auf kleine spitze Drähte gesteckt und in diese Haarwülste nach Rasta-Art ein paar kleine Schmuckbinden oder Ornamente hineingefügt hat. Haare sind für unsere Kultur immer mit einer besonderen, auch symbolhaften Bedeutung belegt: Samson-Motiv. Die Haare, die Antennen des Menschen, die in die Welt herausragen, verraten etwas über seine Art von Gefühlsleben, seine rebellische Seele. Wir haben als Europäer die Menschen aus dem afrikanischen Genpool als nicht sehr freiheitlich gesonnen oder eben sklavisch auch deswegen empfunden, weil sie kurze krause Haare hatten. Das Zeichen ihrer Freiheit, ihrer inneren Energie, die nach draußen will, war für unsere Augen relativ schwach ausgebildet. In Hammons Skulptur zeigt sich nun plötzlich auch die Rebellion des Gedankens in den Haaren derer, die für uns nur dunkel und erdig waren.

Die wahrscheinlich schrecklichste Erfahrung von Fremdheit, die der Körper des Betrachters überhaupt machen kann, ist die Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen. Wir kennen dieses Phänomen normalerweise unter dem Begriff Autismus. Autisten sind Menschen, die ihren Körper nicht spüren können und die körperlich nicht ausdrücken können, was sie seelisch empfinden.

Mike Kelley (Private address system, 1992) beschäftigt sich mit diesen Autisten, die in unserer heutigen Zivilisation sehr zahlreich sind, indem er ein Ensemble von Objekten aufbaut, die er einerseits den Lehrbüchern der alten Psychiatrie entnommen zu haben scheint, andererseits vielleicht den Foltereinrichtungen heutiger Gefängnisse in aller Welt. Im Kern steht die merkwürdige Tatsache, daß Autisten sich selbst in extremer Weise Schmerz zufügen müssen, um überhaupt noch irgendwie das Gefühl von Lebendigsein zu haben.

Wahrscheinlich machen wir den richtigsten Gebrauch von Kelleys Objekten, wenn wir sie benutzen, um uns in die Situation solcher Autisten hineinzuempfinden. Wir könnten uns vorstellen, in Kelleys Isolationskammer hineinzugehen, von jedem Außenkontakt vollkommen abgeschnitten zu werden und die Erfahrung zu machen, in der Autisten leben. Mit einer anderen Gebrauchsanleitung wäre Kelleys Hinweis auf die Hormonkammer des Psychoanalytikers Wilhelm Reich nicht zu verstehen. Denn wir können uns in diese Kammer begeben, um Phantasien über unsere körperliche Transformation zu entwickeln, aber gerade das ist dem Autisten unmöglich.