Das Magazin

(Tages-Anzeiger und Berner Zeitung) Nr. 33, 14./15. August 1992.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

5. Der abwesende Körper

Die simpelste Form der Abwesenheit ist das Abgegrenztsein, das hinter-einer- Wand-ausgegrenzt-Sein. Die Installation von Haim Steinbach (Black Forest wall, 1992) in der Neuen Galerie, scheinbar ein Scheunentor, schließt den Besucher vor der Ausstellung hinter der Wand aus.

Die schmerzlichste Form der Abwesenheit ist der Tod. Auf den Steinen vor der unteren Stufe des Porticus beim Fridericianum wird von Tom Fecht (Denkraum) an die an Aids gestorbenen Künstler erinnert. Die abwesenden Toten tragen die Kunstgeschichte.

Die grausamste Vorstellung von Abwesenheit für uns Menschen ist die Vorstellung, daß es die Welt ohne uns geben könnte, daß die Natur ohne den Menschen auskäme. Der Raum von Ricardo Brey (ohne Titel, 1992) teilt uns diesen Gedanken mit. Die Menschen sind aus der Welt verschwunden. Die Dinge leben ihr eigenes Leben mit den Spuren der ehemals in ihnen vorhandenen Menschen weiter. Niemand wird sie je betrachten noch gebrauchen können.

Aber das Abwesende kann auch anwesend sein. Die Leere zum Beispiel als Form des Nichtvorhandenseins kann in Erscheinung treten. Diese Art des Vorhandenseins des Nichtgegebenen, der Gestalt der Leere und ihrer Sichtbarkeit zeigt Anish Kapoor in seiner Bodenskulptur (Descent into Limbo, 1992), die eigentlich ein Loch ist, aber als plastische Oberfläche wie zum Beispiel als ein auf dem Boden liegendes schwarzes Samttuch unseren Augen erscheint.

Auch die schriftliche Überlieferung ist eine Form der Anwesenheit derer, die ehemals gesprochen oder geschrieben haben, oder derer, die jetzt an einem anderen Ort sind. Durch Verhüllen der normalerweise in einer Ausstellung gezeigten Bilder und Skulpturen kann man Abwesenheit thematisieren, wie das Joseph Kosuth (Passagen-Werk, 1992) in der Neuen Galerie tut. Bei seinem Verfahren hat die lesbare Sentenz auf den Tüchern mit den jeweils sie verhüllenden Werken nur eine zufällige Beziehung. Oder ist gerade das gemeint? Soll gesagt werden, daß die Kommunikation über Kunstwerke sich vollständig von den Werken selbst gelöst hat? Dann wäre das Kunstwerk das Abwesende, weil es uns nur noch als Anlaß zu kommunizieren dient.

Viele Kunsträume werden so inszeniert, als dürfte es den Betrachter in ihnen gar nicht geben, als störte eigentlich der Betrachter im Ensemble. Für wen ist der Stuhl von Mariusz Kruk (ohne Titel, 1992) in der suggestiven Leere perspektivischer Fluchten gedacht? Wer oder was könnte erwartet werden? Denn daß jemand erwartet wird, zeigt eben der Stuhl. Wird vielleicht die Wiederkehr des Abwesenden erwartet? Die Wiederkehr des göttlichen Künstlers, des Weisen und Gerechten, des Menschen also?

Während wir auf der Documenta IX den Videokatalog ‚Der Körper des Betrachters‘ drehten, quälten mich nachts heftige Rückenschmerzen, der Körper des Betrachters rebellierte. Immer wieder zwang er mich auf alle viere, auf die Knie und die Ellbogen gestützt, den Kopf zwischen die Hände gelegt, den Rücken lang zu machen. Ich nenne es die Kasseler Vor-Tod-Stellung. Dabei gab es doch auf der ganzen Documenta IX kein Werk, das mich hätte in diese Form pressen können. Woran lag es dann? Wahrscheinlich an den Gefühlen quälender Vergeblichkeit, sich heute mit Kunststückchen beschäftigen zu sollen, wo uns doch täglich schon die Welt um die Ohren fliegt.