Bilder – Verbot und Verlangen in Kunst und Musik.

(Zum Abschied von Klaus Schöning, Leiter des WDR-Studios akustische Kunst, Köln 2000)

Bilder – Verbot und Verlangen in Kunst und Musik | Hrsg. von Sabine Sanio & Christian Scheib. Saarbrücken: Pfau, 2000.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

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Betriebsgeräusche

Bilderverbote. Eine Erinnerung, um zu vergessen.

Für die Experimenta Frankfurt 1971 zog ich mit kulissenbewehrtem Bühnenwagen durch die Frankfurter Innenstadt, um von diesem beweglichen Exponierpodest der Laufkundschaft eine Pfingstpredigt zu halten: Woher beziehen wir, die Künstler wie die Alltagsmenschen, unsere Inspiration, wenn wir nicht mehr darauf hoffen können, daß der Heilige Geist über uns kommt? Antwort: Offensichtlich ist gerade dieses Vermissen der Offenbarung, die Abwesenheit der Götter, die fehlende Legitimation zur Behauptung von Wahrheiten Antrieb unserer Kommunikation. Erst die unsichtbar gewordenen Bilder, die leeren Bilder, stimulieren unsere historische wie aktuelle Imagination, die wir als Erinnerung fassen: Erinnerung an das, was für uns nie war und nie wirklich werden kann.

Diese Behauptung scheint im Widerspruch zur Bildfülle der Medienwelt zu stehen - und nicht erst seit der Etablierung der Massenmedien. An Bilderkriegen entwickelte sich seit altersher die ästhetische Theorie wie später auch die Kunstgeschichte. Wenn sich Medien erst historisch entwickelten, sie aber die Art und Weise der Bilderkriegsführung bestimmen, dann muß es ja erhebliche Differenzen zwischen den jeweiligen historischen wie den aktuellen Auseinandersetzungen um den Wirklichkeitsanspruch der Bilder geben.

Also lud uns Martin Warnke ein, diese Fragen zu erörtern; die Resultate unserer Überlegungen gab Warnke unter dem Titel "Bildersturm” 1993 bei Hanser in München heraus (mein Betrag beschäftigte sich mit dem Byzantinischen Bilderkrieg zwischen 730 und 843 n.Chr.). Bemerkenswerterweise war Warnke der Auffassung, Bilderstürme seien historisch abgeschlossene Phänomene, weil durch die Macht der Massenmedien der Wirklichkeitsanspruch der Bilder bis ins Beliebige relativiert werde. Dieser These konnten wir wenig abgewinnen; im Gegenteil: die Bilderkriege würden sich ganz erheblich radikalisieren. Deshalb entwickelten wir für die documenta 5 1972 das Konzept, die heutigen Bildwelten (Kunst, Werbung, Mode, Produktgestaltung, Fetische, Placebos, Spielzeug, science fiction etc.) unter Bezug auf historische Bilderkriege zu präsentieren. Natürlich versuchten wir, mit diesem Konzept auch den damals gängigen Medienkritiken von Roland Barthes über Marshall McLuhan bis zu Hans Heinz Holz zu entsprechen und generell "dieser Befragung der Realität” den drive des 68er Aufbruchs zu geben. Für die Besucherschule der d 5 entwickelte ich (grandiose technische Realisation Karl Heinz Krings) ein Multimedia-Programm unter dem Titel "Ein neuer Bilderkrieg” (Printfassung in B.B. "Ästhetik als Vermittlung”, Köln 1977).

Das Resultat historischer wie systematischer Überlegungen, einbezogen die Bilderwelten der Massenmedien, lautete: die Bilderstürmer sind die wahren Bilderverehrer, weil sie den Bildern die Kraft zugestehen, tatsächlich unsere Wirklichkeitserfahrung zu bestimmen; demzufolge sind Bilderverbote und Bilderzerstörung als Versuche zu bewerten, die Macht der Bilder zu kanalisieren resp. zu beherrschen. Die Bilderverehrer hingegen als Liebhaber und Sammler, als Lebensraumdekorateure und Herrschaftssymboliker demonstrierten einen souveränen Umgang mit Bildern als bloßen allegorischen, symbolischen oder anagogischen Verweisen auf Wirklichkeit jenseits der Bilder.

Die für uns besonders wichtige Vermittlung beider Positionen brachten wir eben in der Etablierung des unsichtbaren oder leeren Bildes zum Ausdruck.

Ebenfalls 1971 startete ich für die Experimenta einen Feldversuch, um zu klären, ob sich die von auditiver Wahrnehmung (hören) evozierten Vorstellungsbilder von den visuell stimulierten unterscheiden ließen oder ob sie ihre Spezifik nur im Wechsel ihrer Leitfunktionen gewännen. Deshalb wurde auf der Hauptwache und Zeil in Frankfurt eine Großraumbeschallung installiert (technische Realisierung Siemens AG; Programmrealisation Musikerehepaar Trübstedt). Wir neutralisierten die Betriebsgeräusche der Großstadt und verwandelten Hauptwache und Zeil in soundscapes, wie sie von Meeresstränden, Urwäldern, Dörfern etc. jedermann bekannt sind. Unter historischem Bezug auf Programmmusik von Beethoven über Wagner bis zur Hollywood-Filmmusik wurden die Synästhesien in der gleichzeitigen Aktivierung von Hör-, Seh-, Tast-, Geruchs-, Geschmacks- und Gleichgewichtssinn evoziert und in ihrem Wechselverhältnis für visuelle und akustische Wahrnehmung dargestellt.
Für die Olympiade 1972 produzierte ich mit dem WDR zwei Umsetzungen unter dem Titel "Grundgeräusche und Hörräume” und "Triumphe meines Willens” (letzteres bei meinem 5000 m Lauf auf einem Stuttgarter Sportplatz, ersteres während einer Selbstisolation in "Wohnkiste als Handlungscontainer” - 1969! - realisiert).

Alle Ansätze verfolgte ich für die Entwicklung der Besucherschule d 6 1977 weiter (Printfassung in B.B. "Die Häßlichkeit des Schönen, die Schönheit des Häßlichen” - Besucherschulen d 6 und d 7, Kassel 1982). In sie gingen weitgehend Resultate meiner Kölner Konferenz für Kunsttheorie, Köln 1972, und der IDZ-Aktivitäten zu "Medieninszenierungen”, Berlin 1973 ff. mit Niklas Luhmann, Max Bense, Herbert Marcuse, Martin Warnke, Heinrich Klotz, Tilmann Buddensieg, Otto von Simson, Diethard Kerbs, Berthold Hinz, François Burkhardt, Lucius Burckhardt, Bernhard Willms, Norbert Miller und vielen anderen ein.

Summa: Die ästhetische, ethische und epistomologische Frage nach dem Status der Bilder, Worte und Töne hat an dem Verhältnis von intrapsychischem, neuronalem Prozeßgeschehen (Kognitionen, Emotionen, Visionen) zu sprachlicher Externalisierung anzusetzen. In einer späteren Luhmannschen Kurzfassung heißt das, die Beziehung von Bewußtsein zu sozialer Kommunikation läuft zugleich aktiv über sprachliche Entäußerung wie passiv über Wahrnehmung der Zeichengebungen in unseren Lebensumgebungen. Die optisch oder akustisch oder sonstwie wahrgenommenen Zeichen haben eine doppelte Referenz, nämlich einerseits zum Bewußtsein und andererseits zur sozialen Kommunikation. Grundlegend ist, daß mit Ausnahme mathematisch definierter Eindeutigkeit und den Tautologien weder intrapsychische Prozesse mit sprachlichen, bildlichen, mimischen und sonstigen Zeichengebungen identisch gesetzt werden können - noch vollständige Übereinstimmung von Zeichenrezeption mit kommunikativen Akten möglich ist. Also ergibt sich die ästhetische, ethische und epistomologische Bedeutung der textlichen, bildlichen und akustischen Zeichengefüge gerade aus der Differenz von Bewußtsein, Sprache und Kommunikation. Die evolutionäre Herausbildung des Prinzips Kommunikation ermöglicht demnach gerade die Operation mit Differenzabgleich, was nichts anderes heißt als: durch Kommunikation vermögen wir in unseren Umwelten zu leben, ohne sie je verstehen zu können oder zu müssen.

Der geläufigste Ausdruck für Differenzabgleich von Bewußtsein, Sprache und Kommunikation heißt Erinnerung.