Ankündigung zur Besucherschule der Art Frankfurt, 1994

Der Bildbetrachter als Partner der Künstler – Wie man über Kunst kommuniziert.

Besucherschule Art Frankfurt | 1994

Warum noch Kunst?

Eine Polemik gegen den herrschenden Bildanalphabetismus.

>Zur Politikverdrossenheit, zur Technik- und Bildungsverdrossenheit jetzt noch die Kunstverdrossenheit? Man kann das Gelaber nicht mehr hören, weil es so verlogen ist. Wer diesen Maulchören der gelangweilten Schmarotzer tatsächlich folgt und sich als asketischer Einsiedler in die Großstadtwüsten zurückzieht, merkt schnell, daß das Gejammer so ernst nicht gemeint ist. Dreißig Kanäle zapfen die Burschen an, damit sie genügend Augenfutter haben. Aus den Duschen soll es sprudeln und ALDI Milch und Marmelade fließen lassen.

Kurz – wir sind ganz und gar nicht zufrieden mit der Arbeit der anderen, die wir für uns reklamieren. Und mit unserer eigenen Arbeit? Wir hacken auf den großen Freiheiten herum, den Freiheiten der Lebensführung, der Weltanschauungen und des Konsums. Wir beschweren uns über die Zumutungen der Freiheit, sehnen uns nach verbindlichen Kommandos, nach verordneter Übereinstimmung über das Schöne, Gute und Wahre. Der Wunsch ist verständlich; seine Erfüllung hängt aber von jedermann ab, der verbindliche Übereinkunft anmahnt. Mehr Freiheit bedeutet nämlich mehr selbstverantwortliche Arbeit – Arbeit, wie sie die Künstler immer schon leisten mußten. Ihnen half kein Regelkanon des Schönen, keine Meisterprüfung der Handwerkskammer, kein Hochschuldiplom. Die Gestaltungsfreiheit vor der leeren Leinwand, auf der leeren Bühne und vor dem formlosen Haufen Ton war schier grenzenlos. Wie man sich in dieser Beliebigkeit des bloß Möglichen, aber noch nicht Wirklichen behauptet, das lernen wir von Künstlern. Wie man der Angst zu scheitern begegnet, aber auch der Trauer der Vollendung; wie man darauf besteht, selber noch in der Welt vorzukommen und wahrnehmbar zu werden, wie man etwas Neues wagt, obwohl doch das Vorhandene schier unerschöpflich zu sein scheint. So weit wir noch darauf beharren, Individuen zu sein, lernen wir bei den Künstlern, was ein einzelner Mensch noch über diese Welt zu sagen vermag. Das klingt banal, aber in Wissenschaft und Politik, in Wirtschaft und Ausbildung werden wir auf Aussagen getrimmt, die gelten sollen, weil sie von Parteien und Verbänden, von Glaubensgemeinschaften und Arbeitskollektiven getragen werden. Da kommt es auf individuelle Aneignung der Welt nicht mehr an – für Künstler ist sie jedoch unverzichtbar. Sie prägt, was wir Persönlichkeit nennen, den Charakter der Selbständigen. Wenn wir auf sie verzichten, verlieren wir die Achtung vor uns selbst und toben den Haß auf unsere Nichtigkeit in Horden aus. Wenn heute reihenweise Kulturfunktionäre, Feuilletonisten und Zeitgeistler behaupten, die Künstler hätten uns nichts mehr zu sagen, verdecken sie damit nur, daß sie selbst nichts zu sagen haben. Die Verachtung für die Leistung des einzelnen Künstlers, der seine Arbeit ausschließlich selbst begründet und selbst verantwortet, zeigt, wie verantwortungslos gerade diejenigen geworden sind, die das Ende der Kunst im Zeitalter ihrer Kommunizierbarkeit triumphal verkünden.

Was aber ist das neue Zeitalter der Informationsgesellschaft und der Massenmedien? Es wird geprägt durch Kommunikation über Bilder. Die Ärzte arbeiten mit Bildern von unseren Körpern und stellen anhand der Bilder Diagnosen. Die empirische Forschung besteht im wesentlichen in der Entwicklung und Anwendung von Bildgebungsverfahren. Erst diese Verbildlichungen sind der Gegenstand wissenschaftlichen Arbeitens. Ob wir mit der Kleinteilchenphysik oder der Astrophysik, mit der Molekularbiologie oder der Neurologie konfrontiert werden – überall sind Verbildlichungen von Prozessen und Strukturen die Voraussetzung und der Gegenstand wissenschaftlicher Aussagen. Statistiken werden uns als grafische Bilder geliefert, Schlachtfelder als Bildpanoramen, politische Willensbekundungen als Bildinszenierungen des Fernsehens: die Welt als BILD-Zeitung. Je mehr wir der Welt nur noch über die Vermittlung von Bildern teilhaftig werden können, desto auffälliger wird unser Bildanalphabetismus. Vor rund zweihundert Jahren lernte man, daß die Entwicklung moderner Gesellschaften davon abhing, daß so gut wie jedermann lesen, schreiben und rechnen lerne. Per Schulpflicht wurde man gezwungen, sich diese Kulturtechniken anzueignen. Heute wäre es angebracht, die Menschen zur Aneignung der Bildsprachen zu verpflichten, damit sie in der Bilderflut nicht untergehen oder trotzig auf einem ideologischen Weltbild beharren.

Die Künste haben in Europa eine sechshundertjährige Erfahrung in der Verbildlichung von Gedanken und Vorstellungen. Sie entwickelten die Bildgebungsverfahren und erkundeten die Bildsprachen in ihren je spezifischen Leistungen. Da ist es nicht aus der Luft gegriffen zu behaupten, daß man gerade heute von den bildenden Künsten lernen kann, wie Bilder gebaut und gebraucht werden, auf welche Weise sie erkenntnisfähig sind und unsere Kommunikation instrumentalisieren. Die Künstler haben zugleich mit der Suggestivität und Magie der Bilder gearbeitet, aber auch der Verhexung und Verführung durch Bilder den Kampf angesagt. Die Aufklärung durch Künste war vor allem ein Kampf gegen den Zauber der Bilder, z.B. gegen die alle Köpfe beherrschenden Bilder von Himmel und Hölle, von schwarzen Löchern und imaginären Größen, von Normalität und Wahnsinn.

Insbesondere die moderne Kunst lebt von der Kritik der Bilder und der naiven Verbildlichung der Welt; gerade deswegen wurde sie als entartet geschmäht. Jetzt sieht man die Bildapparatemedizin entarten, die religiösen und wirtschaftlichen Heilslehren, die Gentechnologie und die Gehirnverpflanzer – samt und sonders Behexungen durch Bilder. Dagegen hilft kein Bilderverbot, sondern die Aufklärung über die Sprache der Bilder. Genau das ermöglichen uns die bildenden Künste. Wer glaubt, sie verachten zu können, folgt der Kampagne unseres größten Bildorgans: „Wer heute die Leser betrügt, macht morgen die BILD-Zeitung.“ Dagegen setzen wir: „Wer heute bei den bildenden Künstlern lernt, braucht morgen die BILD-Zeitung nicht mehr zu fürchten.“