Die Kunst zu werben.

Das Jahrhundert der Reklame.

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Münchner Stadtmuseum : 15.3.-30.6.1996, München
Altonaer Museum : 18.9.1996-12.1.1997, Hamburg

6. Er läuft und läuft und läuft – mach mal Pause

Vor Jahren versetzte Luhmann der Öffentlichkeit einen Schock mit seiner wohlbegründeten Behauptung, daß die Kommunikation als Leistung des sozialen Systems blind sei, nur auf ihre eigene Durchsetzung ausgerichtet, nicht steuerbar, nicht beherrschbar. Was uns bleibe, sei, eben diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen gegen alle euphorischen Annahmen, wir kommunizierten nach freiem Willen, der schließlich Berge versetzen könne. Frei nach Watzlawick: Man kann nicht nichtkommunizieren, da auch die Exkommunikation Bestandteil der Kommunikation ist. Was wir bei einer angenommenen Steuerbarkeit der Kommunikation ausschließen, der Wirkung entheben wollten, bleibt als eben dieses Bestandteil der Kommunikation. Um es in Terms der alteuropäischen Dialektik zu sagen: auch das Inkommensurable bedingt als solches das Verstehbare und Hantierbare. In unserem Zusammenhang: Es ist nur eine Frage des Beobachterstandpunkts zu sagen, Werbung führt für den Werbenden zum Erfolg oder für den Konkurrenten zum Mißerfolg. Die Kommunikation sichert genau diesen Zusammenhang, daß des einen Erfolg des anderen Mißerfolg ist. Dieser Sachverhalt wird als blinder Fleck der Selbstwahrnehmung durch die Kommunikation aufgehoben (oder volkstümlich: die Wirklichkeit sorgt schon dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen).

Deswegen sind alle Annahmen über die unbegrenzte Manipulationsmacht der Werbung und machtpolitische Beherrschung der Kommunikation nur verführerische Verallgemeinerungen individueller Erfahrungen, aber mit Blick auf die soziale Kommunikation unzutreffend. Mit solchen bloß partiellen Erfahrungen rechnen diejenigen Mediengewaltigen, die ihren Herrschaftsanspruch mit einer behaupteten Allmacht der Medien rechtfertigen möchten. Daß man Medien beherrscht, heißt nicht, das individuelle Bewußtsein und die Kommunikation zu beherrschen. Das scheinen nun endlich die Werbetreibenden verstehen zu müssen, vor allem aber ihre Auftraggeber und ihre Adressaten.

Ebensowenig wie man ein schlechtes Produkt durch Werbung qualitativ adeln kann, läßt sich durch Propaganda ein haltloses politisches Konzept zur eigenen Offenbarung stilisieren. Gerade Werbung und Propaganda in exzessiver Selbstüberschätzung einer Bewußtsein und Kommunikation beherrschenden Macht erledigen diesen Machtanspruch am schnellsten. Die Kommunikation läuft und läuft und läuft – pausenlos.

Der netten Aufforderung, mal Pause zu machen, kann man nur nachkommen, wenn man Wahrnehmung und Bewußtsein einstellt.

Übrigens: 'Er macht mal Pause' ist ein schönes Trostwort des Pfarrers für die Hinterbliebenen – Werbung für die Akzeptanz des Todes.