Online-Interview

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

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What’s up, Brock?

Online Interview mit Patrik Bock

IW: Herr Professor Brock, Sie behaupten, "die massenhafte elektronische Datenproduktion vermüllt unsere Kommunikation. Ihre Kathedrale der Entsorgung ist das Internet." Kann man daraus schließen, daß in Ländern, in denen das Internet noch nicht ausreichend verbreitet oder akzeptiert ist, die Kommunikation gestört ist? Kommunizieren beispielsweise Amerikaner und Skandinavier, die ja bekanntlich eine höhere Online-Anschluß-Quote in der Bevölkerung aufweisen als die Bundesrepublik, auf einem qualitativ höheren Niveau?

Brock: Gemeint ist: >>>Wer im Internet auftreten will, darf eben nicht nur Daten anbieten. Er ist gezwungen, sein Material zu gestalten. In der Gestaltung werden Datenmassen unter Formen geprägt, die durch Typographie, Layout und Strukturen der Textorganisation repräsentiert werden. Eine gestalterische Form umfaßt eine Vielzahl von Daten; Formierung wirkt also bereits selektiv. Vor Jahren waren Fragen der Gestaltung Profis überlassen. Im Internet muß jeder Teilnehmer zumindest soweit professionalisiert sein, daß seine Angebote unter denen der Profis anschlußfähig sind.

IW: Sie selbst präsentieren sich und Ihr Fachgebiet Ästhetik/Kulturvermittlung auch im Internet. Und das schon seit 1996. Welche Chancen sehen Sie, Ihre Daten im WWW zu "entsorgen"? Welche Strategie schlagen Sie nach Ihren Thesen ein: die des Aufdauerstellens, die Vergöttlichungsstrategie, die Strategie der Erinnerung, um zu vergessen, oder die Strategie der Kommunikation ohne Verstehen?

Brock: Gottfried Benn schrieb: "…nicht mehr dieses stirb und werde form. still sieht dich die Vollendung an". Das heißt, wer im Netz arbeitet, darf nicht auf die Ideologie hereinfallen, derzufolge das Netz die angemessene Form des work in progress bietet. Endlos zu prozedieren, anstatt zum Ende zu kommen und Resultate erinnerbar zu machen, vermüllt das Netz: Chat-Müll. Reinhold Goetz' letztjähriges angebliches Experiment, einfach täglich irgendwas ins Netz zu geben, belegt diese Vermüllung. Mit letztem Mut zur Selbstqualifizierung weist Goetz dann selbst sein Netztagwerk als Produktion von "Abfall für Alle" aus. Wer den Abfall durchwühlt, stellt fest, daß von den rund Tausend Seiten bestenfalls zwei Dutzend der Rede wert sind. Aber zwei Dutzend Seiten unter Tausend herauszusuchen, stellt einen Arbeitsaufwand dar, der nicht die Mühe lohnt. Goetz und alle Internet-Vermüller, die gestaltlosen Quark dort breittreten, halten sich für raffiniert, weil sie die eigentlich ihnen abverlangbare Arbeit den Netz-Nutzern überlassen.
Für die Arbeit im Netz gelten noch höhere Anforderungen als für die in Zeitschrift, Buch, Film, TV und Video (abgesehen vom reinen Datentransport). Bücher z.B. vermögen einen Aussagenanspruch schon deshalb auf Dauer zu stellen, weil sie zumindest in den Bibliotheken präsent gehalten werden müssen. Sich im Netz bereits als der darzustellen, als der man zum Zeitpunkt späterer Abwesenheit im Tode wirken möchte, ist noch viel schwieriger, als dergleichen durch Architekturen, Unternehmen, Staatengründungen oder Werke der Künste zu erreichen.
Die Evolution erfand den Selbst- und Fremdbezug lebender Organismen als Kommunikation, um Überleben in einer Welt zu ermöglichen, die die Individuen wie ihre Gattungskollektive nicht zu verstehen brauchen. Kommunikation bedeutet Initiierung von Parallelprozessieren der Individuen im Schwarm, in der Nestgemeinschaft, in Familien und Nachbarschaften. Die Besonderheit menschlicher Kommunikationsleistung ist apollinisch, d.h. wörtlich fernwirkend oder in der modernen Übersetzung vergegenwärtigend, also Heranholen des Fernen. Das ist die historische Ferne vergangener Parallelprozedierungen, das ist die geographische Ferne zwischen gleichzeitig Lebenden, und das ist die Ferne der Zukunft oder auch die transzendente Ferne Gottes oder des Kosmos.
Vergegenwärtigung: also am Jetzt-Ort in der Jetzt-Zeit. Auf solche Ferne bezogen zu sein, heißt, sich auf das nicht Begreifbare, den Händen nicht Greifbare einzulassen, also auf Vermutungen, Hypothesen, Möglichkeiten, auf "geistige Konstrukte". Sie kann man als solche qualifizieren, unterscheiden von der Wirklichkeit der Welt; also läßt sich die Kommunikation "verstehen", nicht aber die Welt. Solche Konstrukte hat man als Kommunzierender anzubieten und formal auszuweisen. Auch das ist im Netz schwieriger als vermittels herkömmlicher Medien der Kommunikation.

IW: Wie ernst darf, muß man das neue Medium Internet aus Ihrer Perspektive nun nehmen? Wo siedeln Sie das Internet im Vergleich zu den traditionellen Medien an, auch, was Ihre Fachrichtung, die Vermittlung der Ästhetik, angeht?

Brock: Arbeit im Netz verlangt höhere Qualifikation und "kommunikative Kompetenz" als die Arbeit in herkömmlichen Medien. Das ist inzwischen vielen Nutzern klar geworden – zumindest in zeitökonomischer Hinsicht: Optimierungsstrategien übers Internet zu verfolgen, kostet erheblich mehr Zeit als in den klassischen Medien. Schon McLuhan wußte, daß neue Medien vor allem die alten qualifizieren; also darf man erwarten,

  • daß durch die Images des Internet die großen stehenden stillen Bilder der Maler und Fotografen besonderes Gewicht erhalten werden
  • daß durch die running facts der Netzdatenströme die Kompressionsleistungen klassischer Gedichtformen stärker auffallen werden
  • und daß die Propagierung der virtuellen Realität erst recht zur Anerkennung des Primats der realisierten Virtualität führen wird: also zur unüberbietbaren face to body- und body to face-Kommunikation, denn nur an Körpern läßt sich die Kraft der virtuellen intrapsychischen Prozesse (Vorstellungen, Gefühle, Willen und Gedanken) realisieren.

IW: Die von Ihnen entworfene Strategie der Kommunikation ohne Verstehen postuliert, daß "man kommuniziert (gerade), weil man sich einander und die Welt prinzipiell nicht verstehen kann". Ist das viel zitierte globale Dorf also nichts weiter, als ein digitales Babylon?

Brock: Die Vergegenwärtigung der fernen Welten zum globalen Dorf meinte und meint nur eins: für alle Individuen gelten die gleichen Bedingungen für Kommunikation, seien sie auch noch so kulturell überformt. Mit anderen Worten: was man bisher für kulturell erzeugte Unterschiede hielt, schrumpft zur unerheblichen Modifikation.

IW: Wie beurteilen Sie die Ästhetik des Internet? Kann das, was den Namen "Web-Design" im Volksmund trägt, unter dieser Begrifflichkeit bestehen? Hat das Internet überhaupt eine eigene Ästhetik oder besteht sie nur aus Anleihen?

Brock: Ästhetik kennzeichnet das Verhältnis von intrapsychischen Prozessen in den Gehirnen der Individuen zu ihrer Kommunikation im Sozialverband. Das geschieht über explizite und implizite Äußerungen in wahrnehmbaren Zeichenfigurationen, kurz Sprachen genannt (Bilder, Worte, Töne, Mimik, Gestik etc.). Für das Parallelprozedieren spielen die konventionalisierten Zuordnungen von Zeichen und Intentionen eine erhebliche Rolle. Wir müssen von Natur aus zu hohen Graden Dogmatiker des Sprachgebrauchs sein. Wo es aber um Orientierung auf die Unbestimmtheit des Fernen, des Neuen geht, wird von uns Abkopplung des konventionellen Verbunds von Sprache und Intention verlangt. Das ist risikoreich, nichtsdestoweniger unvermeidlich. Ästhetische Aufladung gelingt nur durch Erhöhung der Differenz zwischen der Erfüllung konventioneller Erwartung und Abweichung, also Differenz von Redundanz und Information. Im Netz ist das Risiko besonders groß, weil die Bewertung der ästhetischen Differenz zwischen Zeichengefüge und "intendierten Bedeutungen" ohne den Bezug auf die Situation und die Performance der Zeichengebung erheblich erschwert wird. Deshalb ist zu erwarten, daß das Netz noch auf absehbare Zeit nur dazu gut sein wird, "massenhaften Zugriff auf Daten" zu ermöglichen, die von jedem Nutzer dann in spezifische Informationen umgewandelt werden.

IW: Noch wird die Information im Internet primär durch Bilder und geschriebene Sprache vermittelt, mit den neuen Technologien und Bandbreiten stehen bewegte Bilder und mehr Töne ins Haus. Welche Chancen sehen Sie für die Künstler des nächsten Jahrtausends, sich über das Internet an ein Massenpublikum zu wenden? Wie wird sich die Funktion eines Kunstschaffenden verändern?

Brock: Für Künstler gilt definitionsgemäß:
Zum einen: sie koppeln konventionelle Verbundsysteme von Zeichenfigurationen und unterstellten Bedeutungen ausdrücklich ab - desgleichen die Wissenschaftler; Künstler tun das aber implizit, Wissenschaftler explizit.
Zum anderen: was sie damit vorgeben, behaupten, zur Geltung bringen wollen, können sie nicht damit begründen, daß sie das gleiche Resultat hervorbringen wie ihre Kollegen. Das heißt, sie geben Beispiele im Beispiellosen; Wissenschaftler geben Beispiele im Beispielhaften; Letztere sind dazu gezwungen, um vor Gericht im Schadensfalle entlastet zu sein.
Künstler zu sein, in den unterschiedlichsten Metiers, heißt, sich zum Urheber zu machen. Als Datei wird das Internet brauchbar zur Orientierung auf Urheber; gerade deshalb aber wird deren Zahl als Götterfamilie des Internet als Olymp so groß werden, daß die einzelnen Urheber gar nicht mehr namentlich oder personell figurieren, sondern nur noch als Wetterwerte der psychischen Befindlichkeiten. Auf eine Weile noch betreibt das Netz Vielgötterei; dann aber werden die Götter so zahlreich, daß sie nur noch in den kleinsten Zeichensegmenten zu Hause sind: als vollendeter Animismus oder als Praxis: Schamanismus als Kultform des Internet. Und die Künstler und Wissenschaftler werden zu Schamanen ohne Gemeinde, weil jedes Gemeindemitglied sich selbst schamanisch zum Netzteil animiert. Außerhalb des Netzes werden Künstler und Wissenschaftler noch lange als Kaste der Asketen oder Repräsentanten vergangener Kommunikationsstrukturen angestaunt werden - ungefähr so, wie die immer noch lebenden Mitglieder eines politisch, gesellschaftlich und ökonomisch funktionslos gewordenen Adels des Feudalsystems.

IW: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Interaktivität dieses neuen Massenmediums? Wird sie tatsächlich ein kennzeichnendes Merkmal des Mediums bleiben oder irgendwann, wenn das Internet nach einer Lawine staatlicher Reglementierungen zum Instrument mutiert ist, nur noch Mitbestimmung vortäuschen?

Brock: Interaktivität ist nicht eine Frage der Mediennutzung, sondern eine Frage der Leib-Seele-, Geist-Materie-, Psyche-Soma-, Ich-und-andere-Beziehung. Ein Hirn ohne Körper ist eine Maschine zur Produktion von Tautologien. Körper ohne Steuerungssystem ist anorganische Materie. Das "Hirn" muß mit seinem Körper interagieren, um die eigenen Produktionen bewerten zu können. Die Medien dazu sind biochemisch und bioelektrisch gestiftete Vermittlungen zwischen Zellverbänden unterschiedlicher Funktionen für den Aufbau von Autokommunikation.
Das gleiche gilt für die Allkommunikation, also für Beziehungen der Individuen auf andere in ihren Umwelten. Die sogenannten interaktiven Medien entsprechen in höherem Maße als die aktiven in der Fremdwahrnehmung den grundsätzlichen Vorgängen der Selbstwahrnehmung. Computer repräsentieren nun einmal höhere Annäherung an neuronales Impulsgeschehen als das Rechenbrett oder die Logarithmentafel. Bei weiterer Optimierung werden wir in ihnen eine immer größere Entsprechung zu den Körper-Geist-Einheiten sehen können, die wir selber darstellen. Aber vom Prinzip her kann eine noch so optimale Interaktivität das Grundmuster der Körper-Psyche-Beziehung nicht überbieten.

IW: Welche zukünftigen Entwicklungen sagen Sie dem Internet voraus? Welchen Einfluß wird es auf die Entwicklung unserer Gesellschaft nehmen?

Brock: Im Sinne der Vergegenwärtigungsstrategie kann man nichts voraussehen, ohne das gegenwärtige Handeln beeinflussen zu lassen. Zukunftsannahmen sind immer jetzige, also wirken sie auch nur jetzt in der Gegenwart. Die Zukunft ist eben nur jetzt oder eine, auf die ich mich nicht beziehe. Zukünftige Entwicklung des Internet? Die Antwort ergibt sich aus dem jetzigen Umgang mit ihm. Am auffälligsten: Wer die Macht hat, sabotiert die Hoffnung auf erwartungsgemäße, reibungslose Nutzung.

Bazon Brock im Web: http://www.brock.uni-wuppertal.de/