Magische Zeichen

Schmuckstücke von Gilda Fucker. Katalog zur Ausstellung in der Galerie V & V

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Grußwort an Gilda.

Habe ich Dir eigentlich erzählt, daß ich 1966 vor Gilda in Ohnmacht gefallen bin?

Der Hamburger Sender bot mir die Chance, meiner "penetranten Demonstration der filmischen Avantgarde" einen Film gegenüberzustellen, einen wirklichen Film – einen, von dem die Avantgardisten träumten und das umso mehr, als sie sich verbieten mußten, je so etwas Fleischfressendes, Überwältigendes, Traumseliges selber herzustellen. Ich wählte ‚Gilda‘, 1946, mit Orson Welles’ Frau Rita Hayworth in der Hauptrolle. Ich sollte während der Vorführung live kommentieren. Als der Redakteur Hans Brecht nach 15 Minuten immer noch nichts von mir hörte, suchte er mich im Studio und fand mich ohnmächtig vor den Sprecherstehpulten.

Hatte ich aus Überwältigungsangst mich ausgeblendet? War ich auf die Traumebene umgestiegen, um der Realitätskontrolle zu entfliehen?

Als Du mit flammendem Lachen und vor Vitalität quirlig in meiner Klasse an der Wiener Hochschule erschienst, ergriff mich ein leichtes Zittertremolo. Dame Maria Wessely, unsere assistierende Ordnungsmacht, legte mir maliciös die Hand auf’s Knie: "Keine Angst, die ist ja bloß traumhaft."
Aber die irritierende Erregung durch Gilda blieb. Ich spürte sie vor allem, wenn Du mit Zauberergesten jene kleinen Gebilde vorzeigtest, die Du Schmuckstücke nanntest. Mir war bis dahin Schmuck nur als ornamentales Dekor verständlich und persönlich nicht wichtig.
Du hast in Deinen Arbeiten für den Schmuck ganz andere Bezüge reaktiviert, z.B. den Bezug auf die Magie der animistischen Kulte. Das veränderte meine Wahrnehmung von Schmuck. Seither signalisiert er mir die Gesten und Sprachformeln des Schamanen, der Geister austreibt, psychosomatische Stabilität beschwört und den Leib mit Haltegriffen für die Selbstwahrnehmung des Schmuckträgers ausstattet.
Besonders interessierte mich, was wohl die heutigen Schmuckgeber, die Ehegatten und Freunde als Schamanen privater Rituale zwischenmenschlicher Beziehungen murmeln oder welchen geheimnisvollen Vorstellungen sie folgen, wenn sie das Schmuckstück mit Glück- oder Dankeswünschen behauchen.

Einige sagen ganz offen, es möge sich die Wahrnehmung fesselnde Faszination des Schmucks auf den Schmückenden übertragen; denn Schmuck geben sei immer ein Schmücken des anderen. Auch wer sich selbst schmückt, wiederhole nur das Geschmücktwerden. Andere meinen, vor allem selbstbewußte Frauen, sie schmückten sich selbst, wie sie sich selbst bedienen. Aber wo bleibt die Bedienung bei der Selbstbedienung? Offensichtlich in der Selbstwürdigung. Wer sich nicht zu würdigen weiß, kann erst recht nicht andere würdigen. Schmuckstücke sind so auch Pathoskerne der Selbstachtung, ein Signalleuchten persönlicher Hoheitszonen – die allerdings mehr und mehr mißachtet werden, was uns nicht zuletzt Straßendiebe zu verstehen geben.

Oft habe ich in den Wiener Jahren zu imaginieren versucht, mit welchen Vorstellungen Du selber die Formeln und Materialien Deiner Entwürfe auflädst. Bevor ich das herausfand, verschwandest Du nach Mexiko – in gewisser Weise eine Kränkung für mich. Damals begann ich gerade die Geschichte der abstrakten Kunst unseres Jahrhunderts mit der Geschichte des ornamentalen Gestaltens zusammenzudenken: für Dich offensichtlich nicht überzeugend genug, sonst hättest Du Dich nicht der präkolumbianischen Tradition Mittelamerikas versichern müssen, um der Harmlosigkeit und Beliebigkeit unseres Dekorverständnisses zu entgehen.

Was ich mir von Dir wünsche?
Beuys hat Kronen zu Hasen umgeschmolzen, um das tote Gold wieder strahlen zu lassen. Zahnärzte füttern unsere Mäuler gülden. Kostbarmachen, die entwürdigenden Gesten des Wegwerfens beschämen. Eine schöne Aufgabe; also, zum Beispiel, zur Achtsamkeit erziehen. Wer von goldenem Besteck ißt, wird es immer bei sich tragen. Jedem Esser ein paar goldene Stäbchen, stell Dir das vor. Wer würde dann noch mit Plastik essen wollen und den Müll mästen, frage ich Dich.

Dein Bazon