Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Seite im Original: 122

Arrièregardismus

Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!

In: Bazon Brock: Die Re-Dekade. München 1990, S. 221. 

Ausgangslage: Ich habe behauptet, daß als Avantgarde nur gelten sollte, was uns zwingt, aus dem Alten neue Traditionen aufzubauen. (1) Ich will hier auf die Konsequenzen eingehen, die sich aus meiner These ergeben, wenn man sich auf sie einläßt.

Mit der These sollte ja allen jenen eine Antwort zuteil werden, die sich irritiert fragen, welchen neuesten Neuheiten der Kunstproduktion sie sich sinnvollerweise auszusetzen, ja zu stellen haben und welchen sie als bloßen Neuheiten um des Neuen willen durchaus aus dem Wege gehen können. Allen so Fragenden ist offensichtlich klar, daß Avantgarden in jedem Fall auf das Hervorbringen von etwas Neuem ausgerichtet sind. Die sinnvolle Nutzung der These hat bisher das Resultat gezeitigt, daß die Avantgardekunst unseres Jahrhunderts in erstaunlichem Maße tatsächlich avantgardistisch gewesen ist.

Neue Traditionen, das heißt neue Verankerungen des historisch Gewesenen in der Gegenwart, neue Repräsentationen der Geschichte als Wirkungspotential in der Gegenwart schufen zum Beispiel Loos und Co. im Hinblick auf die Vergegenwärtigung Palladios und Brunelleschis; die Expressionisten im Hinblick auf den Manierismus des 16. Jahrhunderts und die Romanik des Frühmittelalters; Giacometti im Hinblick auf die etruskische Kunst Von den Künstlern unserer unmittelbaren Gegenwart nenne ich beispielshalber so unterschiedliche Temperamente wie Penck, Spoerri, Polke, denen in ihren Werken die Vergegenwärtigung der griechischen Archaik (Penck), der Trompe l'oeils des 17. Jahrhunderts (Spoerri), aber auch die des apokryphen Einzelgängers der Avantgarde Picabia (Polke) gelungen ist.

Wer die Arbeit der Avantgarden systematisch im Sinne der These durchgeht, kommt zu der Feststellung, daß unser vermeintlich so geschichtsvergessenes Jahrhundert der Verwirklichung von Zukunft als einer gleichzeitigen Versammlung des historisch Gewesenen in der Gegenwart schon sehr nahe gekommen ist. Eine wahrhafte Renaissance! Die Künstler haben sich als Repräsentanten der Toten und deren Geschichte bewährt – aber eben nicht, indem sie das Gewesene willfährig aufgriffen oder bemüht fortsetzten in vermeintlich immer noch wirksamen Traditionen; sie schufen vielmehr eine neue Vergangenheit; sie schrieben Geschichte neu von dem Wirkungsanspruch ihrer Werke her. Sie entwarfen „utopische Vergangenheit“, wie Nikolaus Himmelmann das treffend formuliert.

Um den Unterschied dieses Vorgehens gegenüber herkömmlichen Strategien des Umgangs mit Traditionen abzusetzen, rufe man sich die zahllosen Versuche in Erinnerung, durch bloße Nachahmung und Anleihen bei der Antike, der Gotik, etc. von den Weihen und der Größe der historisch überkommenen Bestände ein Weniges auf das eigene Haupt und Werk abzuleiten. Breker und Speer waren ganz sicher keine Avantgardisten (im Sinne meiner These), als sie behaupteten, den antiken, klassischen Formenkanon wieder verbindlich machen zu wollen. Insofern aber Breker und Speer uns demonstrieren, daß noch so bemühte Wiederaufnahmen historisch früherer Sichtweisen und Haltungen nur ohnmächtige Leerformeln und Formphrasen gebären, haben sie auch als Epigonen noch etwas geleistet. Uns sollte hier nicht interessieren, die epigonalen Traditionalisten gegen die schöpferischen Vergegenwärtiger der Vergangenheit auszuspielen; sondern …?

Der zentrale Einwand gegen die jeweilige Umschreibung der Geschichte als deren Vergegenwärtigung liegt ja darin zu behaupten, dieses Vorgehen ziehe mehr oder weniger bewußte Fälschungen der Geschichte notwendigerweise nach sich. Die jeweils Lebenden schrieben, so heißt es, die Geschichte wie die jeweils gerade Mächtigen um. Aber: Chruschtschows Umschreibung der Geschichte des sowjetischen Rußland, in der Stalin urplötzlich nicht mehr vorkam, hat gerade nicht den Stalinismus als eine auch nach 1960 gegenwärtige Kraft der UdSSR in neuer Weise vergegenwärtigt, sondern ihn nur aus der Geschichte gestrichen. (2) Das war keine Umwertung, sondern eine Eliminierung der Geschichte, nicht ihre Vergegenwärtigung als potentielle Wirkkraft in der Gegenwart von 1960 ff., sondern ihre Leugnung. Eine derartige Auslöschung der Geschichte durch Vergessen und Vergessenmachen kappt ja jeglichen Zusammenhang von Geschichte und dem Leben der Lebenden. Sie glaubt zwar, Geschichte im Interesse der Legitimation lebendiger Machthaber zu schreiben, enthüllt aber nur ungewollt deren Halt- und Wurzellosigkeit.

Obwohl der Unterschied im Endeffekt nicht groß ist – angesichts solcher Auslöschung der Erinnerung wird, mir jedenfalls, die Haltung des Eschatologen und Fortschrittspositivisten akzeptabler, weil sie von vornherein ihr Desinteresse an dem was war, bekunden. Sie lassen sich bestenfalls in selbstgefälligem Hochmut auf die Geschichte ein, um ihre möglichst weite Entfernung von den historischen Ausgangslagen zu demonstrieren. Also, worauf wollen wir hinaus? Die epigonalen Traditionalisten und die konservativen Verfechter vermeintlich aus der Vergangenheit ungebrochen fortwirkender Traditionen werfen den Schöpfern der utopischen Vergangenheit vor, in der jeweiligen Gegenwart nur die Aspekte historischer Tatbestände zu vergegenwärtigen, die vom Standpunkt der Lebenden aus „interessant“ zu sein scheinen. Alle anderen Aspekte der nämlichen historischen Gegebenheiten ließen sie unberücksichtigt.

Das klingt ganz einleuchtend. Aber zum einen: auch die Nachahmer (Epigonen) und die Fortsetzer (Traditionalisten) können immer nur von ihrem Verständnis der jeweiligen historischen Gegebenheiten ausgehen, also von Fiktionen; darin unterscheiden sie sich von den Utopisten der Vergangenheit nicht. Zum anderen: die Epigonen und noch so positivistischen Traditionalisten verlagern ihre Gegenwart bestenfalls gleicherweise in die Vergangenheit, wie die Utopisten die Vergangenheit in ihre Gegenwart versetzen. Auch in diesem Punkt ist das Argument gegen die Utopisten nicht sehr stichhaltig. Zudem muß man wohl annehmen, daß die Lebenden eher die Toten zum Leben erwecken können, als daß es den Toten gelingt, sich als immer noch Lebende in Erinnerung zu rufen.

Den Epigonen und Traditionalisten kann man zugute halten, daß sie sich selbst schon wie Tote sehen und ihre Kultur als so vergangen wie alles Vergangene. Das hat sicherlich einen psychohygienischen Effekt der Beruhigung. Traditionalismus ist ja Seelenkur angesichts widerstreitender Spekulationen über und Ängste vor der Zukunft; ein verständlicher Wunsch, die Ruhe zu bewahren vor den gleichermaßen fatalen Alternativen, entweder die Geschichte als Wiederkehr des immer Gleichen und damit als nicht besonders bemerkenswert zu akzeptieren, oder aber auf eine Zukunft zu setzen und damit auf das Leben in der Gegenwart, also auf das Leben schlechthin, verzichten zu müssen.

Auch der herkömmliche Avantgardismus, der sich als Vortrab, als Vorauskundschafter der Zukunft versteht, verzichtet (unfreiwillig) auf die lebendige Gegenwart oder die Gegenwärtigkeit seiner Aktionen. Behauptet er, die Zukunft schon in der Gegenwart vorwegzunehmen, so kommt er in Beweisnot darüber, woher er wisse, was die Zukunft sein werde. Man wird das Urteil über solche avantgardistischen Behauptungen dann logischerweise der Zukunft überlassen – und damit den Aktionen ihre Wirksamkeit in der Gegenwart nehmen. Das Publikum läßt solche Vortrabavantgarde ins Leere laufen.

Avantgardismus als Speerspitze eines unaufhaltsamen Laufs der Geschichte an ihr unvermeidliches Ende macht wenig Sinn. Was sich zwangsläufig ergeben soll, kann ja mit etwas Neuem und Anderem nicht mehr rechnen. Eschatologen der Apokalypse brauchen keine Avantgarde. Avantgarden brauchen aber die eschatologischen Behauptungen (seien sie fortschrittspositivistisch oder erlösungsfromm), um durch spekulative Vorwegnahme möglicher Zukünfte eben diese zu verhindern. Solche spekulativen Vorwegnahmen sind aber auf die Verankerung anderer, neuer Vergangenheiten in der Gegenwart, also auf das Schaffen neuer Traditionen angewiesen, um zeigen zu können, daß die Zukunft eben doch keine zwangsläufige Konsequenz der Vergangenheit ist.

In diesem Sinne ist Avantgardismus heute nur noch darin sinnvoll, absehbare Zukünfte zu verhindern. Die großen, weil unvergleichlich mühevollen Taten sind die der Verweigerung und Verhinderung; heutzutage kann jeder kapitalkräftige Hanswurst zum Beispiel ein Atomkraftwerk bauen; es zu verhindern erst verlangt Genie, Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft. Einen solchen Avantgardismus der Verweigerung nennen wir besser Arrièregardismus. Er versammelt andere Vergangenheiten in der Gegenwart, um dem Fatalismus gegenüber angeblich unaufhaltsamen Entwicklungen Widerstand entgegensetzen zu können. Apokalyptische Erwartungen gibt es ja gegenwärtig die Menge, gute Zeiten für Avantgardisten, respektive Arrièregardisten. – Worin liegt eigentlich die Wirksamkeit von in der Gegenwart neu verankerten Vergangenheiten, wirksam als Kraft der Verweigerung?

Wenn Polke mit und durch seine Arbeiten das Werk Picabias in unserer Gegenwart verankert, indem er völlig neue Sichten auf Picabia erzwingt und dessen Werk erst als das heute bedeutsame entstehen läßt, dann wird nicht nur der historische Picabia, sondern von Picabia her auch der gegenwärtige Polke anders zu bewerten sein. Polkes Malereien und Konzepten wachsen von Werken Picabias her Bestimmungen zu, die gleichzeitig als Relativierungen Polkes wirken. Das zuvor ganz Neue an Polkes Arbeiten verwandelt sich in etwas Erkennbares, Bewertbares. Damit verliert es an Potential des Unbestimmten und an „Offenheit“. Der oft hämisch als „Veralten“ der Avantgarde gekennzeichnete Prozeß der Akzeptanz des avantgardistisch Neuen kommt nicht durch Gewöhnung zustande – was doch gerne behauptet wird –, sondern durch Selbstaufhebung des Neuen im Wirksamwerden, das heißt bei dem erfolgreichen Versuch, das vermeintlich Alte und Vertraute, das Abgestandene und Abgetane wieder so zu sehen, als sei man mit ihm zu ersten Mal konfrontiert.

Neue Traditionen als in der Gegenwart wieder wirksame Vergangenheiten entfalten also Kraft zur Verweigerung, indem sie das behauptete ganz Neue, Unbestimmte, Offene mit Bestimmtheit kenntlich und damit beurteilbar werden lassen. Wer in diesem Vorgang den Beweis dafür sieht, daß alles eben schon mal da war, und daß man eben deshalb um des angeblichen Neuen kein Aufhebens zu machen brauche, irrt. Den Picabia, den uns Polke vergegenwärtigt, hat es zuvor noch nie gegeben. Den El Greco, den uns die Expressionisten erkennen ließen, gab es ebensowenig in den Jahren zwischen 1600 und 1900 wie den Palladio, den uns die Programmatiker der weißen Kubenarchitektur schufen. Dieser Sachverhalt ist übrigens auch bedeutsam für die Kritik an der Behauptung, die Verankerung der verschiedensten Vergangenheiten als Wirkungspotential in der Gegenwart führe über die Gleichzeitigkeit des Heterogenen auch zur Gleichgültigkeit ihm gegenüber; die Geschichte werde zum Kaufhauskatalog von freibleibenden Angeboten. Eben nicht; die „Angebote“ Palladio, El Greco, Picabia müssen mühsam geschaffen werden, ergeben sich ganz und gar nicht von selbst zu jeder Zeit.

Wechselt der Arrièregardismus als heute geforderte Kraft der Verhinderung und Verweigerung nicht nur die Bewegungsrichtung der Aktion? Von der utopischen Zukunft zur utopischen Vergangenheit? Auf dem Rückzug wird die Avantgarde zur Arrièregarde – wird der Voraustrupp zur Nachhut –, auf dieses Bild will man mit der Frage doch wohl hinaus? Um im Bilde zu bleiben: die Nachhut muß zum Schutze der Masse der sich bewegenden Formationen entschieden heftiger kämpfen, als es der Vorhut abverlangt wird. Wohin zieht sich das Heer zurück? Nach Hause; auf die Basis zurück; eben dahin will der Arrièregardismus auch. Wir müssen zurück, in die Gegenwart, unsere Lage neu bewerten, unsere Feldzugsziele zur Erzwingung von Zukunft aufgeben.

Wie weit wir inzwischen nur noch im Jenseits der Gegenwart, also in der Zukunft gehaust haben, zeigen ökonomische und ökologische Tatsachen nur allzu eindeutig. Mit dem angeblich probaten Mittel der Kreditfinanzierung des „Generationenvertrages“ halsten wir die Bezahlung unserer flotten Vorwegnahme der Zukunft den Nachkommen auf; deren Zukunft haben wir verfrühstückt. Die ökologische Misere ist bloß eine der Konsequenzen solcher Verwirklichungen von Zukunftsutopien. Wer die Zukunft sichern will, darf sie nicht vorwegnehmen. Das ist die wesentlichste Maxime des Arrièregardismus!

In den Praxisfeldern der Künste glaubt ja schon kaum noch einer, mit seinen Arbeiten auf die Nachwelt zielen zu dürfen. Wer sollte denn später den unübersehbaren Produktionen und ihren Urhebern noch die beschworene historische Gerechtigkeit widerfahren lassen? Bestenfalls wird es einigen ergehen wie Palladio, El Greco oder Picabia; aber einklagen könnten selbst diese Größen ihre Vergegenwärtigung nicht. Geistesgegenwart durch einsichtige Aufgabe der Zukunft als Adressat des gegenwärtigen Handelns hat für die Künstler einen Preis. Das künstlerische Arbeiten wird, wie schon Meier-Graefe 1904 bemerkte, unter dieser Umorientierung aus der Zukunft auf die Gegenwart zu einer Art Journalismus des Tagesgeschäftes. Wir werden alle zu Animateuren und Praxishelfern der lustvollen Askese; sei's drum – wenn man bedenkt, was die Zukunftgestalter und Tausendjährigkeitsbombasten angerichtet haben! Meier-Graefe beklagt wohl noch den Verlust der Zukunft als Adressaten des Künstlers; er erkennt aber immerhin den Journalismus als zeitgemäße ästhetische Macht! Sie ist die Basis des Arrièregardismus: Schönheit als Widerstand!

(1) Die Argumentation zu dieser These in: Bazon Brock: Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Köln 1986, S. 102 ff.
(2) Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1989. Der Autor folgt in seiner Darstellung dem Chruschtschowschen Umwertungsschema.