Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Peripathetiker

Historische Imagination

Im Mittelpunkt unserer Überlegungen und Veranstaltungen stand die Frage nach historischer Imagination, nach der Fähigkeit, sich Vergangenheit als ehemalige Gegenwart bzw. als gewesene Zukunft vorzustellen.


1981 versuchte ich, in wochenlangen nachmittäglichen Begegungen zusammen mit Uli Giersch und François Burkhardt (dem damaligen Leiter des Internationalen Design-Zentrums Berlin), das Areal zwischen Landwehrkanal, Anhalter Bahnhof, Prinz-Albrecht-Palais und der Stresemannstraße als Vorstellungswelt zu erschließen. Diesen deutschen Garten, wie er bis Mitte der achtziger Jahre bestand, schuf erst die wahrnehmende Betrachtung und das Gedächtnis derer, die ihn betraten. Im öffentlichen Bewußtsein existierte das Areal als ein verwüstetes Niemandsland, an dem auch die Nachkriegsdeutschen die Logik der Zerstörung als Logik des Aufbauens demonstrierten. Erst unter Rückbezug auf die englischen Gärten erschloß sich die Wüstenei zum Désert des Allemands, zum deutschen Garten. Und erst mit Blick auf das Forum Romanum oder zum Troja unseres Lebens.

Aus: Wörlitz als Modell für das Gedächtnistheater des 20. Jahrhunderts. In: Weltbild Wörlitz. Berlin 1996.

Leistungsfähige Architektur

Es gibt keine feudalistische oder demokratische Architektur; es gibt nur leistungsfähige oder miese. Leistungsfähig ist sie dann, wenn sie einen Lebensraum in Formen und Vorstellungen möglichst umfassend definiert. Solche Architektur ist auch dann leistungsfähig, wenn sich ihre Nutzer mit den zugrunde gelegten Formen und Vorstellungen nicht identifizieren, aber sich ihnen zu konfrontieren gezwungen sind; sonst wären Architekturen schon innerhalb einer Generation dem Verdikt verfallen, historisch überholt zu sein.

Aus: Bonner Erscheinungsschwäche als Architektur. Gute Beispiele verderben die Nachahmung. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990. 

Ungeheuerlichkeiten der Vernunft

Nicht der Schlaf der Vernunft gebiert hier jene Ungeheuerlichkeiten, von denen wir die Historiker gern erzählen hören; die historische Imagination konfrontiert uns mit den Ungeheuerlichkeiten der Vernunft, wo sie sich selbst als eine letzte Größe und Macht ins Werk zu setzen versucht.

Aus: Wörlitz als Modell für das Gedächtnistheater des 20. Jahrhunderts. In: Weltbild Wörlitz. Berlin 1996.

Postmoderne

Postmoderne und Posthistorie sind Gegenwarten, in denen eine Vielzahl von Vergangenheiten und Zukunftserwartungen gleichzeitig und nebeneinander wirksam werden. Sie sind gerade nicht die Verabschiedung der Geschichte, sondern die Erscheinung der Geschichte als Gegenwart. So viel Vergangenheit und so viel Zukunft war nie – das markiert unser Entwicklungsniveau.

Aus: Zeitkrankheit. Therapie: Chronisches Warten. In: Der Barbar als Kulturheld. Köln 2002.

Was wir eigentlich erinnern, sind nämlich unsere Vorstellungen von den historischen Ereignissen und nicht sie selbst.

Aus: Wörlitz als Modell für das Gedächtnistheater des 20. Jahrhunderts. In: Weltbild Wörlitz. Berlin 1996.

Urbanität durch Rezeptionsarbeit

Wir übten dann in der Begehung der Stadt den Balanceakt zwischen der Häßlichkeit des Schönen, das uns unser Denken und Fühlen zu Stein werden lässt und uns zu der Einsicht zwingt, noch so vollkommen und schön gestaltete Architektur bleibt nichts als tote Materie, solange wir sie nicht durch unser Denken und Fühlen mit Bedeutung zu beleben vermögen. Von dem Fragmentarischen und Ruinösen, dem Unvollkommenen und Provisorischen werden wir aber sehr viel Intensiver und auch leichter zur Entwicklung eben dieses Bedeutungsgefüges veranlaßt.

Aus: Im Gehen Preußen verstehen. Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination. Ausstellungskatalog 1981.