Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Neu macht Alt

Das Alte ist das längst bis zum Überdruß Vertraute; das Alte ist so konventionell oder redundant geworden, daß es uns kaum noch auffällt und wir es demzufolge auch kaum noch wahrnehmen. Man hat sich angewöhnt, das Neue als das Moderne anzusprechen – und wer kann sich leisten, nicht modern sein zu wollen oder nicht als modern zu gelten.

Aus: Wer neu sein will, muß das Alte ehren.

Versicherung

Denn nur solches Neues zwingt uns überhaupt von den Traditionen zu sprechen, ja sie aus Angst vor dem Neuen immer erneut erst zu bilden, und zwar als in der jeweiligen Gegenwart wirksame Kräfte.

Aus: Problemhorizonte. In: Kritische Theorie und Kultur. Berlin 1989.

Wenn mehr oder weniger zu allen Zeiten mit der Unterscheidung von neu und alt, von modern und traditionell gearbeitet wurde, kann die Forderung nach Modernität und Neuheit nicht eine spezifische Kennzeichnung unserer Moderne sein. Wir haben es vielmehr mit allen Menschen eigentümlichen Formen der Wahrnehmung zu tun. Immer schon waren Menschen mit neuen Situationen konfrontiert, die sie als fremd und deshalb bedrohlich einschätzen mußten. Heute wird das Neue z.B. als künstlerische Avantgarde geradezu mit dem befremdlich Unverständlichen gleichgesetzt, das verunsichert und Angst macht. Aber wer die Unsicherheit und Angst aushält, verschafft sich einen Vorteil gegenüber denen, die die Flucht ergreifen oder riskieren im Kampf gegen das Fremde beschädigt zu werden.

Aus: Uchronische Moderne. Zeitform der Dauer. In: Formen interaktiver Medienkunst. Berlin 2001.

Das Publikum verlangt von den Künstlern, daß sie innovativ seien. Die Kreativität der Künstler müsse sich darin beweisen, etwas Neues zu schaffen. Wie aber soll man Kunstwerke oder Leistungen in anderen Bereichen als neu, gar als völlig neu erkennen können, wenn man sich dabei nicht auf das Alte bezieht?

Aus: Wer neu sein will, muß das Alte ehren.

Die Ahnung der Alten

Als freigesetzte Senioren kommen gerade sie in Frage, um ein professionalisiertes Publikum zu bilden – mithin sind sie die eigentliche Hoffnung für Künstler, die ein solches Publikum brauchen: Leute, die ihnen Fragen stellen, die Forderungen vorbringen, die konstruktiv kritisieren usf.

Aus dem Ausstellungskatalog: Die Macht des Alters. Köln 1998. 

Wenn prinzipiell gilt, daß das Neue nur mit bezug auf das Alte zu bestimmen sei, dann gilt in der Kunst, daß die Leistungen der Neuerer, der Avantgardisten, darin beurteilbar sind, in welchem Maße sie uns veranlassen, das vermeintlich Alte, Bekannte, Traditionelle auf neue Weise zu sehen.

ebd.

Ein Blick in die Historie lehrt, daß es im Grunde noch nie einen nennenswerten Einfluss der Jungen auf die Zukunft gegeben hat, weil ihnen naturgemäß die wichtige Erfahrung des Scheiterns fehlt, eine Erfahrung, aus der man Kontrolle und Entscheidungsfähigkeit herleiten kann.

ebd.