Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Scheitern als Vollendung

Tertium Datur

Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme.

Aus: Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990. 

Scheitern lernen

In gewisser Weise ist das Scheitern immer lehrreicher als das bravouröse Gelingen, woraus man allerdings nicht mehr, wie noch im neunzehnten und gewissen Perioden des 20. Jahrhunderts den Schluß ziehen darf, jene hätten recht gehabt, die ihr Scheitern zum Selbstopfer vorantrieben.

ebd.

Scheitern ist ohnehin die einzige Form des Gelingens unter Künstlern: man scheitert, indem man die Bewegung mit seinem Verzicht aus Ruhmeswünsche und Museumsewigkeiten trägt – so wie die christlichen und islamischen Märtyrer, die als Verlierer kaputtgehen; man trägt die Kunst über die Schwelle des Jahrtausend, imdem man sich als derjenige deklariert, der es nicht geschafft hat, weil er zu klein, zu dumm, zu beschränkt, zu chancenlos usf. ist.

Aus: Wie die Kunst wirksam wird...

Problemgemeinschaft

In den Beziehungen zwischen den Multikulturen ist die kulturelle Identität, die meistens ja nur die vielfältigen sozialen Ungleichheiten in den Gruppen verbrämt, keine Gewähr für gewaltfreie Sicherung von Verbindlichkeit. Die Kultur diesseits des Ernstfalls zu etablieren scheint nur aussichtsreich, wenn das Bindungsverlangen der Menschen nicht mehr über Ausgrenzung noch so berechtigter Autonomieansprüche läuft, sondern über die Gemeinschaft einer ganz anderen Qualität als sie bisher gegeben war. Was wir in Zukunft gemeinsam haben werden, was uns einigermaßen verlässlich aneinander zu binden vermag, sind nicht mehr Glaubensansätze, Programmatiken, Weltbilder, Evidenzerlebnisse oder auf andere Art begründete Wahrheitsansprüche, sondern Probleme, bösartige, weil nie prinzipiell lösbare Probleme, vor allem solche, vor die uns das Überleben der gesamten Gattung stellt.

Aus: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Schock

Die Schocktheorien kommen meines Erachtens durch eine ganz andere Erfahrung zustande. Der Kunst war bis zu Beginn dieses Jahrhunderts mehr oder weniger ihre Autonomie zugestanden worden, allerdings nur um den Preis ihrer Funktionslosigkeit. Die Künstler, nicht das Publikum, erlitten einen Schock, als sie feststellten, wie wenig diese erworbene Autonomie eigentlich wert war.

Aus: Selbstverwirklichung ist das Ideal von Vollidioten. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Die Experten werden sich von Problemlösern zu Problemfindern zu entwickeln haben, die unnachgiebig darauf bestehen, daß auch die großartigsten Problemlösungen des bisherigen Verständnisses nur um den Preis funktionierten, den Menschen neue Probleme auf den Hals zu holen, zumeist größere Probleme als die man gelöst zu haben versprach.

Aus: Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Auch der Kunstmarkt bestätigt die Logik aller Märkte ungezügelter Raubtierökonomie: durch Erfolg zerstört.

Aus: Wer zahlt, braucht keine Argumente. In: art. Das Kunstmagazin. 1/1989.