Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Fiktive Kulturgeschichte

Krieg der Zeichen

Die Aktualität des Ästhetischen lässt sich auch an der Beobachtung des Krieges der Zeichen festmachen. Der Krieg der Zeichen ist ein zentrales Moment, das wir an subkulturellen Auseinandersetzungen erkennen, denn aus dem Bereich der Hochkultur in die Subkulturen stammt die bellicose Struktur, die in unserer Kultur die grundlegende Art der kriegerischen Auseinandersetzung zur Geltung kommen lässt.

Aus dem Vortrag: Die Aktualität des Ästhetischen. Veranstalter: Stiftung Niedersachsen. Hannover 1992.

Deutsche Krankheit

Diese „deutsche Krankheit“ hat sich in unserem Jahrhundert weltweit verbreitet: in der Sowjetunion Stalins oder im Kambodsche des Pol Pot, im ehemaligen Jugoslawien oder in Maos China. Und die Therapie? Seit der Erfindung der Pockenimpfung und der Homöopathie heißt sie eben „aktive Immunisierung“; seit Nietzsche heißt sie „Therapie durch Symptomverordnung“.

Aus: Den Teufel mit Beelzebübchen austreiben. Symptomverordnung als Therapie. In: Deutschlandbilder. Köln 1997. 

Die kürzeste Kennzeichnung des Deutschsein bekundet wohl das Verlangen der Deutschen, von allen geliebt zu werden. Und wenn wir sagen „alle", meinen wir damit die ganze Menschheit! Das Prinzip des Deutschseins definiert sich über den term „deutscher Radikalismus“. Radikalismus bzw. Radikalität beziehen sich auf das lateinische Wort radix (=Wurzel), und wenn wir die Redewendung „zurück zu den Wurzeln“ verwenden, ist damit immer auch „entwurzeln“ oder „ausrotten“ gemeint. Und das muß man wörtlich nehmen, denn eine weitere Voraussetzung des Deutschseins sind Buchwissen und Buchstäblichkeit. Die Deutschen glauben nämlich, daß das real ist, was sie benennen können; daß in der Wirklichkeit existiert, was einen Namen hat, auch wenn es eigentlich ein abstrakter Begriff ist. Bei solchen „Realismus“-Vorstellungen hatte die Aufklärung natürlich keine Chance. Das Deutschsein wird also erfahren als Suche nach den Wurzeln, den Ursprüngen, um sie auszureißen, und als unverbesserlicher Glaube an das wortwörtliche Verständnis von Aussagen.

Aus: Das Deutschsein des Deutschen Designs. In: Szenenwechsel. German Design goes Rocky Mountain High. Frankfurt a.M. 1997.

Ihr Hermetismus entspringt nicht mutwilligem Budenzauber oder überweltlicher Verklärung, sondern der prinzipiellen Differenz und unauflösbaren Nichtidentität von Inhalt und Form, von Vorstellung und Ausdruck, von Anschauung und Begriff.

Aus: Problemhorizonte. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990. 

Wirksame Geschichtsschreibung als Entwicklung jeweils zeitgemäßer Sichten auf die Historie stützt sich auf die Fähigkeiten der Touristen, durch ihr Interesse die Bedeutung heschichtlicher Ereignisse für ihre eigene Gegenwart zu bekunden. Die Kulturtouristik führte den Historikern ihr Publikum zu.

Aus: Tourismus und Geschichte. In: Skål International. Magazin 4/95.

Katalog als Trage-, statt, als Trainingsobjekt

Die heutigen Adressaten reagieren auf jede Art von Hintergrundbestimmung eines Aussageanspruchs von Künstlern ziemlich unwirsch; sie benutzen Kataloge beispielsweise nur noch als Anfaß- und Trageobjekte, wobei die Kataloge auch bewußt so angelegt werden, daß sie nur noch als Tast- und Aneignungsobjekte, aber nicht mehr als Lesebücher verwendet werden.

Aus: Selbstverwirklichung als Ideal von Vollidioten. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Unsere Straßen und Plätze sind bloßes Niemandsland, Packhalden der um sie herum wahllos aufgestellten Betonsilos, Lagerbaracken, Garagen und jämmerlichen Bauhausungen, die wir aus Mangel an Phantasie und historischer Kenntnis als Häuser bezeichnen.

Bildalphabetisierung

Je mehr wir der Welt nur noch über die Vermittlung von Bildern teilhaftig werden können, desto auffälliger wird unser Bildanalphabetismus. Vor rund 200 Jahren lernte man, daß die Entwicklung moderner Gesellschaften davon abhing, wie gut jedermann lesen, schreiben und rechnen lerne. Per Schulpflicht wurde man gezwungen, sich diese Kulturtechniken anzueignen. Heute wäre es angebracht, die Menschen zur Aneignung der Bildsprachen zu verpflichten, damit sie in der Bilderflut nicht untergehen oder trotzig auf einem ideologischen Weltbild beharren.

Aus: Warum noch Kunst? In: Der Barbar als Kulturheld. Köln 2002.

Fakes sind Fälschungen, die darauf abzielen, als solche erkannt zu werden, um unsere Wahrnehmung an den minimalsten Differenzen zwischen Original und Nachahmung zu schärfen – allerdings unter der anspruchsvollen Voraussetzung, daß es für sie keine Originalvorlagen gibt, sondern daß der Fälscher eine originale Fälschung leistet, also doch ein Original und keine Fälschung produziert. Aufklärung über unsere Vorurteile ist immer zugleich als Demonstration der Täuschung und erkenntnisstiftenden Enttäuschung angelegt; deswegen ist man sehr häufig enttäuscht über das, was banalerweise herauskommt, wenn man Täuschungen durchschaut.

Aus: Fake – Fälschung – Täuschung. In: Der Barbar als Kulturheld. Köln 2002.

Das überaus Bedeutsame an Adornos ästhetischer Theorie liegt, zumindest von heute aus gesehen, darin, daß Adorno Theoretisieren als Thematisieren und nur als solche begründete.

Aus: Nur das Unwahre ist als solches noch wahr... In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.