Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken

Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte. Lock-Buch Bazon Brock, gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken | Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Baustelle. Den Plan des Baus, der nie fertig wird, nennt man Biographie. Inzwischen ist jedermann biographiepflichtig – Selbst bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz hat man vorzulegen, auf welchen Plan des Lebens man sich verpflichtet. Man entwickelt seine Biographie mit Blick auf die Zukunft, auf die Erwartungen hin, die man bei anderen zu wecken versucht. Man nährt diese Erwartungen aufs Kommende durch Hinweise aufs Gewesene, auf die eigenen Werke und Tage.

Aus dem Logbuch wird so ein „Lockbuch“.

Das LOCKBUCH BAZON BROCK schließt einen Lese-Zirkel zwischen Brocks Arbeit als auffälliger Zeitgenosse, als Akteur der Kulturszene seit Ende der 5oer Jahre und den Fragen, die er provoziert. Wie er wurde, was er ist: weder Wissenschaftler noch Künstler, weder Lehrer noch Lenker - eben ein typischer Navigator zwischen schöpferischer Kulturbarbarei und der Ästhetik des Unterlassens.

Lock Buch Bazon Brock.

Präsentiert in Bilderbögen und Textpfeilen
von Helmut Bien, Gertrud Nolte, Anna Steins und Fabian Steinhauer

Rat und Tat zur LebensArt

Meine Heiligung der Filzpantoffel bedeutet nicht „nichts tun“, sondern „nicht tun“. Es handelt sich um eine Ästhetik der Unterlassung

Aus: Wohin führt der lange Marsch? Die politische Erwachsenenbildung der 68er. Gespräche. Frankfurt a.M. 1996. 

Und mit ihm lehnten sich die Großdenker der Eigentlichkeit, die Schlachtenlenker des totalen Krieges, die Richter der Glaubenstreue, die Zuchtmeister der Menschenveredelung und die Exekutivdirektoren der Ausrottung in die mit Häkedeckchen geschmückten Garnituren bürgerlicher Gemütlichkeit zurück, um mit Verachtung über die Seinsvergessenheit ihrer Zeitgenossen Stammtischkommentare abzugeben, die sie als Wissenschaft tarnten.

Aus: Der Teufel steckt zwar im Detail, Satan aber im System der Ernstfalldenker. Im Ausstellungskatalog zur documenta 8. Kassel 1987. 

Negative Affirmation 

Bei der Pop Art mußte man ständig damit rechnen, daß man es (...) nicht mit bejahenden Überhöhungen der Reklamewelt zu tun hatte, sondern daß das negative Affirmationen waren, also Eulenspiegeleien, Nietzscheaden oder Scheijkladen, die durch hundertfünzigprozentige Übererfüllung eines ideologischen Anspruchs diesen in sich zusammenkrachen ließen.

Aus: Selbstverwirklichung als Ideal von Vollidioten. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Die sensationellste Leistung einer Gesellschaft besteht nicht mehr im Erleben von Sonderereignissen, sondern in der Akzeptanz des Alltäglichen.

Aus: Ästhetik als Vermittlung. Köln 1977. 

Motiv der Moderne

Man kann Baudelaire, Nietzsche, Wilde nicht nur für die eine Seite in Anspruch nehmen, um sich gegen die andere abzusetzen. Beide Seiten in jedem Künstler zugleich zu sehen, ist aber nur möglich, wenn man ihre Positionen nicht als Handlungsanleitungen zur Therapierung der Welt und der Menschen durch künstlerische Optimierung, sprich Veredelung des Vorhandenen, überführt – sie taugen nur für das Gegenteil, nämlich zur Thematisierung und Problematisierung noch der edelsten Ziele, dauerhaftesten Ideen und selbstverständlichsten Wahrheiten. Das ist das zentrale Motiv der Modernität, darin liegt ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft.

Aus: Genie und Wahnsinn. Therapie durch Kunst. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. 

Sobald sich jemand an Rezepte und Empfehlungen hält, beginnt das Elend. Das liegt nicht an den Konzepten. Wenn sämtliche Vorschläge zur Verbesserung der Welt von Jesus Christus stammen würden, wäre der Totalitarismus genauso stark, wie er historisch gewesen ist.

Aus: Wer nicht über sich selbst spricht, hat nichts zu sagen. In: Der Barbar als Kulturheld. Köln 2002.

Lüge

Wir wissen, daß wir erst dann in vollem Umfang über unseren Weltbildapparat verfügen können, wenn wir (als Kinder) die Erfahrung gemacht haben, daß wir lügen können.

Aus: Selbstverwirklichung als Ideal von Vollidioten. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Offene Zukunft

Ob man nun kontrafaktisch hofft oder die Lage realistisch einschätzt, läuft in der Konsequenz auf dasselbe hinaus; flüchten oder standhalten sind keine Alternativen mehr. Die Hoffnung, wir würden es am Ende doch noch packen, bleibt so spekulativ wie die Auffassung, es sei doch nichts mehr zu machen.

Aus: Zeitgeist und Spaß. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990.

Künstler sind beispielhafte zeitgenössische Individuen, an denen immer mehr Menschen ihren eigenen Anspruch auf Indiviualität orientieren. Also: lernen wir von den Künstlern, wie man in seiner Tätigkeit Leben und Arbeiten sinnvoll zusammenbringt.

Aus der Einleitung des Ausstellungskatalogs: Die Macht des Alters. Köln 1998.