Laudatio von Prof. Dr. Bazon Brock für Udo Lindenberg

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Laudatio von Bazon Brock auf Udo Lindenberg. Der als erster Rocker zu Recht einen Lyriker-Preis, nämlich die Carl-Zuckmayer-Medaille, verliehen bekam am Donnerstag, 18. Januar 2007, Großes Haus des Staatstheater Mainz.

Udos Entdeckung des „pan panicus“. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.

Lieber Herr Ministerpräsident Beck! Lieber Udo! Mit Hinweis auf deine eben erwähnte Revue „Dröhnland“ begrüßen wir unter Deinen Gästen ganz besonders die isländische Repräsentantin der Staatlichen Beauftragten für das Elfenwesen, Frau Inga Svala Thorsdottir! Und mit Hinweis auf Deine uns vor Augen stehende Chinatour begrüßen wir unter uns einen der großen Synoptiker der chinesisch-europäischen Parallel-Geschichte, Dr. John Zhou! Zhou wurde 1956 geboren und erhielt den sprechenden Taufnamen „Der, der den Westen überholt“; wobei Westen im Chinesischen durch den Vornamen „Ling“ repräsentiert wurde. „Ling“ bedeutete in der damaligen Zeit noch „Engländer“, wobei also heute der Fortschritt daran abzulesen ist, dass der Westen nicht mehr durch Engländer repräsentiert wird.
Auch Udo Lindenberg steht in der langen Tradition der Voraus- und Zusammenschau, also in derjenigen Tradition, die Synkretismus genannt wird. Die großartige Fähigkeit zum Synkretismus hat Udo Lindenberg wieder aufgenommen und der heutige Tag ist dafür ein wunderbarer Beleg. Manifest wird ja, dass die himmlischen Sphären sich melden und wir zum einen den heutigen Orkan als Schnauben von Zeus deuten können, um zum anderen auch eine Rückmeldung von Udos Vater Gustav wahrzunehmen. Offenbar machen sich hier für Udo – wie Zeus mit seiner Hera – Gustav mit seiner Frau, also Udos Mutter Hermine, bemerkbar. Es bleibt aber nicht bei der Anrufung des großen Paares, das alle seine Aktionen begleitet hat. Für Udo ist der Synkretismus dann erfüllt, wenn es ihm gelingt, Gustav Heinemann und Wilhelmine Lübke als Götterpaar der Bundesrepublik Deutschland oder Johannes Rau (Versöhnungspräsident) und Fritz Rau (Udos Konzertagent) als den Täufer und den Verkäufer miteinander in Einheit zu bringen. Udo ist im altgriechischen Sinne tatsächlich ein Lyriker. Das ist ein Mann, der zur Lyra singt und in einer bestimmten Hinsicht auf das verweist, was auf den großen Bühnen, der Skene oder der Orchestra, vor sich geht: die Götter- und Heldengesänge einerseits und das Treiben des niedrigen Volkes andererseits. Der Herr dieses Treibens war Dionysos. Ihm galt das Niedrige, das Ekstatische, das Sinnenfreudige als das eigentlich Interessante, genau wie unserem Preispatron, dem pfälzischen Dionysos Zuckmayer. Udo benutzt seit längerem das Epitheton ornans „Udonysus“ für sich. Er figuriert als Udonysus, dem Apoll gegenüber steht, der für die Helden- und die Göttergesänge zuständig ist. Udo Lindenberg hat stets beide Seiten des großen Gesangs, das Apollinische und das Dionysische, zusammengebracht. Synkretismus heißt ja syn, zusammen zur Geltung zu bringen, kratein bedeutet, sich durchzusetzen im Sinne von bestimmender Herrschaft. Synkretismus meint also das Zusammenzwingen und das Zusammenfügen eben der Täufer und der Verkäufer oder von Gustav Heinemann und Wilhelmine Lübke. Er war immer zugleich ein apollinischer Politprogrammatiker und ein dionysischer Ekstatiker des großen Rausches. Einerseits war er ein Avantgardist der plugged musicmachines und andererseits der unplugged emphatischen oder auch empatischen Versunkenheit und Selbstaufgabe. Er war immer ganz kalter Profi und ganz heißer, verlangender Liebhaber. Er ist Synkretist und ich würde behaupten, dass der Synkretismus die einzig ernst zu nehmende Geisteshaltung in der Gegenwart darstellt. Das gilt nicht nur für solche Positionen wie Herr Dr. Zhou sie für den Synkretismus von Konfuzianismus des Ostens und posthistoire des Westens zur Geltung gebracht hat, sondern im gesteigerten Maße für den Synkretismus Zuckmayers im Sinne einer vorgegebenen Einheit, die er „Ruck-Zuck“ nannte; so hat er sich selbst mit dem Kurznamen „Zuck“ rufen lassen. Ruck heißt auf Englisch „Rock“. Wir haben es also im „Ruck-Zuck“ nicht nur mit der Erfüllung einer bundespräsidialen emphatischen Aufforderung, – es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen – zu tun, sondern mit der Tatsache, dass einer mit „Rock“ durch die Republik geht. Leider trägt Angela Merkel meistens Hosen, ist also keine Erfüllerin dieses bundespräsidialen Wunsches. Der Rock aber geht dennoch durch Deutschland und zwar als Udo’scher „Rock-Zock“. Zuckmayer hat in vielerlei Hinsicht mit seiner grandiosen Autobiografie, „Als wär's ein Stück von mir“, vorgegeben, was sich meines Erachtens nur in zwei weiteren Fällen erfüllt hat: einmal im Werk von Walter Kempowski und einmal im Werk von Udo Lindenberg. Diese Nähe zwischen dem Literaten Walter Kempowski und dem Lyriker Lindenberg ist im Übrigen nicht zufällig gewählt. Man kann das Zuckmayer’sche Entwicklungsschema des Verhältnisses von Musik und Literatur bis hin zum Beispiel Wolf Biermanns weiterverfolgen, der in der Musik ungefähr die Position von Günter Grass vertritt. Ein dritter Musiker im Bunde wäre dann Rio Reiser, gleichsam der Martin Walser der Musikszene. Diese Parallelen zwischen dem Schaffen als Schriftsteller und als Musiker stehen vielleicht nicht jedem klar vor Augen. Zuckmayer war ein genialer Musiker. Dieser Sachverhalt fließt als eine Haltung in seine Literatur ein, so dass man gelegentlich meinen könnte, man hörte den Lyriker Udo Lindenberg:
„Wir saßen in der Propellerbar, bis in den frühen Morgen, er unterhielt meine Mutter mit Anekdoten, sie hat in dieser Nacht wirklich nicht mehr an Hitler gedacht. Ich nahm seine Gitarre und sang meine Cognaclieder.“
(gemeint ist das Fliegerass Udet, Vorbild von „Des Teufels General“)
Zwar stammen diese Sätze von Zuckmayer, könnten aber genauso in der Lindenberg-Biografie „Panikpräsident“ von Kai Hermann stehen. Old Shatterhand-Zuckmayer hat an die Wand ein „Menetekel mit Verstand“ für Old Schattenhand-Udo geworfen. Es ist frappierend, in welch hohem Maße zwischen Zuckmayers „Als wär's ein Stück von mir“ und Lindenbergs großer Biografie „Panikpräsident“ sich die Formen des Synkretismus parallel entwickeln: „Cognaclieder“ synchron zu Udos „Likörellen“. Darüber hinaus lassen sich Zuckmayers bekannteste Stücke unmittelbar mit Udos Rock-Topoi kennzeichnen; etwa Zuckmayers „Katharina Knie“ als „Katharinas Knie“, oder „Der fröhliche Weinberg“ als Udos „Fröhlicher Tränenberg“ oder der „Schinderhannes“ als Udos Schmähnamen bei den Konzertproben, wo man Lindenberg als „Nervenberg“ stigmatisierte. Die Parallelläufe in den Titeln sind auffallend: „Des Teufels Generaldirektor“, eine grandiose Nummer von Udo, analog zu Zuckmayers „Des Teufels General“. Von heute aus gesehen können beiden Autoren synkretistisch kooperieren und uns damit als Summe dieser Haltungen etwas Erschließendes bieten: die Menetekel an der Wand sind wirklich als „meene Theke“ zu deuten. Man denke an W. H. Audens große gestische Darstellung, die als „Zeitalter der Angst“ in einer Bar spielt oder man denke an Edward Hoppers berühmtes Gemälde, die „Nighthawks“, ebenfalls in einer Bar situiert. Das Menetekel an der Wand heißt bei all diesen Autoren „meene Theke“, also Altar der unstillbaren Melancholie. Aus dieser Haltung, Menetekel an der Theke zu realisieren, ergibt sich dann tatsächlich das, was mit dem Begriff „Panik“ gemeint ist. Damit komme ich zu den großartigsten Vorgaben, die Udo Lindenberg für die Entwicklung eben dieser synkretistischen Geisteshaltung von der Moderne bis zur Postmoderne, vornehmlich der Bundesrepublik, gestiftet hat. Diese Haltung hat sich von den USA über Frankreich inzwischen bis nach China verbreitet, wie Dr. Zhou nachgewiesen hat. Sie fußt in der Erkenntnis, dass wir von Natur aus homo oder pan panicus sind. Udo Lindenberg hat zur anthropologischen Parade von Menschheitstypiken wie homo politicus (Aristoteles), homo ludens (Johan Huizinga), homo oeconomicus (Max Weber), homo sacer (Giorgio Agamben), homo necans (Walter Burkert) eine weitere Ausprägung der menschlichen Grundhaltungen hinzugefügt, die von Anthropologen, Psychologen, Soziologen als homo panicus ernsthafter Untersuchung gewärtig sein kann: pan, – im Slawischen „Herr, Mensch“, ein Gruß nach Drüben in die Nation der Toten, deren Ritualdirektor Pan Tadeuz Kantor Udo einen Ehrenplatz in der ersten Reihe der „Toten Klasse“ anweisen wird. Zu erkennen, dass Menschen Blutopfer zelebrieren (h. necans), dass sie das nackte Leben auf das Heiligste und das Teuflischste verweist (h. sacer), dass sie sich sozial organisieren (h. politicus), dass sie Vorratswirtschaft treiben (h. oeconomicus), dass sie spielen (h. ludens) war aller Ehren und Mühen wert. Und soweit Menschen diese ihre Grundkonstitutionen kennen, sie als homo sapiens sapiens zu klassifizieren, hat sich bewährt. Homo sapiens ist der zur Nutzung von Unterschiedsklassifikationen Fähige. Die Grundform des Unterscheidens ist der Geschmackstest „Genießbar/Ungenießbar“ (sapere/sapientia als „Schmecken“ und Wissen um den Unterschied von giftig/ungiftig, roh/gekocht, verdaubar/unverdaubar etc.). In der anthropologischen Typologie, die Peter Sloterdijk um den homo iactans (den Distanzwaffenerfinder) erweiterte, fehlt die Kennzeichnung eben jener erworbenen menschlichen Fähigkeit, in der allseits lebensbedrohlichen Welt dennoch den nötigen Lebensoptimismus zu entwickeln. Udo beantwortet mit seiner Ausprägung des homo panicus die rührende alte Frau:
„Ich bin und weiß nicht wer. / Ich komm' und weiß nicht woher. / Ich geh', ich weiß nicht wohin. / Mich wundert, dass ich so fröhlich bin!“.
Der Paniker ist also nicht im Sinne eines Spektakelanspruchs gekennzeichnet, also als Event- und Festivalmonster, sondern demonstriert in fortdauernder Korrespondenz von Hoffen und Fürchten ein menschliches Grundmotiv. Denn wenn wir überleben wollen, müssen wir alle Paniker sein. Das Menetekel ist die Frage: Wie kann man in der fürchterlichen Welt seinen Optimismus für das Leben begründen? Gewiss nicht nur durch die Naivität von schönen Bildern, weder durch Schönrednerei, noch durch Parlamentsbeschlüsse, von denen jedermann weiß, dass sie Papier sind und verrauschen. Die einzige Form, vernünftig, unwidersprechbar, unwiderlegbar Hoffnung zu begründen, ist die radikale Kritik. Man muss sich das so vorstellen: Vor 50.000 Jahren saß ein kleiner Trupp Menschen, 12 Frauen, 16 Kinder und ungefähr 12 bis 20 Männer zwischen 13 und 25 Jahren in einer Höhle. Es knurrte der Magen, es musste etwas beschafft werden, was das Leben im großen Metabolismus bewahrte. Man musste die schützende Höhle verlassen. Der einzige Weg, um überhaupt die geringste Chance zu haben, wieder nach Hause zurückzukommen, war, vorherzusehen, vorwegzunehmen, sich vorzustellen, was alles passieren könnte. Wenn das der Älteste der Gruppe, der 25-Jährige mit den 13- bis 24-Jährigen durchgespielt hatte, bestand erst eine Chance zu sagen: Wir können es schaffen, denn wir haben uns durch die Antizipation des Schreckens, durch das Vorstellen alles dessen, was uns drohen könnte, durch das Vorausleiden und das heißt auf Deutsch „Empathie“, durch das Vorauserfahren gefeit, gegen das, was wirklich entgegensteht. Zu dieser Zeit begann sich die anthropologische Haltung des pan panicus zu entwickeln. Es gibt nur eine vernünftige Begründung von Optimismus und das ist der radikale Pessimismus des alarmistischen, angstgeschüttelten Menschen. Man findet das natürlich auch in der Form der gesundheitsfördernden Hypochondrie. Hypochonder sind diejenigen, die bekanntlich nicht vor dem 94.-96. Lebensjahr abtreten, aber vom 12. Lebensjahr an pausenlos unter den Vorstellungen litten, dass sie gleich an irgendwelchen äußerlichen Gefahren zugrunde gehen würden. Warum überleben sie? Weil sie ständig vorauslitten, vorausnahmen, voraussahen (pro-videre) und Krankheitsprovision (gewährte Rücksichtnahme) einstrichen. Der pan panicus, der homo panicus, den Udo Lindenberg als „Panikpräsident“ repräsentiert, ist eben jener, der alle Schrecken der modernen Zivilisation, alle Schrecken der auseinander fallenden Gesellschaften, alle Schrecken der Egoismen, der Brutalitäten, der Grausamkeiten durchspielt, um sich gegen sie zu feien. Man sitzt als Maus im Kino, um auf der Leinwand zu sehen, wie die Katzen ihr Spiel treiben und erhöht dadurch die Chance, dem überall auflauernden Kater zu entkommen; soweit die berühmte Legende zu den Tom & Jerry-Filmen. Ganz großartig ist es, wie Udo Lindenberg diesen anthropologischen Mechanismus der begründeten Hoffnung auf die radikale Vorwegnahme des Schreckens mit dem berühmten Titel „Alles klar auf der Andrea Doria“ darstellt. Der Panikmeister versichert: Wenn das Schiff sinkt, haben wir alles Griff. Keine Panik, – Frauen zuerst, bei gleicher Qualifikation wie Männer. Durch Antizipation des Schreckens schaffen wir es, dem schaudervollen Wirken der Eisberge zu entkommen. „Alles klar auf der Andrea Doria“ ist eine Versicherung gegen den Alarmismus und die Panikmache. Aber nicht deshalb, weil man naiv ist oder real bestehende Gefahren verleugnet, sondern weil man dem Grauen ins Gesicht gesehen hat, weil man weiß, was da kommt, weil man das alles in sich aufgenommen hat und sich durch nichts mehr erschrecken lässt, nicht mal mehr durch die nackten Tatsachen des nackten Lebens. Meine Großmutter pflegte zu sagen: „Du sollst Deine Großmutter nicht durch Deines Leibes Blöße erschrecken. Sie kennt dergleichen.“ Das ist eine Udo Lindenberg’sche Haltung, das ist die Position des pan panicus. Lindenberg hat er eine ganze Gattungsgeschichte von pan panicus-Repräsentanten entwickelt: „Bodo Ballermann“, – genial, „Jonny Controlletti“, – eine großartige Nummer. Herr Ministerpräsident Beck sollte Jonny Controlletti als Anwärter auf das Finanzministerium für sein Kabinett nominieren. Oder denken wir an „Rudi Ratlos“, den es hier in Rheinland-Pfalz schon als „Rudi Radler“ gegeben hat (eine der großartigsten Karrieren von BRD-Politikern: vom Vorsitzenden der SPD und Ministerpräsidenten zum Obersten Radsportler, nur denkbar durch Panik-Doping). Unübertroffen sind Lindenbergs Vokallyrismen, „Gabi Blitz“, „Elli Pirelli“, „Raue Eminenz“, „Carl Brutal“, „Kosten Köster“, „Der erweiterte Erwin“, „Weise Meyse“, „Medici Römmelt“. Und schließlich wurde auch Peter Pan genial aufgenommen, als „Peter Pan-ik“. Lindenberg versammelt eine großartige Gesellschaft der Paniker, die Vertrauen verdienen, weil sie alles das radikal-kritisch in Frage gestellt haben, was andere zu verdrängen, zu verdrehen, zu verleugnen oder zu hinwegzuzaubern versuchten. Udos Figuren verkörpern die Erkenntnis der Realitäten, nämlich die Erfahrung der hohen Macht der Ohnmacht und der Ohnmacht der Macht. Real ist nur das, worauf wir keinen Einfluss haben, und Realist ist nur, wer an Wunder glaubt – alles andere ist Psychiatrie. In diesem Sinne ist Udo Lindenberg einer der großen Therapeuten der Bundesrepublik. Soweit zum ersten Kreis der Läuterung von Lindenbergs musikalischen Inferno zur Aufklärung.
Herr Wittgenstein, bitte auf die Bühne!
Udos größtes Verdienst indessen, so meinen die Besten unter uns, besteht darin, die deutsche Sprache singbar gemacht zu haben. Er hat damit die Bundesrepublik von der in den 50er und 60er Jahren vorherrschenden Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins befreit. Wittgenstein behauptete: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Diese philosophische Krampferei war natürlich allen willkommen, die ab 1945 gerade zum Schweigen Zuflucht nahmen. Deshalb stieg Wittgenstein mit seiner Philosophie keineswegs grundlos für die einen zum Heros auf, während er für andere zugleich zu einem Antipoden der Frankfurter Schule geworden ist. Er lieferte den Deutschen die meistzitierte Sentenz mit Tiefsinnanspruch. Man hat vermutet, dass nach Kants „Was Du nicht willst, das man Dir tue, das füg’ auch keinem andern zu“ das Wittgenstein’sche Diktum „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“ zum höchstrangigen philosophischen Kalenderspruch wurde. Dann trug sich Udo mit seinem ontologischen Gebot „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man eben singen“ ebenfalls in den Kalender ein. Man muss sich die Dimension dieser Aussage klarmachen. Von der Naturgeschichte her ist Singen das Verfahren, Menschen in Gruppen zu synchronisieren. Diese Mitschwing-Gemeinschaften sichern die Parallelaktionen der Hirne und ermöglichen so die Synchronisierung innerhalb der verschiedensten Ziele von Gruppenmitgliedern in der breiten Spanne zwischen Hoffen und Fürchten. Unübersehbar ist die unglaubliche Bedeutung, die etwa der protestantische Kirchengesang für die Durchsetzung der lutherischen Revolution gehabt hat. In ihr spielte Paul Gerhardt mit seinen Liedern eine entscheidende Rolle, weswegen man ihn als den wirkmächtigsten Lyriker aller Zeiten bezeichnet hat, auch wenn es lange dauerte, bis man Paul Gerhardt („Eine feste Burg ist unser Gott“) überhaupt als den großen Texter, Lyriker und Dichter erkannte. Lange dauerte es auch, bis man Wilhelm Müller, den Dichter der Schubert-Lieder, als großen Lyriker anerkannte. Heute weiß wahrscheinlich kaum jemand mehr, wer Fritz Löhner-Beda war – ein Paul Gerhardt des 20. Jahrhunderts („In der Bar zum Krokodil“, „Du schwarzer Zigeuner“, „Drunt’ in der Lobau“, „Ausgerechnet Bananen“, „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“, „ Freunde, das Leben ist lebenswert“, „O Donna Clara“, „Wo sind deine Haare, August?“, „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“, „Dein ist mein ganzes Herz“, „Meine Lippen, sie küssen so heiß“). In seiner Revue „Atlantic Affairs“ hat Udo Löhner-Beda und seinen Kollegen gehuldigt – viele von Ihnen landeten wegen ihrer brillianten gedanklichen Schärfe im KZ, im Berufsverbot, in der Emigration oder in der Vergessenheit der Wohlstandsverwahrlosten. Zum Teil ist diese Gesellschaft formierende Kraft des Singens nach dem Kriege in Deutschland dadurch als politisch inkorrekt gebrandmarkt worden, weil die Macht der Synchronisierung vor allem in den Martial Arts der marschierenden Kolonnen unübersehbar geworden war. Als Erinnerung an Gleichschaltung war schon das Absingen von National- und Vereinshymnen verdächtig. Peinlich berührt ist man selbst nach 40 Jahren Rock n’ Roll-Konzerten von dem Bekenntniszwang, dem man etwa als Sozialdemokrat ausgesetzt ist, wenn es zur Konsensbefriedigung auf Parteitagen gilt, die alte Hymne der Arbeiter-Bewegung zu singen: „Wenn wir schreiten Seit' an Seit', und die alten Lieder singen…“. Manch einer vermutet, dass der emphatische Gegenbeweis durch tausende von Mitkreisch-Fans bei Rockkonzerten gerade deswegen Gesangsekstase üben, weil die Texte als sprachliche Medien ihrer Idole von solch unerträglicher Plattitüde seien, dass man sie nur gesungen ertragen könne. Alles, was uns peinlich und unaussprechlich banal geworden ist, lässt sich eben nur noch im Gesang ausdrücken; vor allem die Werbebotschaften (… du darfst). Jedenfalls hätte es ohne die Millionen Mitglieder deutscher Männerchöre zwischen 1830 und 1960 weder eine schlagkräftige sozialdemokratische Partei, noch Jugend-Bewegung, weder Kadavergehorsam der Militärs, noch Politkampfchöre zu Straßenschlachten gegeben. Heute verkörpern neben den Rockfans vor allem die Fußballhooligans die Kraft sozialer Synchronisation mickriger Individuen zu Schwellbrustträgern und Krakeelern. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass solche Fans ihren Kampfnamen vom Begriff „Fanatics“ ableiten und Fanatiker sind extrem Synchronisierte ohne Einspruchs- und Ausspruchsmöglichkeit. Diese Erfahrung stimuliert und reflektiert Udo Lindenberg bei seinen Konzerten, weil er den Fans nicht ermöglicht ins sprachliche Ungefähr englischer Idiome, Gemütstrunkenheit und Brutalismen des Unverständnisses auszuweichen – Udo singt deutsch und das heißt ohne jede Beschönigung der Banalitäten und Peinlichkeiten, ohne jede Angst vor dem Pathos und der Passion. Jeder seiner Fans weiß, was Udo singt und wofür er einsteht: die Sensation des Normalen. Das markiert für mich persönlich und für meine Arbeit den Höhepunkt der Udo’schen Zeitgenossenschaft zwischen 1960 und dem Jahrtausendende. So wie die Panik eigentlich ermöglicht, den Optimismus mit Vernunft und nicht mit Märchen zu begründen, so ist das Großartige und Außerordentliche für einen, der im Dreck liegt, für einen, der sich den Schuss gegeben hat, für einen Hartz-IV-Bezieher die Sehnsucht nach der Normalität. Der Hymniker der Normalität hat kapiert, dass das, was alle diese Großsprecher für einen Makel der Kleinbürgerlichkeit hielten, nämlich Sehnsucht nach Normalität, wahrhaft das Größte ist, was es überhaupt in einer Zivilisation zu erreichen gilt. Außerordentlichkeiten, wie den Ausnahmezustand, kann jeder Hans-Wurst mit einer Kalaschnikow oder mit einer Bombe in einer U-Bahn herstellen. Das sind bloß lächerliche Fatzkes, die mit Carl Schmitt meinen sagen zu können: souverän ist, wer den Ausnahmezustand bestimmt. Längst, jedenfalls seit dem Terrorismus als Massenphänomen besteht Souveränität darin, den Normalfall zu garantieren. Die Großleistungen einer Zivilisation sind daran zu erkennen, dass morgens die Milch im Regal steht und das Brot getrost geholt werden kann, ohne dass man befürchten muss, auf der Straße erschossen zu werden. Udo ist der bedeutendste Hymniker dieser Art von Normalität, die er in kleinen szenischen Darstellungen und Liedern aufrollt: ein Junge sitzt im Kino, der Film ist längst zu Ende, das Licht ist längst angegangen, er sitzt in der hinteren Reihe und beginnt sich vorzustellen, dass jetzt der Film für ihn die Lebenswirklichkeit werde. Er denkt an die großartige Szene, in der der alte Seemann pathetisch verkündet: „Nichts haut einen Seemann um, ein Seemann ist unerschütterlich“. Udo singt in eine solche Szene hinein: „Tu’ doch nicht so, – doch, Du kannst ruhig weinen, denn Dich haut’s um, guter Alter“. Solche grandiosen Geschichten hat er als Hymniker der Normalität in unzähligen Beispielen winzigster Wahrnehmung des Alltagslebens dargestellt. Was vorher als schiere Banalität und Plattitüde allen entgangen war, kann man tatsächlich nur durch die Gemeinsamkeit des Einverständnisses mit dieser Banalität und Plattitüde ertragen. Das ist der Geltungsanspruch des gemeinsamen Singens, das keine Einschränkung durch die Tatsache erfährt, Rockkonzert genannt zu werden. Für mich ist das Rockkonzert vielmehr der Ort der Erfüllung dieser Sehnsucht nach Normalität (das wurde mit Woodstock besiegelt). Jeder weiß, dass Udo Lindenberg ein extrem höflicher, ein extrem zuvorkommender, ein extrem menschenfreundlicher und ein extrem hilfreicher Mensch ist. Jeder, der mit ihm privaten Umgang pflegt, fragt sich: Was ist denn hier los? Man hat uns in der Öffentlichkeit vorgezaubert, er sei irgendeine Art von poète maudite, einer von diesen sich wegwerfenden Katastrophikern aus dem Rinnstein, ein tagscheuer Exot. Im Gegenteil, er ist ein ganz normaler, wunderbar alltäglicher Mensch in vollkommener Unauffälligkeit, allerdings gescheit und dichterisch hausend. Von ihm stammt dieser Ausspruch – hold, holder, Hölderlin –, den er nicht als Asozialer, nicht als Hymniker der Ausgeflippten, nicht als Propagandist für die Goldenen-Schuss-Setzer, nicht für die Dekadenten, sondern für die gesagt hat, die als Minderheit Zuspruch brauchen, um Normalität zu wagen. Der Begriff „Normalität wagen“ wurde von Willy Brandt und anderen für die Ost-West-Beziehung durchgesetzt, wobei nie bekannt geworden ist, was das eigentlich heißt. Normalität heißt ja Unauffälligkeit, Einpassungsfähigkeit oder heutzutage fitting-in, was aber keineswegs Unterwerfung heißt, sondern das Eingeständnis in die höchste Form der Vergewisserung beinhaltet: dass wir allesamt nichts sind, außerhalb unserer Fähigkeit, anderen das bisschen Normalität zu garantieren; das bisschen, was als Bedingung des Lebens erwartbar ist. Dass FAZ und andere mit arroganter Attitüde glaubten, Lindenberg als Hymniker der Normalität die letzten 30 Jahre pausenlos im Hinblick auf diese Banalitäten fertigmachen zu können, – Udo besäße keinen highbrough-touch und hätte ja keinerlei großes Styling ins Transzendente –, diese Haltung von Schreibern ist wirklich jämmerlich. Erst Anfang 2007 hat ein Redakteur in einem Artikel zum letzten Gefecht geblasen: „Lindenberg, dessen Zeit natürlich längst vergangen ist.“ Das ist deutsches Richter- und Henkertum, das sich in der Presse wieder als eine Exekutiv-Haltung fortsetzt, die wir nicht bereit sind hinzunehmen.
Udo Lindenberg ist der Panikpräsident. Er ist derjenige, der den pan panicus geschaffen und die große Swingsynchronizität wieder aufgenommen und das Parallelvibrieren zwischen Hörern und Zuhörern erfahrbar gemacht hat. Kommunikation im heutigen Sinne bedeutet nicht, einer sendet aus, die anderen empfangen, sondern einer und andere kooperieren aktiv und parallel. Zuhören ist ein genauso aktiver Vorgang für das Gehirn wie das Sprechen selbst; dies kann heute für das neuronale Geschehen nachgewiesen werden. Dieses parallele Operieren ist das, was den großen Performer Udo Lindenberg in der Synchronizität zwischen Bühnenvorgang und der Rezeption im Publikum ausmacht. Er war stets Ereignis und Erscheinung. Jeder, der das Ereignis sah und ihm beiwohnte, hatte selbst eine solche Erscheinung. Nicht gerade, dass man auch die Elfen tanzen sah, aber man hielt es gleichermaßen für selbstverständlich. Dafür steht ja die Isländische Elfenbeauftragte der isländischen Regierung. Selbst die Frau Kultusministerin wollte nicht glauben, dass das ein offizieller Titel in einer europäischen Regierung ist, so wie bei uns die Beauftragten für den Dialog mit den Toten oder die Ästhetiker, d.h. die Fachleute für das Sprechen mit Toten. Genau in diesem Sinne ist das in Erscheinung treten gemeint. Wer mit Lindenbergs Ereignissen konfrontiert wird, sieht neben sich Erscheinungen, links und rechts. Vor und hinter einem sind die Toten, die von der anderen Seite. Darunter finden sich so wunderbare, synkretistische Erscheinungen wie etwa das Jahrhundertbild der berühmten Beziehung zwischen Udo Lindenberg und Erich Honecker: Rockerleder und sozialistische Schalmei. Ein wunderbares Bild, denn Honecker hat sich für die Überreichung von Udos Rockerjacke mit dem Überreichen einer Schalmei revanchiert. In Udos großartigem Projekt „Atlantic Affairs“ sind weitere wunderbare Synkretismen zu sehen. Durch das Ereignis auf der Bühne werden die Toten plötzlich aufgerufen, in Erscheinung zu treten. Neben mir sehe ich sie plötzlich sitzen. Wer „Atlantic Affairs“ besucht, erlebt das. Man muss sich drei Platzkarten kaufen und zwei Plätze neben sich frei lassen, einen links, einen rechts. Man wird erleben, wie plötzlich Brecht auf der einen und plötzlich Benjamin auf der anderen Seite sitzen, – oder da sitzen plötzlich Marlene Dietrich und Kurt Gerron als Erscheinungen neben uns. Sie haben sich aus dem Ereignis Udo Lindenberg und seines Konzerts ergeben. Es ist in vielerlei Hinsicht etwas Außerordentliches und Einmaliges, was er geboten hat. Aber an ihm ist nicht zu rühmen, dass die Einmaligkeit eine außerordentliche Einzigartigkeit, sondern dass sie den Normalfall darstellt. Daher gilt es Udo Lindenberg als das Ereignis des Normalfalls zu feiern, völlig unpretenziös, völlig ohne jede Promotiongehabe. Es lässt sich nicht mäkeln, die Texte seien platt oder primitiv oder Küchenmädchenlyrik. Denn gerade der Küchenmädchen- und Arbeitergesang waren diejenigen großen Synchronisierungsvorstellungen, die klassenbewusste Gesellschaft geschaffen haben. Diese Laudatio, die als mission impossible begann, um als permission accomplished zu enden, ist der Ausweis meiner Freundschaft zu Udo. Die Sensation der Freundschaft, also ein soziales Bindungsverhalten, das absolut verlässlich ist, wird in Deutschland, jedenfalls unter allen Menschen, die ich kenne, durch Udo Lindenberg in höchstem Anspruch dargestellt. Jeder, der die Möglichkeit hat, das zu erproben, wird sich sein Leben lang dankbar dafür zeigen können. Abschließend möchte ich den großartigen Sammelband mit Udo-Texten empfehlen, der bei Rowohlt erschienen ist: „Highlige Schriften“. „High“ ist natürlich das, was man erreicht, wenn man Erscheinungen hat. Aus „Highlige Schriften“ zitiere ich Verse, die bis in die heutige Zeit Gültigkeit besitzen: „Angie und Gert hier läuft manches verkehrt. Ihr redet flau daher, aber man versteht nichts mehr. Im Land der Dichter und Denker, heute nur Zocker und Bänker und Eichel auf die Rasche, greift dem nackten Mann in die Tasche. Kanzler Schröder heute ganz in Leder, spielt die Luftgitarre in der Panikband.“ Herr Ministerpräsident Beck, ein schöneres Bild für das Regieren als Luftgitarrenspielen kann es ja gar nicht geben: „Kanzler Schröder heute ganz in Leder, spielt die Luftgitarre in der Panikband.“ Man erinnere sich an das wirklich großartige Lachen von Gerd Schröder. Man wusste, dass der Mann nicht aus Dummheit, aus Blödigkeit, aus Naivität optimistisch ist, sondern weil er genau wusste, was alles droht. Er konnte das Wahrscheinliche antizipieren und meinte: „Eh Udo, he, he, kann ich Dich mal etwas fragen? Darf ich weiter Udo oder muss ich jetzt Herr Präsident zu Dir sagen?“ Udo hat uns die Antwort schon gegeben, er bleibt weiter „He Udo“!“