Gummi.

Die elastische Faszination

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Diese Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des Kautschuks beleuchtet aus unterschiedlichen Blickwinkeln Facetten der Rolle des faszinierenden Materials "Kautschuk" in allen erdenklichen Bereichen des menschlichen Lebens. Das Spektrum reicht dabei von Betrachtungen zur Rolle dieses vielseitigen Werkstoffes in der Raumfahrt, im Eisenbahnbau über seinen Einsatz in der Automobil- und Reifenindustrie bis hin zu den kleinen Dingen des Alltags. So werden auch Gebrauchsgegenstände wie Einkochringe, Wärmflaschen, Gummistiefel und Kondome kulturhistorisch in ebenso unterhaltsamer wie informativer Manier präsentiert. Dabei erwartet den Leser so manch skurrile Überraschung, z.B. Gummiüberschuhe für Hunde aus dem Jahr 1911 oder ein mehrfach verwendbares "Arbeiterpräservativ" aus der gleichen Zeit. Als Autoren zeichnen namhafte Vertreter der Kultur- und Geisteswissenschaften, Fachleute aus der Kautschukindustrie, Mitarbeiter führender deutscher Unternehmen und Journalisten verantwortlich.

Anpassung als Verhaltensprinzip. Der elastische Zeitgenosse.

Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen hat eine Denkfigur von Friedrich Nietzsche in die Charts gebracht; denn Nietzsche meinte: "Das Zeitalter der größten Ereignisse wird trotz alledem das Zeitalter der kleinsten Wirkungen sein, wenn die Menschen von Gummi und allzu elastisch sind." An wen dachte er? Offenbar an zwei moderne Tätertypen, an einen mit Schlitzaugen und an den anderen mit Langnase.

In ihren Verteidigungskampfarten trainieren die Asiaten das Unterlaufen der explosionsartigen Kraftausübung ihrer Gegner. Sie reduzieren die potentiell großen Schlagwirkungen auf kleine durch Elastizität der Rückweichbewegung von einem gedachten Fixpunkt zwischen den Körpern der Kontrahenten. Die ungehemmte Bewegung des Gegners nutzend, schnellen sie dann auf diesen Schwerpunkt der Paarbeziehung zurück, als würden sie von einem unsichtbaren Gummiband gezogen – von Geistesstärken eben, wie sie das 19. Jahrhundert den Buddhisten zuschrieb, deren Gleichmut und Unbeeindruckbarkeit ihnen die Fähigkeit eröffnet, große Ereignisse ins Leere laufen zu lassen. Im Kinderspiel Kniebel-Knobel-Knatsch wird diese Elastizität des fernöstlichen Denkens anschaulich: Hauchdünnes Papier schlägt schweren Stein.

Die europäischen Langnasen bringen es zu solcher Fähigkeit durch die kleinbürgerliche Beschränktheit, von großen Ereignissen nicht berührt zu werden, weil sie sie als solche gar nicht zu erkennen bereit sind. Der beschränkte Horizont, den Nietzsche als sehr lebensförderlich pries, reduziert die Wahrnehmung für das Außerordentliche: man verweigert schlicht, etwas zur Kenntnis zu nehmen, was die eigenen Erwartungen und Vorurteile übersteigt. Ein gutes Polster vager, eigentlich nicht faßbarer Meinungen schützt vor der Durchschlagskraft brutalster Wahrheiten. Wer sich nicht auf Wahrheiten versteift, sondern je nach Opportunität mal dies, mal das für brauchbar hält, entwickelt eine große Anpassungsfähigkeit des Denkens und Urteilens unter Vermeidung hoher Risiken. Abschied von der Prinzipientreue und vom Grundsätzlichen, loose coupling bis zur Charakterlosigkeit schienen Nietzsche die Gewähr für die Vermeidung katastrophaler Folgen großer Ereignisse zu bieten. Auch diese Weisheit hat das niedere Volk im Kampf mit übermächtigen Herren sprichwörtlich werden lassen: "Nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium." Wenn die Zeitgenossen sich derart elastisch, allzu elastisch gegenüber Wahrheitsansprüchen der Mächte zeigen, läßt sich Charakterlosigkeit geradezu zur Vermeidung aussichtsloser Konfrontation entwickeln. Menschen ohne Eigenschaften nutzen unsere Anpassungsfähigkeit und unsere Verformbarkeit produktiv. Früh krümmt sich, wer den Schlägen entgehen will. Der Charakter- und Eigenschaftslose bleibt schwer greifbar: "Versuchen Sie mal, einen Pudding an die Wand zu nageln". Nietzsches Umwertungsstrategie bewährte sich auch hier; was von den Schwarzkutten und den versteinerten Denkmälern eherner Grundsätze als Deformation von Pflichtbewußtsein verurteilt wurde, hielt Nietzsche für eine Tugend des Überlebenswillens. Eulenspiegel und Simplicius Simplicissimus, die Hofnarren und die philosophischen Clowns hatten diese Tugenden professionalisiert; die Sympathie, die ihnen das Volk auf Jahrmärkten und im Zirkus entgegenbringt, enthüllt die heimliche Korrespondenz von Underdog und Witzfigur, die zuletzt noch lacht, wenn ihren Peinigern der Boden unter den Füßen längst schwankt.

Die Anpassungsfähigkeit ist das Maß aller Überlebensanstrengungen. Man akzeptiert die herrschaftliche Ordnung der Dinge formal korrekt. Aber das Maßband ist elastisch wie ein Urmeter aus Gummi, und das entspricht ja dem notwendigen Relativismus in der Alltagskommunikation: Was dem einen lang, ist dem anderen kurz; was dem einen sin Ul, ist dem anderen sin Nachtigall. Auf die Verhältnisse kommt es an, nicht auf die messbaren Größen. Die Vermessung der Welt sagt nichts darüber, wie sie erlebt wird.
Bleibt die Frage nach den kleinen Wirkungen. Sie können sich zu großen Folgen aufsummieren, bis schließlich ein einzelner Tropfen das Faß zum Überlaufen bringt. Kleinvieh macht auch Mist, aber es dauert länger, und darauf kommt es an: Zeit zu gewinnen, aus der Zwanghaftigkeit des mechanischen Reagierens herauszukommen; Zeitgewinn für das ohnehin kleine Zeitkontingent des Lebens. Die Zeit elastisch werden lassen, unzeitgemäß werden, so Nietzsche. Auch das eine Strategie, sich nicht von modischer Zeitgemäßheit überfordern zu lassen. Elastisch in seinen Erinnerungen schwingen, weit zurück in die Kindheit und weit voraus in die Hoffnungen und Erwartungen.

>Nicht nur Gottes Uhren gehen anders, sondern auch die den Elastikern eigene vitale Spannkraft, die sich aus der Zeit fallen lassen, um dem rigiden Streß der Zeitansagen zu entgehen. Nicht nur das Urmeter sollte aus Gummi sein, sondern auch die Zeitschranken und die Uhren, damit die Zeiger der Erlebniszeit folgen und nicht die Erlebnisse dem Diktat der Zeit.