Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 64

I.2 Der verbotene Ernstfall

>Die bekannteste Erzwingungsstrategie des Absoluten heißt: Wir wollen Gott und damit basta. Weltweit hat man inzwischen verstanden, was dieser Fanatismus der Gottsucherbanden anrichten kann. Dabei fühlen sich die Gottsucherbanden durch ihre Kulturen und Religionen legitimiert Prophetien und Programme wortwörtlich zu nehmen. Dagegen wurde die Aufklärung über Dogmatiken und Wahrheitsradikalität entwickelt, die wir als Zivilisierung der Kulturen zuerst gegen unseren eigenen Anspruch auf exklusive kulturelle Identität vorantreiben müssen. Der Schweizer Oberstdivisionär Bachmann bekundete 1998 öffentlich auf der Tagung „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“, daß Bazon Brock mit dem „Theorem des verbotenen Ernstfalls“ alle zukünftige Verteidigungsstrategien formuliert habe, die als erste die Schweizer anwandten. Schon heute gilt die Null-Tote-Doktrin in westlichen Armeen.

Die Schweizer haben im 20. Jahrhundert ein großartiges Beispiel für das „Theorem des verbotenen Ernstfalls“ geliefert. Angesichts der Bedrohung durch den Herrschaftswillen Adolf Hitlers und seiner Panzerverbände, des militärischen Instruments zur Durchsetzung des deutschen Vormachtstrebens, fragten sie sich, wie sie ihre Selbständigkeit erhalten könnten. Die Antwort gab der Schweizer Oberst Henri Guisan, der zwei grandiose Analogien in Dienst zu stellen vorschlug. Zum einen sollten in Analogie zum Schweizer Käse die Berge durchlöchert werden, damit sich Armee und Bevölkerung bei Gefahr in die Aushöhlungen zurückziehen konnten; zweitens sollten in Analogie zum bekanntesten Schweizer Schokoladeriegel Panzersperren gebaut werden. Mit Toblerone-Riegeln aus Zement ließen sich alle Zugänge von den Ebenen in die Berge sperren. Die Militärs erkannten im Bemühen um höchste Effizienz, daß Toblerone-Schokolade als eiserne, letzte Reserve der Ernährung und damit der Selbsterhaltung verwendbar ist, da deren Inhaltsstoffe durchaus geeignet sind, Menschen über lange Zeiträume ausschließlich mit diesem Nahrungsmittel am Leben zu halten. Die Schweizer verfügten auch über eine Tradition der Vermittlung von universalem Gestaltungsmodernismus und Patriotismus. Erinnert sei an die 1918 von Karl Moser für die Stadt Basel entworfene Antoniuskirche, die das Prinzip technischer Rationalität bei der Planung militärischer Behausung (Bunkerbau) mit der spirituellen Begründung christlicher Kultbauten verband. So wurden der Bunker als Schutzraum im Trommelfeuer der Waffen und die Stahlbetonkirche als Schutzraum gegen die Versuchung des Geistes durch Machtwahn zu einer Einheit. Eine solche realisiert Christian Boros in Berlin mit seinem Kunstbunker: Unten Kriegsikone (Bunker) – oben Modernitätsikone (Barcelona-Pavillon).

Junge Schweizer waren Feuer und Flamme für diese Verknüpfung von Beton und Geist, der für Architekten nur als Form ansprechbar ist. Einer ihrer hoffnungsvollen Repräsentanten war der junge Max Bill. Er diente in den Kräften der Schweizer Selbstverteidigung. Als abstrakt ungegenständlicher Maler erregte er das Interesse seiner Vorgesetzten, die, wie die meisten Bürger, meinten, derartiges Gepinsele stelle nicht etwas Konkretes dar, sondern verhülle wohl eher in undefinierbarem Form-Farbgemenge, was hinter ihnen steckt – also eine perfekte Camouflage. So lag der Gedanke nahe, die jungen Abstrakten nach dem Beispiel von Bill zur Bemalung von Verteidigungseinrichtungen einzusetzen. Bis heute haben Reste dieser Übermalungsaktion als Tarnung überlebt und die Abstrakten machten Karriere als Kleider-, Wand- und Möbelbezugsstoffgestalter. Seit diesem Nachweis militärischer Nützlichkeit von moderner Kunst war man in der Schweiz sogar bereit, Kunstwerke zur Kreditsicherung anzunehmen. Ein schöner Triumph der Modernisten, allerdings um die Wahrheit erkauft, daß ungegenständlich abstraktes Malen in die Geschichte des Dekors und des Ornaments gehört und nicht als Ausdruck des Ringens von Künstlerseelen um existentielle Letztbegründungen gilt.

Neutralität und produktive Indifferenz

Die Schweizer konnten zu einer so souveränen Umdeutung von Kunstpraxis als Gottesdienstersatz zur Nutzanwendung in den Lebensräumen der Alltagswelt kommen, weil sie sich seit ihren weit zurückliegenden letzten Kriegshandlungen darauf eingeübt hatten, Konflikte unter Vermeidung tödlicher Ernstfälle zu bewältigen. (1) Welch ein Lernprozeß, welch eine zivilisatorische Leistung! Denn im allgemeinen glaubt ja die Menschheit, ihre renitenten Mitglieder, Aufsässigen oder Kriminellen nicht anders zur Raison bringen zu können, als ihnen den Ernst ihrer Lage unmißverständlich klar zu machen mit der Androhung von Letztendlichkeit, nämlich des Todes. Der Vollzug der Todesstrafe wird gemeinhin als ultima ratio, als letztes Mittel gegen die tödliche Bedrohung einer Gemeinschaft und ihrer Ordnung verstanden – und das umso mehr, als solche Ordnungen noch aus dem von Gott und seinen Propheten gestifteten heiligen Recht, dem Sakralrecht, stammen. Aber selbst große Nationen mußten von Fall zu Fall, zum Beispiel nach dem Dreißigjährigen Krieg oder nach dem Scheitern von Napoleons Rußlandfeldzug oder nach den desaströsen Weltkriegen, erkennen, daß die ultima ratio als systematisiertes Töten in großem Maßstab, also in Kriegen, keineswegs der Weisheit letzter Schluß, ultima sapientia, ist.

Angesichts der Folgerungen aus solchen Überlegungen fühlten sich die Schweizer jeweils bestätigt in der Annahme, es sei ökonomisch, politisch und moralisch besser, das heißt ergiebiger, nicht auf dem tödlichen Ernstfall zu beharren, vielmehr seine Durchsetzung zu vermeiden und so durch Unterlassen zu erreichen, was ohnehin mit Gewalt zu erzwingen selbst den Siegern in einer tödlichen Auseinandersetzung bei aller Macht kaum gelingt.

Mit dieser Einstellung zum Krieg und den entsprechenden Urteilen über die Effektivität der Durchsetzung der ultima ratio nahmen die Schweizer eine Maxime altrömischer Staatskunst wieder auf, die lautete: „Wenn man in Frieden leben will, muß man sich gegen jederzeit drohende Konflikte mit den Nachbarn wappnen, damit die gar nicht erst auf den Gedanken verfallen, ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen zu können.“ Wer sich wappnet, muß einsichtig, das heißt intelligent, kurz, strategisch planen. Er muß zum einen wissen, daß mit all seiner Macht nichts getan ist, wenn ihm eine gleich starke oder stärkere Macht entgegentritt; und er muß intelligent genug sein, sich nicht in naivem Wunschdenken auf einen Sieg einzustellen, sondern stets mit seiner Niederlage zu rechnen. Erst dann ist es notwendig und wird es möglich, strategisch zu denken. Das äußerste Ziel einer solchen Strategie ist es,

- sich einerseits so klein zu machen, daß man im Konflikt der Großen zu einer quantité négligeable wird,

- andererseits in dieser Kleinheit ungreifbar zu werden durch Untertauchen in verwirrendem Gelände mit der Möglichkeit, nach Guerrilla-Manier von Fall zu Fall unkalkulierbare Bedrängnisse anzudrohen,

- sich als nützlicher Idiot den kämpfenden Parteien anzudienen, bei deren tödlichen Ernstfalldemonstrationen behilflich zu sein und ihre Interessen auf die große Beuteaussicht abzulenken.

Die wichtigste Einsicht, die in der Schweiz aus solchen Überlegungen der Stärke des Schwächeren entwickelt wurde, lautete aber, sich niemals zur Parteinahme, weder für die Verfolger noch die Verfolgten, hinreißen zu lassen. Die Schweizer kannten nur allzu gut aus eigener Gewaltrechtfertigung der Opferrolle, wie leicht, das heißt gutwillig oder mit Kalkül, sich Gelegenheiten für derartige Rechtfertigung herstellen lassen.

Bezogen auf den Umgang der Schweizer mit ihren künstlerischen Avantgarden hieß das, keinen Vorwand dafür zu bieten, daß Künstler aus der grundsätzlichen Ablehnung ihrer Positionen den Beweis gewinnen konnten, ihre Arbeiten seien so ungeheuerlich bedeutsam, weil sie mit rigiden Maßnahmen befeindet würden. Auch das wieder ein Zeichen zivilisierten Verhaltens, weder pro noch contra Partei zu ergreifen, also sich weder durch überwältigende Zustimmung zur Verbrüderung hinreißen zu lassen, noch durch vermeintlich prinzipienstarke Ablehnung den starken Kerl herauszukehren. Neutral zu sein, als Zeichen des bestens balancierten Ausgleichs zwischen erkannter Abhängigkeit und Autonomiestreben, ermöglichte es den Schweizern, nicht nur deshalb eine Künstlerposition für bedeutend halten zu müssen, weil sie von den Gegnern des Künstlers bekämpft wird, und umgekehrt Künstlerwerke nicht schon deshalb für bedeutungslos zu halten, weil niemand gegen sie energisch einschreitet. Die Schweizer demonstrierten produktive Indifferenz; unter Avantgardisten ist das die Position Duchamps. (2) Die Vermeidung von Deklarationen der Zustimmung oder Ablehnung erzeugt allgemein den Eindruck von Unbestimmtheit. Dies ist die Voraussetzung für opportune Anpassung als Camouflage wie für die produktive Steigerung von Vieldeutigkeit und Vielwertigkeit, von Ambivalenz und Ambiguität. Wenn Neutralität nur durch die Balance zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit erreichbar ist, dann erlaubt es Unbestimmtheit, sich gegen jede Eindeutigkeit als Beschränkung des Möglichen zur Wehr zu setzen – erst recht gegen fundamentalistische Erzwingung von Eindeutigkeit. Mit derartigen Erzwingungsstrategien der rigiden Eindeutigkeit hatten die Schweizer mahnende Erfahrung gemacht, als ihre protestantischen Glaubensreformer sie mit ganz und gar eindeutigen Tugendgeboten terrorisierten. Da weiß man, was man an vermeintlich theologischer und philosophischer Unschärfe hat, nämlich Möglichkeiten zur Umgehung des tödlichen Ernstfalls, also zur Vermeidung von heroischer Dummheit; da nimmt man gern die kleinen Dummheiten in Kauf.

Träumt die Vernunft von Idealen, schafft sie Monster

Heutzutage möchte man uns mit aller Gewalt einreden, daß die Künstler auf Radikalität verpflichtet werden sollten. Hier zeigt sich der Postfaschismus als Demokratie. (3) Gerade unter Intellektuellen, Künstlern und leider auch Wissenschaftlern ist heute der Faschismus wieder gang und gäbe. Niemand, außer Adorno, hätte in den 50er Jahren vermutet, daß er gut fünfzig Jahre später in diesem Ausmaß grassieren würde.

Anläßlich der Diskussion über die Absetzung von Mozarts „Idomeneo“, September 2006, auf Grund von möglichen Einwänden der Islamisten trafen sich in Berlin einige Herrschaften, unter ihnen auch der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon. Der Intendant hat sinngemäß geäußert: „Ja, aber die Kunst hat doch die Pflicht, Unruhe zu stiften und zu stören!“

Alle Menschen, die jemals selbst den Terror erlebt haben, würden so etwas nicht einmal denken, auch wenn sie es der eigenen Schwiegermutter gegenüber häufig behaupten möchten. Auch wer Terror nicht selbst am eigenen Leibe erfahren hat, weiß dennoch, daß heute jeder beliebige Hanswurst an irgendeiner Straßenecke mit etwas Dynamit jeden beliebigen, terroristisch inszenierten Ausnahmezustand herstellen kann – das ist wirklich keine Kunst! (4) Der höchste Ausdruck von Kunst bestünde in der Eichung an der Folgenlosigkeit und an der Rückrufbarkeit als Programm, wie man es bereits im Bereich der Ökologie belohnt, wenn für bestimmte Produkte der Blaue Engel oder der Grüne Punkt vergeben wird.

Ein paar Dutzend großflächige Auseinandersetzungen der blutigsten Art gibt es Jahr für Jahr auf der ganzen Welt. Wenn einige Deutsche, intellektuell Tiefsinnige, auf die Idee kommen, Aufgabe der Kunst sei es, Unruhe und Zerstörung in die Welt zu setzen, möchte man sich darauf verlassen, daß ein Schweizer, als Verfechter des Normalfalls, dem niemals beipflichten würde.

Als wir 1957 in die Schweiz kamen, hatten wir den Krieg noch vor Augen: das Leben in Ruinen, das tägliche Rechnen mit dem Außerordentlichen, die Zerschlagung aller gesellschaftlichen Vermittlungsformen, Verbindlichkeiten und Institutionen. Wir erinnerten uns noch daran, wie innerhalb von wenigen Stunden das gesamte Lebensumfeld dermaßen drastisch verwandelt wurde, wie es kein Künstler mit noch so vielen Bühnenbildmillionen hätte bewerkstelligen können. Erheben Künstler als Kinder wohlstandsverwahrloster Zeiten die Forderung, die Gesellschaft habe sich ihren künstlerischen Vorstellungen anzupassen, während der Rest der Welt hungert, von Krieg und ständigem Terror der Kultur- und Religionskämpfe überzogen wird, so erteilen Schweizer den Ansprüchen dieser gnadenlosen Konkurrenten Gottes eine Absage. Denn, so wollen wir glauben, die einzig zivilisierten Repräsentanten der Menschheit im Sozialverband sind die Schweizer. Die Schweizer wissen aus eigener schmerzlicher Erfahrung, daß der Normalfall für einen zivilisierten Menschen die eigentliche Leistungsgrenze darstellt. Wer den Weltlauf bewertet, erkennt, daß die souveräne Leistung einer Gesellschaft nur darin bestehen kann, den Normalfall zu garantieren. Doch diese Erkenntnis war bisher nur in der Schweiz durchsetzbar.

Angesichts der Geschichte der letzten hundert Jahre ist es fast ein Wunder, daß unter den Bedingungen der Kommunikation, die nur gelingt, wenn sie produktive Mißverständnisse erzeugt, nicht so viele unproduktive Mißverständnisse wie Dogmatismus und Totalitarismus entstehen, die das Ziel, Normalität zu garantieren, fortwährend und vorsätzlich verfehlen. Den höchsten Attraktivitäts- und Aufmerksamkeitsgrad erzielt man durch die Anhäufung von Toten in großem Stil. Bis auf den heutigen Tag lautet daher der Generativitätsquotient der herkömmlichen Geschichtsschreibung: Wie viele Lebende hat jemand aus der Welt gebracht? Jemand, der nur zwölf Leute ermordet hat, erhält nicht einmal eine Fußnote in der Kriminalitätsstatistik. Bei hunderttausend Toten dagegen wird es interessant. Wirklich geschichtsbuchwürdig erweist man sich erst ab einer Million Toten; dauerhaft etabliert ist man ab einer Summe von sechs bis dreißig Millionen, einem Hitler, Stalin oder Mao ebenbürtig.

>>Die Konsequenz aus dieser verhängnisvollen Ökonomie der Aufmerksamkeitsverteilung wäre darin zu sehen, endlich eine Geschichte zu etablieren, in der als Großtat gefeiert wird, was sich nicht ereignet hat. (5) Das Verhindern ist eine viel größere Leistung als das Realisieren irgendeiner noch so großen Idee. Wer den Bau eines häßlichen Hotelkomplexes verhindert, stellt wirklich Erfindungsreichtum und kommunikationsstrategische Begabung unter Beweis – ein Faktum, das endlich anerkannt werden müßte. Schreiben wir also eine Geschichte des Unterlassens! Zeigen wir den Gottsucherbanden aller Herren Länder, was es heißt, Europäer und Christ zu sein, indem wir unsere Leistungsfähigkeit im Unterlassen demonstrieren.

Was die Schweizer seit Mitte des 17. Jahrhunderts außenpolitisch und seit Anfang des 19. Jahrhunderts innenpolitisch vertreten haben, nämlich die Vermeidung des Ernstfalls, hat inzwischen Chancen, als allgemein ethisches Prinzip anerkannt zu werden: Der Ernstfall des Krieges als Angriffs-, Durchsetzungs- oder Machtbehauptungskrieg wird nicht mehr toleriert. Der „verbotene Ernstfall“ bildet den bisherigen Höhepunkt der Zivilisationsgeschichte. Selbst die Amerikaner erkannten bis vor kurzem die Null-Tote-Doktrin an, die besagt, daß Armeen dafür da sind, Frieden zu erzwingen und nicht, Krieg zu führen. (6) Insofern das Töten die ultima ratio des existentiellen Ernstfalles ist, also die Irreversibilität schlechthin, ist das Verbot des Ernstfalls gleichbedeutend mit dem Gebot von Reversibilität. Die Sensation der weltgeschichtlichen Mission des Christentums lautet: Es gibt kein Gebot der Nachfolge in den Tod, im Gegenteil, der Gott ist für euch gestorben und damit basta! Wer jetzt noch argumentiert, daß er in der gewaltsamen, ja todbringenden Durchsetzung seiner Ansprüche gerechtfertigt sei, kann sich jedenfalls nicht auf Christus berufen.

Dada oder der Tempel
innerweltlicher Transzendenz

Hatten die Schweizer mit dem Verbot des militärischen Ernstfalls, des Krieges, zur Durchsetzung von Selbstbehauptung bereits eine weltgeschichtliche Mission begründet, wie sie nur wenige andere Staaten zu praktizieren wagten, so haben sie mit dem Verständnis der „Logik des Wahnsinns“ die Psychiatrie als Heimat aller Geisteswissenschaft etabliert. Das galt nicht nur dem Aufbau von psychiatrischen Anstalten von Weltruhm; vielmehr akzeptierten die Schweizer die Konsequenzen der grundlegenden Einsicht, daß die größere Zahl von „Geisteskrankheiten“ als Strategien zur Selbsterhaltung des Organismus' zu werten sind. Was das in praxi bedeutet, demonstrierten der Weltöffentlichkeit nach den Vertretern der Berner Psychiatrie und dem Genfer Sprachphilosophen de Saussure vor allem die Dadaisten.

Durch die strikte Vermeidung des Ernstfallpathos und des Ernstfallheroismus zog die Schweiz im besonderen Maße zivilisierte Menschen an, die aus jenen Ländern flohen, die jedem Bürger Gottesgehorsam, Gefolgschaftsverpflichtung oder Machtstreben mit radikaler Todesbereitschaft abverlangten. Im Jahr 1916 entwickelte sich in Zürich im Protest gegen die Schlachten als Schlachtfestorgien vor Verdun eine Kunstbewegung im Kontext des Theorems vom verbotenen Ernstfall. Die historische Leistung des Dadaismus bestand in der Zielsetzung, die Fixierung der Ernstfallheroen auf Gott oder das Schicksal, also auf transzendente Größen, zu zerschlagen. Um nicht in banalen Relativismus oder gar Wertenihilismus zu verfallen, ersetzten die Dadaisten programmatisch das übermenschlich Absolute durch ein allen geläufiges, für Menschen typisches Kernstück aller Beziehungen zwischen ihnen, nämlich die Kommunikation des Alltags. Das zielte darauf, daß Menschen gezwungen waren, auch dann sich in natürlichen oder sozialen Umgebungen zu behaupten, wenn sie die Bedingung der Möglichkeit des Lebens nicht verstanden. Man kann nicht mit der Fortsetzung der Lebensprozesse warten, bis man deren Funktionslogiken als Ursache-Wirkung-Verhältnisse und dergleichen zu simulieren in der Lage ist. Man kann nicht erst entscheiden, wenn man alle entscheidungsrelevanten Faktoren genauestens studiert und die Gesamtsituation in allen Hinsichten verstanden hat. Zu solchem Verstehen gehörte nämlich das experimentelle Überprüfen des behaupteten Verständnisses, wie das etwa in den Naturwissenschaften die Regel ist. Im Leben gibt es keine Experimente und es nützt keine kindliche Deklaration, man habe eben nur einmal gespielt und außerhalb des Spieles hätten die Resultate des Spiels keine Auswirkung. >Sich auf Kommunikation einlassen zu müssen, anstatt Verstehen zu erzwingen, führte zu der bemerkenswerten Erfahrung, um nicht zu sagen zu der Belohnung, daß die Verständigung ohne Verstehen gerade durch eine Vielzahl von Mißverständnissen, Unklarheiten im Ausdruck und das Fehlen jeglichen Konsenses in der Kakophonie der Meinungen besonders erfolgreich ist, also die Kommunikation produktiv werden läßt.

Demzufolge galt es, das fest gefügte Korsett der Konventionen, die Normativität des Bürokratischen oder juristischer Textarchitekturen zum Unfug zu entwickeln, in letzten Lockerungen auf dem Schüttelrost des Gelächters. Den Unfug, den die Dadaisten trieben, sortierten sie nach Graden der Befremdung, später Ver-Fremdung genannt. Je größer das Befremden durch den Unfug, desto lohnender die Herausforderung, sich dem Chaos gewachsen zu zeigen. Für die Dadaisten wurde zum ersten Mal die Streßresistenz, die Widerstandskraft gegen die Zumutung des Chaos, eine Auszeichnung der Kennerschaft. Seither signalisieren aufgeklärte Kunstsammler – Unternehmer, Zahnärzte, Urologen und Führer demokratisch legitimierter Institutionen – mit ihrem Kunstbesitz nicht mehr Statusambitionen, Erfolgsbeweise oder Mitgliedschaften in Exklusivclubs. Daher verfehlen auch kritisch gemeinte Analysen der Selbstdarstellungsattitüden von Sammlern in der Nachkriegsmoderne ihren Ansatz. Sie illustrieren nur die Bestätigung eines konsensfähigen Vorurteils, anstatt herauszufinden, auf welche Weise mächtige Männer ihre Hinwendung auf die Elaborate von ein paar Künstlern begründen, die nicht einmal Schutz und Anerkennung von sozialen, ökonomischen, politischen oder kulturell-religiösen Instanzen genießen. Denn es ist ja ganz und gar nicht selbstverständlich, daß sich ausgerechnet die Entscheider über Wohl und Wehe einer Gesellschaft auf die macht- und einflußlosen Meinungen von Individuen einlassen sollten, mit denen, wie allseits bekundet wurde, kein Staat zu machen ist.

Seit der große Unfug der Dadaisten als Kraft zur Auflösung der Bindungsfugen im ideologischen Gefüge von Weltbildern auf den Schlachtfeldern Flanderns als notwendig bewiesen worden war, zeigen sich die Herren der Welt „mit dem Rücken zur Kunst“ (Wolfgang Ullrich), um geradezu stolz zu demonstrieren, daß sie hinreichende psychische Stabilität besitzen, mit dem Chaos, dem Unsinn, den Beliebigkeiten in den Werken der Künstler spielend fertig zu werden.

Wie gelingt das? Wer bereit ist, absonderliches Gebaren, partielle Absenzen und andere psychische Auffälligkeiten als sinnvolle Reaktionen auf Bedrohung durch vermeintlich nicht beherrschbare Konflikte gelten zu lassen, geht ja davon aus, daß das, was unmittelbar nicht verstehbar scheint, doch in irgendeiner Hinsicht sachgerecht und erfolgreich sein kann. Heute sind mathematische Demonstrationen der Ordnung des Chaos geradezu ästhetische Erlebnisse für jedermann und Mandelbrot-Bäumchen sind bereits in „bewußtlose“ Telefonkritzeleien eingedrungen. Den Zeitzeugen der Schlachten vor Verdun, die bei ungeheurem Material- und Menscheneinsatz zu keinerlei grundsätzlicher Veränderung der Ausgangsposition führten, mußte der Sinn dieser Sinnlosigkeit erst mühsam und peu à peu von den Dadaisten eröffnet werden. Die expressionistischen Lyriker und Dramatiker waren ja gerade vom Gegenteil getragen, nämlich dem Wissen, daß sich das Weltende, zumindest das des Bürgertums, mit unabweislicher Macht in Szene setzte. Aber bereits die Konfrontation mit Absurditäten in der Entäußerung des höchsten Führerwillens ließ es nicht mehr zu, ein Strafgericht Gottes („Gott strafe England!“) oder homosexuelle Dekadenz („Der Kaiser tanzt mit Eulenburg und Leutnants im Tutu durch den Schloßpark von Liebenberg“) oder den Niedergang des Bürgertums für den Schrecken von Verdun verantwortlich zu machen; selbst untere Chargen wurden mit der Zumutung nicht fertig, akzeptieren zu müssen, daß auf beiden Seiten der Front behauptet wurde, der eine christliche Gott in unverbrüchlicher Einheit mit Sohn und Weltgeist sei mit ihnen und der Sieg ihrer Waffen durch Gottes Gnade gesichert. Derartige Zumutungen an den Verstand überwältigten umso mehr, als Kaiser und Generalstab keine andere Begründung für ihren Siegesoptimismus geben konnten als den Willen Gottes und die in der deutschen Geschichte immer wieder fatale Durchhalteparole „Wir werden siegen, weil wir siegen müssen!“ Es leuchtet ein, daß es die Selbsterhaltungspflicht jedes Menschen erforderte, sich vor derartigem Ausdruck höchster geistiger Erleuchtung der Weltenführer im Namen Gottes zu bewahren, indem man sich verrückt werden ließ.

Die Bezugsquellen für die dadaesken Aktionen sind die Berichte der Psychiater aus den Krankenhäusern, in denen verrückt gewordene Soldaten behandelt wurden. Zahllose Berichte schildern die auffälligen Ausbrüche verwundeter und schwer traumatisierter Krieger, die durch anhaltendes Trommelfeuer, Gasangriffe und Grabenkrieg dermaßen unter Druck gesetzt worden waren, daß ihnen nur eine dadaeske Reaktion als allerletzte Rettungsmaßnahme übrig blieb. Indem das Gehirn, von den Stamm- und Zwischenhirnfunktionen genötigt, einen Teil der reflexiven Schleifen zwischen Psyche und Soma kappt, kann das schiere Überleben des Organismus gesichert werden.

Um das zu akzeptieren, hatten die Dadaisten, angeführt vom Kulturphilosophen Hugo Ball, eine Art Synthese zwischen Zustimmungslehre von Kardinal Newman und Ja-Sage-Pathos von Nietzsches Zarathustra entwickelt, die eine kulturelle Begründung für den Selbsterhaltungstrieb der Organismen lieferte. (7) Sich selbst erhalten kann nur, wer bereit ist, zur Welt Ja zu sagen gerade dann, wenn deren Zumutungen jeden Vernunftbegabten in den Irrsinn treiben. Irrsinn ist die extremste Ausprägung der Lebensbejahung. Auf die dadaistische Feier des Ja-Sagens zum Unfug als aufgehobener Fügung geht das Mythologem zurück, Dada habe seinen Namen aus dem russischen Wort für Ja von Lenin selbst erhalten. Denn Lenin wohnte Spiegelgasse 6, in der Nachbarschaft des Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, und man kann sich ohne weiteres vorstellen, daß der große Apokalyptiker die spektakulären Aktionen der anarchistischen Clowns besuchte und sich dort vor den Lautgedichten, die Hugo Ball im Kostüm des Kardinals Newman vortrug, vor Vergnügen auf die Schenkel klopfte – unter fortwährender prustender Bekundung seines Wohlgefallens stieß er „da, da, da!“ hervor und gab damit dem Unfug seinen programmatischen Namen. (8)

Dada als Hochzeitsphilosophie des Ja

Es ist schon längst geboten, den Dadaismus als eine Zustimmungslehre, sprich, eine Hochzeitsphilosophie zu würdigen. Bei der Hochzeit stellt sich für den Bräutigam und die Braut die zentrale Frage nach dem Ja-Sagen. Beide Parteien wissen von vornherein, daß sie im Grunde nicht wissen, wozu sie am Altar ihr Ja-Wort geben. Das ist der tiefere Sinn des Hochzeits-Ja als einer kulturell vermittelten und institutionell abgesicherten Form der Unerfahrbarkeit, der Unerwartbarkeit, der Nichtantizipierbarkeit dessen, was kommt, das Einverständnis zu signalisieren. Der Dadaist, als ewiger Bräutigam und wahrer Heros des Ja, bekundet also, den Irrsinn zu ertragen, den Wahnsinn walten zu lassen und das Lächeln der Etrusker einzuüben.

Die Dennoch-Pathetik

Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gab es von der Regierung lizensierte Postkarten mit Malereien von „Dennoch-Künstlern“. Das waren Künstler, denen im Kampfeinsatz die Hände weggeschossen worden waren, die sich in der Folge gezwungen sahen, beispielsweise mit dem Mund oder den Füßen zu malen. Ausgehend von solchen Schicksalen, wurde die alte Frage des ersten Chefdramaturgen der Deutschen, Gotthold Ephraim Lessing, neu gestellt, ob es denn einen Raffael ohne Hände geben könne. Jüngst gestand der alte Künstlerprofi Jörg Immendorff, der durch eine Erkrankung in eine entsprechend mißliche Lage versetzt worden war, keine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. (9) Um zu begreifen, was im europäischen Sinne Künstlerschaft heißt, empfehle ich das Studium des Exempels, das der Oberdadaist Hugo Ball mit seiner biographischen „Kehre“ geboten hat. Hugo Ball, heißt es oft in kritischer Absicht, habe sich nach seiner aktiven Zeit im Cabaret Voltaire zum christlichen Mystiker und Ekstatiker gewandelt. Jeder Wohlmeinende weiß dagegen, daß sich Ball überhaupt nicht verändert hat, denn christlich, mystisch und ekstatisch war er gerade als Dadaist.

Das Dennoch-Pathos entstammt der christlichen Passionsauffassung; die imitatio Christi nimmt man aber gerade nicht an, wenn man sich durch Leiden das Himmelreich zu erwerben hofft oder sich aus angeblicher Demut erniedrigt, Dreck frißt und den schwärenbedeckten Körper in Lumpen steckt. Der Verlust der Glieder befähigt noch nicht dazu, ein Raffael ohne Hände zu sein.

Die Kunst des Unfugs

Mit dem gerne albernden Albert gesagt, kommt es nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern sich in ihr zurechtzufinden. Letzteres nennt man kommunizieren zu können, häufig ohne jegliches Verstehen. Und es funktioniert doch. Wie Ferdinand de Saussure und Alfred Jarry und Fritz Mauthner lernten auch die Dadaisten, der sinnreichen Natur das Geheimnis der Kommunikation zu eigenem Nutzen abzuhören.

Wir müssen uns die Bedeutung der Karriere des Kommunikationsbegriffs gegenüber dem wissenschaftlich-hermeneutischen Begriff „Verstehen“ verdeutlichen. Kommunikation beruht auf dem Parallelprozedieren von Gehirnen und nicht auf Übertragung von irgendwelchen Substanzen, denen Informationen aufsitzen. Kommunizieren heißt nicht, Worte zu Aussagen zu formen nach dem Modell des Spießrutenlaufs beim Militär, wo am Ende eine zurechtgeprügelte Wahrheit herauskommt, die kaum noch kriechen kann. Sondern?

In Dada gipfelte die großartige Entdeckung, daß innerweltliche Transzendenz (negative Theologie, negative Ästhetik) durch Kommunikation gerade auf Grund von Unsinn, Widersinn, Blödsinn, karikierender Verzerrung, Satire und Parodie entsteht. Menschliche Gehirne können qualitätslosen Unsinn nicht akzeptieren. Da sie den Unfug wahrnehmen und identifizieren müssen, verleihen sie selbst dem Unsinn noch einen Sinn. Der Unfug hat im Hinblick auf die klassische Form der Fügung, im Musikalischen etwa als Fuge, eine eigene Würde. Unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation hat die Unfugproduktion die Fugenproduktion tatsächlich überrundet. (10)

Grundlegende Bedingung für das Erzeugen von Unfug ist die triadische Struktur der Sprache, wobei erst die willkürliche Abkoppelung von semantischer, syntaktischer und pragmatischer Dimension der Zeichen zum Unsinn führt. In älterem Sprachgebrauch unterschied man die Namen und Begriffe von den Vorstellungen und Symbolen oder die cognitiones von den imaginationes und repraesentationes, wobei letztere der syntaktischen Zeichenebene entsprechen, die inneren Vorstellungsbilder der pragmatischen und die Namen/Begriffe der semantischen Ebene.

Wie wir im Traum die Fähigkeit erfahren, die drei Ebenen weitestgehend voneinander abzukoppeln, können wir auch im poetischen Umgang mit der Sprache, zum Beispiel durch Metaphern und Analogien, die Bedeutung der Zeichen von Sprachgestalt und Sprachgebrauch abkoppeln. Das Traumgeschehen lockert die festgefahrenen Verknüpfungen der drei Ebenen untereinander und stellt somit die Leistungsfähigkeit des Gehirns immer wieder her. Die künstlerische Entkoppelung und Neufigurierung von Bezeichnetem und Bezeichnendem in der Einheit des Zeichens läßt den poetischen Sinn selbst des herkömmlich Sinnlosen strahlen.

Wegweisend auf diesem Gebiet waren die Überlegungen von Ferdinand de Saussure. Er hatte gegenüber Dada einen Vorsprung von dreizehn Jahren, die Ergebnisse seiner Arbeiten wurden allerdings kaum rezipiert. Seit den Zeiten des Kirchenvaters Augustinus bewies die Theologie der Trinität ihre Alltagstauglichkeit auf die verschiedensten Weisen, unter anderem in der Unterscheidung der drei geistigen Vermögen Denken, Vorstellen und Sprechen, die jeder Art von Kommunikation zugrundeliegen. De Saussure verdeutlichte, daß sich unsere Wort- und Bildsprachen, Gestus und Mimik allesamt nicht auf die Welt außerhalb unseres Bewußtseins beziehen. Wer in verschiedensten Sprachzeichen Pferde auf der Weide repräsentiert, soweit er nicht auf sie zeigen und dabei von seinem Kommunikationspartner gesehen werden kann, bezieht sich zwangsläufig auf die cognitiones, also Begriffsbestimmungen von Pferden und Weide etc. wie auf die inneren Vorstellungsbilder, die diese Begriffe in uns auslösen. (11) Demzufolge bezieht sich die semantische Ebene eines Zeichens nicht auf eine Begebenheit außerhalb des Bewußtseins. Kann etwas symbolisch (mit Bildern, Worten, Gesten etc.) repräsentiert werden, das sich nicht auf unsere Namen, Begriffe und Vorstellungen bezieht? Mit dieser Frage beschäftigen sich Künstler des Unfugs, der Sinnentleerung und Löschung von Bedeutung in besonderer Weise.

Bilderverbot braucht Bilder

In zeitlicher Nachbarschaft zu Dada erläßt der Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap, analog zum Bilderverbot der jüdischen und moslemischen Theologien, das Bilderverbot für die Wissenschaften. Wissenschaftler unterliegen dem strikten Verbot, sich zu irgendeiner begrifflichen Bestimmung eine Vorstellung zu bilden. Ein Astrophysiker, der sich zum Begriff „Schwarzes Loch“, das eindeutig mathematisch-physikalisch definiert werden kann, eine Vorstellung leistet, dürfte durchaus in Schwierigkeiten kommen, weil er entweder seine Vorstellungen mit den Begriffen nie zur Deckung bringen kann oder, wenn er Übereinstimmung erreicht, nicht mehr als Wissenschaftler vorankommen wird.

Die symbolische Repräsentation wird strikt als Tautologie bestimmt. Wer sich als Astrophysiker oder Mathematiker äußert, darf zur symbolischen Repräsentation nur dieselben Formeln benutzen, die er bereits in Gebrauch nimmt, um die Kognition zu gewährleisten; die geistige Arbeit wird also strikt auf den Aspekt der Kognition beschränkt. Sigmund Freud hat gezeigt, daß sich die inneren Antriebe (wie etwa die gefühlsmäßige Bewertung der Kognitionen oder das sogenannte Vorstellungs- oder Antizipationsvermögen) nur dann entfalten, wenn sie nicht in Deckung zu Begriffen gebracht werden. Auch entwickeln sich die psychischen Fähigkeiten erst, wenn man sich das Unvorstellbare nicht nur vorstellt, sondern die Unvorstellbarkeit selbst als Vorstellung symbolisch repräsentiert.

Angesichts des Unfaßlichen, des Undarstellbaren, des Undenkbaren und des Unvorstellbaren sich einfach bequem zurückzulehnen und intellektuell zu resignieren, ist ein typisches Verhalten der von religiösem Tiefsinn behauchten Menschen, die das Problem des Unfaßlichen schlichtweg mit einem Darstellungs- und Vorstellungsverbot bemänteln wollen. Zum Beispiel ist die theologisch hoch entwickelte jüdische Religion in dieser besonderen Hinsicht ziemlich unterbestimmt. Die Meinung, ein Bilderverbot sei dadurch durchzusetzen, daß man verfügt, sich kein Bildnis Gottes machen zu dürfen, ist nicht nur reichlich naiv, sondern geradezu absurd. Natürlich kann man Bildlichkeit verbieten, aber was geschieht mit der inneren Bildlichkeit, die entsteht, wenn der Begriff „Gott“ angesprochen wird? Kann man diese ebenso verbieten und zugleich die Kontrolle dieses Verbotes gewährleisten, wenn doch jeder Mensch, der das abstrakte Kognitionsschema „Gott“ aufruft, zwangsläufig sofort eine begleitende innere Vorstellung entwickelt?

In der Sphäre der kommunikativen Akte gilt es, das Undenkbare als Undenkbares zu denken, sich das Unvorstellbare als Unvorstellbares vorzustellen und das Undarstellbare als Undarstellbares darzustellen. Wird das Undarstellbare nicht dargestellt, ist es überhaupt nicht existent. Wird das Undenkbare nicht als undenkbar gedacht, hat man nicht nachgedacht. Kann man sich die Unvorstellbarkeit nicht als Unvorstellbarkeit vorstellen, ist die ganze Aussage gegenstandslos. (12)

Betrachtet man Dada als eine erkenntnistheoretische Methode und nicht als eine kurzfristige Demonstration von Ambitionen einiger Künstler, wird klar, welch immense Bedeutung Dada zukommt. Selbst die großen Meister des amerikanischen abstrakten Expressionismus, die Maler der Monochromie oder des Minimalismus zeigen sich noch von Gedanken inspiriert, wie sie im Ersten Weltkrieg in Zürich erstmalig Form annahmen. Ein Gemälde von Rothko ist die Erfüllung des jüdischen Bilderverbots als Bild auf höchstem Niveau. Seine Gemälde erfüllen den Anspruch auf die Entkoppelung der Kognition „Gott“ und der Imagination „Gott“ von der Repräsentation „Gott“. Rothko hat tatsächlich zum ersten Mal gezeigt, was es unter westlichen wissenschaftlichen, an der christlichen Theologie orientierten Bedingungen heißt, ein Bilderverbot einzuhalten, indem man es als Bild manifestiert. (13)

Die Dadaisten stehen modellhaft für die Beantwortung der Frage, wie sich unter den Bedingungen der Unangemessenheit, der Nichteinholbarkeit, der Nichtverfügbarkeit, der Nichtangemessenheit der Prozeß der Verständigung tatsächlich vorstellen läßt. Glaubte man zuvor noch, daß Gott gewußt habe, was er tat, als er die Welt erschuf, so war mit Dada ein für alle Mal bewiesen, daß selbst Gott ratlos vor seinem Arbeitsresultat stehen mußte. Die Dadaisten erwiesen als Künstler, was jedem Wirtschaftsunternehmer und Politiker als nietzscheanische Erfahrung ebenfalls zugemutet wird, daß nämlich der schöpferische Hersteller selbst nicht mehr versteht, was er bewerkstelligt. Stattdessen entsteht beim Urheber das ans Groteske grenzende Gefühl, bei der Entfaltung eines Werks permanent faszinierende und höchst attraktive Mißverständnisse zu produzieren, also Sachverhalte zu erzeugen, die das Uneinholbare, das Ambivalente, die Ambiguität, das Dunkle, den Hermetismus (Verschlossenheit) und die Enigmatik (Verrätselung) artikulieren.

Es wurde jedoch von den Dadasophen nicht etwas absichtsvoll verrätselt, wie etwa ein Tarnspezialist einen Klartext verschlüsselt, damit der Feind ihn nicht entziffern kann, sondern eine Verrätselung im Sinne prinzipieller Unerfaßbarkeit und Nicht-Antizipierbarkeit hervorgerufen. Etwas zu behaupten, was nicht antizipierbar ist, was also außerhalb der Erwartbarkeit liegt, ist gleichbedeutend mit dem Unsinn innerhalb seiner Gefügtheit als Unfug. Aber kann man mutwillig unsinnig sein, kann man etwas beabsichtigen, was sich jeder Art von Zuordnung in ein Handlungssystem oder in ein Entwurfssystem entzieht? >Die Surrealisten haben mit dem cadavre exquis versucht, eine Logik zu entfalten, die man nicht antizipieren kann. Als Künstler haben sie symbolische Repräsentationen entwickelt, die nicht mehr per Ikonographiehandbuch in Kognitionen oder Imaginationen übersetzbar waren, sondern die ganz der Beschäftigung mit unlösbaren Problemen verpflichtet waren. Sie fanden heraus, daß gerade die Zumutung der Unlösbarkeit des Problems ungemein stimulierend auf den Betrachter wirkte. Plötzlich war klar, daß man sich nicht mehr mit Problemen auseinandersetzt, um sie loszuwerden, sondern um zum Kern der Sache vorzustoßen, der prinzipiellen Unlösbarkeit von Problemen.

Anmerkungen

(1) Siehe Brock, Bazon 2002, S. 207-219.

(2) Siehe ebenda, S. 591.

(3) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.

(4) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch!“

(5) Brock, Bazon, in: Crivellari, Fabio u.a. (hg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. Konstanz 2004.

(6) „Wir benötigen ,Lernzeit für Zivilisierungen῾, d.h. ein starkes Bewußtsein für die Tatsache, daß immer unter Bedingungen des Ernstfalls geübt wird, um seinen Eintritt nach Möglichkeit zu verhindern.“ In: Sloterdijk, Peter:
Zorn und Zeit Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt am Main 2006, S. 355 ff.

(7) „Ruhm und Ewigkeit /[...] / Schild der Nothwendigkeit! / Höchstes Gestirn des Seins! / das kein Wunsch erreicht, / das kein Nein befleckt / ewiges Ja des Sein's, / ewig bin ich dein Ja: / denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! –“ In: Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe, Band 6. Hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Munchen, New York 1999, S. 405.

(8) Siehe Noguez, Dominique: „Lenin Dada“. Zürich 1989.

(9) Emil Staiger fragte mich einmal, worin eigentlich der Unterschied zwischen einem Dadaisten und jenem schriftlich tradierten Inskribenten bestehe, der an eine Wand in Pompeji geschrieben hatte: „Wir haben gesündigt, Herr Gastwirt. Wir haben uns wie Schweine benommen, Herr Gastwirt. Wir haben in die Betten geschissen. Aber wenn Sie uns fragen, warum, dann sagen wir Ihnen, weil Sie uns keinen Nachttopf unter das Bett gestellt haben. Sie sind also selber schuld.“ Handelte es sich etwa um die demonstrative Geste eines Dadaisten avant la lettre? Warum ist der Mann von der Wand in Pompeji kein Künstler? Die Antwort lautet: Weil er diesen Sachverhalt nicht im Hinblick auf eine Neudefinition der Kognition von „Verschmutzen“ oder als eine neuartige psychische Bewertung von Im-Dreck-Suhlen, An-die-Wände-Schmieren, Sich-in-einer-fremden-Gegend-wie-ein-Schwein-Aufführen darstellte. Diese Darstellung einer Inschrift die nicht einmal von einer kleinen pikanten Illustration begleitet wird, weist nicht das entscheidende Kriterium der Kunstentwicklung auf, das uns Europäer auszeichnet. Dieses Kennzeichen ist das Ausprägen einer vollkommen eigenständigen Begründung von Geltungsansprüchen, nämlich das Prinzip der auctoritas, der Autorität durch Autorschaft. Was ein Individuum äußert, kann überhaupt erst Autorität haben, wenn sich sein Gestus auf die eigene individuelle Urheberschaft einschränkt.

(10) Zu Zeiten Johann Sebastian Bachs war dem noch nicht so. Bach kommunizierte als Stellvertreter Gottes ausschließlich im Medium des heiligen Geistes. Er konnte also seine Kommunikation noch auf religiös-kulturelle Bindungen verlagern. Wir Modernen müssen uns mit dem Innenweltlichen bescheiden und darauf verzichten, den heiligen Geist in Anspruch zu nehmen.

(11) Jonathan Swift bietet in der grandiosen Satire „Gullivers Reisen“ Einblicke in die Verquerungen der Sprachphilosophie, wie sie in der so genannten „Akademie von Lagado“ praktiziert wird. Die Fakultät der Sprachen unternimmt Versuche, die Landessprache zu vereinfachen. Man geht sogar so weit, die Wörter überhaupt abzuschaffen. Stattdessen sind die zu bezeichnenden Objekte stets mit sich zu führen, was sicherlich praktiziert worden wäre, „wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, nach ihren Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Solch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Wissenschaft ist das gemeine Volk! Viele der Gelehrtesten und Weisesten sind jedoch Anhänger des neuen Projekts, sich mittels Dingen zu äußern; das bringt nur die eine Unbequemlichkeit mit sich, daß jemand, dessen Angelegenheiten sehr umfangreich und von verschiedener Art sind, ein entsprechend größeres Bündel von Dingen auf dem Rücken tragen muß, falls er es sich nicht leisten kann, daß ein oder zwei starke Diener ihn begleiten.“ In: Swift, Jonathan: Gullivers Reisen. Frankfurt am Main, Leipzig 2004, S. 263.
Unser theoretisches Objekt „Der Mantel von Lagado“ mobilisiert die von Swift angesprochene Vorstellung des „To diti“ / „das da“: Durch die Demonstrationsgeste des Zeigens auf die Objekte wird die Ebene der symbolischen Repräsentation ausgeschaltet Friedrich Schlegel war wahrscheinlich der erste Künstler, Ästhetiker und Kulturgeschichtler, der dieses Element das damals noch als eine Art des Romantisierens verharmlost wurde, in seiner eigentlichen Bedeutung eingeschätzt hat. Liest man heute Schlegel, scheinen seine Texte wie Kommentare aus der Nach-Freud'schen psychoanalytischen Literatur oder der post-strukturalistischen Kulturphilosophie à la Postmoderne.

(12) Auch bei der Debatte über das Holocaust-Denkmal in Berlin konnten wir den Aspekt der völligen Unangemessenheit in Form einer peinigenden Naivität ja einer unglaublichen Stupidität verfolgen. Die Homosexuellen beabsichtigten, ein kleines Denkmal mit einem Guckloch aufzustellen, durch das man ein küssendes Männerpaar sehen könne; mittlerweile wurde dieser Plan auch in die Wirklichkeit umgesetzt. Dieser Hinweis auf die KZ-Opfer, die wegen ihrer Homosexualität eingesperrt worden waren, ist absurder Kitsch. Doch warum macht der Kitsch eine solche Karriere? Weil es keine andere Möglichkeit gibt, als in der Nichtangemessenheit dieser Erfahrung zu operieren. Wenn ich behaupte, daß meinem Erlebnis von Paris die Darstellung eines 12 cm hohen Türmchens entspricht, das in irgendeiner Weise auf den Eiffelturm bezogen ist, dann bin ich ein Kitschier. Jede Darstellung ist kitschig, die als Zeichen prätendiert, dem Bedeuteten zu entsprechen.

(13) Diese Überlegungen sind der einzig vernünftige Rahmen, in dem man die Frage des Ungegenständlichen und der Nicht-Figürlichkeit in der Kunst sinnvoll beschreiben kann; zur Ikonographie der Nicht-Darstellbarkeit, siehe Brock, Bazon: Zur Ikonographie der gegenstandslosen Kunst. In: ders., 2002, S. 726 ff. Siehe Kapitel „Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit“.