Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 88

I.3 Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohème

Seit 1968 hat Brock zahllose Besucherschulen angeboten. Zwei Gedanken sind maßgeblich: Wer eine Auswahl von Werken als kuratorische Leistung beurteilen soll, muß die Werke kennen, die der Kurator nicht in die Ausstellung aufgenommen hat. Eine Besucherschule repräsentiert in einer Ausstellung die nicht gezeigten Werke. Das ist keinesfalls paradox. Das Zeigen als Zeigen des Nichtgezeigten ist eine grundlegende Erkenntnisleistung für jedes Urteil über das Gezeigte. Mit den Besucherschulen folgt Bazon Brock auch dem naheliegenden Gedanken, daß die Zuschauer, Betrachter, Zuhörer, Patienten, Konsumenten, Wähler in gewissem Grade professionalisiert werden müssen, damit sie als Partner der Künstler überhaupt in Frage kommen ebenso wie als Partner der Ärzte, der Produzenten und der Politiker. Besucherschulen sind das Gegengewicht zu den künstlerischen Selbstverwirklichungsanleitungen in den Meisterklassen der Kunsthochschulen.

Die Wohnung ist für Menschen nicht nur eine Heimat oder ein Zuhause, sondern auch eine Bühne des inszenierten Lebens, ein Anschauungsfeld für die Realisierung der eigenen Biographie oder, wie es bei Carl Hentze heißt, ein „Weltort der Seele“. Das Modell Heimat übersetzen wir in eine ganze Reihe von Containments, in denen vielfältige Artefakte und Kunstwerke aus meinem Wuppertaler Wohnzimmer zu einer Inszenierung zusammengestellt sind. Da ich nicht die ganze Welt in mein Wohnzimmer einladen kann, trage ich es im Medium einer Ausstellungspräsentation hinaus in die Welt. (1) Interessante und auffällige Objekte sollen als Anlässe und Vorschläge für das Theoretisieren und für das sinnende Anschauen einer Lebens- und Ideengeschichte zu verstehen gegeben werden. Damit nehme ich die Idee zu einer Demonstration in der Stadthalle Hannover wieder auf: Im Juni '67 stellte ich dort die Wohnung des ortsansässigen „Film heute“-Redakteurs Werner Kließ aus. (2) So konnten die Leser seiner Artikel ihn gewissermaßen in seinem Zuhause besuchen, um Interesse an dem Zusammenhang zwischen seinem Wirken als öffentlicher Person und seiner Privatsphäre zu entwickeln. Das demonstrative Zusammentreffen des Privaten mit der Privatisierung des öffentlichen Raums kennen wir ansonsten leider nur als Besetzung von Straßen und Plätzen mit Bier- und Würstchenbuden, die spannende Themen eher vermissen läßt.

Themen werden erst dann wirklich interessant, wenn sie sich auf Probleme beziehen, die eine Vielzahl von Menschen berühren. Es sind gerade die prinzipiell nicht zu lösenden Probleme, die alle betreffen. Philosophen sind im Unterschied zu Ingenieuren und anderen auf Anwendungsbezug orientierten Tätertypen auf Probleme ausgerichtet, die sich grundsätzlich nicht lösen lassen – auch nicht durch das Schaffen neuer Probleme.

Im Theoriegelände zeigen wir den historischen Experimentalraum für die Selbstentfaltung der deutschen Heimatsucher. Bei dieser Versuchsanlage handelt es sich um die phantasiegetreue Simulation der Wohnung von Ludwig Derleth (1870-1948). Man findet in dieser Inszenierung ausgesuchte Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel altarartige Aufbauten mit Heiligenfiguren und Kandelabern, eine Betbank, einen Diwan, einen Rundtisch mit gelb polierter Platte, auf der ein Adler eingebrannt ist, und eine Gipssäule mit Altardecke, auf der Brot und Wein präsentiert werden. An den Wänden, unter anderen Photographien, fällt bei einem Photographierten die zur Schau gestellte Pose und Mimik auf, die in unterschiedlichen Ausprägungen an berühmte Darstellungen Dantes, Goethes oder Wagners erinnern. Der Photographierte ist der Großdichter Stefan George, der seinen Bezugsgrößen entsprechend Wirkung zu erzielen versuchte. Sein geistiger Zögling, Ludwig Derleth, gestaltete am Karfreitag 1904 seine Dachkammer zu einem Versammlungsort um, an dem sich bei Kerzenlicht eine Schar von George-Jüngern und anderen persönlich eingeladenen Münchnern einfand. Auch der Schriftsteller Thomas Mann war unter den etwa zwölf extravaganten Geistesdienern, die zu Teilnehmern an einer feierlichen Séance wurden; heute würde man „Performance“ sagen. Mann schildert in seiner Novelle „Beim Propheten“ (1904) erinnerungsgenau, wie sich die effektvolle Einrichtung auf die Besucher auswirkte und was sich in der Bohèmebehausung des „Daniel Zur Höhe“ zutrug; so lautete karikaturhaft der Name Derleths später bei Thomas Mann. (3)

„Er liebte es, die Arme über der Brust zu kreuzen oder eine Hand napoleonisch im Busen zu bergen, und seine Dichterträume galten einer in blutigen Feldzügen dem reinen Geiste unterworfenen, von ihm in Schrecken und hohen Züchten gehaltenen Welt, wie er es in seinem, ich glaube, einzigen Werk, den schon vor dem Kriege auf Büttenpapier erschienenen ,Proklamationen̔, beschrieben hatte, einem lyrisch-rhetorischen Ausbruch schwelgerischen Terrorismus', dem man erhebliche Wortgewalt zugestehen mußte. Der Signatar dieser Proklamationen war eine Wesenheit namens christus imperator maximus, eine kommandierende Energie, die todbereite Truppen zur Unterwerfung des Erdballs warb, tagesbefehlartige Botschaften erließ, genießerisch-unerbittliche Bedingungen stipulierte, Armut und Keuschheit ausrief und sich nicht genugtun konnte in der hämmernden, mit der Faust aufgeschlagenen Forderung frag- und grenzenlosen Gehorsams. ,Soldaten!̔ schloß die Dichtung, ,ich überliefere euch zur Plünderung – die Welt!̔“ (4)

Das Ambiente dieser Wohnstätte eines Propheten schildert Thomas Mann wiederum im 34. Kapitel des „Doktor Faustus“. Meines Erachtens stellt dieser Roman die wichtigste und umfassendste Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Deutschen Ideologie“ dar. (5) Darin fungiert ein Komponist namens Adrian Leverkühn als Träger der deutschen Weltrettungsmission (à la Wagner und Schönberg). (6) Der Erzähler Serenus Zeitblom schreibt die Biographie Leverkühns während der Phase des Zweiten Weltkriegs, in der der Untergang Deutschascherns unabweislich sichtbar wird. Die Frage, die Thomas Mann dabei bewegt, lautete, ob mit der Zerstörung des deutschen Reiches auch jene bürgerliche Welt und die ihrer Künstler zwangsläufig mituntergehen wird, die das Schaffen Leverkühns bestimmte. Die Antworten versuchte Thomas Mann in Radioansprachen an die deutschen Hörer oder in Einflußnahmen auf amerikanische Politik wirksam werden zu lassen, das heißt auf die notwendig werdende Nachkriegspolitik der Alliierten, aber vor allem der USA auszurichten. So eindeutig er die Kontinuität der Entwicklung und Wirkung deutscher Ideologie aus dem Mittelalter über Luther, Grimmelshausen, die Faust-Mythologie, die schwarze Romantik eines E.T.A Hoffmann und Wagner bis zu den Konservativen Revolutionären bekannte, bestand er doch darauf, Lebensschicksal und künstlerische Arbeit Leverkühns nicht als bloße Illustration der Ideologiegeschichte zu präsentieren, sondern gleichzeitig als einen Versuch darzustellen, sich aus diesem weltanschaulichen Druck zu befreien. Kam er, so fragte man 1945, damit weiter als die Zeitgenossen der inneren Immigration, die sich einredeten, sie könnten den Teufel mit dem Beelzebub vertreiben?

Fasching und Faschismus

Im Münchner Stadtteil Schwabing war durch das Zusammentreffen von alteingesessener Landbevölkerung und hinzugezogenen armen Künstlern eine Art von animistisch-neuheidnischer Kultur entstanden, die sich als permanenter Fasching des Lebens darstellte. Karneval und Fasching waren ja sehr ernst zu nehmende Auffassungen vom Leben in fixierten Sozialstrukturen. Die alten Römer feierten Saturnalien, in denen die Weltverhältnisse auf den Kopf gestellt wurden. Die Herren wurden zu Sklaven, die Sklaven zu Herren auf Zeit: ein riskantes Manöver der Entlastung vom Druck sozialer Verhältnisse.

In München, dieser „Stadt von Volk und Jugend“ (Stefan George), wurde der Fasching ganz bewußt unter kultur- und zeitgeschichtlichen Aspekten interpretiert. Auch in der Kölner und der Mainzer Tradition des wilden närrischen Treibens hatte der Karneval eine sehr ernsthafte Dimension, etwa als eine politikhistorische Reaktion auf die napoleonische beziehungsweise die preußische Besetzung der Rheinlande, als subversive Aktion also. Warum aber hat man derlei Treiben geduldet? (7)

Ein großer Bonvivant wie Hermann Göring lebte gleichsam im permanenten Karneval. Er trug das ganze Jahr über „Kostüm“ und damit das Karnevalmotto zur Schau, daß der Humor der Stuhlgang der Seele sei. Beschäftigt sich nun ein Volk zynisch, humorvoll und kritisch mit den Herren und anderen Mächtigen wie Managern, Chefärzten, Politikern, so handelt es sich offensichtlich auch um eine Form der Anerkennung der Überlegenheit dieser Mächte, weshalb Karneval/Fasching stets das Wohlwollen der Verhöhnten genießen durfte. In Köln und Mainz entwickelte man die Fähigkeit, Themen so vorzutragen, daß sie selbst von konservativsten Zensoren nicht als Anlaß für strafrechtliche Verfolgung gewertet werden konnten. Das gelang durch raffinierteste, mit sichtlichen Übertreibungen arbeitende Deformation aller Eindeutigkeiten. Äußerte man sich uneindeutig, so konnte der Zensor nichts unternehmen, wollte er nicht selbst die Insulte formulieren, die er den Karnevalisten anzulasten hätte.

In Schwabing entwickelte sich ein Milieu, das die Faschingsideologie nutzte, um äußerst ernsthafte Themen durchzuexerzieren. Trat beispielsweise ein Dichter in dem Bewußtsein auf, nicht nur von den Musen geküsst, sondern das sprechende Organ der Offenbarung zu sein, so konnte er faschingshaft-übertreibend dergleichen getrost vortragen. Diese Schwabinger Experimentierwerkstatt der „ernsten Scherze“ (Goethe), des ernsten Faschings nannte man „Wahnmoching“. (8) Denn dort erprobte man die Anwendung der verschiedensten Visionen und Prätentionen von Dichtern und deren Gefolgschaft. Junge Leute spielten auf Maskenbällen Weltverbesserer und Welteroberer. Denker errichteten Weltanschauungen wie Marktweiber ihre Buden.

Der in der Aura Georges sich sonnende Ludwig Derleth versuchte sich ebenfalls in der experimentellen Errichtung von Gedankengebäuden oder Ideologien. Er phantasierte sich als großen Weltenbrandleger und Strafgerichtsautorität höchsten und heiligsten Ranges. In Thomas Manns Schilderung werden die von Derleth („Daniel Zur Höhe“) stammenden pathetischen Kriegserklärungen und Welteroberungskommandos allerdings von einem Jünger des Dichters verlesen, der eigens für die „Proklamationen“ aus der Schweiz anreist, um hinter einer Gipssäule stehend Aufrufe herauszuschmettern.

„Er überflog das Gemach mit einem drohenden Blick, ging mit heftigen Schritten zu der Gipssäule vorm Alkoven, stellte sich hinter sie auf das flache Podium mit einem Nachdruck, als wollte er dort einwurzeln, ergriff den zuoberst liegenden Bogen der Handschrift und begann sofort zu lesen.“ (9)

Manns Darstellung darf als authentisches Kulturdokument gelten, da er ja selbst an der Karfreitagsveranstaltung 1904 in Derleths Wohnung, Destouchesstraße 1, teilnahm. Von der Schwabinger Bohème weiß man ebenfalls aus den Tatsachenberichten der Mitverfasserin des „Schwabinger Beobachters“, der Gräfin Franziska zu Reventlow. Sie unterhielt mit allen Hauptbeteiligten, vom Großphilosophen über Politiker bis hin zu Dichtern, intime Verhältnisse. Die von Ludwig Klages als „heidnische Heilige“ bezeichnete Fanny Reventlow floh vor der wahntrunkenen Schwabinger Gesellschaft 1910 in die Schweiz auf den oberhalb von Ascona gelegenen Monte Verità. Dort hat sie einen 1913 in München erschienenen romanhaften Bericht über die Wahnmochinger Selbstentfesselungsanstalt geschrieben. In „Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ stellt sie karikaturhaft die gesamte Entwicklung „Schwabylons“ (Friedrich Podszus) und seiner führenden Persönlichkeiten (der ehemalige Kreis der sogenannten „Enormen“ beziehungsweise „Kosmiker-Zirkel“ um Karl Wolfskehl („Hofmann“), Stefan George („der Meister“), Ludwig Klages („Hallwig“), Alfred Schuler („Delius“), Oskar A. H. Schmitz („Adrian Oskar“) und Paul Stern („Sendt“)), so dar, daß man die „Wahnmochingerei“ heute noch mit Originalzitaten aus anderen Quellen jederzeit vergleichen und verifizieren könnte.

Unter den „Enormitäten“ Wahnmochings herrschte die allgemein verbreitete Überzeugung, im Werke Richard Wagners den Schlüssel für die Zukunft zu besitzen. In den Augen dieser Propheten der ersten und letzten Dinge galt Wagner als der Stifter einer neuen Religion, in deren Zentrum eine theologische Entdeckung ersten Ranges stand: Jesus Christus war vom Makel seines Jüdisch-Seins zu „erlösen“. Gegen Ende des 2. Akts von Wagners Oper „Parzifal“ singen alle gemeinsam im Angesicht des Grals weihetrunken die Forderung „Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“.

Damit war eine der wichtigsten Erfindungen der Moderne, die Selbstbezüglichkeitsmethode, angesprochen. Das aus der antiken Dialektik stammende Prinzip der Reflexivität ist neben Wagners „Erlösung dem Erlöser“ auch in anderen wichtigen Grundkonzeptionen der Moderne, wie etwa Lenins Diktum „Erziehung dem Erzieher“ oder in Martin Heideggers „Führung dem Führer“, weiter entwickelt worden. Die Innovation Wagners war die Stiftung einer neuen Religion, in der nicht mehr ein jüdischer, sondern ein arisch-blonder Christus im Zentrum stand. (10)

Begleitend zu der Konzeption von Wagners letzter Oper „Parzifal“ und den damit einhergehenden programmatischen Welterlösungsplänen schreibt seit dem 1. Januar 1869 die Komponistengattin Cosima an einem Tagebuch. Täglich berichtet sie über den Fortgang seines Welterlösungsprogramms. Diese von entschlossenem Opferwillen zeugenden Aufzeichnungen Cosimas schmücken anstelle der bei Thomas Mann beschriebenen Tapete mit kleinen Empirekränzen die Wände im Inneren unserer Versuchsanlage. Die ersten Sätze jeder Tagebucheintragung, die wir auf unserer Tapete zitieren, gelten dem Bericht über den Verlauf der jeweils zurückliegenden Nacht: „R. träumte, ich sei in Tränen und umarmte ihn, weil er krank sei.“ oder „R. träumte wiederum einmal die Gedanken, welche eine schlaflose Nacht mir eingab.“ „R. erzählt mir, er habe bis halb zwei auf mich gewartet!“ „R. träumte von einem vollständigen Bruch zwischen uns.“ „R. immer nachts gestört.“ „Von halb vier an schlief R. nicht mehr und hatte Verdauungsbelästigungen.“ „R. hatte eine gute Nacht, das heißt, er stand nur einmal auf.“ Oder „R. träumte einen schlimmen Traum, er sah sich von Juden umgeben, die zu Gewürm wurden und ihm in die Körperöffnungen wie schlimme schleimige Urtiere krochen“. Cosimas wenig rühmliche Rolle wird es sein, die antisemitische Haltung ihres Mannes Richard in den zu Beginn der 20er Jahre entstehenden Kreis um Houston Stewart Chamberlain und Adolf Hitler einzubringen und damit einen Beitrag zu dem von beiden Herren propagierten Erlösungskonzept, der politisch wie religiös motivierten Rassen- und Judenfrage, zu leisten; Cosima war es, die Chamberlain die Lektüre von Arthur Gobineaus Rassenlehre „Essai sur l'Inegalité des Races Humaines / Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen“ anempfahl und damit einen grundlegenden Anstoß zur Wissenschaft nachäffenden Diskussion über die Degeneriertheit der Rassen im Anschluß an Wagners „Erlösung dem Erlöser“-Konzept gegeben hat.

Die britische Blaupause
für das deutsche Wolkenkuckucksheim als Zuchtanstalt

Allerdings sollte Wagners Entwurf nicht ohne historische Parallelerscheinungen bewertet werden. Er hat als Deutscher seine Vorstellungen parallel zu einem englischen Literaten namens Benjamin Disraeli entwickelt, der eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung des Britischen Empires gespielt hat. (11)

Im Britischen Empire und im Deutschen Reich stellte man sich im 19. Jahrhundert die Frage, wie Annahmen der Rassenlehre beziehungsweise der Rassenmythologie wirksam werden könnten. (12) Damals hielt man derartige Konzepte für die denkbar beste Annäherung der Wissenschaft an die als Naturgesetze formulierten Wahrheiten. Heute sollte etwa eine Rassenlehre über die natürliche Unterschiedlichkeit, d.h. Leistungsfähigkeit, der sogenannten schwarzen, gelben, roten, weißen, braunen Menschenrassen von niemandem mehr als definitiv gegebene Naturwahrheit benutzt werden können. Dennoch wird sie mit geradezu unbeirrbarem Glauben an die Bedeutung des offensichtlich Kontrafaktischen weltweit in Dienst genommen. Die Frage lautet: Wie kann das Jenseits der vernünftigen Begründung von Geschichte als absurde Wahnhaftigkeit wirksam werden? Zum vorläufigen Hinweis auf die Antwort haben die Wahnmochinger einen kleinen Spottreim gebildet: „Warte, Schwabing, Schwabing, warte, dich holt Jesus Bonaparte!“ Das ist eine auffällige Begriffskombination, weil sie zum einen die durch Jesus verkörperte Spiritualität und zum anderen die diesseitige Macht eines Napoleon als Einheit behauptet. Es ist das Konzept des byzantinischen Cäsaropapismus, des Gottesstaates oder des Kalifats beziehungsweise des Sowjetregimes, das die Gleichschaltung von geistig/geistlicher Führung durch die Partei und ausführender Gewalt zum System werden läßt. Der Vorstellung eines Jesus Bonaparte entsprach in Deutschland das Verlangen nach einer Realisierung der ursprünglich auf das Jenseits gerichteten Heilsgeschichte in der Immanenz, wobei man auf die Schaffung eines Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach dem Vorbilde des Kaisers Barbarossa zurückgreifen wollte.

Um die Wirkkräfte der Deutschen zu entfesseln und sie auf eine Mission größten Maßstabs auszurichten, wurde das realhistorische Beispiel Benjamin Disraelis als Orientierungsgröße bemüht. (13) Disraeli war das schier Unglaubliche gelungen, die legendäre Königin Victoria, das Oberhaupt des mächtigsten Imperiums aller Zeiten, für die Verwirklichung seiner Romanphantasien zu gewinnen. Die Königin lebte einsam, da ihr Mann Albert von Coburg sehr früh verstorben war und andere Beziehungen zu Männern und Frauen aus dem Volke am Ende sie enttäuschten. Disraeli wollte der Witwe die überaus schmerzlichen Verluste erträglicher erscheinen lassen und trat mit dem verblüffenden Vorschlag an sie heran, sie zur Kaiserin von Indien zu erheben. Er selbst habe, seines Zeichens Literat, Künstler, Dichter, einen Roman mit dem programmatischen Titel „Die Kaiserin von Indien“ entworfen und er beabsichtige, diesen Roman gemeinsam mit ihr zu verwirklichen. Sie müsse ihn nur zum Ministerpräsidenten von Britannien ernennen, dann würde sie Kaiserin von Indien. Da Königin Victoria einwilligte, bei diesem gewagten Unternehmen die Hauptrolle zu spielen, konnte Disraeli seinen Roman tatsächlich in die politische Realität umsetzen. Parallel zu Wagner in Bayreuth schuf er 1876 ff. das Kaiserreich Indien.

Nunmehr berief man sich auch in Deutschland auf das Beispiel der Königin Victoria von England. Da die mächtigste Frau der Weltgeschichte gemeinsam mit einem Literaten einen phantastisch-spekulativen Roman verwirklicht hatte, war bewiesen, daß ein fiktionales Machwerk als Handlungsanleitung für politische Macht grundlegend alle Gegebenheiten der Geschichte verändern kann. Königin Victoria vermochte als Kaiserin von Indien mit Napoleon, mit dem Habsburger-Kaiser und dem Deutschen Kaiser in Rang und Geltung in der Welt gleichzuziehen. Disraeli seinerseits hatte den Beweis für die Macht des Wortes und des Geistes geliefert.

Disraeli also war der historische Ausgangspunkt für das Zukunftskonzept der Wahnmoching-Besatzung. Seitdem man in Schwabing wußte, daß ganz Deutschland (mit Ausnahme von Theodor Fontane und Friedrich Nietzsche) überzeugt war, die Zukunft gebiete, die Umsetzung des Wagner-Konzeptes zur Weltrettung hatte man nur noch einen Schritt weiterzugehen. (14) Man mußte nur stark genug wollen, um mit Hilfe des genialen Programms von Richard Wagner Europa zu demonstrieren, wie hochrangige Literatur und höchstrangige Musik die Welt bezwingen. Mit dem Literaten, Musiker, Dramatiker und Bühnenbildner Richard Wagner stand der größte Meister nicht nur musikalischer, sondern auch theatralisch-inszenatorischer Wirkung zur Verfügung. Von nun an sollten Kronprinz Wilhelm, von seinem Freund, dem später gefürsteten Philipp von Eulenburg, frühzeitig auf Wagner getrimmt, und alle Berliner Reichsgrößen regelmäßig die Opernhäuser besuchen. Tout Berlin wurde Woche für Woche mit Wagneropern berauscht. Kritiker wiesen frühzeitig auf dieses Phänomen hin, wofür sie aber konsequent als jüdische Kritikaster abqualifiziert wurden. So nahmen die Dinge ihren fürchterlichen Lauf. Die Deutschen orientierten sich mehr und mehr an der durch den „Ring des Nibelungen“, den „Parzifal“ und die „Meistersinger von Nürnberg“ entfalteten Weltanschauung, was zur Folge hatte, daß bald ganz Deutschland in eine einzige gigantische Wagner-Oper verwandelt wurde. Binnen kurzem wußte so gut wie niemand mehr, ob der „Ring des Nibelungen“ eine Inszenierung Bismarcks, Wagners oder Wilhelms II. gewesen sei oder ob nicht die großen Leistungen von 1866 bis 1871, also die Gründung des Zweiten Kaiserreiches, doch nur eine riesige Inszenierung der Politik nach dem Beispiel und Vorbild von Wagner gewesen seien. Im Nachhinein stellte Hartmut Zelinsky fest: „Erst hat Wagner sich mit dem deutschen Volke, daraufhin das deutsche Volk sich mit Richard Wagner verwechselt.“

Doch welche Ideen wurden in Deutschland ins Spiel gebracht? Was war es, was man mit aller zur Verfügung stehenden Willensanstrengung umgesetzt sehen wollte? Der Deutschen Bestreben sollte es sein, stärker als alle anderen an die Selbstentfesselung von Missions- und Gotteseifer zu glauben. Sie sollten durch die wegweisenden Ideen Wagners eine Vorstellung von der Rolle Deutschlands in der Welt erhalten. Wagner selbst schreibt am Ende seiner Lebensdarstellung von der Aufgabe der Deutschen, zu der sie, wenn sie nur erst alle falsche Scham ablegten, wohl besser als jede andere Nation befähigt sein würden, nämlich den Juden ihren Untergang als die einzige vertretbare Form der Erlösung zu bereiten. Wagner dekretierte:

„Nehmt rückhaltlos an diesem selbstvernichtenden, blutigen Kampfe teil, so sind wir einig und untrennbar! Aber bedenkt, daß nur Eines Eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann, die Erlösung Ahasvers – der Untergang!“ (15)

Solche Gedanken wurden unter dem Motto „Erlösung dem Erlöser“ im deutschen Kaiserreich proklamiert und fanden öffentlich Eingang in Zeitungsartikel, in denen Wagners Regieanweisungen für die Politik aufbereitet wurden, damit Deutschland (s)eine welthistorische Rolle spielen könne. Zuerst müßten alle zivilisatorischen Bedenken und alle falsche Scham hintangestellt werden. Schier unermeßlich schien das Vertrauen in die Annahme, daß man nur inniglich wollen, also fundamentalistisch-radikal und frei von Rücksichten oder, wie Wagner wiederholt äußerte, „schonungslos“ sein müsse, um sich zu realer Weltgeltung aufzuschwingen. Wer sich für die Mission der gnadenlosen Entfesselung entscheide, habe seine Ideen mit der unbändigen Kraft des Glaubens nur noch in der Wirklichkeit zu realisieren und schon sei nirgends ein Halten mehr und jeder Widerstand werde zwecklos sein. Und selbst wenn erbittertster Widerstand aufkomme, sei dies nur weiterer Beweis und Beglaubigung für die heilsbringerische Rolle der Deutschen auf der Bühne der Weltgeschichte. Zu diesem „heil'gen“ Zwecke war Wagner jederzeit bereit, rücksichtslos Brände zu entfesseln:

„Wie wird es uns aber erscheinen, wenn das ungeheure Paris in Schutt gebrannt ist, wenn der Brandt von Stadt zu Stadt hinzieht, wir selbst endlich in wilder Begeisterung diese unausmistbaren Augiasställe anzünden, um gesunde Luft zu gewinnen? – Mit völligster Besonnenheit und ohne allen Schwindel versichere ich Dir, daß ich an keine andere Revolution mehr glaube, als an die, die mit dem Niederbrande von Paris beginnt.“ (16)

Die Deutschen waren von ihrer gewaltigen geistigen Potenz überzeugt, weil sie unbestrittenermaßen auf allen Gebieten der Wissenschaft und ihrer Anwendungen zwischen 1875 und 1935 eine überragende intellektuelle Leistungsfähigkeit erreicht hatten. (17) Auf dem Gebiet der Geistes- wie der Naturwissenschaften beanspruchte man Weltgeltung und auch in den Künsten zählte man zur absoluten Weltspitze. Gerade im Musikalischen zeigte man sich überlegen – andernorts schienen ganze Stränge der Musikentwicklung nicht zu existieren. England war im Vergleich zu Deutschland ein frisia non cantat, also ein Volk der Koofmichs und nicht der Künstler, der Händler und nicht der Helden. (18)

Das Gefühl, gegnerischen Gruppen offensichtlich geistig überlegen zu sein, nutzte man zur Erweckung des Anscheins, auch auf der Ebene der realen Machtverhältnisse überlegen und führend wirken zu können. Die politisch naiven und deswegen für Radikalismen offenen Deutschen waren anfällig für hochfliegende Ideen, die es auf Biegen und Brechen zu verwirklichen galt:

„Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und wunderbar! Der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich von dem Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Die Welt ist die Signatur des Wortes. – Dies merkt euch, ihr stolzen Männer der Tat.“ (19)

Mit diesen „stolzen Männern der Tat“ zielte Heinrich Heine auf die deutschen Lieblingsgegner der „Idealisten“, die englischen Krämerseelen, die kaufmännisch so erfolgreich zu sein schienen, weil sie ungezügelter Raff-, Macht- und Geltungsgier folgten. Die Deutschen hingegen waren wegen des ostentativ herausgestellten Idealismus in der Welt des Mammons erfolglos geblieben. Selbst auserlesenen Geistern wie den Großkritikern Werner Sombart oder Max Weber ist es niemals gelungen, den deutschen Prätendenten auf den Platz an der Sonne einsichtig zu machen, wie widersinnig ihr Bestreben war, Idealismus und Mammon miteinander zu verbinden, also die britannische Krämerseele mit der germanischen Weltrettungsidee zu kopulieren. Wenn Geldmachen Dummheit voraussetzt (Nietzsche nennt das die Notwendigkeit des beschränkten Horizonts) und Idealismus daran zu erkennen ist, daß den Idealisten die Hoheit und Würde ihrer Ideen durch die Radikalität, mit der man sie andernorts ablehnt, bestätigt wird, dann wird verständlich, warum sich die Deutschen berechtigt fühlten, Weltgeltung zu beanspruchen, die noch über die britische, französische und amerikanische hinauszielte. Gewänne man diese Weltgeltung, so wäre die überwältigende Macht des von Wagner entfalteten Systems der deutschen Ideologie bewiesen. Scheiterte man bei der Durchsetzung des Reiches des deutschen Geistes, dann sei dessen alles überragende Bedeutung erst recht bestätigt, weil sich der Rest der Welt unter dem Diktat des imperialen Materialismus Englands gezwungen sehe, gemeinsam gegen die Weltgeltung des Deutschen vorzugehen. Viel Feind, viel Ehr'. So hieß die rechtfertigende Schlußfolgerung: Man fürchte Gott, sonst niemand, und der wisse schließlich Glaubenstreue und unerschütterliches Vertrauen in die Macht des Geistes am besten zu würdigen.

Die Deutschen waren als Resultat des Dreißigjährigen Krieges gezwungen worden, im Wolkenkuckucksheim der Ideen auszuharren, während es den Dänen, Schweden, Holländern, Belgiern, Spaniern, Engländern, Portugiesen, Franzosen und sogar den Russen gelungen war, weite Landstriche zu kolonisieren, also etwas zu schaffen in der Welt. Schon mit dem Frieden von Münster und Osnabrück (1648) hatten diese Politrealisten Deutschland in viele Kleinstterritorien zerstückelt und es damit als Konkurrenten der Welteroberung ausgeschaltet. Die Deutschen fühlten sich doppelt bestraft und waren umso beleidigter, da die Bevölkerung des Landes wie kein anderes durch die Religionskriege gelitten hatte. Tröstlich waren den Deutschen nur einige anerkennende Zusprüche von außen, wie sie etwa von Madame de Staël überliefert sind. Diese passionierte Kennerin des deutschen Elends bescheinigte den Deutschen, aus der Zerstreuung durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges in die Heimat des Denkens, das Vaterland der Ideen, eingezogen zu sein.

Aus dieser Auffassung heraus läßt sich verstehen, daß die Deutschen ihr politisches Schicksal in mittelbarer Beziehung zu dem des jüdischen Volkes glaubten betrachten zu sollen. Auch die Juden hatten sich, nach Verwüstung des Zweiten Tempels und nach der Zerstreuung in die heimatlose Welt der Diaspora, mit einer verstärkten, geradezu radikalen Emphase ihres Glaubens in ihre spirituelle Sonderstellung gerettet. Genauso verstanden sich die Deutschen. Tragischerweise wollten sie beweisen, daß sie die besseren Juden seien, wie die Juden bewiesen haben, daß sie von 1770 bis 1933 tatsächlich die besseren Deutschen gewesen sind.

Nach dem Sieg über Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) hatten die Deutschen, auch befördert durch die französischen Reparationsleistungen, die Chance, ihr gewaltiges, bisher im Ideellen angestautes intellektuelles Potential durch Anwendung im Aufbau einer gigantischen Schwerindustrie weltwirksam werden zu lassen. Nun endlich konnte man realiter zeigen, daß das deutsche Maß der Tüchtigkeit – die idealistische, philosophische und künstlerische Verstiegenheit als Höhenflug über alle Grenzen des von anderen bloß Machbaren, aber nicht Denkbaren hinweg – in der Welt etwas zu bewegen wußte. Ingenieure konstruierten auf dem Papier technische Konzepte, die zuvor als Bauplan des Wolkenkuckucksheims reine Spekulation waren. Es gilt ja, daß für Ingenieure Pläne nur dann sinnvolle Konstruktionen beschreiben, wenn der Plan fundamentalistisch im 1:1-Verhältnis realisiert werden kann. Eine Aussage wird radikal fundamentalistisch aufgefaßt, wenn sie eineindeutig in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Will ein Ingenieur von seiner Brückenzeichnung Gebrauch machen und soll die Brücke hinterher stehen, muß notwendigerweise ein 1:1-Verhältnis zwischen Papier und Stahlbeton erzeugt werden. Die angewandten Naturwissenschaften, wie die Physik und die Biologie verfahren nach diesem Muster.

Heinrich Schliemann
und die „deutsche Ideologie“

In zeitlicher Parallele zur Verwirklichung von Romanen im weltgeschichtlich wirksamen Gespann Queen Victoria – Benjamin Disraeli und zum faszinierenden Fundamentalismus der Ingenieurstechnik entstand ein weiterer Anlaß zur Begeisterung für entsprechende, unter dem Titel „Macht des Geistes“ zusammengefaßte Konzepte in Deutschland. Der bald zum neuen Kulturheros erhobene Heinrich Schliemann las den homerischen Roman „Ilias“, als ob es um einen historischen Tatsachenbericht ginge. Er folgte der Imagination Homers, indem er in der realen Topographie Kleinasiens den Punkt ausmachte, wo auf Grund der Homer'schen Vorgaben Troja situiert sein mußte. Mit der Methode der 1:1-Übersetzung der vom Dichter ausgewiesenen Ortschaft auf die realen Verhältnisse glückte Schliemann das schier Unglaubliche: Er entdeckte tatsächlich eine archäologische Schicht einer historischen Stadt, die das historische Troja gewesen sein konnte; kurze Zeit später legte er mit Hilfe des nämlichen fundamentalistischen Übersetzungsverfahrens zwischen Phantasie und Wirklichkeit, trivialem Roman und Reportage auch Mykene frei. Die sensationelle Leistung des Archäologen bestand in der Demonstration, daß Kulturgeschichte nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwärtigkeit des Vergangenen heraus geschrieben wird. Auf diese Weise fand er etwas Beachtliches für die weitere Entfaltung des europäischen Selbstbewußtseins heraus, nämlich die Entdeckung der Archäologie als einer unmittelbar politisch wirksam werdenden Kraft.

Schliemann transferierte seine Fundstücke nach Berlin ins damalige Völkerkundemuseum, das neben dem Gropius-Bau, Ecke Stresemannstraße (damals Königgrätzer Straße) und der heutigen Niederkirchnerstraße lag. Das am Ende der Stresemannstraße gelegene Gelände um den Askanischen Platz war, wie der Name schon sagt, immer schon als ein Stück Troja betrachtet worden. (20) Askanius, der jüngste Sohn von Äneas, galt als Stammvater der Askanier aus der Provinz Anhalt, die mit Heinrich dem Bären ab dem 12. Jahrhundert die Kolonisierung des Sand- und Sumpfgeländes, das spätere preußische Erzland Berlin-Brandenburg, vorantrieben. Ähnlich wie die Trojaflüchtlinge in Gestalt der Etrusker zu Kulturstiftern Roms wurden, wollten die trojaflüchtigen Nachfolger des Askanius zu Kulturstiftern in den der slawischen Urbevölkerung abgenommenen Territorien des deutschen Nordostens werden. Diese Absicht hat die Geschichte insofern bestätigt, als ausgerechnet der Name einer unterworfenen slawischen Minderheit, der Pruzzen, zum Synonym preußisch-deutscher Machtmission geworden ist. Das askanische Gelände wurde so zum Troja der Deutschen.

Durch den überragenden Erfolg Schliemanns war ein für alle Mal bewiesen, daß man nur einen historischen Roman, ein Epos, einen Gründungsmythos oder Offenbarungstext wortwörtlich lesen und auslegen müsse, um auf die „geschichtliche Wahrheit“ zu stoßen. In der Folge meinten die deutschen Idealisten, man tue gut daran, das Nibelungenlied nicht als eine literarische Phantasiegeburt oder Mythologie, sondern als Geschichtsschreibung aufzufassen. Der Fall Schliemanns hatte den Deutschen Mut gemacht, sich nun im Sinne von Wagners Nibelungenheroik entfesseln zu lassen.

Hermann, Hermann,
gib uns die Zivilisation zurück!

Das Nibelungenlied geht auf das für das geschichtliche Selbstverständnis der Deutschen so bedeutsame Teutoburger-Wald-Erlebnis zurück. Im Jahre 9 n. Chr. zerschlugen germanische „Barbaren“ die Armee Roms in den Sümpfen bei Kalkriese. Die Uminterpretation der Geschichte des Cheruskers Hermann in die des Siegfried von Xanten wurde notwendig, weil man schon wenige Jahre nach dem Sieg der Germanen das wahre Motiv Hermanns zur Kenntnis nehmen mußte. Hermann und sein engster Freund waren als Söhne von Anführern der germanischen Hilfsvölker Roms bereits im vorpubertären Alter als Geiseln nach Rom verbracht worden. Dort wurden sie nach dem Kanon der Ausbildung römischer Ritter zu erstklassigen Militärführern ausgebildet und mit dem Status der römischen Staatsbürgerschaft ausgezeichnet. In Rom hielt man sie für bestens geeignet, in den neubegründeten transrheinischen Kolonien der Römer zwischen Siegburg und Haltern ihre ehemaligen Stammesbrüder von den Segnungen der römischen Zivilisation zu überzeugen. Der Chef der römischen Kolonisatoren, Feldherr Varus, glaubte allerdings aufgrund seiner Erfahrungen in Regionen des Vorderen Orients, nur mit Gewalt eine renitente Bevölkerung unter die Segnungen der Pax Romana zwingen zu können. Die beiden heimgekehrten römischen Ritter erlebten die Willkür des in Germanien waltenden Generals Varus als Verstoß gegen römisches Recht. Deshalb glaubten sie sich als römische Offiziere verpflichtet, Varus für seinen Rechtsfrevel bestrafen zu müssen – eine Art „20. Juli“ zivilisierter Germanen. Das geschah in der legendären Schlacht im Teutoburger Wald, deren weltweites Echo Kaiser Tiberius mit den Worten dokumentierte: „Vare, Vare, redde mihi legiones meas“.

Das Kaiserwort war ein Appell an die römischen Militärchefs und Regierungsfunktionäre, die Durchsetzung der römischen Zivilisation nicht durch die Wahl fragwürdiger Mittel aufs Spiel zu setzen. Wurde bereits diese geschichtliche Ausgangslage zu einem Freiheitskampf der Germanen gegen die römische Besatzerarmee verfälscht, so waren die mit der Tötung Hermanns verbundenen Motive nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches für die triumphierenden Sieger völlig inakzeptabel. Als Hermann seinen nächsten Blutsverwandten unmißverständlich klar machte, daß der Sieg der Germanen über das mächtige Rom gerade nicht zur Aufkündigung römischer Rechtspositionen führen dürfe, also zu erneuter barbarischer Willkür, wurde er von seinem Vetter heimtückisch ermordet. Der Kerl hatte sich nach der Zerschlagung der römischen Hoheit erhofft, wieder zur Rechtfertigung der Macht des Stärkeren zurückkehren zu dürfen. Das aber verwehrte ihm energisch der Ritter und Civis Romanus Hermann – die Stammesgenossen verstanden nicht, daß er erst durch seine römische zivilisierende Militärausbildung sie zum Sieg über Varus' Legion hatte führen können und zwar im Namen des Rechts.

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches entwickelten die Verfasser des Nibelungenliedes zwischen dem sechsten und neunten Jahrhundert ein Deutungsschema für die Vorgänge, mit dessen Hilfe die über ihren eigenen zivilisatorischen Tiefstand beschämten Sieger der Geschichte sich ein wenig entlasten konnten. Im Nibelungenlied wird die Konfrontation von römischer Zivilisation mit keltischer Spiritualität (die Germanen wurden von keltischen Priestern christianisiert) und germanischer Gesellschaftsstruktur (Stammes-/Clanbindung) zu einer Gesetzmäßigkeit entwickelt, derzufolge blutrünstige Kollisionen von Kulturen unvermeidbar sind, weil Zivilisationsansprüche, Spiritualitätsbekenntnisse und soziale Loyalitäten niemals zu einer konfliktlosen Eintracht führen können. In der späteren Nibelungenfassung spielt Hagen die Rolle des Hermann- = Siegfriedmörders. Beide konnten soziale Loyalitätsverpflichtung und Zivilisierungsgebot nicht auf einen Nenner bringen. Hermann/Siegfried scheitern also gerade durch ihr Insistieren auf der historischen Mission, die drei kulturellen Urgewalten, repräsentiert durch Römer, Germanen und Kelten im Raum Bonn/Siegburg/Köln/Euskirchen/Xanten, zu versöhnen. Heutzutage sollte jeder Europäer die Aktualität der originären Erzählung zu Hermannschlacht und Nibelungenlegende erkennen können, sind doch die alltäglichen Erfahrungen von Migrantenschicksalen unüberhörbar. Welcher Einwanderer aus Anatolien wird es konfliktfrei fertig bringen, sein Selbstverständnis als Moslem und als der Familienehre Verpflichteter mit den Zivilisierungsgeboten des Grundgesetzes der BRD in Übereinstimmung zu bringen? Von diesen grundsätzlichen Widersprüchen in den Überlebensstrategien berichten die Hermann-/Nibelungengeschichten.

Wie stark die jeweils zeitgenössischen Aneignungsversuche den Nibelungenstoff variieren, zeigt vor Wagners Gesamtkunstwerksversion besonders die Fassung von Anfang des 13. Jahrhunderts in der allen Fakten spottenden Übertragung in den Donau-Kulturraum. Der „geniale Dilettant“ Heinz Ritter-Schaumburg weist nach, wie aus der Düna des Urtexts, die bei Leverkusen in den Rhein fließt, kontrafaktisch die Donau wird, die trotz aller Finessen literarischer Adaptation niemals bei Worms in den Rhein münden wird. (21) Die Umschreibungsphantasten störte nicht, daß ihre Vereinnahmung der in der Ursprungsversion genannten Recken Attila und Theoderich als Dietrich von Bern und Hunnenkönig Attila völlig unsinnig erscheinen muß, weil die historischen Persönlichkeiten nicht gleichzeitig gelebt haben. Ritter-Schaumburg zeigt an zahlreichen weiteren Beispielen für die Verfälschung der Ursprungsversion durch spätere Adaptationen, wie wirkmächtig gerade die offensichtlich kontrafaktischen Behauptungen sind. Denn: Wer ganz offen auf die Unterscheidung von Wahr und Falsch zugunsten phantasieergreifender Kräfte verzichtet, kann auch nicht widerlegt werden. Diese Unwiderlegbarkeit ist der Kern aller Macht des Kontrafaktischen. (22)

Nibelungentreue

Mit der Eröffnung des Ersten Weltkrieges erhielt das Nibelungenmotiv eine geradezu weltgeschichtliche Bedeutung. Der Entschluß der Deutschen (Kaiser, Militärführung, Regierung, Parlament und Bevölkerung), den Österreichern nach dem tödlichen serbischen Attentat auf ihren Kronprinzen in den Krieg gegen die Serben und deren Schutzmacht Rußland etc. etc. zu folgen, wurde mit der germanischen Beistandstugend, eben ihrer Nibelungentreue, begründet. Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges beschwor man ununterbrochen die Realität des Nibelungenliedes, zum Beispiel mit der Kennzeichnung der Siegfriedlinie als der ultimativen Verteidigungsstellung. Weil auf Englisch „line“ sowohl Linie wie Leine heißt, verspotteten die britischen Soldaten die Siegfriedchoristen mit dem Küchengesang „We are hanging our washing on the Siegfried line“. Der Erste und der Zweite Weltkrieg waren die gewollten Konsequenzen des deutschen Experiments, Wagners Werk in die Realität umzusetzen, wie zuvor bereits Schliemann die „Ilias“, wie Disraeli die „Kaiserin von Indien“ und wie der Ingenieur die Phantasie eines Brückenbaus verwirklicht hatten.

Der Erste Weltkrieg war der erste große Umsetzungsversuch, der für ungültig erklärt wurde, weil dessen Leiter bereits 1918 mit der sogenannten Dolchstoß-Legende das Experiment für unvollendet erklärten. Die treibenden Herren und Generäle behaupteten, daß der Friede einer im Felde unbesiegten Armee von der konspirativen Verschwörung von Sozialisten und Juden aufgezwungen worden sei; in Wahrheit hatten sie selbst um Frieden gebeten. Die Dolchstoß-Legende der Generalstabschefs Hindenburg und Ludendorff diente dazu, einerseits die Nicht-Anerkennung der Bedingungen des Versailler Friedens den Deutschen plausibel zu machen, und andererseits der Absicht zu folgen, den Versuch tatsächlich noch ein weiteres Mal durchzuführen, wofür Hitler vom Kulturphilosophen und Rassetheoretiker Houston Stewart Chamberlain an dessen Krankenbett den Auftrag erhielt. Man traf sich bereits 1923 zum ersten Mal im inneren Wagner-Zirkel und verhandelte die Rassenfrage wie einen großen Inszenierungsauftrag. Just in Villa Wahnfried überwältigte Hitler mit seinem auratischen Charme den abgeschieden lebenden Chamberlain als Großideologen (Standardwerk: „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“), die greise Cosima (die dogmatisch streng über Richards Werk wachende „Gralshüterin“, die das ganze Programm protokolliert und die Festspiele nach Richards Tod fortgeführt hatte) und natürlich die junge Schwiegertochter Winifred Wagner als deren zukünftige Nachfolgerin.

Im Hause Wagner war man ja darauf geeicht zu beurteilen, wie sich jemand auf der Bühne ausnehmen würde. Sie sahen sofort, daß Hitler wie der neue Christus wirkte. Seine unglaubliche Ausstrahlung würde ihn zum besten Darsteller eines Politikers machen, den man für einen Heilsauftrag irgend finden konnte. Hitler führte bis 1945 vor, inwieweit man mit dem „Erlösung-dem-Erlöser“-Konzept, also der Stiftung einer neuen Religion, tatsächlich die Zukunft Europas in der Weltgeschichte erzwingen könne. Wir wissen um das Resultat. Rückblickend kann man sagen: Die nationalsozialistische Ideologie bestand in nichts anderem als in übersetzter Wagner-Weltanschauung. Adolf Hitler, der größte Wagner-Fanatiker aller Zeiten, adaptierte fast alle Programmpunkte des Wagner-Konzepts. (23) Es gehört zu den grandiosesten Regieeinfällen der Weltgeschichte, daß ein Standesbeamter mit dem Namen des Kunstreligionsstifters R. W. den größten Wagner-Propheten Adolf Hitler wenige Stunden vor dem Brand Walhalls mit Eva, der namentlichen Repräsentantin der Urfrau des Paradieses, traute.

Ende April 1945 gab Hitler seine persönliche Einschätzung vom Ausgang des welthistorischen Experiments bekannt. Er war davon überzeugt, daß die Deutschen der Evolution die Arbeit abgenommen hätten, indem sie sich (und anderen) den Untergang bereiteten. Die Deutschen seien deshalb untergegangen, weil ihr Glaube an die welthistorische Mission nicht stark genug gewesen sei. Als Beweis der mangelnden Erfülltheit mit unbedingtem Willen und Siegesfanatismus habe die Tatsache zu gelten, daß sie angesichts der Judenverfolgungen zu barmherzig und zu unentschlossen gewesen seien. Hitlers Fazit kurz vor Ende des Größten Wagnerianers aller Zeiten (GRÖWAZ) lautete also, daß nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa aus der Weltgeschichte ausscheiden werde. Frankreich und England verlören als Konsequenz des Krieges ihre Imperien, was außer Hitler damals niemand zu äußern wagte. Der große Triumph Rußlands sei nur eine vorläufige Eröffnung neuer politischer Räume, durch die in Zukunft die Horden aus der Steppe, Mongolen und Chinesen, zur Weltmacht stürmen würden. Das deutsche Volk gehe zu Recht unter, weil es sich als das schwächere erwiesen habe. Mit anderen Worten, Hitler beschrieb das, was sich gegenwärtig als neue Weltlage ankündigt.“ Sein Abgesang korrespondiert im übrigen mit dem, was die vereinigten Wirtschaftsminister der Welt im Februar/März 2006 bei ihrem offiziellen Zusammentreffen in Rio de Janeiro feststellten, nämlich daß Europa nur noch die Chance verbleibe, als zukünftiges Open-Air-Museum der Welt zu überleben.

>Die Zukunft der Welt sieht laut Wirtschaftsexperten folgendermaßen aus: China sei das Territorium, in dem künftig die Welt produziert. Indien sei das Steuerungszentrum, weil die gesamte Elektronik von Mathematikern abhänge und Indien das größte mathematische Potential besitze. Die spirituelle Lenkung der Welt übernehme der moslemische Gürtel zwischen Malaysia und Marokko. Amerika spiele keine Rolle mehr, sondern werde nach dem großen Bild der Neuen Welt in seinem Innern in den christlichen Bible Belt und Mormonenstaat, einen Sharia-Staat der Vereinigten Moslems, einen asiatischen Nordwesten und einen hispanischen Süden aufgeteilt. Von New York bis Boston biete sich das gute alte Amerika als Freizeitpark der toten Musen. Und Europas Zukunft?

>>Europa kommt nach Meinung der Minister in dreißig Jahren bereits die Rolle des Weltmuseums der Zukunft zu. Touristen aus aller Welt werden sich millionenfach nach Europa aufmachen, um sich dort zu amüsieren. Sie werden nach Berlin, Rom, Paris und London kommen und es ungemein spannend finden, die Bevölkerung zu beobachten, die ernsthaft behauptet, es habe in Europa so etwas wie den Rechtsstaat gegeben. Chinesische Touristen treffen auf Europäer, die von der Individualisierung infolge der Unmittelbarkeit des christlichen Individuums zu Gott berichten. Sie begegnen kundigen Menschen, die erzählen, wie es einst das Prinzip Autorität durch Autorschaft gegeben habe. Die Chinesen werden sanft lächeln und peinlich berührt kichern. Manch einer wird vielleicht nach diesem komischen Konzept „Demokratie“ fragen und sich köstlich amüsieren, wenn er von einem historischen Entwicklungsprozeß hört, der die Säkularisierung hervorbrachte.

Das Ende der Selbstfesselungsstube BRD

Um noch einmal zurückzukommen auf die Verhältnisse in Deutschland nach Beendigung der Selbstentfesselungen, nach dem Zählen von über fünfzig Millionen Toten auf allen Seiten, nach der größten Wagner-Inszenierung aller Zeiten: Haben die Deutschen doch tatsächlich gelernt, sich anders zu verhalten? Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 hat man von der fundamentalistischen Selbstverwirklichung abgesehen und ist dazu übergegangen, Selbstfesselung zu betreiben. Die Deutschen lernten, sich als zivilisierte Menschen zu gebärden, das heißt vor allem Selbstbeherrschung, also geglückte Sublimierung zerstörerischer Triebe an den Tag zu legen, um somit die Wiederkehr des Wahnsinns für alle Zeit zu vermeiden.

Wie sich dieses Bekenntnis zur Selbstbeherrschung architektonisch-gestalterisch in den Wohnräumen der Deutschen ausdrückte, kann man auf der Rückseite der „Selbstverwirklichungsbohème“ betrachten. Es eröffnet sich in den einzelnen Elementen dieser Rekonstruktion eines deutschen Wohnzimmers der 50er Jahre die für die damalige Zeit neuartige Lebensform des deutschen Bundesbürgers, für den es im Zuge des sozialen Wandels nun allmählich aufwärts ging. Zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders wurde es für viele Bürger möglich, sich eine standesgemäße Wohnung in Modernität verheißendem Stil und behaglichem Geschmack einzurichten. Die deutsche Familie traf sich zum Abendbrot zwischen den die Modernitätsikonographie des Bauhauses repräsentierenden Tapeten der Firma Rasch, zu Füßen Modernitätsbewußtsein, geschmacklich-stilistisches Unterscheidungsvermögen demonstrierende Teppiche, die die Zeichen des gestalterischen Formalismus trugen. Statt den verflossenen Größen Wagners, Nietzsches oder Georges an der Wand zu huldigen, hängte man sich die Reproduktion eines Kunstwerks an die Wand, signierte selbst kurzerhand und schon besaß man Kunst. In der Zimmerecke aufgepflanzte Tütenlampen spendeten Licht für die Bildnisse Wim Thoelkes, Hänschen Rosenthals, Rudi Carells oder Peter Frankenfelds. Sie ersetzen als Stars der Nachkriegszeit die schauerlichen Ikonen der Nazizeit.

Das gesamte Ambiente des bundesdeutschen Wohnzimmers ist als Ausdruck der historischen Einsicht bewertbar, daß die Entfesselung der Ideen und des Idealismus zur Weltkriegskatastrophe geführt habe und folglich die Deutschen es sich für alle Zeit im Fernsehsessel bequem machen müßten. Also fesselten die Deutschen sich selbst und sagten: Nie wieder! Nie wieder soll uns eine Idee, ein Gedicht, ein Roman, eine Religion aus dem Sessel holen. Die Welt soll ausschließlich im virtuellen Bereich der Fernsehprojektion bleiben. Die Fernsehzuschauer der 50er Jahre nutzten die ihnen von den amerikanischen, britischen und französischen Besatzern nahegelegte Möglichkeit, sich zu den verführerischen ideologischen Vorlagen auf Distanz zu bringen, hatten doch die Alliierten ihnen im Zuge ihrer Besatzungspolitik beigebracht, daß alle geistigen Produkte Werke der Ideologie seien. Dieser anempfohlenen Einsicht folgend, beschied man sich nunmehr mit einem Platz im Fernsehsessel anstatt einem Platz an der Sonne: Käsehäppchen futternd, Salzstangen knabbernd und im Genuß von Coca-Cola versank man in einen vierzig Jahre währenden (außenpolitischen) Dornröschenschlaf von geheilten Zauberlehrlingen.

Diese gern als allzu bürgerlich verunglimpfte Einstellung eines schlafmützigen Biedermanns entsprang einem durchweg zivilisierten Verhalten, das die Deutschen wirklich bis 1989 brav aufrechterhalten haben. In dieser Zeit haben sie niemandem ein Haar gekrümmt, sind nirgends eingerückt, haben in keiner Weise versucht, jemanden unter die Knute von Reinrassigkeitsvorstellungen zu zwingen. Stattdessen etablierte sich ein geradezu vorbildlicher Sozialstaat, in dem jedermann die Chance zur Integration bekam, selbst wenn er sich als verlorener Sohn mit noch so viel schicksalhaftem Versagen zu erkennen gab. Es war eine wahrlich zivilisierte Gesellschaft, allerdings um den Preis, daß die schiere Gegenwart auf Dauer gestellt werden mußte, solange keine andere Kraft/Macht dieses „Ödyll“ bedrohte.

1989 kam die Wende, 1990 die Deutsche Einheit, 1991 brach die Sowjetunion auseinander. Seitdem erleben wir die Karriere der Fundamentalismen: des Islam, der Ökologie, der Ökonomie und schließlich der Bush-Politik. Plötzlich sind die alten entfesselungsbereiten Deutschen wieder gefragt. Sie sehen sich gezwungen, Stellung zu beziehen in der Welt. Sie müssen raus aus der gemütlichen Stube!

In den 90er Jahren (und vollends unter dem Eindruck der Geschehnisse des Porsche-Logos 911) lernten die Deutschen, was sie für ihr paradiesisches Leben zu zahlen hatten. Durch die terroristischen Ereignisse in der Welt wurden sie dazu verpflichtet, Gedanken, Ideologien, Philosophien der Macht neu zu bewerten. Sollte man etwa im Namen der eigenen Religiosität gegen die Ansprüche fremder Götter angehen? Als ein in diesen Fragen besonders erfahrenes und geprüftes Volk hatten die Deutschen wieder auf die Weltbühne zu treten, wenn es um Religion als Ressource für fundamentalistische Entfesselungsdynamik ging. Im Kern ist es stets die Religion, die in Entfesselungsprogramme investiert, indem sie beispielsweise permanente Selbstmordbereitschaft predigt. Die religiös Inspirierten, Märtyrer, Virilbluter und Testosteronkrieger wissen, je größer der Widerstand, der sich gegen sie formiert, desto bedeutender sind ihre Ideen; je stärker man sie bekämpft, desto größer scheint die Gewißheit zu sein, daß der vertretene Anspruch absolut einmalig, großartig und durchsetzungswürdig sei. Deshalb wird in Zukunft die fundamentalistische Logik aller radikalen Kräfte weiterhin lauten: Wenn wir nur stark genug glauben, unterwerfen wir tatsächlich die Welt unseren Ideen. So denken nicht nur Islamisten, sondern auch die ökonomischen Chefdenker, die im Geiste der Globalisierungsstrategie den Ton angeben. Die Globalisierung entspricht strukturell dem unseligen Geist von 1914; sie verläuft nach genau demselben Schema. Wie diese Geschichte enden mag, wenn die westlichen Unternehmer sich so stark fühlen, daß sie glauben, die ganze Welt ihrem liberalistischen Konzept unterwerfen zu können? Haben sie jemals daran gedacht, daß sie selbst die ersten Opfer der Durchsetzung dieses Konzepts sein könnten?

Aber ihnen bleibt ja der Trost, daß im Scheitern die Bestätigung der eigenen Größe gegeben ist. Auch unsere Herren der Globalisierung können ihr Scheitern zum Beweis dafür umwerten, daß sie eine Wahrheit vertreten wollten, die alle anderen partout leugneten: Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht, lautete seit eh und je die heilige Missionsbotschaft des Kapitalismus. Wo bleibt das Schöpferische in diesem Untergang?

Anmerkungen

(1) „Sein [Joseph Conrads] Werk ist wie ein möbliertes Zimmer, in dem sich Leser aus allen Zeiten zu Hause fühlen” in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2007, Nr. 280, S. 36.

(2) Brock, Bazon: Blaue Illustrierte. Darmstadt 1969. Siehe Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“.

(3) Mann, Thomas: Beim Propheten. In: ders., Erzählungen. Frankfurt am Main 2005, S. 355 ff. Helmut Bauers Schwabing-Buch zeigt in einer Abbildung das Haus in der Destouchesstraße 1. Im Atelier im vierten Stock fanden die Treffen, Lesungen und Proklamationen der George-Schüler statt. In: Bauer, Helmut: Schwabing. Kunst und Leben um 1900. Münchner Stadtmuseum 1998, S. 66.

(4) Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. 31. Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 483.

(5) Im 34. Kapitel des Romans wird die gesamte Ideologiegeschichte seit Albrecht Dürers Zeiten aufgerufen. Die Zahl 34 ist eine Anspielung auf das in Dürers „Melencholia“ dargestellte magische Zahlenquadrat: Ganz gleich, welche Zahlenreihe man in diesem Quadrat addiert, stets kommt 34 heraus. Das 34. Kapitel des „Doktor Faustus” weist im Kern eine außerordentlich beziehungsreiche Erschließung des Komplexes „Deutschaschern“ auf wie Bazon Brock das Thomas Mann'sche „Kaisersaschern“ nennt um mit dem Verlust jenes Kerngebiets des ottonischen Reiches auch den endgültigen Verlust der deutschen Reichsidee nach dem Zweiten Weltkrieg anzusprechen; Thomas Mann erschrieb den „Doktor Faustus“ und dessen Heimatstadt Kaisersaschern in eben der Nachkriegszeit. Deutschaschern umreißt ungefähr die Zentrale des ottonischen Kernlandes, das sich um Magdeburg, Halle, Wernigerode und Quedlinburg bis ins thüringische Erfurt und Weimar erstreckte. In Erfurt steht rudimentär die älteste Synagoge des Kontinents, es ist also der Ort an dem man Neu-Jerusalem gebaut hat was heute aktuell wird: Wenn die Juden in Palästina nicht mehr leben können sollten, weil sie durch die arabischen Kräfte überrannt werden, sind sie auf Europa zurückverwiesen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das neue Jerusalem wieder bei Erfurt liegen wird, wo die Synagoge schon einmal vor tausend Jahren Anlaß zur Spekulation über ein neues Zentrum der Heilsgeschichte als Weltgeschichte bot; siehe Brock, Bazon 2002, S. 342 ff.

(6) Arnold Schönberg hat den Antisemiten Wagner mit seinem Welterlösungsgetue, seinen Reichsgründer-, Eroberer- und Religionsstifterphantasien spiegelbildlich in seiner Kompositionslehre nachgebaut mit dem gravierenden Unterschied, ein derartiges Unternehmen als Jude zu wagen. Solange es um Musik, um die Bühne und das Theater geht, mag man das alles für interessant befinden. Sobald man es aber vom Theater auf den Königs- oder Heldenplatz überträgt, hört der Spaß der Kunst auf.

(7) Die französischen Offiziere wollten junge Mädchen in ihre Zelte locken – Zelt heßt aufFranzösisch „tente“ und „Visitez ma tente“ lautete die Einladung der Offiziere. Wenn die Mädchen aufgeklärt wurden, hieß es in der deutschen Bevölkerung: Mach' keine Fisimatenten, laß' dich nicht von einem Offizier verlocken, in sein Zelt zu gehen, denn dann bist du verloren. Also wurden im Karneval Fisimatenten vorgeführt.

(8) Zum Gesamtzusammenhang „Wahnmoching“, siehe Franziska Gräfin zu Reventlow: Herr Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil. Roman. München 1969. Richard Wagner nannte sein Bayreuther Haus „Wahnfried“, an der Fassade um den Satz ergänzt: „Wo mein Wähnen Frieden findet.“ Damit wird ein Bezug zum kleinbürgerlichen Wohnzimmer, dem Rückzugsraum vor den Drangsalen des Lebens, geboten, den B.J. Blume im Photo seines „Wahnzimmers“ bearbeitet. Wahnfried plus Wohnzimmer gleich Wahnzimmer.

(9) Mann, Thomas 2005, S. 361.

(10) Siehe zum Gesamtzusammenhang, Zelinsky, Hartmut: Richard Wagner Ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners 1876-1976. Berlin, Wien 1983.

(11) „Die bisher wenig hervorgehobene Verbindungslinie zwischen Hitler und Disraeli ist zu berücksichtigen. „Hitler als der,illegitime Sohn Disraelis!ʻ In keiner Hitlerbiographie – Gisevius, Bullock, Toland, Fest auch bei Haffner nicht – wird die Filiation Disraeli-Hitler auch nur erwähnt. Dabei ist sie das für Genese und Struktur der zur ,nationalsozialistischen Weltanschauungʻ radikalisierten ,deutschen Ideologieʻ sicher bedeutsamste geistesgeschichtliche Faktum. An ihm lässt sich ablesen, was man den Identifikationsmechanismus in der deutsch-jüdischen Beziehung nennen könnte.“ In: Sombart, Nicolaus: Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt – ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos. München, Wien 1991, S. 285.

(12) All die Zuchtideen von Deutschen im Hinblick auf Reinrassigkeit waren ideologisch zum größten Teil dem Rassebegriff von Disraeli entliehen. Als deutsche Zutat fügte man noch die Mendel'schen Gesetze und die Ergebnisse der Versuche von Justus Liebig hinzu, so daß man von einem allgemein vorhandenen Bewußtsein im Hinblick auf Optimierungsstrategien sprechen darf. Wenn mit künstlichen Mitteln die Ertragsfähigkeit in Landwirtschaft und Viehzucht zu steigern ist, so folgerte man damals, ist es auch die Sache der Naturwissenschaft, die Vorstellung von der Veredelung des Menschen zu einem Übermenschen zu entwickeln und die Bedingung der Möglichkeit dieser Veredelung zu ergründen. Schon allein deswegen waren die Naturwissenschaftler die größten Ideologen. Nicht ein Parteifunktionär hat etwa den Begriff der „verjudeten Physik“ erfunden; als Kampfbegriff hat ihn Philipp Lenard, ein Nobelpreisträgerfür Experimentalphysik vorgetragen, mit dem die Rassenreinheitsvorstellungen im Bereich der Wissenschaften nach 1933 durchgesetzt worden sind.

(13) 1845 veröffentlicht Disraeli „Sybil oder Die beiden Nationen“. Er erwog die Allianz von Arbeiterklasse und Aristokratie zur Rettung der Welt vor dem Vernichtungskapitalismus, wie sich das auch Lassalle als Koalition mit Bismarck vorgestellt hatte. Die zwei Nationen sind natürlich die Tories und Whigs. Disraeli wurde zum ersten Mal 1868 Premier. Seine wichtigen Amtszeiten (1874 bis 1880) fielen in die Bayreuth-Periode. Er ist als Figurencharakter wie Wagner zu kennzeichnen: Schuldenmachen Dandy, Kostümfetischist, Attitüdencharmeur; die zeitgenössische Schmähung als Affe auf dem Bauch von John Bull ließe sich auch auf Wagners Verhältnis zu Ludwig anwenden. Wie Wagner propagierte er, daß die Krone die Einheit von Adel und Volk in Wohlfahrt und fester Traditionsverpflichtung garantiere. Kennzeichnend ist das Faszinosum des Künstlers in politischer Mission (wie später bei Wilhelm II., Stalin, Mussolini, Hitler). Wie Premierminister Gladstone bei seiner Kritik an Disraeli, geadeltem Earl of Beaconsfield, zeigt, ist der Aspekt der vulgären Geltungssucht eines literarisch wenig bedeutsamen Karrieristen in diesem Fall unübersehbar. Die Übertragung von Romanzen auf die Politik, also die politisch soziale Inszenierung von Hirngespinsten, die als Kunstwerke bedeutsam sein mögen, stellt in der Realisierung bestenfalls Riesenspielzeuge für allzu Phantasiebegabte her.

(14) Wagner greift zu der Pathosformel von der „Erlösung durch dieKunst“ und deklariert große Kulturträume: „Die Politik müsse zum großen Schauspiel werden, der Staat zum Kunstwerk, der Künstler an die Stelle des Staatsmannes treten, verlangte er; die Kunst war Mysterium, ihr Tempel Bayreuth, das Sakrament die kostbare Schale arischen Blutes, das dem gefallenen Amfortas Genesung geschenkt und die in Klingsor verkörperte Gegenkraft von Judentum, Politik, Sexualität unter die Trümmer des Phantasieschloßes verbannt hatte.“ Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie. Berlin 1973, S. 523.

(15) Wagner, Richard: Das Judentum in der Musik. In: Zelinsky, Hartmut 1983, S. 20; vgl. Wagner, Richard: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Leipzig 1888.

(16) Brief Wagners an den Freund Theodor Uhlig. In: Strobel, Gertrud; Wolf, Werner (Hrsg.): Richard Wagner – Sämtliche Briefe, Band III – 1849-1851, Leipzig 1975, 460 f .

(17) „Die Deutschen, sagt man, sind, was Höhe des Kunstsinns und des wissenschaftlichen Geistes betrifft das erste Volk in der Welt. Gewiß; nur gibt es sehr wenige Deutsche.“ In: Schlegel, Friedrich: Kritische Fragmente. In: ders., Werke in einem Band. Die Bibliothek der Klassiker, Bd. 23, Wien, München 1971, S. 22.

(18) „Wenn man den Deutschen die Neigung nachsagt, alles, was sie beschäftigt, gedankenschwer in Systeme zu bringen – und vor allem: zur Weltanschauung zu machen, dann ist diese Eigenschaft nicht einem besonderen, nicht weiter erklärbaren und unveränderlichen Nationalcharakter zuzuschreiben, sondern den Bedingungen ihrer Geschichte, ihrem Abgeschnittensein von politischer Praxis und Erfahrung Jahrhunderte hindurch. [...] Doch solchen Konsequenzen weit voraus, als Ausdruck wie als Kompensation der blockierten Praxis, entstand eine theoretische Tiefenschärfe, eine philosophische Radikalität, die einen beispiellosen Abbruch geistiger Traditionen bewirkte. [...] Karl Marx, selbst zum Theoretiker einer blockierten und eben darum revolutionär entworfenen Praxis bestimmt, hat in seiner ,Deutschen Ideologieʻ den Sachverhalt sarkastisch kommentiert.“ In: Graf von Krockow, Christian: Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890–1990. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 239.

(19) Heine, Heinrich: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch. Frankfurt am Main 1968, S. 240.

(20) Siehe Brock, Bazon (IDZ): Im Gehen Preußen Verstehen. Schliemann verlegte den Troja-Schatz dorthin, wo sich 1945 Troja im brennenden Nichts auf die gleiche Weise realisierte, wie es schon historisch im Jahre 1260 v. Chr. untergegangen ist. Vgl. ebenda, die „Topographie des Terrors“.

(21) Ritter-Schaumburg, Heinz: Die Nibelungen zogen nordwärts. 6. Auflage, München, Berlin 1992.

(22) Siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“

(23) Siehe Hartmut Zelinsky, Sieg oder Untergang: Sieg und Untergang. Kaiser Wilhelm II., die Werk-Idee Richard Wagners und der 'Weltkampf'. München 1990.

(24) Siehe Kapitel „Eine schwere Entdeutschung – Widerruf des 20. Jahrhunderts“