Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 258

III.9 Rettungskomplett - Gorgonisiert Euch! - Ewigkeitskosten

>Die Richtung weist der Sturm aus der Zukunft, den wir Alter nennen. Unsere Optionen: eingraben, panzern, rückwärts gehen mit verstärkter Körpermasse (Fettleibigkeit weist auf Lebensängste, man expandiert zum Hindernis). Das sind schöne Bilder von Rettungskompletts wie Notquartieren, technischen Hilfswerken, Suchhundetrupps und blütenweißen Rot-Kreuz-Schwestern. Aber die stärkste Kraft des Widerstands ist das Ja-Sagen – gerade zu den schwersten Herausforderungen Ja sagen (meinte Nietzsche). Den offensichtlichen Widerstand vereinnahmt das Regime mit Toleranzpathetik – aber totale Zustimmung überwältigt. „Dienst nach Vorschrift“ ist der erfolgreichste Widerstand. Die grauenerregende Gorgo wird nur durch ihre eigene Zerstörungskraft bezwungen.

Das nennt man negative Affirmation oder die Revolution des Ja. In historischer Sprache: Der Charme der Österreicher ist purer Widerstand.

Die Opportunisten der politischen Korrektheit gehen gegenwärtig so weit, das Rote Kreuz als Logo verabscheuenswürdiger Tarnung westlicher Imperialisten mit Hilfsbereitschaft in zerstörerischer Absicht zu schmähen. Umso aktueller wird das Konzept des Rettungskompletts, in erster Linie als Rettung vor fundamentalistischer Verbohrtheit, die zum Beispiel das Logo „Rotes Kreuz“ als christliches Kampfsymbol gegen den Islam auffaßt. Eine derartige politisch korrekte Erfüllung der Forderung nach dem sacrificium intellectus war in Europa zuletzt in Hochblüte, als man ein Gebäckstück namens „Amerikaner“ verbieten zu müssen glaubte, nicht zu denken an „Negerküsse“ und „Mohrenköpfe“ oder an das Halbmond-Kipferl. Man kann sich den Kulturkampf um das Croissant nach dem Muster des Kulturkampfs um das Rote Kreuz lebhaft vorstellen: Das Croissant wird zum Quadrat werden müssen, wie das Rote Kreuz am 21. Juni 2006 in Genf als Roter Kristall zum Rhomboid gewandelt wurde, eine Form, wie wir sie als Raute aus der bayrischen Fahne und aus der Wybert-Pastillen-Reklame kennen. Das rote Kreuz auf weißem Grund soll in ein weißes Quadrat in rotem Feld überführt und als ein auf der Spitze stehender Kristall identifiziert werden. In hoc signo Vorfahrt!

Das Rote Kreuz, das die Bewegung der Zivilisierung während der Kriege symbolisiert, finden die Besucher unserer Ausstellung auf einem Rettungskasten für Erste-Hilfe-Maßnahmen, der neben anderen Rettungswerkzeugen wie Gasmasken, Feuerpatschen, Strickleiter und Rettungsbombe zu erkennen ist. (1) Diese Abteilung des Ausstellungsgeländes versammelt Rettungskompletts, die die Frage aufwerfen:

Was würde wohl jemand machen, dem in seiner brennenden Wohnung im 6. Stock eines Hauses die harte Entscheidung abverlangt wird, er könne zwar in der kurzen verbleibenden Zeit seine Lebensdokumente, Memorabilien, Kunstwerke und die Bibliothek retten lassen, aber um den Preis, ihn selbst nicht aus dem Inferno herausholen zu können. Umgekehrt gefragt: Was sind wir den Leuten schuldig, die den Normalfall garantieren, daß morgens die Milch im Kaufladen steht und das Brot beim Bäcker zu holen ist, daß man gefahrlos über die Straße gehen und ankommen kann, wo man will, ohne daß sich jemand im Auftrag großer theologischer oder sonstiger Rechtfertigungssysteme berechtigt fühlte, eine andere Person umzubringen oder zumindest zu beschädigen?

Wir haben bei unserem „Festival der Zivilisationsheroen“ auf dem Radlpaß an der Grenzstation zwischen Österreich und Slowenien auf eine grundlegende Umorientierung in der Bewertung von Handelnden und Aktivisten im Bereich des gesellschaftlichen Lebens hingewiesen. Wir wollten wissen, wie weit wir von dieser Umorientierung, von der Feier der Glorie des Außerordentlichen hin zur Würdigung der Sensation des Normalen, noch entfernt sind. Auf dem Radlpaß versuchten wir, eine Würdigung derjenigen zu entwickeln, die nach allgemeinem Verständnis mit der Bewahrung der zivilisatorischen Grundsicherung von Alltagsleben beauftragt sind, also der Feuerwehrleute, der Notfalldienste, der Polizei, des Technisches Hilfswerks und des Roten Kreuzes, derjenigen also, denen die Pflicht zur Rettung in ihren Tätigkeitsfeldern vertraut ist.

Nach Meinung der höchsten wissenschaftlichen Autoritäten rangieren immer noch Personen und Personengruppen als Souveräne an erster Stelle, denen es gelingt, wie der Staatsrechtler Carl Schmitt es formulierte, über den Ausnahmefall, über die Außerordentlichkeit, über das große Ereignis zu bestimmen. >>Wir wissen aber, daß inzwischen jeder mit ein bißchen Dynamit sofort in jeder Großstadt, in jedem U-Bahnschacht etwas Außerordentliches inszenieren kann. Es gilt also längst, daß nicht mehr derjenige souverän ist, der den Ausnahmezustand erzwingt. Souverän ist nur noch, wer den Normalzustand garantiert. Die Zivilisationsagenten, Feuerwehrmänner, Rettungseinsatzkräfte, Ärzte im fliegenden und rollenden Verkehr sind für eine Gesellschaft die Garanten, daß überhaupt das Normal-Null der Ereignislosigkeit gewährleistet werden kann.

Wir als Künstler und Wissenschaftler werden normalerweise danach eingeschätzt, inwiefern es uns gelingt, etwas Außerordentliches als Ereignishaftigkeit zustande zu bringen. Heroen der Zivilisation gelingt es, dafür zu sorgen, daß nichts Entscheidendes geschieht. Was wir retten sollten, ist die Rettung der Ereignislosigkeit in einer Zeit, wo jeden Tag rund um die Uhr jeder Fernsehsender, jede Hochschule, jedes Theater das gesamte lebendige Dasein der Menschen als ereignishaft vermarktet. Allmählich wird es unlogisch, sich auf diese Ereignisse überhaupt noch einzulassen, da sich ihnen gegenüber ohnehin nichts mehr absetzen läßt. Handelt es sich um ein Großereignis, daß ein Flugzeug abstürzt oder ein Brand ausbricht? Ist es nur deswegen eine Einmaligkeit, weil es sehr selten auftritt? Es tritt nur deswegen als Ereignis mit Seltenheitswert auf, weil es Menschen gibt, die das normale Auftreten dieser Außerordentlichkeit von Abstürzen, Bränden und Unfällen verhindern. Unter den Entwicklungen der modernen Zivilisation gilt nicht mehr als die Aufmerksamkeit fesselnd, was spektakulär, großartig, noch nie dagewesen ist, weil derartiges täglich berichtet wird. Eine Einmaligkeit jagt die andere, die Überbietungskonkurrenz hat sich schon so weit erschöpft, daß man es nur noch als sensationell empfindet, wenn es nichts Außerordentliches zu behaupten gibt. Zur Größe eines zivilisatorischen Ausdrucks gehört die Fähigkeit, das Nicht-Ereignis zu schätzen.

Wir möchten zum Bewußtsein bringen, inwieweit und auf welche Weise uns diese Umkehr in der Wertigkeit bereits beeinflußt. Als wir im Frühjahr 2006 im Karlsruher ZKM mit unserem Theoriemarsch anfingen, streikte dort die Müllabfuhr. Obwohl deren Tätigkeit in der Hierarchie der Kulturschöpfer so niedrig rangiert, daß sich für eine derartige Arbeit niemand mit ausgewiesener Berufsqualifikation zur Verfügung stellt, macht sich der Ausfall der Müllabfuhr sofort lähmend auf das gesamtgesellschaftliche Geschehen bemerkbar: ein krasses Mißverhältnis von Bedeutung der Arbeit zu ihrer öffentlichen Anerkennung. Würde der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister oder ähnlich hochrangiges Personal streiken, berührte diese Tatsache das Leben einer Großstadt in keiner Weise. Wenn aber die Müllabfuhr oder die Feuerwehr streiken, dann zerfällt das Zusammenleben der Menschen unter halbwegs antizipierbaren Bedingungen. (2) Es ist offensichtlich, daß die faktische Bedeutung den hierarchischen Klassifikationen nicht entspricht. Die Bedeutung dieses Verständnisses von Zivilisierung wird dadurch verstärkt, daß auch die christliche Ethik mit dieser Handlungsform übereinstimmt. Es ist klar, daß die Zehn Gebote im Grunde Gebote des Unterlassens sind. Die Aufforderungen zum Unterlassen lauten: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten usw. Wenn uns allen gleichermaßen bewußt wäre, daß die Ethiken aller Zivilisationen auf Unterlassungsgeboten beruhen, dann sollte das in der Wertschätzung historischen Geschehens dazu führen, statt Religionsstifter und Kriegsherren diejenigen zu ehren, die nicht Schlachten schlagen.

In der Diskussion über die Durchsetzung eines generellen Rauchverbots spielte die Überlegung eine Rolle, daß es, wie jeder Raucher weiß, sehr viel mehr Anstrengung, mehr Aktivität, mehr Selbstbeherrschung, also generell mehr erfolgreichen Verzichts bedarf, nicht zu rauchen, als zu rauchen. Zu rauchen ist eine nachgerade lachhafte Selbstverständlichkeit geworden, der wir keine Beachtung mehr schenken. Aber nicht zu rauchen, verdient unsere Aufmerksamkeit. Durch die Mithilfe der Krankenkassen, die mit einer Erhöhung der Beiträge für Raucher wegen Selbstschädigung drohten, ist das Rauchverbot ja mittlerweile durchgesetzt. Zusätzlich zu dem bereits eingeführten Rauchverbot müßte jedoch noch ein Kult der Verehrung von ehemaligen Rauchern etabliert werden. (3)

In der modernen Kunst begegnen wir in Marcel Duchamp demjenigen Künstler, der durch den Übergang von der Bewertung großartiger einmaliger Leistungen auf Leinwand oder Bühne hin zur Würdigung des Unterlassens herausragende Einsichten gewährte. Duchamp ermöglichte die Anerkennung des Verzichts auf künstlerische Werktätigkeit. Dennoch will heute jedermann seine künstlerische Selbstentäußerung als Maler oder Bildhauer einer Öffentlichkeit präsentieren. Allein in der BRD gibt es zehntausende eingetragene, nämlich bei Finanzämtern registrierte Künstler. Was soll es da noch bedeuten, auch zu pinseln, auch zu bildhauern und auch zu schauspielern? Wir rühmen daher all diejenigen, die soweit zivilisiert sind, daß sie den Wert des Unterlassens im Bereich der Wissenschaft und der Künste zugunsten einer neuen Orientierung auf die Bedeutung des menschlichen Handelns als Unterlassen darstellen. Niemand weiß, was im absoluten Sinne gut, wahr oder schön ist. Wir wissen aber alle genau, was es zu unterlassen gilt an unguten, unwahren und unschönen Handlungen.

Inzwischen haben wir angesichts weltweiter permanenter Kulturkämpfe allen Anlaß, uns daran zu gewöhnen, daß die höchstrangigen Leistungen einer Zivilisation in der Sicherung des Friedens bestehen. Frieden heißt die Feier des Nicht-Ereignisses. Frieden existiert nur, wo es niemand nötig hat, sich in irgendeiner Weise hervorzutun, etwas Beliebiges in auffälliger Weise so zu behaupten, daß aus der Entgegnung ein Konflikt entsteht. Frieden ist die Souveränität der Möglichkeit, still in einem Zimmer zu sitzen, wie es bei Pascal heißt. (4) >>>Nur derjenige ist souverän und normal ethisch funktionstüchtig, der es versteht, ohne den ständigen Drang zum Außerordentlichen zu leben, weil er Phantasie genug besitzt, die aufgeilenden Attraktionen gedanklich zu produzieren, für seinen Gefühlshaushalt zu nutzen und sie dann auf sich beruhen zu lassen.


Die Stille der Ereignislosigkeit

Unter den Zivilisationsagenten der westlichen Welt sind in besonderer Weise, nicht zuletzt durch die großartige Schilderung Klaus Theweleits in „Männerphantasien“, gerade die Krankenschwestern hervorzuheben, die nach der Schlacht von Solferino 1859 zum ersten Mal geschichtlich werden. Wie seit tausenden von Jahren akzeptiert, weil unvermeidbar, lagen tagelang Verwundete beider Seiten hilflos auf dem Schlachtfelde. Florence Nightingale kam wie Henri Dunant auf den Schlachtfeldern zum Schluß, man müsse die Menschen allesamt als gleich betrachten. Sie beschlossen, sie alle gleich zu behandeln – „tutti fratelli“ – jenseits ihrer Uniform, Nationalität oder kulturellen Zugehörigkeit. Da die von Henri Dunant bei Solferino herbeigerufenen Frauen alle auf dem Schlachtfeld Liegenden als „Brüder“ ansprachen, sahen die Verwundeten in all den Frauen „Schwestern“. Bis zum heutigen Tag werden helfende Frauen als Schwestern angesprochen. Dieser Begriffsgebrauch wurde umso schneller populär, als es eine mönchische und eine politische Tradition der Entwicklung von „Brüderlichkeit“ gab, in die selbstverständlich die „Schwesterlichkeit“ einbezogen war, zumal die Gründung des ersten Ordens der in Gemeinschaft lebenden Mönche von einem Geschwisterpaar um 520 in Süditalien auf dem Monte Cassino ins Leben gerufen wurde: von Benedikt von Nursia und seiner Schwester Scholastika. Die Geschichte der Schwesterlichkeit mit dem Höhepunkt der ersten Organisation von Hilfskräften durch Florence Nightingale sollte als Datum in der Geschichte des Feminismus besonders gewürdigt werden. Aus dem Beispiel der Schwestern von Solferino entwickelte Henri Dunant den Gedanken an eine internationale Organisation der Hilfe und des Beistands für Kriegsopfer wie generell für Menschen in Notfallsituationen – das Rote Kreuz.

Nach den Krankenschwestern sollten in der Reihe herausragender Agenten der Zivilisierung die Hoteliers herausgehoben werden. Sie traten höflich den wilden Rabauken und herumrotzenden Lümmeln entgegen und baten, im Hotel nicht auf den Boden zu spucken, nicht die Finger in die Soße zu stecken und nicht in die Ecke zu urinieren. Die Hoteliers waren Zivilisationsheroen, die den Naturburschen in ihren wilden Antrieben der Entäußerungskraft beizubringen hatten, daß ein zivilisierter Mensch nur derjenige sei, der derartige Machtgesten unterläßt. (5) Was besagt schon eine Machtdemonstration, bei der jemand mit einer Kalaschnikow Dutzende von Menschen in ein paar Sekunden niedermäht, gegenüber dem Bemühen, deren Lebensführung zu erleichtern?

Feuerwehr und medizinische Helfer nehmen zwar bei uns an nahezu jeder Kulturveranstaltung teil, werden aber nicht in ihrer objektiven Bedeutung gewürdigt, weil man die für völlig selbstverständlich erachtet. Seit sich Terroristen weltweit zu Herren der Lage aufgeschwungen haben, ist das aber leider nicht gewährleistet. Es bleibt zu hoffen, daß die Stille der Ereignislosigkeit, die Souveränität des Unterlassens, des Nichttuns doch noch als höchste Erfüllung eines ethischen Anspruchs geschätzt und belohnt wird. Immer noch empfindet es die Mehrheit nicht nur als tolerierbar, sondern als wünschenswert, mit allem Nachdruck Dauerspektakeln ausgesetzt zu werden. Bei Protest gegen derart grundgesetzwidrige Verletzung der Integrität und damit der Würde des Menschen wird man vom Personal der Restaurants, Boutiquen, Arztpraxen mit schöner Regelmäßigkeit beschieden, man nehme den Musikterror nicht mehr wahr; auf den Hinweis, wenn das Personal den Terror gar nicht wahrnehme, könne man ihn unterlassen, heißt es ausnahmslos, der Lärm sei im Interesse der Kunden von der Direktion angeordnet. Auf den weiteren Hinweis, man sei selber Kunde und wünsche, verschont zu werden, lautet die Antwort: Sie können ja woanders hingehen – was aber unmöglich ist, da man inzwischen überall gezwungen wird, bei rabiatester Beatmusik zu essen, ohne Rücksicht auf die Physiologie. Beschwerden sind sinnlos, weil der Terror systemimmanent ist, was man spätestens feststellt, wenn man den angeblichen Kundenservice als Dauerverweis von einer Warteschleife des Call Centers auf die nächste erfährt.


Intervento minimo

Die historisch hoch stehenden Gegenbewegungen gegen den Aktionismus bildeten die Zen- und die Hindu-Religionen sowie bei uns die Mystiker. Sie legten es stets darauf an, im Bewußtsein der Zeitgenossen die Würde der Stille, die Großartigkeit des Nichteingreifens oder wenigstens des intervento minimo, des kleinstmöglichen Eingriffs zu würdigen, anstatt dem intervento massimo, dem pompösen Eingreifen, mit allen Mitteln zu huldigen. Intervento minimo bedeutet, mit einer Minimalbewegung etwas zu wenden. Einen tausend Jahre unbewegt ruhenden Stein umzudrehen, ist eine Sensation für jemanden, der noch weiß, was Ereignishaftigkeit bedeutet. Der Flügelschlag eines Schmetterlings oder das Umblättern einer Seite sind Formen des intervento minimo; obwohl es natürlich Gewürm geben mag, das sich selbst durch einen sanften Spaziergänger gestört fühlt, aber bei dem entschuldigt man sich als spirituell sensibler Buddhist oder Hinduist durch Glöckchen am Armgelenk oder an den Schuhen, damit es rechtzeitig Reißaus nehmen kann. (6)

Wenn wir uns hier erstmalig offiziell als Anwärter auf die Ehrenmitgliedschaft als Dichter und Künstler bei der Feuerwehr und bei der Polizei bemühen, dann in dem hoffenden Bewußtsein, daß sich auch Polizei, Feuerwehr und Ärzteschaft bei ihren Interventionen zu Wasser, zu Lande und in der Luft langsam ihrer eigenen Würde bewußt werden und sich deswegen nicht mehr so rigide zeigen müssen, wie das häufig der Fall ist. Ein Polizist in der Würde desjenigen, der den Normal-Null-Fall des Nicht-Ereignisses garantiert, ist eigentlich in keiner Hinsicht mehr, selbst für empfindlichste Künstler, der Ausdruck einer zwingenden Macht oder Autorität.

Wir feiern die Hausmeister in den Museen, das Reinigungspersonal, die Polizisten, die Straßenbahnschaffner, die Müllabfuhr als Souveräne der Normalität. Im Zuge der Entwicklung einer neuen Kulturhierarchie der Bedeutungen sollten sie auf den Schild der öffentlichen Wahrnehmung gehoben werden. Als Einübung in ein derartiges Würdigen lobe ich bei Preisvergaben stets diejenigen, die ihn nicht bekommen, aber die Bedingung der Möglichkeit einer Auszeichnung darstellen. In Ausstellungen oder Theatern sollte man diejenigen beglückwünschen, die nicht mehr schreiben, malen oder spielen müssen. Leider gibt es noch keinen Kult für die Würdigung des Unterlassens, aber genau auf diesen Weg haben wir uns mit unseren Veranstaltungen auf dem Radlpaß und im Theoriegelände begeben.


Festival des Nicht-Ereignisses am Radlpaß

Der Vorschlag, den Radlpaß als Ereignisort der Zivilisationsbewegung auszurufen, knüpft an eine alte hellenistische Tradition an. Wir befinden uns gleichsam auf dem Berg Haimon. Wir tun, was einst die Verpflichtung eines intelligenten Vorgesetzten war, nämlich eine Übersicht zu gewinnen. Übersicht heißt auf Lateinisch supervisio, was bedeutet, sich einmal um die eigene Achse zu drehen und die Einheit der Welt im Zusammenschluß von Anfang und Ende der Besichtigungsdrehung wieder herzustellen. Eine solche Verpflichtung erfüllten die hellenistischen Nachfolger Alexanders, wenn sie in alljährlichen Ritualen den Berg Haimon bestiegen. Diese Einheit der Wahrheitsorientierung wurde seit langem als gestört wahrgenommen. Wir glaubten, es komme nur auf Präsidenten, Staatssekretäre, auf große Individuen an, die ihre Außerordentlichkeit darin betonten, daß ihnen ohnehin niemand folgen könne; eine logische Idiotie für jeden Künstler und Wissenschaftler. Es geht längst um die entgegengesetzte Annahme: Überlegenheit in der Souveränität des Menschseins zeigen wir dann, wenn wir uns selbst als Supervisionäre betätigen und damit für die Allgemeinheit verantwortlich fühlen, deren Bestandteil wir sind. (7) Das ist das, was wir auf Bergeskuppen oder in Furten als Stätten des Übergangs zu leisten hätten. Seien wir also Alexander-Nachfolger und übernehmen die Aufgabe der hellenistischen Fürsten, die Einheit der Welt zu stiften, indem wir dem Außerordentlichen in der Seltenheit seines Vorkommens eine Chance bieten. Denn solange es keine Normalität gibt, ist es unsinnig, etwas als außerordentlich zu behaupten. Wenn der Normalfall inzwischen das Außerordentliche geworden ist, dann ist die Souveränität in der Herstellung des Nicht-Ereignisses zu sehen.


Rettung aus höchster Not:
Das Floß der Medusa und die Odyssee

Das merkwürdig disproportionale Segel am Mast verweist auf das Floß der Medusa, das wir in Gestalt eines theoretischen Objekts im Theoriegelände unseren Besuchern präsentieren. Dieser Mast rekurriert auf die Homer’sche „Odyssee“ und die Bedeutung des Epos für die Entwicklung europäischen Selbstverständnisses und den Heroismus von Tatmenschen, wie sie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im berühmten Odysseus- Kapitel ihrer „Dialektik der Aufklärung“ um- schreiben. (8) In der „Odyssee“ wird geschildert, wie eines Tages der unter größten Anstrengungen heimwärts navigierende Odysseus die Reize des Wohllebens vernimmt. Er wird bedrängt von Verlockungen durch Frauen und Waren. Aber er ahnt, daß es für ihn und seine Mannschaft das Ende bedeuten würde, wenn sie dieser Verlockung nachgäben. Er verteilt Ohropax, um diese schwachen Menschen vor der Verführung, also dem Propaganda-Gesang der Reklame und des Konsums, zu schützen. (9) Er selbst läßt sich an den Mast des Schiffes binden und lauscht den betörenden Gesängen der Sirenen. Odysseus ist damit der erste Selbstfesselungskünstler, also der erste Mann des Abendlandes, der die Beherrschung der Natur an sich selbst demonstriert. Er hindert sich durch Selbstfesselung daran, den Impulsen des Triebes und des Verlangens nachzugeben. Der Gewinn dieses Umgangs mit sich selbst ist ein zivilisatorisches Modell: Nicht direkte Reaktion auf Reize, sondern Sublimation, Aufschub und Ersatz durch kulturell bedeutsame Taten bilden die Orientierungsziele eines zivilisierten Menschen.

Mehrere Episoden der „Odyssee“ sind dieser Verpflichtung zur Zivilisierung der Menschen gewidmet. Eine der berühmtesten ist die Kirke-Episode. Als der Besatzung des Schiffes das Trinkwasser ausgeht, begeben sie sich aus schlichter Not an Land und treffen auf die Landesherrin Kirke. Diese fühlt sich
gerade einsam und versucht, den Helden in ihren Bann zu ziehen. Odysseus will unbedingt weiter nach Ithaka, doch Kirke verhindert das, indem sie seine Männer in Schweine verwandelt. Seiner Seeleute beraubt, kann er als Kapitän allein nicht fliehen. Er muß viele Jahre lang Liebesdienste verrichten, bis Kirke ein Einsehen hat. Er ruft seine in Schweine verwandelte Mannschaft auf, sich in Menschen zurückzuverwandeln. Doch sie weisen ihn zurück mit dem Hinweis darauf, daß ein Schweinedasein viel lustvoller sei als das mühevolle Menschendasein. (10) Diese Urerfahrung der Europäer ist heute erneut von großem Interesse: Die Deutschen weigern sich, aus ihren Sesseln herauszukommen und sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Stattdessen sagen sie sich: Wir leben in einem überaus angenehmen Zustand. Keine Ideologie, keine Religion, kein Gedicht stellt mehr eine Zumutung dar, da sie schlicht nicht mehr wahrgenommen werden. So leben auch wir in Saus und Braus, anstatt uns in Menschen zurückzuverwandeln. Das konsumeristische Leben mit Sozialversicherungsgarantie ist einfach viel schöner als jede Anstrengung im Kulturkampf. Es ist viel angenehmer, sich als Konsumschwein zu suhlen und das „säuische Behagen an der Kultur“ zu genießen, als Unbehagen an der Kultur zu entwickeln, also kritikfähig zu werden, vor allem aber kritikfähig gegen sich selbst.

Betrachtet man das Floß mit dem auffälligen Segel, so verweist es uns auf eine weitere europäische Urerfahrung: das Erleiden des Schiffbruchs. (11) Théodore Géricault malte 1818 in Paris das berühmte Gemälde „Floß der Medusa“. Dabei bezog er sich auf eine konkrete historische Erfahrung seiner Zeit. Die Fregatte „Medusa“ war ein Festungsschiff, das gebaut wurde, als sich die Franzosen nach der Schlacht von Waterloo (1815) der neu eröffneten Konkurrenz durch die Engländer stellen mußten, um eine zweite Seeblockade zu verhindern. Die „Medusa“ galt als uneinnehmbares und unsinkbares Schiff. Der Inbegriff der damals erreichbaren Leistungsfähigkeit im Schiffsbau lief jedoch unerwartet auf Grund. Auf einem Floß aber, das aus wenigen zusammengeflickten Brettern mit einem aus Hemden gefügten Segel bestand, erreichte schließlich immerhin noch ein Dutzend Männer rettendes Land. Die Seeleute retteten sich also vom vermeintlich unsinkbaren Schiff auf ein vermeintlich höchst zerbrechliches Provisorium, dem sie schließlich ihr Leben verdankten.

Die Erfahrung, daß locker gefügte Flöße länger halten als unsinkbare Schiffe, provozierte mit dem Beginn der industriellen Revolution eine Umstellung auf allen Ebenen – vom Schlachtfeld bis zum Haushalt. Es galt, das Prinzip loser Kopplungen und gelenkiger Verknüpfungen zu finden, anstatt sich der Starrheit panzerfester Fügungen sorglos anzuvertrauen. Sich zu ducken und dem Gelände anzupassen, entwickelte sich zu dem intelligenteren soldatischen Verhalten, als in massierter Großartigkeit und mit Imponiergehabe den Feind beeindrucken zu wollen.

Man lernte durch Faszination an der Archäologie, das Fragment zu schätzen, welches die Zerstörungsmacht der Zeit überlebte, und beobachtete, daß angeschlagene Sammeltassen allein schon wegen sorgsamer Behandlung robuste Massenware überdauern. Die Antike ist nur als Ruine übermittelt. Als die Barbaren kamen und alles zertrümmerten, haben sie das Ruinierte einfach liegen gelassen. Der Bruch und das Zerschlagene waren nicht weiter von Interesse. Als in Ruinen gelegt, hatte die Antike die Chance zu überleben.

Für uns Europäer bedeutet das, Vorbereitungen zu treffen für das Anrollen der zerstörerischen Zeitkräfte. Am besten verkrümeln wir uns schon selber in archäologische Museen der Zukunft, wie sie auch von den nächsten Siegern der Geschichte geschätzt werden. Die Künstler meinen, man ruiniere sich am besten gleich selber und behandle das Resultat wie Kunst. Kunst zu machen, ist immer noch die trefflichste Voraussetzung, um als Ruine zu überleben.

Théodore Géricault hat mit seinem ganz Europa ergreifenden Gemälde die Erfahrung der Europäer versinnbildlicht, daß Festigkeit nicht eine Frage der Dicke der Mauern und Stabilität nicht eine Frage der Zahl der Nieten ist, die in Metall gerammt werden. Er hat uns auf die Vorgaben des Rettungskompletts hingewiesen, also uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß unser gesamtes Handeln ausschließlich als vorläufig und provisorisch zu betrachten ist.

Da alles schief gehen kann, gehört zum Schiffsbau das Einrichten der Rettungsboote hinzu. Das Rettungskomplett ist in diesem Fall der Gedanke an die Sinkbarkeit eines neuen Schiffs, aus dem folgt, daß die Rettbarkeit von Passagieren zu einer Bedingung des Schiffbaus werden muß. Rettungskompletts sind somit Momente der Vorsorge für den Fall, daß etwas den ganz logisch zur Existenz gehörenden Punkt seines Versagens, seiner Destabilisierung, seines Zusammenbruchs und seiner Zerstörung erreicht.


Kometenschweif und Fluchtgepäck

Wir präsentieren in der Ausstellung ein ganzes Sortiment von Stahlkapseln, Behältnisse, die ihren Inhalt bis auf weiteres den Bedingungen des Zerstörtwerdens entziehen können. Die Kapseldeckel tragen die Gravur: „Kometenschweif und Fluchtgepäck“. (12) Was für wertvoll genug erachtet wird, um es vor den Furien des Verschwindens zu bewahren, wird am besten nicht digital, sondern in dem Verfahren namens „Stein von Rosette“ analog gespeichert. Benannt ist dieses Verfahren nach dem „Stein von Rosette“, der maßgeblich dazu beitragen konnte, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern, da auf ihm auch eine griechische Version desselben Textes eingraviert war. Entdeckt wurde dieser Stein 1799 von einem französischen Offizier Napoleons namens Pierre François Xavier Bouchard. Das Verfahren nach Rosette ermöglicht die Speicherung einer Unmenge von Daten auf kleinstem Raum.

An jedem Ausstellungsort habe ich den Museumsdirektoren angeboten, diese Endlagerungsgefäße sinnvoll zu bestücken. Adalbert Hoesle garantiert dafür, daß die Zeitkapseln anschließend bei anderem Ewigkeitsgepäck der BRD in einem Salzstock bei Freiburg i.B. bunkersicher lagern. Dankenswerterweise akzeptiert die deutsche Bevölkerung, vertreten durch den Bundestag, die Verpflichtung, die bis in alle Zeit entstehenden Kosten tragen zu wollen, wie etwa auch im Fall der Folgekosten für die Auswirkungen aufgelassener Bergwerke. Aus dieser Verpflichtung entwickelte sich der einzige Begriff universellen Zuschnitts, den die kleine Bundesrepublik nach der Aufgabe der Begriffe „Reich“, „Vaterland“, „Nation“ hervorgebracht hat, nämlich den Begriff „Ewigkeitskosten“.

Unser Fluchtgepäck nimmt durch die Leistung des Antizipierens tatsächlich den Eventualfall als Normalität in sich selbst auf, ist also ein echtes Rettungskomplett.

Wird ein neu gebauter Saal mit Fluchtzeichen ausgestattet, so sieht jemand voraus, daß es vor Ort zu einer Panik kommen und also Bedarf nach Anleitung für den Fluchtweg ins Freie herrschen könnte. Diese mittlerweile global durchgesetzten Fluchtzeichen bilden keinen Widerspruch zur verläßlichen Architektur des Raumes oder zur Brauchbarkeit der Konstruktion. Es liegt im Prinzip des Entstehens und Herstellens, daß „alles, was entsteht, wert ist, daß es zugrunde geht“. In jedes richtig durchdachte Objekt wird deshalb sein eigenes Ende eingefügt. Alle modernen Objekte weisen Sollbruchstellen auf. Nahrungsmittel haben Verfallsdaten, wobei das Anschreiben eines Verfallsdatums keine Kritik an der Ware ist, sondern ganz im Gegenteil, die Sicherheit im Umgang mit ihr garantiert. Jede vermeintliche Sicherheit erweist sich als eine Steigerungsform von trügerisch, nämlich als tückisch.


Der Eigensinn der Dinge

Was wir mit dem Ausdruck „Eigensinn der Dinge“ besprechen, ist unter dem Namen „Tücke des Objekts“ bekannt und systematisch von dem Hegel-Schüler Theodor Vischer in seinem Roman „Auch einer“ von 1864 beschrieben worden. Der Begriff Tücke bezeichnet nicht den Angriff der Artefakte auf ihren Schöpfer, wie das seit Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ durch den Ungehorsam des Computers HAL 9000 gegenüber seinem Kommandanten Gemeinplatz geworden ist. Er bezeichnet auch nicht die Rache der Geschöpfe gegenüber ihrem Schöpfer oder die Konsequenzen einer partiell aufgekündigten Meister-Lehrling-Hierarchie wie in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Die Filmkomiker der Stummfilmzeit demonstrieren dieses merkwürdige Versagen des Objekte gebrauchenden Menschen angesichts der komplizierten Regeln, die den Umgang mit den Objekten erst sinnvoll machen. Heute repräsentieren die Gebrauchsanweisungen für Hochleistungsmobiltelefone, Unterhaltungselektronik und Automobile diese Slapstick-Qualitäten, zumal, wenn sie, wie üblich, als Übersetzung aus der Sprache des asiatischen Herstellerlandes den Objekten beigegeben werden. Man amüsiert sich zwar einerseits über den Gestalt gewordenen Unsinn, der sich aber zur Verzweiflung steigern kann, weil man ohne die Gebrauchsanleitung die Gerätschaften nicht zu nutzen weiß. Der Versuch, ohne Anleitung Ikea-Möbel zusammenzubauen oder einen neuen Computer zum Laufen zu bringen, entfaltet dann die Tücke des Objektes als permanenten Widerspruch zwischen dem Willen des Nutzers, Herr der Lage zu sein, und der sich steigernden Verwirrung angesichts der Erfahrung, dümmer und ungeschickter zu sein als andere, die den Umgang mit den besagten Objekten anscheinend problemlos meistern.

Offenbar hat man erst im Zeitalter des Maschinenbaus die Erfahrung ernst nehmen müssen, daß Genesis und Geltung auseinanderfallen und die Anleitungen zum Bau einer Maschine nicht mit den Anleitungen zu ihrer Inbetriebnahme übereinstimmen. Wir glauben, mit dem Kauf der Objekte die beliebige Verfügung über sie erworben zu haben, machen dann jedoch die gegenteilige Erfahrung. Vor Theodor Vischer stellte bereits Heinrich von Kleist in „Der zerbrochne Krug“ an der Figur des Dorfrichters Adam das Scheitern des Souveränitätsanspruchs von Herren des Verfahrens dar und in „Michael Kohlhaas“ einen weiteren Prototypen des verfehlten Souveränitätsanspruchs aus der Buchstäblichkeit der Gesetzesauslegung beziehungsweise der Umsetzung einer juristischen Gebrauchsanleitung.

Nach Vischer waren es vor allen Dingen Laurel & Hardy, die Zirkusclowns, die Slapstick-Komödianten, Paul Schreber (Sexualpathologie), Fritz Teufel (Kommune 1), Bernhard Johannes und Anna Blume (Wahnzimmer) oder Peter Fischli und David Weiss (Logik der Dysfunktion), die für uns alle Freuds hypothetische Psychologie mit Beweiskraft erfüllten. Dabei scheinen wir nicht nur beweisen zu wollen, daß wir die Demütigung lustvoll ertragen, nicht Herr im eigenen Hause sein zu können – im Freud’schen Bürgerhaus regierten ohnehin die Gattinnen. Wir scheinen gleichzeitig stolz darauf zu sein, Freuds strengem Urteil entgangen zu sein, indem wir nachweisen, daß das Haus nicht uns, sondern den Kreditgebern gehört. Als Vischer seine ästhetischen Studien betrieb, hat Grandville die Tücke des Objektes in sein Schema des Karikierens einbezogen. Sein Schema wurde als Kritik an Hegels absolutem Geist entwickelt. Es ist den Dingen anzusehen, daß ihr Gebrauch zur Zerstörung führen wird; alles ist gemacht, damit es verbraucht werde, denn erst im Vergehen zeigt das Ding seinen Wert an. Dieses Prinzip der konsumeristischen Funktionslogik kehrt wieder in Karikaturen als Markierungen des Entstehens aus dem Verenden der Dinge im Müll.

Heute bringt das den Dingen aufgepreßte Verfallsdatum diese Karikaturhaftigkeit unmißverständlich zum Ausdruck. In diesem Verständnis ist Friedrich Nietzsche der größte Karikaturist als Philosoph der Neuzeit. Er erkannte die Tücke der Gedanken wie Vischer die Tücke der Objekte, zum Beispiel die Tücken der Ontologie, die Ewigkeit des Seins aus dem Leben zum Tode abzuleiten. Heute sollte man statt vom Leben zum Tode besser vom Leben als Stoffwechsel oder Leben zum großen Metabolismus sprechen. Karl Valentin hat Nietzsches Karikatur der Ontologie bestens bühnenreif werden lassen, indem er etwa alles kurz und klein schlug unter dem Ausruf „Euch werde ich die ewige Wiederkehr schon noch einbläuen!“, um dann die Feinmüllreste in einen Gral (als Einheit von Siegespokal und Urne) einzufüllen und unter den Geschäftsauslagen abzustellen, wo man die von ihm auf der Bühne genutzten Dinge zum sinnvollen Gebrauch, also zum Zerstören, üblicherweise zum Kauf anbietet. (13)


Pragmatologie als Schöpfung des Mülls

Unter dem Stichwort „Recht der Dinge“ schlagen wir eine Pragmatologie vor, die sich der Ontologie der Natur wie dem Kult der Opera (Werke) entgegensetzt. Diese Pragmatologie hebt auf den Gebrauch der Produkte und der Werke im Sinne ihres Verbrauchs ab, darf also mit deren Aufhebung in der Werklosigkeit rechnen. Das Pragmaton als Gebrauchs- und Funktionsereignis kennzeichnet, anders als das Ergon (Werk), nicht das singulär für die Ewigkeit hervorgebrachte Werk, sondern eine Paßform des Hervorbringens und Verwandelns. Objets trouvés, objets fixés, theoretische Objekte oder Werkzeuge im allgemeinen heben auf dieses Einpassen des Gewordenen in das Gewesene, des Hervorgebrachten in das aus der Welt Gebrachte, des Amorphen ins Fixierte ab. Pragmatologie ist die Schöpfungslogik der Vermüllung. Sie ist die Werklogik des Metabolismus respektive des Kapitalismus. Vor beiden Pragmata vergeht das menschliche Schaffen wie der Schneemann in der Sonne. Doch dieses Wissen hielt uns niemals davon ab, mit kindlicher Freude und in der Lust des Gelingens die Schneemänner und die Sandburgen am Strand zu bauen. Das Bewußtsein von ihrer Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit steigert die Gestaltungsdynamik und die Epiphanie des Lebens, vergleichbar einer Gestalt in den Wolken oder einem Gesicht in der von Schimmel befallenen Wand. Dieses gezielte Sehen von Gestalten im amorphen Wahrnehmungsfeld nennt Leonardo da Vinci „lingua mentalis“. Indem Sie sich, verehrter Leser, bemühen, in der Ansammlung von Objekten im Theoriegelände sinnvolle Einheiten zu bilden – wozu wir Sie ja anleiten möchten –, schulen Sie Ihre lingua mentalis, also die Gestaltungskraft durch Einsicht. Das nennt man Evidenz-Erleben. (14)

Weitere Gestaltmuster und Prêt-à-pensers, bewährte Gedanken von der Lehrmittelstange der Schule des Lebens, sind der sichere Zweifel des Descartes („Wenn auch alles bezweifelbar ist, muß das Zweifeln selber zweifellos gegeben sein.“) oder der sinnvolle Umgang mit dem Unsinn (wie bei Lewis Caroll in „Alice im Wunderland“ oder bei Hugo Balls Dada-Land). (15) Die Vorwegnahme des Verbrauchszwecks in der Herstellung der Objekte entfaltet Gesichtspunkte apokalyptischen Denkens. (16)

Zu einer weitergehenden Analyse sind wir verwiesen auf die Einheit von Glauben und Vernunft als Bestimmtes (objet pensé), von Methode und Zufall oder von Suchen und Finden dessen, was man überhaupt nicht als Gewußtes suchen kann, solange es nicht gefunden wurde. (17) Die Behauptung einer solchen Einheit des Zusammenhanglosen nennen wir Synkretismus. Seine Gründerväter sind die Sophisten, die Alexandriner, die Renegaten und Häretiker, die Apostaten und modernen Bastler einer Theorie für Alles. Sie bieten Kirchen für Atheisten, Gemeinschaft für Einzelgänger und Museen der Vergänglichkeit. Ihr Verfahren der Sinnstiftung ist die Erzeugung von Beziehungsgefügen, Konstellationen zwischen Dingen, die bisher kaum zusammen gesehen wurden, beispielsweise eine Nähmaschine und eine Mona-Lisa-Abbildung auf einem Bügelbrett. Durch die Evolution unseres Weltbildapparates werden wir genötigt, Zusammenhänge zu sehen, wo wir Gegebenheiten zusammen wahrnehmen. Dieses Zusammensehen als In-einem-Zusammenhang-Sehen kennzeichnet Synkretismus als Bewährung der Intelligenz, nämlich im Bewußtsein der Falschheit auf die Denknotwendigkeit des Richtigen, Schönen oder Wahren schließen zu müssen.

An den schönen Wandlungsformen der Produkte aus dem Weinberg des Herrn können wir unterschiedliche Haltungen als Pragmatologie studieren: Rosinenpicker gleich Eklektizisten, Rosinenbäcker gleich Synkretisten, Rosinenzähler gleich Positivisten – und schließlich: Abfüllen der Rosinen in die Meta-Keramik, also in das Gefäß des Körpers (corpus quasi vas). (18) Die Gefäße können Sprünge aufweisen, Fehlformen, Asymmetrien und diverse Fehlbrände. Der Synkretist sieht in dieser Panourgia („Gerissenheit“) oder Kakophonie der Übel keine mißtönende Entwertung des Einzelstückes, also ein minderwertiges Ergon, sondern glückliche, unerwartbare, nicht planbare Singularität, die zwar auf die ideale Form verweist, aber ihr noch die Attraktion der Abweichung hinzufügt. Synkretismus ist ein Verfahren der Selbstoptimierung durch seine stets erneute Anwendung. Ein Trainingseffekt ist die Erkenntnis und der intellektuelle Gebrauch des verum falsum. Eine Möglichkeit wäre die Aufgabe der Werkvollendung, dem sacrificium operis, zugunsten der prinzipiell ziellosen Werktätigkeit – oder der weitgehenden Aufgabe der Poeisis, dem Werkschaffen zu Gunsten der Praxis. In den Konstellationen des Synkretismus, wie sie Museumspräsentationen bieten, läßt sich so etwas wie die Poeisis der Praxis als Pragmatologie auf relative Fortdauer stellen. (19)


Anmerkungen

(1) „Thomas Mann sah in Gott, der schließlich auch nicht immer gewesen, der er war, einen Gott des Verschonens und des Vorübergehens, der nicht einmal im Falle der Flut bis zum Letzten und an die Wurzel der Menschheit gegangen war, sondern in einem Gescheiten den Gedanken des Rettungskastens erweckt hatte.“ In: Assmann, Januar 2006, S. 200.

(2) Siehe Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“.

(3) Für derartige Kulte gilt das Grundmuster einer Würdigung des Verlorenen Sohnes. Aber die Bereitschaft, den reuigen Sünder höher zu schätzen als den braven Haus- und Feldbesorger, verführt nicht wenige dazu, nach Rückkehr in die Gloriole der Normalität sich ihrer einstmaligen Vergehen zu rühmen. Solchen Sündenstolz zu vermeiden, ist der tiefere Sinn des Gebots, den Verurteilten nach Verbüßung der Strafe jemals ihre Straftaten wieder vorzuhalten oder ihnen andererseits zu erlauben, ihre Verbrechen auch noch zu vermarkten. Gegen dieses Verbot wird von den Medien systematisch verstoßen: je größer und blutrünstiger ein Verbrechen, desto höher die Honorare für die rückhaltlose Präsentation der Kraft zum Frevel.

(4) „Wenn ich mir mitunter vornahm, die vielfältigen Aufregungen der Menschen zu betrachten [...] so fand ich, daß alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich daß sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu bleiben [...] Die Unterhaltung und die Zerstreuung des Spiels sucht man nur, weil man nicht fähig ist, [...] zu Hause zu sein.“ (Blaise Pascal) Siehe Kapitel „Musealisiert euch! Eröffnungsspiel: Preußische Partie“.

(5) Gerade Appelle an humanitäre Tugenden pflegen von der dringlichen Bitte begleitet zu werden, man möge alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um...; an den Appell „Wir bitten Sie, alles in Ihrer Macht Stehende zu unterlassen“ konnte man sich noch nicht gewöhnen, denn er wurde selten gehört.

(6) „Himmler war von jeher empfänglich für unorthodoxes Denken jeder Art, angefangen von Naturheilverfahren und Kräuterkunde (jedes KZ mußte einen Kräutergarten unterhalten) über die Entschlüsselung geheimnisvoller Runenschriften bis hin zur Suche nach dem reinen arischen Typus durch Vermessung menschlicher Schädel. Eine seiner zahlreichen, ihn begeisternden Ideen war der Kampf gegen die Jagd, die er geächtet sehen wollte, weil jedes Tier ein Recht auf Leben habe.“ Bullock, Alan 1996, S. 859. Die Ideologen des Ariertums nahmen sogar in Kauf, daß für die Legitimation ihres eigenen Überlegenheitsanspruchs auf bisher völlig fremde Kulturen zurückgegriffen werden mußte, etwa den Hinduismus. Himmler empfahl den SS-Männern, wie die heiligen weisen Männern bei den Hindus, Glöckchen an die Stiefel zu montieren, um so den Respekt vor der Beseeltheit des Lebens auszudrücken. Die Beseeltheit war gedacht als Wiedergeburt von Menschen, also auch von eigenen Vorfahren in jedweder Gestalt anderen Lebens. Die Glöckchen an den Stiefeln der SS-Männer waren also Ausdruck der Begründung von Ahnenkult in der angenommenen Tradition der aus Indien stammenden Arier. Wagners Träume von Juden, die zu Würmern und Trichinen wurden, um seinen Leib zu zerfressen (siehe entsprechende Studien von Hartmut Zelinsky), entsprechen folglich den Beseeltheitsvorstellungen allen Lebens. Die Auflösung des Widerspruchs von beseelten Schädlingen und Nützlingen ergibt sich aus der Unterscheidung von Freund und Feind einerseits und dem Triumphalismus des natürlichen Lebens andererseits, das heißt der demonstrierten Macht des Stärkeren.

(7) Brock, Bazon: Das Plateau der Freundschaft – Probleme verbinden stärker als Bekenntnisse. In: ders., 2002, S. 390 ff.

(8) Siehe Kapitel Odysseus oder Mythos und Aufklärung. In: Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 2002, S. 50 ff.

(9) „Aber ich schnitt mit dem Schwert aus der großen Scheibe des Wachses / Kleine Kugeln, knetete sie mit nervichten Händen, / Und bald weichte das Wachs, vom starken Drucke bezwungen / Und dem Strahle des hochhinwandelnden Sonnenbeherrschers.“ In: Homer, Ilias, Odyssee. In der Übertragung von Johann Heinrich Voß, Hamburg 1781, München 1979, S. 605 (XII. Gesang, V 173–176).

(10) Während unserer Lustmarsch-Präsentation im Haus der Kunst in München wurde dort eine Paul-McCarthy-Ausstellung gezeigt. Unter den Exponaten fiel im Zusammenhang mit der Odysseus-Kirke-Episode die Skulptur eines offensichtlich träumenden, im Schlafe lachenden Schweins auf. Für die schöpferische Kraft des Künstlers gilt seit antiken Zeiten die Kraft zur Verlebendigung einer Darstellung. Sprichwörtlich ist der Bildhauer Pygmalion, der die von ihm geschaffene Marmorstatue eines jungen Mädchens zu seiner Liebhaberin erwecken will und darin scheitert. Durch McCartheys Skulptur des im Schlafe lachenden Schweins wurde aus Pygmalion Pig-Malion und damit das Problem des Odysseus sichtbar, seine schweinischen Gefährten zu überreden, sich in Menschen zurückverwandeln zu lassen.

(11) Schon in der griechischen Kultur geht, über Hesiod vermittelt („Erga kai hemerai / Werke und Tage“), der Gedanke von der „Widernatürlichkeit der Seefahrt“ in das europäische Geistesleben ein, siehe Blumenberg, Hans: Schiffbruch mit Zuschauer, Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt am Main 1979, S. 30.

(12) Siehe Veröffentlichung zu retrograden Strategien, In: Culture insurance no title no reception. Hg. v. Adalbert Hoesle. Köln 2006. Darin: Brock, Bazon: Neuerungssucht und Ewigkeitsanspruch. Zur Endlagerung kultureller Gewissheiten. S. 295 ff. Siehe dazu Bazon Brocks diverse Darstellungen des Verhältnisses von vergangener Zukunft zu zukünftiger Vergangenheit und zu den Gedanken des Fininvestments.

(13) „Sie meinen, dergleichen habe Valentin tatsächlich vorgeführt?“ – „Umso besser!“ – „Und Alfred Jarry auch?“ – „Na großartig.“ – „Und die Dadaisten erst recht? Zum Beispiel Kurt Schwitters?“ – „Ja doch, in solchen Werken ist etwas zu erfahren, über die Katastrophe der Schöpfung oder vom Eingeständnis, wie viel besser es wäre, daß es nichts gäbe.“ – „Diesen Geist der Weltlosigkeit kann man im Innern der Werke als Sog der Entleerung verspüren, als mitreißende Auflösung in die ‚Werklosigkeit.’“ In: Sloterdijk, Peter; Macho, Thomas: Die Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart. Zürich, München 1993, Band 1, S. 54.

(14) Siehe Kapitel „Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit“

(15) Siehe Kapitel „Der verbotene Ernstfall“.

(16) Siehe Kapitel „Das Leben als Baustelle – Scheitern als Vollendung“.

(17) Siehe eine pensée trouvée, die an die Aufforderung „Gorgonisiert Euch!“ gemahnt, in: Brock, Bazon 1977, S. 776.

(18) Bazon erzählt die Anekdote, wie in vorkantischen Zeiten der Dichter Klopstock dem Spekulationsbegriff Metaphysik zur Würde eines Erkenntnisinstruments verhalf: Klopstock heiratete ein Mädchen namens Meta, das durch einen stattlichen Körper attraktiv war. Klopstock, der wie seine zeitgenössischen Kollegen Griechisch wie einen Dialekt der Kindheit sprach, wußte also, daß besagter Körper griechisch als Physis angesprochen wird. Indem er sich durch Metas höchst attraktive Physis zu deren handfester Wahrnehmung stimulieren ließ, bewies er seinen Kollegen nicht nur die realistische Bedeutung, sondern auch den freudvollen Umgang mit Metas Physik. Der Hagestolz Kant fühlte sich durch den griechischen Oberphilosophen Aristoteles legitimiert, Metas Physik für einen Abschreibfehler von Metaphysik zu halten, und verpaßte so den Fortschritt der Erkenntnistheorie durch die Lyrik. Den Höhepunkt dieser Förderung von Philosophie durch Lyrik stellt ganz sicher das Werk von Heidegger dar. Durch die Rachsucht seiner kuhäugigen Gattin Elfriede wurde er daran gehindert, seinen großartigsten Beitrag zur Geschichte des Denkens als Form der Liebeskunst zu veröffentlichen: die Hannahphysik. Deswegen ist man auf die indirekten Belege im Briefwechsel Heideggers mit Hannah Arendt angewiesen und auf den Gebrauch eines guten Griechischlexikons.

(19) Siehe Kapitel „Musealisierung als Zivilisationsstrategie – Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde“.