Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 328

III.12 Pathos AZ - Opferolympiaden

>>Gegenwärtig scheint sich individuelles wie soziales Pathos aus dem Wettbewerb um die tragischsten Opferrollen zu ergeben. Der gewünschten Viktimisierung entspricht eine gleichzeitig beobachtbare durchgehende Infantilisierung der Gesellschaft durch lustvolle Identifikation mit schuldunfähigen Kindern in Konsumparadiesen. Der Weigerung, erwachsen zu werden, also Verantwortung zu übernehmen, ließe sich entgegentreten, indem man übt, sich mit den Tätern zu identifizieren. „Niemals wieder Opfer sein“, das ist tatsächlich AZ, der Andere Zustand der Autonomie.

Die letzte Station unseres Lustmarsches zeigt die Installation eines überdimensionierten Kinderlaufstalles. Hier könnte auch ein Erwachsener geräumig gefangen oder ein Kind zum Spielen abgesetzt werden. In diesem gemütsfarbig ausgelegten Container der Kindlichkeit befinden sich liegengelassenes Spielzeug und andere, zunächst belanglos erscheinende Gegenstände. Schlümpfe aus Plüsch, eine Krawattensammlung, Namensschilder als Identitätsnachweise für Kongressteilnehmer und etwas veraltet wirkendes Kriegsspielzeug stecken den Parcours der Assoziations- und Erinnerungswege ab, deren Pfade weit verschlungener sind, als das zunächst den Anschein erweckt. Über dem Laufstall fängt sich, wie in einer surrealistischen Traumsequenz, ein Kinderwagen in einem Fischernetz. Der Inszenierung ist nicht abzulesen, ob sie einen Akt der Rettung oder den eines Verlustes markiert.

Gitter und Maschen, die an Tierhaltung und Fischfang erinnern, setzen Bilder der Kindheit frei. Die Gitterstab-Metapher spielt auf die Verbindlichkeit sozialer Regeln an, die in der Kindererziehung eingeübt werden. Wer gegen sie verstößt, kommt ins Gefängnis. Die Gitterstäbe unseres Kinderlaufstalles verweisen auf das Urerlebnis mancher Gesellschaftsgruppen: Kaum den hölzernen Gitterstäben des Laufstalls entwachsen, verbringen sie ihr weiteres Leben hinter den metallenen Stäben der Gefängnisse. Die Gitterstäbe stehen darüber hinaus für die Gepflogenheit in gewissen Ländern, Angeklagte vor den Gerichtsschranken in den Käfig zu sperren. (1)

Das durch unsere religiös-kulturelle Prägung einstudierte Opfer- und Pathosverhalten wird anhand der kognitiven Objekte im Laufstall thematisiert. (2) Die bei den Vätern und Patriarchen anhebende Pathosgeschichte wird hier en miniature nachgestellt beziehungsweise säkular umgesetzt.

Die gesamte europäische Fixierung auf die Möglichkeit des Menschenopfers ist auf die Urgeschichte von Abraham und Isaak in Genesis 22 zurückzuführen. (3) Ganz gleich, wer sich wettbewerbsspekulativ als das jeweils größere Opfer darstellt, er bezieht sich stets mittelbar oder unmittelbar auf diese Geschichte. Die Institutionalisierung des menschlichen Opferstatus beginnt mit Isaaks Kindheitstrauma, sich plötzlich und unvorbereitet unter dem Messer des Vaters wiederzufinden. Wie alle wissen, hat ihn der Engel Gottes in letzter Sekunde noch gerettet. Vor dem Schock konnte er ihn jedoch nicht bewahren. Das Bild ist geblieben. Abraham, der Gründervater der drei monotheistischen Weltreligionen (und wegen seines totalen Befehlsgehorsams zugleich Ahnherr aller Faschisten), hat seine Kinder und Kindeskinder mit diesem Absolutheitsgehorsam gegenüber dem unsichtbaren Gott von vornherein ans Messer geliefert. Wir alle sind Isaak. Die Menschheit hat den Opferstatus für sich entdeckt. Vorgefertigte Bilder und Argumente liefern wir anhand unserer Prêt-à-penser-Ständer, auf denen Gedanken von der Stange gebrauchsfertig präsentiert werden.
Auf einer Darstellung des Schnorr von Carolsfeld wird beispielsweise die Geschichte der Opferung Isaaks durch seinen Vaterdargeboten.

Der Engel fordert im Namen Gottes Abraham auf, an Stelle des Sohnes einen Bock zu opfern, womit der kulturgeschichtliche Übergang vom Menschenopfer zum Tieropfer markiert wird. Das christliche Konzept des Lammes Gottes als zur bloßen symbolhaften Hostie verwandelten Opfertieres hostia beendet die Notwendigkeit des realen Abschlachtens. Die Oblate, also eine rein symbolisch wirksame Repräsentation, zu zeigen, genügt, um zu veranschaulichen, daß absoluter Gehorsam nicht er-zwungen werden darf: „Mit unserer Macht ist nichts getan“, heißt es bei Luther. (4) Wer das einsieht, ahnt, welche besondere Rolle die Christenheit bei der Entwicklung der Demokratie, des Freiheits- und des Individualitätsbegriffs gespielt hat; Demokratie als politische Ordnung gegründet in der Ohnmachtserfahrung der Menschen.

In den siebziger Jahren schuf ein holländischer Liedermacher, der sich programmatisch Vader Abraham nannte, eine Miniaturgesellschaft der Schlümpfe, die, durch seinen Gesang vermittelt, in nahezu jedes europäische Kinderzimmer gelangten. Dabei bediente sich Vader Abraham der Vorlagen des Zeichners „Peyo“ (deutsche Version von Peter Wiechmann, der das belgische „les Schtroumpfs“ in „die Schlümpfe“ verwandelte). (5) Nach der Verbreitung der durch die Gebrüder Grimm volkstümlich gewordenen Charaktere und Figuren sind die Schlümpfe die jüngste erzieherische Anstrengung, um kleinen und großen Kindern eine Anleitung zur Veränderung, ja zur Überwindung des kulturellen Täter-Opfer-Schemas mitzugeben. Die Schlümpfe sitzen als Spielzeug, also als theoretische Objekte, im Laufstall, hinter den Gitterstäben der Kindheit und erinnern an die Pathosformel „Opfer des Isaak“ zur Modellierung eines Gegenbildes der friedfertigen postpathetischen Miniaturgesellschaften. Die Schlümpfe als Kinderspielzeug repräsentieren in ihrem Doppelcharakter von Zweibeinern und dem Fell von Vierbeinern die Einheit von menschlicher wie tierischer Opfergestalt: die unio mystica des Leidens. Schlümpfe als animierte Tier-Mensch-Wesen verweisen zum einen auf das menschliche Opfer in der Rolle des Isaak und in zweiter Hinsicht auf die von Gott selbst gebotene Ersetzung des menschlichen Opfers durch ein Tieropfer. (6)

Besonders auffällig ist die Kopfbedeckung der Schlümpfe, eine Anspielung auf die rote phrygische Mütze der französischen Revolutionäre, wodurch die Erscheinung der Schlümpfe auf den Dreiklang der Nationalfarben Frankreichs blau – weiß – rot fixiert wird.

Einerseits könnte die phrygische Mütze auf eine fundamentalistisch-revolutionäre und kindliche Naivität abzielen, nämlich Gottvatergehorsam als Programmgehorsam auszulegen. Die Revolutionäre von 1789 sprengten viele Gewißheiten des Glaubens und überwanden damit das überkommene Opfer-Täter-Schema. Die Abtrennung von Gottvatergehorsam und Parteiengefolgschaft wurde zum Muster der erzieherischen Beherrschung gesellschaftlicher Lebensbedingungen. Die Revolutionäre trugen die phrygische Mütze, um anzuzeigen, daß sie im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aus der Gefangenschaft der kulturell-religiösen und rassisch-ethnischen Systeme herausfinden wollten. Doch die ab 1792 bis 1794 von Saint-Just und Robespierre entwickelte gewaltsame Ersetzung der Glaubensdogmen durch die Revolutionsdogmen endete im radikalen Tugendterror: Wer nicht freiwillig diesem Verständnis von Säkularisierung folgte, wurde eben mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln dazu gezwungen, sein kulturalistisch-religiöses Verständnis am eigenen Leibe zu verspüren.

Die Geschichte der phrygischen Mütze der französischen Revolutionäre wie der Schlümpfe geht auf eine Erzählung über den König Midas zurück, der mit dieser Kopfbedeckung seine Eselsohren zu kaschieren versuchte. Dieser König aus Phrygien (heute Türkei) litt unter einer typisch kulturalistischen Zwangsneurose oder Wahnidee, allen seinen Wünschen durch die strikteste Erfüllung entsprechen zu müssen. Das äußerte er in der bekannten Formulierung, es möge alles, was er berührt, zu Gold werden. Der ebenfalls aus Phrygien stammende Gott Dionysos verlieh Midas die gewünschte Begabung eines Goldmachers als Dank für die Rettung eines Dionysosgefährten durch den König.

Naturgemäß bekam Midas die Erfüllung seines Verlangens schmerzlich zu spüren. Er konnte nämlich nichts mehr zum Mund führen, ohne daß daraus Gold entstanden wäre. Unfähig, Nahrung zu sich zu nehmen, erkannte Midas seine Verfehlung und bat daraufhin den Gott, die eben noch so begehrenswerte Kraft zur Erfüllung aller Wünsche zurückzunehmen. Dionysos willigte ein, jedoch nicht ohne ein bleibendes Andenken an die Eselei zu hinterlassen. Er verhängte einen „Anderen Zustand“ über den König, indem er ihm buchstäblich die Ohren lang zog. Der Gott Dionysos ließ Midas Eselsohren wachsen, damit er stets in Erinnerung behalte, wie unendlich beschränkt man als Kulturmensch sein kann. Joseph Beuys hat mit seinem Sohn Wenzel eine wunderbare pädagogische Aktion zu diesem Komplex veranstaltet: „Langziehung anstatt Erziehung“ (Wuppertal 1965); nur wer am eigenen Kopfe Eselsohren spürt, wird davor bewahrt, dieselben Eseleien immer erneut zu begehen.

König Midas ahnte, welche Schwierigkeiten der offensichtliche „Andere Zustand“ der Einsicht in die eigene Dummheit ihm bereiten würde. Um seine Schandohren zu bedecken und bei seinem Volk weiterhin Vertrauen zu genießen, erfand er ein seiner Stellung gemäßes hoheitsvolles Zeichen der Beschämung und der Reue, eben die phrygische Mütze, die entfernt an die Pharaonenkrone beiderlei Ägyptens erinnert. Als er mit ihr auf die Straße ging, scholl ihm der Spottgesang der Kinder entgegen. Vor dem Hohngelächter entwich der König ins Schilffeld am Rande der Siedlung, wo ihm beim Durchstreifen der eng stehenden Schilfrohre lautmalerisch Wisperstimmen „ein Esel, ein Esel“ zuraunten. (7)

Um Einsicht in die eigene gewißheitsfanatische, fundamentalistisch geprägte Natur zu gewinnen, sollte jedermann eine phrygische Mütze aufziehen und sich damit als einen geheilten Midas ausweisen. Er würde damit dauerhaft anzeigen können, daß die fundamentalistische Durchsetzung, d.h. die wortwörtliche Umsetzung von Programmen und Wünschen in die Realität, wie bei Midas in eine Katastrophe führt. Die phrygische Mütze kann Kennzeichnung derer sein, die aus Schaden klug geworden sind, und deren Ziel es daher nicht mehr sein kann, was sie anfassen, zu Gold oder Geld werden zu lassen. Die Erzählung über das Scheitern jeden Verlangens nach der Kunst des Gold-Machens erhält in diesem Kontext eine tiefere Bedeutung, weil gleichzeitig erkennbar wird, daß der Sinn des goldenen Geldes ausschließlich in dessen medialer Vermittlung besteht, das heißt, Geld gibt dem Austausch zwischen Menschen einen Maßstab für die Kosten ihres Bemühens um Anerkennung.

In unserer Zeit versucht der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, seine einstmals siegesgewiß in V-Formation hochgereckten Finger als die ihm inzwischen gewachsenen Eselsohren mühsam zu verstecken. Seine Midaseseleien bestanden darin, seine Tätigkeit als Bankchef ausschließlich darauf auszurichten, eine 25%-Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften, ohne jedes Bewußtsein für seine Verantwortung in der Gesellschaft, in der er wirkt, das heißt, ohne Respekt vor den Bedingungen seines Handelns. (8) Unser Midas war an die Spitze der Deutschen Bank deshalb aufgestiegen, weil er seine fundamentalistische Orientierung aufs Goldmachergeschäft vor den noch unbelehrten Midassen seiner compadres glaubwürdig versicherte. Wir sind gespannt, welche Scham- und Schandverhüllung er zum Symbol der besseren Einsicht erfinden wird. Möglicherweise hat er die Kunstsammlung der Deutschen Bank als Galerie unter den Hut gesteckt, so daß sie beim Lüpfen sichtbar wird. So jedenfalls lautete ein Vorschlag von Robert Filliou, der 1961/62 in Paris eine Galerie „sur la tête“, also unter dem Hut betrieb.


Netzwerke

Das über dem Laufstall in demonstrativer Deutlichkeit angebrachte Fischernetz mit dem gekippten Kinderwagen und der herausfallenden Babydecke spielt darauf an, daß heutzutage zwischenmenschliche Beziehungen bald als Vernetzungen, bald als Netzwerke dargestellt werden. Gerade durch seine Enge garan- tiert das Netz Funktionsstabilität. Keineswegs unüblich ist es, Menschen in Netzen zu fangen. So haben sich in Roms Circus Maximus die bewaffneten Gladiatoren mit Fangnetzen zum Kampf auf Leben und Tod gegenübergestanden. Der Fischer Petrus sollte seine Netze auswerfen, damit sich potentielle Christen darin verfangen möchten, wie er das zuvor von Berufs wegen getan hatte, um die Tiere des Sees Genezareth zu fangen. Wegen dieser Parallelisierung vom Fischen der Menschen und Tiere wurde die Zweilinienkontur des Fisches zum Symbol der Christen. Darüber hinaus läßt sich das griechische Wort für Fisch „Ichthys“ als Kryptogramm lesen, nämlich

I für Iesos
ch für christos
th für theou
y für yios
s für soter, das heißt
Jesus Christus, Gottes Sohn und Heiland.

Im Überlebenskampf, in den meine Generation in der Kindheit zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges geriet, kam das Netz in einer anderen Weise zur Geltung: Auf Flüchtlinge wie uns, die mit kleinen Schnellbooten auf hohe See entkommen mußten, warteten draußen Evakuierungsdampfer, die, während sie sich durch die von russischen U-Booten und Kampfflugzeugen bedrohte See bewegten, bei hoher Fahrgeschwindigkeit große Ladenetze zu den kleinen Kähnen hinunterließen, damit die Flüchtlinge hineinspringen und an Bord gezogen würden. Die Kinder wurden von ihren Angehörigen oder Soldaten hineingesetzt, bzw. in der Eile mehr oder weniger hineingeworfen. Wer nicht groß genug war, um die Maschen des Netzes auszufüllen, fiel aus tödlicher Höhe in die Ostsee und ertrank. Diese Bilder sind traumatische Erlebnisse, als deren Träger man geneigt ist, sich fortan überall nur noch in ein Netz geworfen zu sehen und folglich zu versuchen, nicht „durch die Maschen zu fallen“. Trotz der peinigenden Nachbilder jener Erlebnisse haben weder ich noch meine Generationsgenossen uns zu Opfern stilisiert. Im Gegenteil kultivierten wir all unsere Widerstandskraft oder Kämpfermoral gegen die Versuche, uns zu armen, bedauerlichen Objekten fremder Fürsorge machen zu lassen.

Inzwischen hat sich die Metapher „durch die Maschen fallen“, wenn von der Abfischung der Weltmeere durch Schleppnetze die Rede ist, wieder umgekehrt und indiziert in ihrem ursprünglichen Zusammenhang die zur Fortführung der massenkonsumeristischen Praktiken notwendige vorläufige Rettung. Durch überstaatliche Vereinbarungen wird eine gewisse Netzmaschenweite garantiert, damit die für den Fortgang des Ganzen wichtigen Kleinfische durchkommen. Wissend, daß kleine Fische groß werden, könnte das entsprechende neue Motto lauten: „Die Großen fangen und die Kleinen schwimmen lassen.“ (9)


Opferkonkurrenz

Die Angehörigen meiner Generation sind zu keinem Zeitpunkt in die Versuchung geraten, durch die erlittene Traumatisierung einen Opferstatus für sich zu beanspruchen. Die meisten haben sich von verführerischen Angeboten distanziert, die manche Funktionäre der Kriegsopfer- und Heimatvertriebenenverbände schamlos unterbreiteten; wir haben es weitestgehend unterlassen, als Kriegswaisen, Flüchtlinge oder Vertriebene unser Opferdasein anzupreisen oder auszubeuten. Der andernorts begangene Fehler, die Flüchtlinge auf Dauer in Lagern einzupferchen, wo sie dann Opferpotentiale entwickeln können, wurde vermieden. Das gelang durch die Integration der Flüchtlinge ins gesellschaftliche Leben, die wiederum darin bestand, sie sich zu tatkräftigen Konkurrenten der Aufnahmegesellschaft entwickeln zu lassen. Die Integration von zwölf Millionen Flüchtlingen aus Ost- und Westpreußen, Hinterpommern und Schlesien ins politisch und ökonomisch zerstörte „Rest“-Deutschland hat verhindert, daß die Flüchtlinge zur politischen Verfügungsmasse werden konnten. Im Gazastreifen beispielsweise hat man solche Überlegungen nicht berücksichtigt. Vielmehr war man daran interessiert, aus den Hunderttausenden seit 1948 in Lagern gehaltenen Palästinensern politisches Kapital zu schlagen. Zwar wird öffentlich immer wieder bekundet, was man Menschen antut, wenn man sie zu Opfern macht; aber die Überwindung dieser Erniedrigung wurde in auffälliger Weise für die Lager-Palästinenser nicht erreicht, obwohl weitere Hunderttausende der 1948 Vertriebenen zeigten, daß sie sich erfolgreich in die umliegenden arabischen Gesellschaften integrieren konnten.

Für sich selbst haben die Israelis in den Gründungsbekundungen des Staates Israel hervorgehoben, daß es den Staat geben müsse, damit Juden nie wieder den Status von Opfern akzeptieren müßten. Israel entwickelte eine Strategie der Stärke, die von dem unbedingten Anspruch beseelt war, sich in Zukunft niemals mehr fremdem Willen zu unterwerfen. In dieser Hinsicht erhalten die Verpflichtungen, sich auf ewig an die Schoah und die Nakba, an die Katastrophen der Juden wie der Palästinenser im Opferstatus zu erinnern, eine für die Zukunft bestimmende Kraft.

Unseren Landsleuten scheint diese Kraft abhanden gekommen zu sein. Ihren kruden Wettbewerb um die beste Opferrolle nennen wir „Opferolympiade“. (10) Der viktimistische Wetteifer funktioniert zwischen den Opfern der sozialen Verhältnisse, denen des Arbeitsmarkts oder der Verwahrlosung in der Kindheit. Fast ein jeder wird gezwungen, Opfer zu sein, um sich in der Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Versucht jemand, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so muß er sich den von der so genannten „vierten Gewalt“ diktierten Bedingungen entsprechend als Opfer stilisieren. Nur die Anteilnahme auslösende Figur des Opfers scheint die erwünschte Medienausbeute zu garantieren. Dieser Logik der Medien folgend, werden Menschen geradezu genötigt, sich als Opfer darzustellen: mal als Opfer der Konjunktur, der Börse, der Wirbelstürme, mal als Angehörige von Minoritäten, genetisch Benachteiligten oder von Verlierern im Generationen-, Geschlechter- oder Klassenkampf.

Dabei scheint es doch ziemlich unsinnig zu sein, noch von Opfern zu sprechen, wenn niemand mehr Täter sein will. Derartige Unsinnigkeit zu akzeptieren wird zur allgemeinen Regel, wo der Vorwurf fehlender Zukunftsphantasie, Initiativkraft oder Verantwortungsbereitschaft abgewehrt werden soll.

Vor Gericht wurde es zum probaten Mittel der Entlastung selbst für rabiateste Täter, wenn sie sich als Opfer von Familienverhältnissen in ihrer Kindheit oder Benachteiligung in der Schule und im Arbeitsleben und dergleichen darstellten. Selbst ein Hermann Göring wollte sich so als ein Opfer Hitlers gerieren. Heute führen diese Göring’sche Groteske jene Chefbanker weiter auf, die sich durch die Bank als Opfer der von ihnen selbst herbeigeführten Bankenkrise präsentieren. Rücksichtsloseste Mörder, die es als ihre Ehre ausgaben, jedem erteilten Befehl treu zu folgen, reklamierten nach dem Ende ihrer Willkürherrschaft, nur Opfer der Gehorsamspflicht zu sein. (11)

Selbst die oberste Finanzaufsicht (BaFin) sieht sich als Opfer der Rating-Agenturen, was nichts anderes heißt als, die Aufsichtsbehörde ist das arme Opfer der Vernachlässigung ihrer Pflichten. Und wer hätte schon damit rechnen können, so sagen sie, daß man von den Aufsichtsorganen in Unternehmen oder sonstwo erwarten würde, ihre Pflicht zu erfüllen; daß sie dafür bezahlt würden, gelte nicht der Kontrollverpflichtung, sondern ihrer Fähigkeit, der Öffentlichkeit die Sicherheit zu vermitteln, daß es keiner Kontrolle bedürfe, wenn alle Beteiligten alle Entscheidungen markt- und fortschrittskonform vollzögen.

Es ist üblich, die eigene Schuld oder den eigenen Schuldanteil an einer Tat zu mindern, indem man für sich reklamiert, keine Handlungsalternativen besessen zu haben. Ganz zu schweigen von dem Veitstanz der Entlastung vor dem Vorwurf des Versagens, den die für ihre Untaten Schweigegelder in Höhe vieler Millionen beziehenden Ex-Bosse aufführen, wird bereits im Kleinen erfolgreich die Strategie – was kann der Sigismund dafür, daß er so blöd ist – eingeübt.

Wo der gesellschaftliche und erzieherische Einfluß heutzutage als bestimmend für die Entwicklung der Kinder angesehen wird, muß man sich nicht wundern, wenn sich als erfolglos erlebende Kinder ihre eigenen Eltern anklagen, sie hätten durch falsche oder nicht angemessene Erziehung keine Chance zu einer erfolgreichen Schul-, Studien- oder Berufskarriere gehabt. Werden dann von Fall zu Fall aus Versagern tatsächlich Kriminelle, so steht die Rechtsprechung vor einem echten Problem: Da die Gesetze einerseits allgemeine Gültigkeit beanspruchen, andererseits aber ein außerordentlicher Fall, also ein Einzelfall zur Vorlage gebracht werden kann und als solcher geprüft werden muß, entsteht ein Dilemma: Zwar gelten Gesetze für alle, soweit sie auf gleiche Weise betroffen sind. „Gleiches gleich, ungleiches ungleich“ zu behandeln, war seit römischen Zeiten den Richtern geboten. Die Einzelfallprüfung wird jeweils eine Abweichung von der Anwendbarkeit der allgemeinen Regel ergeben, denn dadurch wird ja gerade der Einzelfall gekennzeichnet und bestätigt. In bestimmten Problemfeldern ist jeder Fall ein Einzelfall, der als Ausnahme von der Regel gewertet werden muß, so zum Beispiel, wenn es heißt, „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ (GG, Art 16a (1)). Doch mit jedem weiteren Einzelfall, der eine Ausnahme verlangt, verliert das Gesetz an Trennschärfe zwischen politisch Verfolgten und eben nicht politisch Verfolgten. Schließlich können alle Sachverhalte der Lebensumstände als politisch motiviert gelten. Die Anerkennung, daß alles, die Wirtschaft, das Familienleben, die Geschlechterrollen, die Gerichtsbarkeit, politisch begründet sei, hebelt das Gesetz aus, d.h. es wurde ausgehebelt, indem die klar markierte Unterscheidung von politischer und nicht politischer Verfolgung aufgehoben wurde. Damit wurde, getragen von humanitärer Gesinnung, der Sinn des Gesetzes preisgegeben, auf den sich gerade die tatsächlich politisch Verfolgten verlassen möchten. Sie sehen sich lächerlich gemacht, weil ihr politischer Widerstand gegen Gesetzlosigkeit und Willkür gleichgesetzt wird mit opportunistischer Ausnutzung der Rechtsstaatlichkeit.

Für mich selbst war es stets ein Affront, akzeptieren zu sollen, daß Kinder eines allein erziehenden Elternteils aus dieser Tatsache von vornherein schlechtere Entwicklungschancen hätten als ihre Altergenossen aus intakten Familien, denn zu meiner Schulzeit waren wir Kriegswaisen und Halbwaisen häufig die Mehrheit unter den Klassenkameraden. Nie hörte man von einer Statistik, daß diese Kriegskinder durch ihren Status z.B. als Halbwaisen prädestiniert dafür gewesen seien, in ihrem weiteren Leben zu Verlierern, Asozialen oder Kriminellen zu werden. Ganz im Gegenteil waren diese vermeintlich ihrer Entwicklungschancen Beraubten besonders motiviert und widerstandsfähig gegen die Herabwürdigung zu Opfern, und sei es zu Opfern der sozialfürsorglichen Bevormundung.


Pathos der Täterschaft

In der Installation des Kinderlaufstalls sieht der Zeitgenosse einige Quellen der Selbstpathetisierung als Angebot zur Identifikation mit den Tätern ausgebreitet. Wirkliche Opfer fühlen sich stets dazu gezwungen, sich mit den Tätern zu identifizieren. Eine Anpassung an die Ziele der Täter ist von Nöten, um als tatsächliches Opfer, beispielsweise einer Entführung, psychisch einigermaßen stabil durchzukommen. Es besteht nur dann eine reelle Überlebenschance, wenn es dem Opfer gelingt, dem Täter Verständnis entgegenzubringen, seine Motivation zu akzeptieren, also seine Position und Absicht nachvollziehen zu können. Allein auf diese Weise wird es möglich, nicht von den ungeheuren Zumutungen der Willkür gelähmt zu werden, sondern Kraft für das sinnvoll steuernde Reagieren zu bewahren. Es ist vorgekommen, daß man derartigen Opfern im Nachhinein den Vorwurf machte, den Tätern sogar geholfen zu haben – eine groteske Fehleinschätzung von Psychodynamiken, ähnlich grotesk verfehlt wie die peinigende Diskussion über den Zweck der Bestrafung von Tätern. Es ist immer erhebend mitzuerleben, wie z.B. selbstgefällige Pathetiker der Strafe als Resozialisierungsangebot umschwenken, sobald sie selbst von Straftaten betroffen sind. Dabei steht unzweifelhaft fest, daß es nur einen einzigen Sinn von Bestrafung geben kann, nämlich die Solidarität mit den Geschädigten, um sie nicht im Opferstatus auf Dauer untergehen zu lassen. In jüngster Zeit hat der Fall Reemtsma in besonderem Maße den Wechsel von liberaler Leichtfertigkeit zu leidgeprüfter Solidarisierungsbereitschaft erwiesen.

In unserem Laufstall als Simulationsanlage gesellschaftlichen Lebens gibt es neben den Schlümpfen vier weitere markante Objektensembles: Badelatschen aus namhaften Hotels der Welt sowie Namensschilder und ID-Karten von Kongressteilnahmen, ein Set von Krawatten und Kriegsspielzeug. Das sind offensichtlich Hinweise auf Alternativen zur Pathosgesellschaft der Opfer. Die Pantoffeln mit Aufdrucken der Namen und Logos führender Zivilisationsagenturen, wie dem Hotel Imperial, dem Steigenberger Hotel oder dem Hotel Kempinski, bieten gewitzte kleine Anleitungen zur Identifikation mit den Tätern. Indem man etwa das Gebaren großer Herren in diesen Machtsphären nachahmt, gewinnt jeder, der den Versuch unternimmt, die Einsicht, daß Machtrollen sich nicht in der Kostümparade mit Hotelpantoffeln fixieren lassen. An dieser Einsicht fehlte es offenbar Kaiser Wilhelm II., einem berüchtigten Kunden Wagnerischer Kostümverleihe. Wer sich dennoch auf die Nachahmung der Tötungs- und Allmachtsphantastik einläßt, wie zuletzt der Schriftsteller Jonathan Littell in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“, läuft Gefahr, zum Produzenten von Kitsch oder Politpornographie zu werden. Versuchte man ernsthaft, die Killer als erwartungsgemäß agierende Vertreter von phantastischen Programmen der Welterlösung ohne angemessene Distanz zu schildern, wird man zum Kitschier, der die Relation von Differenz zwischen Mitteln und Zwekken in absurder Weise verkennt. Wer glaubt, daß die Zwecke die Mittel heiligen, ist wahnsinnig, also verliebt in seine Allmachtsvorstellungen ohne alle Kontrolle an der Realität. Umgekehrt wird das Verhalten eines aufgeklärten Humanisten sichtbar, wenn man weiß, daß nur die gewählten Mittel Zwecke zu rechtfertigen vermögen.

Die Beförderung von Personen wie dem Akteur Brock in die höchsten Ränge des Hoteldaseins, repräsentiert durch goldene Badepantoffeln oder entsprechende Spesenrechnungen, kann nicht als Existenznachweis in der Rolle des aktiven, gestaltenden, eingreifenden Künstlers oder auch Wissenschaftlers mißverstanden werden. Man erfährt sie vielmehr als Distanzmarkierungen, ähnlich wie bei den Neureichen der Gründerzeiten, die aber immerhin die Genugtuung gewannen, den tatsächlichen Heroen der politischen und ökonomischen Machtentscheidungen auf der Ebene der gewählten Mittel, nämlich denen des Geldes, Paroli bieten zu können. Unsereinem, der sich durch Identifikation mit den Tätern auf Selbstdistanz zu bringen versucht, bleibt nur die Genugtuung, an Zivilisiertheit und universalpoetischer Kraft die in der Wirklichkeit tätigen Herren zu übertreffen, denn sie müssen sich, um sich zu verewigen, auf die Hilfe von Geschichtsschreibern, Malern, Dramatikern, Musikern stützen, die dem Ruhm erst Flügel geben.

Was das bedeutet, kann ich an mir selbst erproben, wenn ich mit der Anhäufung von Namensschildern als Zugangsberechtigungen zu Exklusivveranstaltungen des Marketingtrainings, der Auratisierung von Aussagenautoritäten wie Professoren und Künstlern oder der Selbstüberhöhungsveranstaltungen von Werkmeistern und Gotteskonkurrenten meiner eigenen Ruhmeswürde ansichtig werde, also meiner Tätertauglichkeit. Sehr sprechend etwa sind die Kennzeichnungen „Bazon Brock: Missionar der Unbelehrbaren“, „Denker im Dienst: Tapfer und Theoretisch“, „Künstler ohne Werk: Mann mit Mission“ oder „Trainer für Vorausleiden: Antizipation und Empathie“ beziehungsweise „Lehrer des Volkes“ und „Theoriebaumeister“. Sie unterlaufen meine Autorität durch Autorschaft in dem Maße, wie sie sie in unangemessener Weise übertreibend zu bestätigen behaupten. Nur wenige sind bereit, in diesem Sinne ein derartiges Sortiment ihrer Schandmale zusammenzutragen und damit zu bekunden, daß man gar keine Chance hat, in die von starken Männern dominierten Tätergemeinschaften aufgenommen zu werden. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Joseph Beuys schon auf der untersten Ebene des Versuchs, Aktivist der Grünen-Partei zu werden, scheiterte, obwohl er deren vermeintliche Ziele wie kaum ein zweiter in den 60er Jahren repräsentierte. Auch Beuys wollte sich gerne einbilden, daß er es bei Frauen leichter gehabt haben würde, in ihre Aktionsgemeinschaft aufgenommen zu werden, weil Frauen die Erfahrung gemacht hätten, wie schwer es für sie sei, überhaupt als potentielle Täter ernst genommen zu werden (trotz der Karriere von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin u. a.).

Deswegen darf ein effektvoller und wohl verstandener Feminismus nicht darauf aus sein, die Frauen als Unschuldslämmer aus dem geschichtlichen Schuldigwerden herauszuhalten, sondern ihnen Selbstbewußtsein zu ermöglichen durch die Kraft zur radikalen Tat. Den Beleg für die Tatsache, daß Frauen die Identifikation mit den Tätern erschwert erscheint, entnimmt man den täglichen Nachrichtenmeldungen. Wann war in der Unzahl von Verbrechensreporten das letzte Mal von einer Verbrecherin die Rede? Von dem alten Motiv der Kindsmörderin abgesehen, ist die Gleichberechtigung der Geschlechter an diesem Punkt noch nicht soweit gediehen, daß man von einer „Kriminellin“ gehört hätte. Von einer entsprechenden Gleichbenennung von verbrecherischen Frauen, z. B. in KZ-Bewachungsmannschaften, ist trotz Emanzipationsforderung kein Wort zu hören. Ebenso wenig von Frauen, die, stolz und ungerührt, etwa Hitler ihre Söhne als Schlachtopfer anboten. Stattdessen gibt es in so gut wie jeder Meldung zu schlimmen Ereignissen den Hinweis, daß auch unschuldige Opfer wie Alte, Frauen und Kinder zu beklagen seien. Eine groteske Entlastungsinitiative von Leuten, denen daran gelegen ist, sich ihrer Opfer, soweit sie für schuldig gehalten werden können, umstandslos zu entledigen. Das Angebot an Frauen, sich mit Großtäterinnen zu identifizieren, ist einigermaßen beschränkt: Penthesilea, Klytämnestra, Kriemhild, Katharina die Große, Winifred Wagner, vielleicht noch die Nitribitt oder ein paar Beischlafdiebinnen, Zauberweiblein oder Hohe Frauen wie Emmy Göring und Magda Goebbels. Das ist alles weit unter dem Anspruchsniveau von Alexander, Nero, Tamerlan, Dschingis Khan, Richard II., Papst Alexander VI. oder gar Napoleon, Stalin oder Hitler. Simone de Beauvoir hat sich mit „Die Mandarins von Paris“ freiwillig als Täterinnengestalt angeboten, wurde aber nicht von den Frauen angenommen. Wer mir schlüssig begründet, warum Frauen grundsätzlich die Identifikation mit Täterinnen ablehnen, gewinnt zwei Nächte in Hitlers Wiener Lieblingshotel „Imperial“.

Weitere Objekte, die sich auf das Tätertraining von Größe und Geltung beziehen, manifestieren das erweiterte Umfeld des Kinderzimmers. Beispielsweise eignen sich die ausgelegten Kriegsgeräte im Miniaturformat – Maschinengewehre, Säbel, Militärflugzeuge – als Ausdrucksmittel der kulturellen Tötungsbereitschaft. Die Frage stellt sich seit eh und je, ob solches Spielzeug dazu dient, spielerisch eine Realität einzuüben, die dem Ernstfall gleichkommt; oder ob im Spiele nicht vielmehr ein Gegenmodell sichtbar werden soll. Im Unterschied zum Ernstfall des Nichtspiels wird im Kinderzimmer erfahrbar, wie wünschbar es wäre, Handlungsfolgen beliebig widerrufen zu können oder auch den Spielverlauf für ungültig zu erklären und Wiederholungen vom Start weg zu ermöglichen. Auch versteht jedes Kind, daß man Regelverstöße vermeiden, also Regeln anerkennen sollte, da sonst das Spiel nicht zustande kommt. Widerrufbarkeit, Wiederholbarkeit und Modifizierbarkeit sind entscheidende Kardinalpunkte für jedes Zivilisierungsprogramm. Kriterium des zivilisierten Handelns ist das Erreichen größtmöglicher Reversibilität, also Widerrufbarkeit von Handlungskonsequenzen. Daraus ergibt sich die einzig nicht bezweifelbare Begründung für das Verbot der Todesstrafe, denn death is so permanent; er ist in keiner Hinsicht auch nur ansatzweise rückgängig zu machen.

Eine andere Objektgruppe im Laufstall besteht aus einer Edition von Künstlerkrawatten der „Lord Jim Loge“. Die 1991 gestifteten Insignien Sonne – Busen – Hammer wurden zum Dekor für sogenannte Künstlerkrawatten in der Edition des Züricher Seidenmanufakteurs Andy Stutz. Die hier ausgelegte Sammlerkollektion befördert theologischen Tiefsinn mit dem nietzscheanischen Motto „Keiner hilft keinem“, das die Künstler Wolfgang Bauer, Walter Grond, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Jörg Schlick wählten, als sie die Loge gründeten: Ganz in der Tradition des protestantischen Ethos der Rodin’schen „Bürger von Calais“, denn die Krawatte ist ja eine gefällige Umkleidung des Stricks um den Hals, mit dem Gefangene, Verurteilte und Selbstmörder gekennzeichnet werden. Weit davon entfernt, männliche Schöpfereitelkeit zu signalisieren, vergegenwärtigt die Krawatte, zumindest für den christlichen Mann, das allgegenwärtige Bewußtsein eines Lebens zum Tode. Darin tapfer zu bleiben, mag Heldentum kennzeichnen, auf jeden Fall aber nicht das Potenzgebaren solcher Helden. Denn wie schon der Brock-Student Otto Waalkes schlagend demonstrierte, verweist die Krawatte nicht auf den Hoden, das Zentrum fordernder Virilität, sondern auf den Boden, in den Staub, in den alles Lebende zurückverwandelt wird.


Der Andere Zustand

Der im Titel genannte „Andere Zustand“ führt eine Gesellschaft aus der Einübung ihrer Opferrollen schrittweise in die säkulare Freiheit. Der Begriff „Pathosinstitut AZ“ bezieht sich auf Robert Musils Erfindung des so genannten AZ-Motivs. Musils Rede vom „Anderen Zustand“ ließe sich auf berühmte Vorgänger wie Abraham, Jesus Christus, den Sonnenkönig Ludwig oder den NKWD-Chef Jagoda zurückführen, die uns ein für allemal gezeigt haben, daß sich Zustandsveränderungen an seelische Leidenszustände, das pathein, binden. (12)

Mit der alternativen, modernen Ausformulierung des Pathos beschäftigte sich Musil in jeder erdenklichen Hinsicht im „Mann ohne Eigenschaften“. (13) Allein schon das pathetische Sprechen verwandelt das Dasein von einem Zustand in einen anderen. (14) Musils Überlegungen münden in eine berühmte Episode mit dem Titel „Atemzüge eines Sommertages“, an der er bis in seine letzten Lebensstunden hinein gearbeitet hat. In diesem Nachlaß-Fragment liegen die Geschwister Ulrich und Agathe im Garten auf Liegestühlen aus Segeltuch, die sie parallel zueinander ausgerichtet haben, und schauen nach oben. Plötzlich sehen sie – obwohl es ein Sommernachmittag ist, dessen Ereignislosigkeit man genießt –, wie gegen den Hintergrund des ungetrübten Himmels, in dessen Leere hinein, weiße Blütenblätter von den nebenan stehenden Kirsch- und Apfelbäumen ganz langsam von einem Windhauch mitgenommen werden. Der Garten wird zum Tempel innerweltlicher Transzendenz, darin ein Zustand der Ewigkeit im Augenblick faßlich wird. Der wunderlich eintretende Andere Zustand ist vertraut aus der Erinnerung an die kindliche Selbstvergessenheit im Spiel, in der die Ebene der Zeitlichkeit zu Gunsten eines Standpunkts der Ewigkeit gewechselt wird.

Die radikalsten Herausforderungen durch den AZ markieren, neben dem Übergang von der Depression zur Freude, das Patient-Sein und das Glücklich-Sein. (15) Die drei Aggregatformen des Anderen Zustandes, ihn zu erreichen, zu entfalten und zu erfahren, sind beim Patienten der Liebe die gleichen wie beim Patienten des Todes, wie bereits die alte Formulierung von der Liebeskrankheit andeutet. Nach dem Erreichen des Höhepunkts folgt der Abfall in die Ausgangslage, post climax animal semper triste oder: post coitum animal semper solum ipsum, womit sich die Unlösbarkeit des metaphysischen Fragens in der Unstillbarkeit der Triebbefriedigung nachbilden läßt.

Die Methoden, in den AZ zu gelangen, sind an die Erfahrung der Zyklizität, des Jahreszeitenkreislaufes, des Spannung-Entspannung-Schemas, der Dramaturgie des Erreichens von Jugend, Männlichkeit und Alter oder von Beginn, Handlung und Happy End gebunden. Alles Glück will Ewigkeit. Ein Kompromiß zwischen dem flüchtigen Moment und der ersehnten ewigen Dauer ist in der Immanenz der Ritus zyklischer Wiederholung.16 Gelegenheit zum Wiederholen, also zur Glückserfahrung, bieten die Feiern der geschlossenen Zyklen wie Geburtstage oder öffentliche Feste. Für Kinder sind langweilige Sonntagnachmittage im Sommer der Inbegriff von Ewigkeit. Für adulte Westeuropäer bietet ein Museumsbesuch eine ähnliche Erfahrung.

Mit dem Vorraum, dem Vorzimmer oder der Vorhölle institutionalisierten sich die Orte der Erwartung des AZ. Papst Benedikt XVI. will der katholischen Christenheit die Unmittelbarkeit der Erfahrung gönnen, seit er im April 2007 die Vorhölle abschaffte. Er vollzieht damit offensichtlich, was in der Realität bereits erreicht wurde, nämlich die Abschaffung der Dimension des „Prä-“. Eine erste Ebene bildet die Abschaffung des Vorzimmers, das seine Aura verloren hat, seitdem es keine entsprechenden Frauencharaktere mehr gibt, wie sie beispielsweise Herrn Kohl noch mit Frau Juliane Weber beschieden waren. Solche Frauen sind längst selbst Chefs, die sich eher eigener Rechtsanwälte und Delegierten bedienen als einem auslaufenden Modell der Mindermenschen. Die Vorzimmer bleiben leer.

Nach der Persiflierung der tausendjährigen Vorsehung durch Adolf Hitler ist sie endgültig zum faulen Zauber von Wirtschaftsweisen und Zukunftsforschern, von Sozial- und Politikwissenschaftlern degradiert worden. Man denke an den weltgeschichtlichen Umbruch von 1989, den kein Prognostiker in seinem statistischen Kaffeesatz erahnte. Wir müssen also ohne Vorsehung die Zukunft als Dimension der Gegenwart ins Spiel bringen, ohne Vorzimmer regieren und können ohne die Einrichtung der Vorhölle selbst diejenigen nicht vor teuflischer Qual und Pein bewahren, die schuldlos sind. Dabei bleibt offen, unter welchen Kriterien man schuldige und unschuldige Opfer unterscheiden kann. Der Papst hielt offenbar nicht viel von den notorischen Bekundungen nach Terroristenanschlägen, es seien leider auch unschuldige Opfer zu beklagen. Also alle gleich in die Hölle, forderte Benedikt konsequenterweise. Wie human wirkt da eine Theologie, die den Limbus erfand, um die vor dem Erscheinen Christi lebenden Menschen, die also gar nicht bewußt gegen das Heilsgeschehen verstoßen haben konnten, nicht mit den nachchristlichen Kriminellen im gleichen Kochtopf des Teufels schmoren zu lassen.

Wir dagegen sind für den Erhalt des Erwartungskonzeptes. Uns sind der Vorhof, die Vorfreude, die Vorlust und das Vorspiel wichtiger als das Endergebnis.


Anmerkungen

(1) Saddam Hussein hat man im Bagdader Gerichtssaal hinter Gitterstäben präsentiert. Prominent ist auch die Inhaftierung des Dichters Ezra Pound, den im Zweiten Weltkrieg die US-amerikanischen Alliierten in einen Käfig sperrten. Dort verfasste er seinen berühmt gewordenen „Pisaner Cantos“.

(2) „Pathos“ ist seiner Herkunft nach der Rhetorik, dem Drama und der Tragödientheorie verpflichtet und rekrutiert Darstellungs-, Artikulations- und Deutungsmuster für massive Effekte, die entweder simuliert oder stimuliert werden sollen. Siehe Aristoteles: Rhetorik 1377b; Poetik 1455a; Cicero: Orat. 131f.; Quintilian führt mittels der Begriffe enargeia, illustratio und evidentia eine Technik der Affektinszenierung ein, die in der antiken Tragödie zu jenem Funktionskonzept von theatralem Pathos geführt hatte, das man katharsis nennt, die Reinigung der Zuschauerseelen durch Mitleiden.

(3) Zum Abraham-Isaak-Motiv in der Kunstgeschichte der Renaissance siehe Heinen, Ulrich: Der Schrei Isaaks im „Land des Sehens“. Perspektive als Predigt – Exegese als Medienimpuls. Abrahams Opfer bei Brunelleschi und Ghiberti (1401/02). In: Isaaks Opferung (Gen 22) in den Konfessionen und Medien der Frühen Neuzeit. Hg. v. Johann Anselm Steiger und Ulrich Heinen (=Arbeiten zur Kirchengeschichte Bd. 101). Berlin, New York 2006, S. 23–152.

(4) Siehe die „Marseillaise der Reformation“, das Lied „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ in: Heine, Heinrich 1968, S. 80 f. und Kapitel „Kontrafakte –Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.

(5) Siehe 1976 produzierter Zeichentrickfilm „Die Schlümpfe und die Zauberflöte“.

(6) Beim Opfervollzug ist man auf das christliche Altargeschehen verwiesen, das sich stets rein symbolisch vollziehen soll. Bei der symbolischen Handlung kommt es nur noch auf den „Kunstgriff der Vergegenwärtigung“ an: „Sie lässt etwas, was nicht mehr ist, was kein Hier und Jetzt mehr hat, dennoch wiederkehren – abgelöst von seiner singulären physischen Präsenz: als deren Echo, Zitat, Abzug, Vervielfältigung, Extrakt. Was wiederkehrt, ist nicht die Sache selbst, sondern ihr ‚Geist‘, nur daß dieser Geist noch weit davon entfernt ist, verselbständigt als Dämon, Gespenst oder Gott vorgestellt zu werden. Seine Vorstellung ist vielmehr seine Darstellung, seine performance. ‚Geist‘ wird im Opfervollzug, im ritualisierten kollektiven Herfallen über bestimmte Menschen und Tiere, ausgeführt. Er ist zunächst nichts von der Aufführung Abgelöstes, aber die Aufführung selbst ist der Beginn jenes Sich-Ablösens vom Hier und Jetzt, [...].“ in: Türcke, Christoph: Gott – inexistent, aber unbeweisbar. In: Blume, Anna (Hg.): Beiträge zur Phänomenologie des Heiligen und der Religion. (=Neue Phänomenologie Band 9) Freiburg, München 2007, S. 115.

(7) So kam übrigens auch das Schilfrohr zu seiner Funktion als Erziehungs- und Weisungsstock. Anhand der Edition „Rohr und Rebe“ zeigt Bazon Brock, wie die kulturalistische Tätigkeit der Weinbergerziehung und die zivilisatorische Erziehung durch Unterricht mit Rohrstock als Parallelaktion betrachten werden können. Überhaupt werden wir anerkennen müssen, daß „die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden. Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anderes als ein verworrenes Bündel Röhren“ in: Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Erster Band. Sudelbücher. Hg. v. Wolfgang Promies. München 1968, S. 349 f.

(8) Erstaunliche Erklärungen werden für die Folgen der sogenannten Hypothekenkrise in den USA des Sommers 2007 in allen Medien verbreitet: Die Banken zögerten, sich untereinander Gelder anzuvertrauen. Sie mißtrauten einander, da sie ihre eigenen Geschäftspraktiken nur allzu gut kennen. Geldgeschäfte sind nun mal reine Vertrauenssache (siehe „Süddeutsche Zeitung“, 24. Januar 2008, S. 11: „Alles heiße Luft. Was Fiesco die Banken lehrt: Je mehr man vom Vertrauen redet, desto weniger Grund gibt es dafür“). Erstaunlicherweise machen sich die Banken keine Gedanken darüber, daß sie auch vom Vertrauen ihrer Kunden abhängig sind. Offensichtlich halten sie die Privatkunden für ohnehin vertrauensselige, kenntnislose und unmündige Subjekte – und das mit Recht, denn sonst würden die Kunden den Banken nach deren eigener Auffassung ebenso wenig Geld anzuvertrauen bereit sein, wie die Banken es untereinander sind. Auch aus dieser Konfrontation der Banken mit der ökonomischen Wirklichkeit, als der Sphäre, die ihrem Belieben entzogen ist, werden die Herren des Zahlungsverkehrs nichts lernen müssen. Die vereinigten Nationalbanken erklärten sich zum wiederholten Mal binnen kurzer Zeit bereit, der legalisierten Kriminalität beliebige Mengen Geld zur Verfügung zu stellen. Bemäntelt mit dem angeb- lichen Interesse der Allgemeinheit, garantiert man den Geldgangstern die Fortsetzung ihrer Geschäfte, statt sie für die Konsequenzen ihrer eigenen Machenschaften zur Verantwortung zu ziehen.

(9) In Platons Spätdialog „Der Sophist“ handeln „Seelengroßhändler“ anstatt mit Fischen mit „Wissensstoff“ [224 a ff].

(10) Im Artikel „Stunde der Wahrheit“ in der „Neuen Züricher Zeitung“,
7./8. Juli 2007, Nr. 155, S. 47, fällt in einem Gespräch mit Imre Kertész der in diesem Kontext treffende Ausdruck „Opferkonkurrenz“.

(11) Siehe unser theoretisches Objekt Koppelschloß: Modifikation von „Unsere Ehre heißt Treue“ zu „Unsere Ehre heißt Reue“.

(12) Brock, Bazon 2002, S. 705; siehe Kapitel „Kontrafakte – Karfreitagsphilosophie – Die Gottsucherbanden – Der Faschist als Demokrat“.

(13) Agathos, Katharina; Kapfer, Herbert (Hg.): Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. Remix. München 2004.

(14) Blanchot, Maurice: Das Erlebnis des „anderen Zustands“. In: ders., Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur. Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1982, S. 193 ff. Ein ausgefallenes historisches Beispiel für den AZ bietet Friedrich Engels: „Als im Jahre 1874 die Internationale zerfiel, ließ sie die Arbeiter schon in einem ganz anderen Zustand [!] zurück, als sie sie bei ihrer Gründung im Jahre 1864 vorgefunden hatte.“ In: Vorrede zur englischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von Friedrich Engels (1988). In: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1989, S. 20.

(15) Zum Thema Patient-Sein siehe Kapitel „Uchronie – Ewigkeitsmanagment“.

(16) Zur Frage der Ewigkeit und der Unsterblichkeit, siehe die von Platon im „Symposion“ entwickelte Konzeption des Eros, in: Platon: Das Trinkgelage oder Über den Eros. Frankfurt am Main 1985, [208 c – 209 c], S. 77 f.