AIT- Skript.

1. AIT-Diskurs Intelligente Architektur – Die Versachlichung des Materials

Fassaden im Mienenspiel – Architektur-Visagen

Daß Menschen am ehesten verstanden werden können, wenn man ihnen beim Sprechen ins Gesicht sieht, gehört zur Grunderfahrung der zwischenmenschlichen Beziehungen: von Angesicht zu Angesicht möchten wir einander konfrontiert sein, um uns gegenseitig darüber zu vergewissern, was ungewiß bleiben muß. Ein schöner Rücken kann zwar auch entzücken, aber sich abzuwenden, erzeugt verunsichernde zwiespältige Gefühle. Face to Face also, auch mit den Dingen? Von welcher Seite sehen uns die Dinge an? Haben sie ein Gesicht? Machen wir ihnen ein Gesicht, damit wir sie ansehen können? Ein Würfel hat zwar Augen und gleich auf jeder Seite; aber nicht nur die Würfel-Spielregeln lassen uns die Sechs-Augen-Seiten attraktiver erscheinen als die Seiten mit weniger Augen.

Vielseitigkeit ist eine Gegebenheit aller Körper; aber diejenigen Seiten sind am beachtenswertesten, die sich von den anderen am augenfälligsten unterscheiden. Menschen unterscheiden sich am augenfälligsten durch ihre Gesichter und die Gesichter wiederum von allen anderen Körperteilen durch die Komplexität des Ausdrucks oder durch die Vielfältigkeit der miteinander verknüpften Wahrnehmungsappelle. Eben durch das Mienenspiel.

Daß die Menschengestalt uns anleitet, alle Dinge zu sehen, als seien sie in Analogie zur Menschengestalt erst verstehbar, hat auch die Architektur geprägt. Sie gibt uns Objekte so vor, daß sie uns ansprechen, sobald wir ihrer ansichtig werden. Säulen zum Beispiel haben Kapitelle, also Köpfe, und Füße, auf denen sie aufrecht stehen, wie Menschen, die verharren. Wände haben Öffnungen; werden sie auch nur andeutungsweise paarig angebracht, beziehen wir uns auf die Fenster wie auf Augen, in die wir hineinzusehen versuchen. Sieh mir in die Augen, kleines Haus. Es herrscht ein unwiderstehlicher Sog zur Vermenschlichung der Dinge – Analogiezwang der anthropomorphen Gestaltwahrnehmung, aus dem sich die Tradition der sprechenden Architektur entwickelte, vom Grab des Bäckers Eurysacer in Gestalt des Backofens an der aurelianischen Mauer bis hin zur postmodernen Gesichtsfassade von Venturis Las Vegas-Baracken und der Maskenschminke im Gadgetdesign.

Also haben demnach für uns alle Objekte Gesichter/Facies/Fassaden, sobald wir ihrer ansichtig werden. Aber die Gesichter wechseln, je nachdem, welche Seiten der Objekte wir gerade zu Gesicht bekommen. Zur Fassade wird, was wir jeweils sehen, in der Konfrontation mit den Objekten. Zur Fassade wird das Gegenüber der Objekte. Wenn wir uns mit Objekten konfrontieren, bauen wir eine Front auf, eine durch Frontalität erzwungene Ordnung der Orientierung im Raum: Wir markieren von unserem Standpunkt aus, was vorne und was hinten ist. Das Hintere ist nicht einfach weiter weg, sondern ein Dahinter als das Nichtsichtbare. Das Sehen in der frontalen Konfrontation erzeugt das Dahinter als das Unsichtbare solange wir den Standpunkt nicht ändern oder das Objekt drehen. Realisierte Bauten lassen sich nicht drehen, also bewegen wir uns um sie herum und erschaffen immer weitere frontale Ansichten, bis uns eine Vorstellung von dem Objekt gelingt, in der wir alle seine Seiten gleichzeitig als Fassaden vor Augen haben, soweit sie sich unterscheiden lassen.

Was wird unserer Wahrnehmung zugemutet, wenn wir im verdichteten Stadtraum durch Schulterschluß der gereihten Häuser nicht mehr in der Lage sind, uns den Bauten allseitig zu nähern? Dann verändert sich unser Konzept von einem Haus als geschlossenem Raum zum Beispiel zum Konzept des Häuserblocks, um für den Block wieder Allansichtigkeit zu erschließen. Viele Blocks werden ihrerseits wiederum zum Konzept eines architektonisch geschlossenen Großkörpers, bis schließlich das gesamte Bauensemble, die Stadt selbst, zu einer Objekteinheit zusammengeschlossen wird. Die Stadt wird zum Haus, die Außenansicht der Baukörper zu einer Innenansicht des Hauses. Wir sind zu Hause zwischen den Objekten, denen wir uns konfrontieren. Sie selber geben uns nun den Spielraum vor, in dem wir von unseren jeweiligen Standpunkten die Einheit der verschiedensten Baukörper uns vorzustellen vermögen; das heißt: Nicht nur sind der Reintegration der Baukörper zum Konzept der Stadt Grenzen gezogen durch die beschränkte Fähigkeit von Menschen, visuell Komplexität zu bewältigen; entscheidender ist die Unmöglichkeit, die integrierten Konzepte zu erinnern, wodurch die Orientierung in der Stadt als Haus verlorengeht.

Das Haus der Stadt wird zum Labyrinth, in dem die Objekte verlorengehen. Man sieht die Stadt vor lauter Bauten nicht mehr und kann sich an den Bauten nicht mehr orientieren, weil die Ordnung der Erinnerung ohne das Konzept der Stadt als Haus verlorengeht. Auf diese inzwischen jedem Zeitgenossen nachvollziehbare Kalamität reagierten die Architekten mit zwei Strategien:

Erstens mit einer Vereinheitlichung durch Stileinheit, also durch die Versicherung, die Stadt sei als bloße Fortsetzung der immer gleichen Objektfigurationen vorzustellen (und die Bewohner der Viertel folgten ihnen, indem sie sich kaum noch motiviert sahen, ihren engeren Lebensraum kennen zu lernen. Wer aber von Berufs wegen gezwungen war, häufig seine Standorte zu wechseln, begrüßte dankbar die Möglichkeit, überall zu Hause zu sein, weil weitgehend ein Standort wie der andere aussah).

Die zweite Strategie bestand darin, die Differenzen zwischen den Wahrnehmungsauffälligkeiten von Einzelbauten oder Häuserblöcken oder Quartieren durch Verstärkung des Mienenspiels der Fassaden bis zur Groteske, zur Grimasse, zu außerordentlichen, Emotionen stimulierenden Visagen voranzutreiben.
Eine bemerkenswerte Leistung, denn die Fixierung der Erinnerung gelang häufig an Architekturvisagen intensiver als an feinem Mienenspiel von Fassaden: Inzwischen ist die Bindung von Stadtbewohnern an ihre Lebensräume durch ständige pathetische Klage über die Häßlichkeit, die Stillosigkeit, die Fratzenhaftigkeit von Architekturensembles stärker geworden als durch die Bekundung von Zustimmung.