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Journal am Mittag

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Interview anlässlich der Seminarreihe "DER PROFESSIONALISIERTE BÜRGER"

an der HFG-Karlsruhe

Tatjana Wagner: Fühlen Sie sich auch manchmal ein bißchen gestrandet in unserer multifunktionalen Gesellschaft? Kennen Sie dieses Gefühl von Verlassenheit, wenn Sie sich mit dem Fahrkartenautomaten quälen oder mit Ihrem Computer? Kennen Sie diese Überforderung, wenn Sie mit Ihrer Krankenkasse um Leistungen streiten oder ratlos in einer Kunstausstellung stehen? Das Bürger-Sein und –Dasein ist nicht immer einfach, aber man kann es lernen. Man muß es sogar lernen, findet Bazon Brock, deshalb hat der streitbare Ästhetik-Professor jetzt einen neuen Studiengang initiiert an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung. In einem Studium Generale können Sie sich dort zum Profi-Bürger ausbilden lassen, in fünf Disziplinen und sogar mit Diplom.
Herr Brock, was ist denn ein Profi-Bürger? Ist es daßelbe, was Altkanzler Brandt einmal als einen mündigen Bürger bezeichnet hat?

Bazon Brock: Ein mündiger Bürger ist jemand, der die Möglichkeit hat, sich selbst einzubringen in die politischen, sozialen und sonstigen Belange. Aber er muß es auch gelernt haben. Es ist ja mit dem Anspruch auf Mündigkeit nicht getan. Man muß auch wissen, wie man da interveniert, wie man vorankommt. Und das verlangt Professionalisierung.

T.W. Sie wollen also die Bürger fit machen für die Gesellschaft, in der sie leben?

B.B. So ist es, denn heute versteht sich das bei weitem nicht mehr von selbst, daß Sie teilnehmen können, allein schon nicht wegen des ungeheuren Aufwandes an Kenntnissen, die Sie haben müssen; aber nicht bloße Kenntnisse, Sie müssen damit auch umgehen können.
Denken Sie nur daran, daß jemand zum Arzt geht, das muß gar nicht das alte Mütterchen sein, das geht 30-, 35-jährigen Leuten genau so. Sie kriegen ein Medikament verschrieben; wenn sie nach Hause kommen und das Medikament auspacken, lesen sie den Beipackzettel, auf dem in 18 cm Höhe beschrieben wird, was dieses Medikament für Nebenwirkungen hat. Da kommt jeder in Konflikt, in eine Paradoxie. Der Arzt sagt, nimm es, der Beipackzettel sagt, das und das ist das Risiko. Mit solchen Konflikten, die ja nicht im Unvermögen des einzelnen liegen, sondern im System selbst, muß man lernen umzugehen.

T.W. Aber wird nicht umgekehrt viel eher ein Schuh draus? Daß das, was Sie System nennen, für den Bürger, für den Patienten arbeitet? Müßte man nicht da ansetzen?

B.B. Ja, das ist ja auch formal so geschehen. Denken Sie nur an die vielen hotlines, die es gibt. Angeblich ist ja der Kunde König. Wenn Sie aber die Königswürde durch Reklamation bei einer Firma oder Behörde oder sonst wo durchsetzen wollen, landen Sie in einem Verwei-sungssystem von Leuten, die gerade nicht zuständig sind, wenn Sie überhaupt durchkommen und nicht von einer hotline-Besetzt-Meldung in die nächste geraten. Das hört sich auf dem Papier alles sehr nett an, es muß aber faktisch gelernt werden, wie man damit umgeht.

T.W. Und was muß man tun, um bei Ihnen ein Diplom zu bekommen, Herr Brock?

B.B. Zwei Jahre nimmt man an diesen Ausbildungskursen für Patienten, für Museumsbesu-cher, also Rezipienten, für Produktkäufer, also Konsumenten, oder für Leute, die religiös sich engagieren wollen oder in der neuen Wählergruppe der Profi-Wähler, teil. Es ist also durchaus mit einem Studium vergleichbar. Wir rechnen damit, daß wir mehr als die Hälfte erwachsene Bürger aus Karlsruhe bekommen, die ja alle im Alltag diese Probleme haben, der andere Teil werden Studenten sein, die das dann auch verwenden.
Es geht um ganz banale Dinge, die man sich aber nicht klar macht. Man wundert sich immer noch, daß Menschen glauben, sie könnten mal eben so nebenbei bei Komponisten oder Dramatikern zuschauen, und hinterher beschweren sie sich, daß sie nichts davon gehabt hätten. Das ist ganz natürlich, denn wenn sie nie gelernt haben, wie man Partner eines Künstlers ist, wie man eine elaborierte Komposition als Zuhörer tatsächlich annimmt, wie man hinterher darüber mit anderen Leuten reden kann, dann kann man sich nur langweilen. Wenn man sich selber ernst nimmt, wenn man sich nicht zum Büttel machen lassen will, weder Büttel der Industrie noch Büttel der Künstler noch Büttel der Politiker noch Büttel der Ärzte, dann muß man eben für sich selbst verantwortlich die Autonomie ausbilden und sie auch durchsetzen.

T.W. Aber, Herr Brock, was sagt das aus über unseren Kunst- und Kulturbetrieb, wenn man schon studiert haben muß, ein Diplom haben muß, um sich überhaupt dieser Kunst und Kultur annähern zu können?

B.B. Ich darf Sie darauf hinweisen, was sagt es aus, wenn Sie heute einen Computer kaufen als normaler Alltagsmensch und unendliche Mühen aufwenden müssen, um dieses Ding bedienen zu lernen? Darüber regt sich kein Mensch auf, offensichtlich. Aber sie sagen, warum muß ich denn über Kunst etwas wissen? Es gibt nun mal Voraussetzungen, die unabdingbar sind. Und wenn man sich selbst ernst nehmen will als Zeitgenosse, wenn man Geistesgegenwart ausbilden will, dann muß man etwas lernen. Darum kommt kein Mensch herum. Sie se-hen ja, wohin es führt, wenn die Leute nichts lernen. Gut ein Drittel aller Abgänger von den Schulen sind nicht einmal in der Lage, simpelste Rechen- oder Schreibaufgaben zu lösen. Und das ist der sicherste Weg in die Opferrolle. Aber es wird sich bald keiner mehr um uns als Opfer kümmern, sondern wir müssen selbst dafür sorgen, daß wir uns nicht zu Opfern machen lassen.

T.W. Diplom-Konsumenten, Diplom-Patienten, sogar Diplom-Gläubige wollen Sie ausbilden. Es gibt Menschen, die sagen, das klinge eigentlich wie eine gigantische Kunstaktion.

B.B. Nein, das ist eine harte Arbeit, weil es eine Aufgabe ist. Was nützt es Ihnen zu schreiben, wenn kein Mensch mehr liest? Selbst in Fachkreisen wird heute geklagt, daß niemand mehr zur Kenntnis nimmt, was man in wissenschaftlichen Zeitschriften alles produziert. Und das hat ungeheure Auswirkungen. Wenn wir einsehen, daß wir alle gerade durch unsere Hochspezialisierung in 99.9 % aller anderen Fälle zu Dilettanten geworden sind, können wir auf eine ganz andere Art und Weise unser Verhalten als Mitglieder einer Gesellschaft ändern. Weg von der Hierarchie der Herkünfte, der Vermögen, der Bildung etc. hin zum Eingeständnis: wir sind alle gleich, wir wissen nichts, wir haben nichts und wir können nichts. Ob wir Banker sind, Präsidenten oder welche Art von Ordinarien auch immer. Das ist die neue Basis für das demokratische Postulat der Gleichheit der Menschen.

T.W. Studierter Bürger: An der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe können Sie ein Diplom als Profi-Bürger erwerben. Mein Gesprächspartner zu diesem Thema war der Ästhetik-Professor Bazon Brock, er hat diese Studiengang initiiert. Die Auftaktveranstaltung ist morgen um 18 Uhr in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe.