Summa summarum: Sammeln heute

Summa summarum: Sammeln heute, 2002 | Titelblatt
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Spolien - oder: Wer nachgemachte Kunstwerke in Umlauf bringt, schont die echten

Museale Souvenirs sind keineswegs eine Erfindung unserer Zeit. Auch irrt, wer glaubt, Massen- oder Kulturtourismus hätte es in der Vergangenheit nicht gegeben. Bereits für die Epoche des Hellenismus (ca. 300 v. Chr.) belegen antike Quellen, daß die Reisenden kleine Stückchen von Statuen oder Bauwerken abbrachen, um sie als Erinnerungsstück mit nach Hause zu nehmen. Die antiken Kustoden überlegten sich, wie man dieser PlÜnderung, dieser Zerstörung der Objekte durch das Interesse ihrer Besucher entgegentreten könne, und sie erfanden kleine Ersatzfiguren, die aus Ton und Lehm gefertigt wurden, gefälschte Bruchstücke und Fragmente also, die man Spolien nannte und teuer bezahlen ließ. Um die Originale zu schützen, fälschte man sie und verkaufte sie stückweise.

Den heutigen Museumsshopartikeln entsprechende theoretische Objekte für den Einsatz in Kulthandlungen wurden auch schon in der Antike in Massenproduktion hergestellt. Z. B. fand man in den Opfergruben der Tempel von Paestum kleine, ca. 6 - 8 cm hohe Tonfiguren - Frauenköpfe zumeist - die von den Kulttouristen der Antike in einem Verkaufsstand innerhalb des Tempelbezirks erworben werden konnten, um in die Opfergrube geworfen zu werden. Denn kein theologisch intelligenter Mensch wäre je auf die Idee gekommen, etwas tatsächlich Kostbares zu opfern. Auch bei einem Stieropfer verbrannte man selbstverständlich nur das Fell, die Hörner, die Klauen und ungenießbaren Innereien. Alles Verwertbare wurde natürlich aufgegessen, ohne daß die Menschen gemeint hätten, sie enthielten den Göttern nun das Beste vor. Vielmehr handelten sie in der klaren Einsicht, daß das Opfer eine Geste sei, eine symbolische Handlung, die als symbolische aber ganz real ist. Dabei kommt es dann eben nicht auf Originalität oder tatsächliche Werthaltigkeit der Dinge an, sondern auf den Ausdruck oder die Gedanken, die man damit verbindet. So intelligent sollten wir auch mit den Gegenständen unserer Alltagswelt umgehen. Wir sollten unser Herz gerade nicht an das Material oder an den Wert von Gold, Edelsteinen usw. hängen, sondern an die in den Objekten angesprochenen Themen, an die Erlebnisse, die daran geknüpft sind, an die Vorstellungen, Erfahrungen und Gefühle. Denn bei allen Dingen, die Menschen machen, geht es um die Beziehungen von Menschen zu Menschen, weil diese Beziehungen über Objekte laufen, die wir als sprachliche Kommunikation verstehen. Egal, ob ich spreche, zeichne, male oder knete, Mittel der Architektur, der Mimik oder des Tanzes verwende, es geht um die Kommunikation über Themen und Probleme, und all die kleinen Objekte sind dazu da, um schnell wieder diese Erinnerung zur Verfügung zu haben, die Vorstellungen wieder hervorzurufen und sie in die Kommunikation mit den Künstlern oder mit den Göttern in den Museen der Neuzeit einzubringen.