Summa summarum: Sammeln heute

Summa summarum: Sammeln heute, 2002 | Titelblatt
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ästhetik in der Alltagswelt

Unsere Überlegungen zu den vorgestellten Objekten stammen aus dem Interesse an der Alltagswelt. In den 60er und 70er Jahren haben wir im Internationalen Designzentrum Berlin viele Ausstellungen und Kongresse zur Ästhetik in der Alltagswelt gemacht und untersucht, welche neuen Objektklassen für die Kommunikation leistungsfähig sind. Damals wurde allgemein das verdinglichte "Bewußtsein in Waren" angeprangert, die Menschen hätten aufgehört, selbst zu denken, sondern ließen die Objekte für sich denken, indem sie sie kauften, aneigneten, zerstörten, aufäßen usw., ohne noch Impulse zum eigenen Vorstellen, Erinnern und Lernen aufzunehmen. Wir führten damals den Begriff "theoretische Objekte" für eine Klasse von Objekten ein, deren materielle Präsenz gar nicht wichtig ist. Inzwischen redet jeder von virtuellen Welten. Ein Bild auf dem Computermonitor ist nichts physisch Reales; das Gerät ist physisch real, das Bild aber virtuell. Diesen Zustand der Virtualität drückten wir mit dem Begriff "theoretische Objekte" aus.

Als deren Urheberin und Patronin erkoren wir die arme Fischerstochter, die - um nicht ihrem Landesherrn zu Diensten sein zu müssen - eine Probe abzulegen hatte: der Fürst stellte ihr die Aufgabe, weder bekleidet noch nackt am Hofe zu erscheinen. Tatsächlich fand die Fischerstochter etwas, das weder Kleidung war noch Nacktheit bedeutete, nämlich ein Netz ihres Vaters, und sie hüllte sich in ein solches Gefüge von Linien, das eigentlich nur aus immateriellen Zwischenräumen besteht. So vermittelte sie Nacktheit und Bekleidung im Netzobjekt.

Ähnliches taten in den 60er Jahren Designer wie Rudi Gernreich, der den "Nichtbüstenhalter" (No-Bra) erfand, der zwar wie ein Büstenhalter wirkte, aber nicht oder wenigstens fast nicht sichtbar war. Solche Charakteristiken wandten wir auf einen Bereich an, in dem es nicht darauf ankommt, Kunst oder Gebrauchsgegenstände nach bestimmten Logiken zu produzieren, sondern in dem ganz deutlich ist, daß mit den theoretischen Objekten nur in einem spirituellen, geistigen, intellektuellen, im weitesten Sinne psychischen Sinne operiert werden sollte, wie z. B. in der Psychotherapie. In den 70er Jahren begann man nämlich damit, psychiatrisch auffälligen Menschen dadurch helfen zu wollen, daß man ihnen künstlerische Betätigung nahelegte.

Damit wurden die armen Menschen natürlich gleich in die Irre geführt, denn man ist noch lange kein Maler, nur weil man gestisch expressiv mit dem Pinsel auf der Leinwand herumtobt.

Eigentlich sollte es um das gehen, was Künstler tun, wenn sie durch die Verwendung bestimmter Materialien etwas zum Thema machen. Für die Therapie von Menschen braucht man also Dinge, eben theoretische Objekte, die einerseits noch im eigentlichen Sinne handhabbar sind, andererseits aber ganz deutlich zeigen, daß es nicht um das Objekt selbst, sondern um den geht, der es anwendet. Wer z. B. aufgrund schwerer Schizophrenie nicht ganz realitätstauglich ist, weil er behauptet, Inhalt und Form oder Begriff und Anschauung müßten absolut identisch zusammenpassen, verwendet Worte, Bilder und Begriffe in einem ein-eindeutigen Sinne und gleitet deshalb ab in eine Geheimsprache, in der man nicht mehr mit der Außenwelt, nicht einmal mehr mit den Ärzten kommunizieren kann. Der Therapeut muß versuchen, diesen Geheimcode, diesen fundamentalistischen Irrsinn von zusammengeklebten Anschauungen und Begriffen wieder aufzulösen. Hier können theoretische Objekte helfen, weil sie Verschiebungsverhältnisse zwischen Inhalt und Form, zwischen intrapsychischen Prozessen und ihrer sprachlichen Vergegenständlichung veranschaulichen.

Wir untersuchten dann die Fähigkeit der Leute, allegorische Darstellungen (z. B. Dame mit Fackel) abstrakten Begriffen (z. B. Freiheit) zuordnen zu können. In einem weiteren Schritt bildeten wir neue Allegorien und Symbole mit künstlerischen Figurationen, die nicht eindeutig bestimmbar waren (z. B. Beuyssche Materialhaufen) und boten dazu eine Auswahl von Begriffen. Der Proband sollte herausfinden, welche Begriffe mit welchen konkreten Anschauungsformen zusammenbringbar sind, um sie zu symbolisieren. Dabei konnte man den Leuten klarmachen, daß sie Kommunikation eröffnen, indem sie sich die Grundvoraussetzungen dieser menschlichen Operation vor Augen führen lassen. Es ist ja das Wesen der Kommunikation, eindeutig uneindeutig zu sein, d. h. Menschen müssen kommunizieren, weil sie sich nicht verstehen können, ihr Weltbildapparat des Zentralnervensystems ist von Natur aus nicht auf Verstehen, sondern auf Verständigung ausgerichtet.

Kommunikation ermöglicht es, sich auch im Ungefähren, im Unbestimmten und Vielgestaltigen eindeutig verhalten, etwa sich verabreden zu können. Der Umgang mit den theoretischen Objekten, ihr ständig sich wandelnder Gebrauch machte deutlich, daß sich auch unser Verständnis wandelt, selbst wenn sich die sogenannten Kunstwerke nicht wandeln. Die Objekte bleiben in ihrer Materialität als das erhalten, was sie sind, aber unser Zugang wandelt sich, so wie sich auch in der Alltagswelt der Kommunikation alle Worte und Begriffe ständig wandeln. Schließlich produzieren wir nicht mit jedem Satz ein literarisches Kunstwerk, sondern benutzen Sprache im Prozeß der sich dauernd verändernden Verständigungsmöglichkeiten in je unterschiedlichen Anforderungen.

Einer der von uns in diesem Zusammenhang entwickelten Gegenstände war eine Sanduhr als Armbanduhr: mit ihrer Hilfe konnte man eine Zeitstrukturierung vornehmen, so wie man auch an Tageslichtverhältnissen Zeit strukturiert; der herkömmliche Gebrauchsgegenstand "Uhr" verwandelte sich so in einen Gedankengegenstand, in einen theoretischen Gegenstand. Es wurde deutlich, daß die Bedeutung nicht im Gegenstand steckt wie ein Keks in der Schachtel, sondern daß man sich von den Dingen lösen muß, daß die Bedeutung erst durch die intellektuelle Leistung des Unterscheidens von Dingen nach bestimmten Kriterien entsteht. Dazu aber wird Kommunikation benötigt.