Summa summarum: Sammeln heute

Summa summarum: Sammeln heute, 2002 | Titelblatt
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Schema vom Kindchen

Um 1940 haben Erich v. Holst und seine Mitarbeiter versucht herauszufinden, welchen Objektcharakter Worte und Bilder haben. Sie stellten fest, daß die Objektcharaktere bestimmt werden durch die Formen der Wahrnehmung, die wir von Natur aus tätigen und für die es ganz bestimmte Kategorien der Anschauung gibt. So sehen wir zwar mit den Augen, aber wahrnehmen tun wir mit dem Gehirn; bereits das Auge unterliegt beim Sehen bestimmten Filtern und Mustern, wie sie sich z. B. in den Experimenten mit optischen Täuschungen nachweisen lassen. Einer Reihe von solchen Gestalt- und Wahrnehmungsmustern kam der Holst-Kollege Konrad Lorenz auf die Spur. U. a. untersuchte er das sogenannte "Kindchenschema": Die Natur hat es so eingerichtet, daß wir mit fürsorglicher Hinwendung auf bestimmte Auslöserreize reagieren, nämlich hohe Stirn, große Augen. Ein psychisch gesunder Mensch kann seine bestialische Natur nicht ausleben, wenn er ein Gesicht mit diesen Merkmalen sieht, sondern Pflegeverhalten und Behütungstrieb werden ausgelöst, egal ob das Objekt Mensch oder Tier ist. Dies erklärt auch die Beliebtheit bestimmter Spielsachen, die seit etwa 150 Jahren auf dieses Kindchenschema rekurrieren, nämlich der Typus der von Käthe Kruse vollendeten Puppenmodelle und die Teddybären. Zu den optischen Qualitäten kommen noch taktile wie Pelzbehaarung hinzu. Das können wir auch in der Kunstgeschichte verfolgen, etwa wenn Rubens seine nackte Frau mit Pelzchen malt und wir die Berührung der Haut durch das Pelzchen schon bei der Betrachtung nachvollziehen können.

Unsere gesamte Gestaltwahrnehmung ist von Schemata geprägt, was sich vor allem die Werbung zunutze macht, indem sie versucht, allem, was sie gestaltet, solche schnellen Auslöser für ganz bestimmte beschränkte Handlungen abzuverlangen.