Summa summarum: Sammeln heute

Summa summarum: Sammeln heute, 2002 | Titelblatt
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wa(h)re Kunst

Wer heutzutage die zeitgemäße künstlerische Entwicklung kritisieren will, hat schnell das Argument parat, Kunst sei Ware geworden, d. h. die Hervorbringungen der Künstler unterschieden sich nicht mehr von dem, was die Alltagsmenschen um sich herum versammeln. Stichworte wie "postmoderne Beliebigkeit" enthalten einen richtigen Kern, wenn man verfolgt, wie es dazu gekommen ist. Das läßt sich besonders eindrucksvoll in Köln studieren: in den heiligen Kultstätten des Domes gab es Bildwerke, die einem kultischen Zweck (z. B. als Altartafeln) dienten, die aber eines Tages von den Kunsthistorikern herausgeholt und dem Museum einverleibt wurden. Dabei entstand die Frage, ob eine Eifelbäuerin - wie geschehen - im Museum vor dem Bild beten dürfe, das sie bisher in ihrer Kirche verehrt hatte. Bei den Überlegungen, ihr dies zu untersagen, mußte man einsehen, daß viele Zeitgenossen heute im Museum den Bildern entgegentreten, als seien sie an einem Kultort für Atheisten. Sie haben gewissermaßen das Alibi, es handele sich ja nicht um Reliquien, sondern um Kunst, und deswegen könne man sich tiefsinnig ehrfurchtsvoll damit beschäftigen, was man in einer Kirche mit Kultgerät nicht mehr wagen würde. Die Verehrung findet also nicht mehr in der Kirche, sondern im Museum statt, während 50 m weiter die Touristen durch den ordinären Kultort "Kölner Dom" toben. Sinnigerweise macht ein Sichtfenster mit Blick auf den Dom im neuen Museum Ludwig auf diese Verschiebung aufmerksam.

Tatsächlich entstammt auch das seit Dürers Zeiten Künstlern gemeinhin zuerkannte Attribut "schöpferisch" aus der Theologie. Diese Verschiebung ist bis heute auch noch im Umgang mit Objekten bemerkbar: man kann Waren fetischisieren, man kann sein Bewußtsein total verdinglicht in die Objekte der Warenwelt, z. B. in ein Auto als Stabilitätsfaktor, hineinlegen. Man kann aber auch vernünftig und aufgeklärt von diesen Dingen Gebrauch machen, wie das im kultischen Zusammenhang üblich war.

Interessant sind all die Objekte, in denen die anthropologischen Aspekte zur Sprache kommen, die theologischen, die künstlerischen, die funktionalen, und die Aspekte der Alltagswelt, als Objekte, die alle Ebenen in sich vereinigen oder doch zumindest Anlaß zu integrierten Sichtweisen geben, sodaß man nicht mehr nach einer rein künstlerischen, einer rein theologischen oder rein gebrauchsfunktionalen Betrachtungsweise trennt, sondern wechseln kann. Man kann dann Kunstwerke im Hinblick auf ihren Gebrauchswert und Waren im Hinblick auf ihren Fetischcharakter und Kultobjekte im Hinblick auf ihre Eignung als Statussymbole usw. betrachten. Anders als Benjamin oder Kracauer in den 20er Jahren noch annahmen, sind es weniger die gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Verhältnisse, die unseren Umgang mit den Objekten prägen, sondern es sind tatsächlich die anthropologischen Konstanten, die theologischen, kultischen Notwendigkeiten des Umgangs mit den Dingen, die diesen Gebrauch festsetzen oder nahelegen.

Man sollte die Dinge stets unter vielfältigen Gesichtspunkten beurteilen, egal, ob sie aus dem Kaufhaus, der Kirche oder dem Museum stammen. Dadurch wird die Welt viel interessanter, viel bedeutungsvoller und viel reicher.