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Mitteilungen zur Geschichte des Kunsthandels
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Gradus Ad Parnassum.
Und dann die Villa im palladianischen Anspruch an einem aufsteigenden Hügel Elberfelds mit rückwärtiger Parklandschaft! Ein Ereignisraum unvergleichlicher Dimensionierung, der die Grenzen zwischen privat und öffentlich, zwischen diesseits, jenseits und abseits aufhob. Jährling war Architekt, also Weltbaumeister, dem es gelang, den kleinsten Raum und das privateste Lebensambiente in ein Territorium zu verwandeln, das im schnellen Wechsel Walhalle, Museum, Fabrikdirektorium, Atelier oder Bühne sein konnte, wie Palladios Villen wechselweise Scheunen, Ställe, Festsäle und suburbane Sommerpaläste waren. Sich zu Jährling zu begeben, zu bekennen, hieß damals GAP. Der einzige, dem diese Dimension vorbehaltlos zeitgemäß zu sein schien, war unser Mentor und Hamburger Hochschuldirektor, Herbert von Buttlar. Er wählte GAP als Programmnamen für die Deutsche Studienstiftung: Gradus Ad Parnassum.
Aber auch von heute gesehen, kann man die Zeitgemäßheit eines innerstädtischen Parnasses kaum leugnen. Trotz aller Betonung von Nonkonformismus, Individualität und Einzelgängerei der Künstler erwiesen sie sich als ganz weiche Gemütskekse, die ihre stille Sehnsucht nach dem Frieden der Ordnung und der festen Positionierung in Bedeutungshierarchien (zeitgemäß Ranglisten der Weltformate) für das Bewohnen des Parnass prädestiniert. Wirte solcher Friedstätten für Lebende waren gerade in rheinischen Gefilden zahlreich: Mutter Ey, Schmela, Hein Stünke und eben Jährling wurden zu Legenden, weil sie weniger die ostentativen Gesten der Künstler bewerteten, als vielmehr verstanden, daß diese "entlaufenen Bürger" nichts so sehr suchten wie eine Heimat im Nirgendwo, eben in der Utopie des Parnass in distanzierender Vertraulichkeit mit Fürsten und Mäzenen, mit Kennern und Liebhabern, mit Kunstgeschichtsschreibern und Ruhmesherolden, vulgo Kunstkritikern. Je unauffälliger, unprätentiöser der gedachte Ort, desto exzessiver ließen sich die historisch längst überholten Attitüden der Künstler ausleben. Da konnte man in Wohnküchen wieder Dichterkrönungen feiern und in heruntergekommenen großbürgerlichen Villen oder Industriebauten imperiale Impulse ausleben. In den 70er und 80er Jahren bevorzugten deshalb bildende Künstler aller Sparten Kampnagelfabriken, Hamburger Bahnhöfe, Messehallen und Bruchhalden, weil an solchen Orten selbst feudalste Kostümierungen und verschwenderische Präsentationen von keinem Ruch peinlicher Unangemessenheit befallen wurden.
Jährling hat das geahnt. Er hätte sein Programm in einem tempelgleichen Staatsbau nicht durchhalten können. Die Stärke seiner Konzeption lag in der Fähigkeit, die konventionelle Anmutung ganz alltäglicher Ereignisräume zu nutzen, um das Außerordentliche hervorzuheben. Er kam mit diesem Vorgehen den von Künstlern benutzten Verfahren sehr nahe; deswegen arbeiteten und präsentierten sie bei ihm, als wären sie zu Hause, also dort, wo sie immer hinwollten. Auch, wenn sie es nicht wußten.
Rolf Jährlings Galerie Parnass in Wuppertal – Keimzelle der Aufklärung.