Utopie und Evidenzkritik

Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren – erster Band

Umschlag: Utopie und Evidenzkritik Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wenn die Bild-Zeitung erneut Dieter Bohlen und Oliver Kahn als Pop-Titanen feiert, scheint jede Konkurrenz praktisch aussichtslos zu sein.
Weit gefehlt: Bazon Brock und Hans Ulrich Reck erweisen sich als Theorie-Titanen den Pop-Monstern weit überlegen, weil sie nicht auf wackelige Prominenz, aufgespritzte Blondheit, die schnelle Mark und das Recht der Meinungsmacht vertrauen, sondern ihre Ohnmacht kennen, ihre Armut üben, ihr Übergewicht in die Waagschale werfen und jeden Tag nutzen, weil sie den Schrecken des Endes schon hinter sich haben.

FUNDUS Band 185 
Bazon Brock / Hans Ulrich Reck: Utopie und Evidenzkritik
Herausgegeben von Christian Bauer

Amerika – Wir machen es besser!
Nachdem New Yorker und höherrangige Hohlkörper des US-Patriotismus sich nicht mehr genötigt sehen wollen, die 9/11 verewigten Twin Towers wiederaufzubauen, sondern, wie üblich, Zerstörung, als willkommene Gelegenheit nutzen, sich von den geschichtlichen Verpflichtungen als Fesseln des Kapitals zu befreien, machen es Brock und Reck in ihren Unterhaltungen deutscher Ausgesonderten besser.

Zwei gewaltige Architekturen errichten sie in ihrem Diskurs, den Turm der »Utopie und Evidenzkritik« und den Turm »Täuschung und Tarnung als Muster von Rationalität«.

Als Europäer stehen ihnen ganz andere Vorbilder zwischen Himmelssturm und Tiefenbohrung vor Augen als den treulosen Finanziers in New York: Die Kirchtürme, die Geschlechtertürme der Renaissancestädte, der Turm als kommunales Würdezeichen, der Wachturm, der Wasserturm, Hungerturm und Schuldturm.

Obwohl wahrhaft Göttersöhne wie Kastor und Pollux, Kyrill und Method, wie Goethe und Schiller, wie Horkheimer und Adorno, geben sich die Dioskuren Brock und Reck bloß bürgerlich selbstbewusst.

Selbstbewusst, weil das Bürgertum ebenso vergangen ist, wie die Götter verdämmert sind.

Was rufen die Türmer Brock, und Reck?

Freiheit in der Gosse,
Gleichheit in der Kriminalität,
Brüderlichkeit aller Mafioten,
Diaspora für Alle,

Die utopische Vergangenheit ist inzwischen wichtiger als die utopische Zukunft.

Aufklärung als Enttäuschung

Vollenden oder Lassen? Nur Ruinen überdauern
Und Spekulation ist das triumphierende Muster
von Rationalität.

Zwischen den Verzweiflungsschreien aus den Turmverliesen und den Warnrufen der Türmer müssen die Dioskuren ihre Stimmen verstärken: mit ihrer Kritik an der gnadenlosen Wahrheit von Sachzwang, Naturgesetz und Logik der Dummheit; mit ihrer Erfahrung, dass heute nur noch die ehrlichen Lügner zur Wahrheit stehen, dass nur das gewusst Falsche dem Prinzip des Echten und Originären Reverenz erweist.

War Abraham der erste Faschist? Weil er aus Gehorsam tötete?

Nur die Mittel heiligen die Zwecke. Weil große Zwecke beliebig sind.

Ist das schon der neue Wandel? Das Innere umstülpen, also Kotzen.

Wir sind keine Dichter, wir fühlen den Schmerz.

Neuerungssucht und Ewigkeitsanspruch zur Endlagerung kultureller Gewissheit

Nach Minderheitenschutz, Tierschutz, Jugendschutz, Verbraucherschutz, Klimaschutz, Katastrophenschutz nun endlich Verstandesschutz im Verein.

Aufruf zur Kapitulationsverhandlung und Übergabe Europas an den Islam

Von den Kulten der dionysischen Selbstzerfleischung in Eleusis über die gnadenlosen Feste der Verschwendung und die Feiern des Todes auf europäischen Schlachtfeldern zum großen Zapfenstreich »Nun danket alle Allah«.


Hans Ulrich Reck, 1953 geboren, ist Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Zahlreiche Publikationen, zuletzt u.a.: Index Kreativität (2007), Eigensinn der Bilder. Bildtheorie oder Kunstphilosophie? (2007), Das Bild zeigt das Bild selber als Abwesendes (2007), The Myth of Media Art. The Aesthetics of the Techno / Imaginary and an Art Theory of Virtual Realities (2007).

Bazon Brock, 1936 geboren, war u.a. Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und an der Bergischen Universität in Wuppertal. Er war als Dramaturg tätig, veranstalte zahlreiche Happenings und die »Besucherschulen« auf der documenta. 2006 machte er sich auf den »Lustmarsch durchs Theoriegelände« in elf großen Museen, Galerien und Theatern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Unzählige Publikationen, zuletzt u.a.: Lustmarsch durchs Theoriegelände (2007), Der Barbar als Kulturheld (2002), Lock Buch Bazon Brock (2000). In der FUNDUS-Reihe lieferbar: Bildersturm und stramme Haltung. Texte 1968 bis 1996.