Utopie und Evidenzkritik

Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren – erster Band

Umschlag: Utopie und Evidenzkritik Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wenn die Bild-Zeitung erneut Dieter Bohlen und Oliver Kahn als Pop-Titanen feiert, scheint jede Konkurrenz praktisch aussichtslos zu sein.
Weit gefehlt: Bazon Brock und Hans Ulrich Reck erweisen sich als Theorie-Titanen den Pop-Monstern weit überlegen, weil sie nicht auf wackelige Prominenz, aufgespritzte Blondheit, die schnelle Mark und das Recht der Meinungsmacht vertrauen, sondern ihre Ohnmacht kennen, ihre Armut üben, ihr Übergewicht in die Waagschale werfen und jeden Tag nutzen, weil sie den Schrecken des Endes schon hinter sich haben.

FUNDUS Band 185 
Bazon Brock / Hans Ulrich Reck: Utopie und Evidenzkritik
Herausgegeben von Christian Bauer

Amerika – Wir machen es besser!
Nachdem New Yorker und höherrangige Hohlkörper des US-Patriotismus sich nicht mehr genötigt sehen wollen, die 9/11 verewigten Twin Towers wiederaufzubauen, sondern, wie üblich, Zerstörung, als willkommene Gelegenheit nutzen, sich von den geschichtlichen Verpflichtungen als Fesseln des Kapitals zu befreien, machen es Brock und Reck in ihren Unterhaltungen deutscher Ausgesonderten besser.

Zwei gewaltige Architekturen errichten sie in ihrem Diskurs, den Turm der »Utopie und Evidenzkritik« und den Turm »Täuschung und Tarnung als Muster von Rationalität«.

Als Europäer stehen ihnen ganz andere Vorbilder zwischen Himmelssturm und Tiefenbohrung vor Augen als den treulosen Finanziers in New York: Die Kirchtürme, die Geschlechtertürme der Renaissancestädte, der Turm als kommunales Würdezeichen, der Wachturm, der Wasserturm, Hungerturm und Schuldturm.

Obwohl wahrhaft Göttersöhne wie Kastor und Pollux, Kyrill und Method, wie Goethe und Schiller, wie Horkheimer und Adorno, geben sich die Dioskuren Brock und Reck bloß bürgerlich selbstbewusst.

Selbstbewusst, weil das Bürgertum ebenso vergangen ist, wie die Götter verdämmert sind.

Was rufen die Türmer Brock, und Reck?

Freiheit in der Gosse,
Gleichheit in der Kriminalität,
Brüderlichkeit aller Mafioten,
Diaspora für Alle,

Die utopische Vergangenheit ist inzwischen wichtiger als die utopische Zukunft.

Aufklärung als Enttäuschung

Vollenden oder Lassen? Nur Ruinen überdauern
Und Spekulation ist das triumphierende Muster
von Rationalität.

Zwischen den Verzweiflungsschreien aus den Turmverliesen und den Warnrufen der Türmer müssen die Dioskuren ihre Stimmen verstärken: mit ihrer Kritik an der gnadenlosen Wahrheit von Sachzwang, Naturgesetz und Logik der Dummheit; mit ihrer Erfahrung, dass heute nur noch die ehrlichen Lügner zur Wahrheit stehen, dass nur das gewusst Falsche dem Prinzip des Echten und Originären Reverenz erweist.

War Abraham der erste Faschist? Weil er aus Gehorsam tötete?

Nur die Mittel heiligen die Zwecke. Weil große Zwecke beliebig sind.

Ist das schon der neue Wandel? Das Innere umstülpen, also Kotzen.

Wir sind keine Dichter, wir fühlen den Schmerz.

Neuerungssucht und Ewigkeitsanspruch zur Endlagerung kultureller Gewissheit

Nach Minderheitenschutz, Tierschutz, Jugendschutz, Verbraucherschutz, Klimaschutz, Katastrophenschutz nun endlich Verstandesschutz im Verein.

Aufruf zur Kapitulationsverhandlung und Übergabe Europas an den Islam

Von den Kulten der dionysischen Selbstzerfleischung in Eleusis über die gnadenlosen Feste der Verschwendung und die Feiern des Todes auf europäischen Schlachtfeldern zum großen Zapfenstreich »Nun danket alle Allah«.


Hans Ulrich Reck, 1953 geboren, ist Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Zahlreiche Publikationen, zuletzt u.a.: Index Kreativität (2007), Eigensinn der Bilder. Bildtheorie oder Kunstphilosophie? (2007), Das Bild zeigt das Bild selber als Abwesendes (2007), The Myth of Media Art. The Aesthetics of the Techno / Imaginary and an Art Theory of Virtual Realities (2007).

Bazon Brock, 1936 geboren, war u.a. Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und an der Bergischen Universität in Wuppertal. Er war als Dramaturg tätig, veranstalte zahlreiche Happenings und die »Besucherschulen« auf der documenta. 2006 machte er sich auf den »Lustmarsch durchs Theoriegelände« in elf großen Museen, Galerien und Theatern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Unzählige Publikationen, zuletzt u.a.: Lustmarsch durchs Theoriegelände (2007), Der Barbar als Kulturheld (2002), Lock Buch Bazon Brock (2000). In der FUNDUS-Reihe lieferbar: Bildersturm und stramme Haltung. Texte 1968 bis 1996. 

Seite im Original: 440

"Quid tum": Was folgt aus dem iconic turn?

Wer in seinem Fach einen Paradigmenwechsel ausruft, begeht meist den Fehler, so zu tun, als habe er die Probleme seines Faches, die durch den Paradigmenwechsel angegangen werden sollen, gerade erst neu erfunden. Dadurch bleiben viele Erörterungen weit hinter dem historisch bereits erreichten Stand zurück. Die Folge ist, dass neue Wissenschaftsbereiche wie Designtheorie, angewandte Ästhetik, Medien-, Bild- und Kommunikationswissenschaften im Namen des Attributs "neuronal", mit dem sie sich neuerdings versehen, Interesse und Gelder für Erkenntnisleistungen reklamieren, die die bildende Kunst im 15. Jahrhundert, die Theologie im 16. Jahrhundert, die Staatsphilosophie im 17. Jahrhundert, die Ästhetik im 18. Jahrhundert, die Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert und die Sprachphilosophie im 20. Jahrhundert mit großen Auswirkungen auf Weltbild und Lebenspraxis längst erbracht hatten.

VORSCHLAG ZUR GÜTE

Wer etwas Neues entdeckt zu haben glaubt, beweist das durch einen neuen Blick auf das überholte Alte. Wenn unter diesem neuen Blick das Alte so anmutet, als sähe man es zum ersten Mal und als sei es Bestandteil der aktuellen Auseinandersetzung, dann hat die neue Methode ihre Bewährungsprobe bestanden. Indem sie nun ihrerseits angewandt und benutzt wird, wird sie selbst zum bewährten Bestand und auf Dauer redundant und konventionell, so dass sie durch etwas noch Neueres aktualisiert werden muss. Indem sie sich dem Neuen avantgardistisch verpflichtet, kann die Gesellschaft das Alte beständig aktualisieren und sich damit immer mehr Ressourcen für die Orientierung in die Zukunft erschließen. Viele Potenziale, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte als leistungsfähig erwiesen haben, werden mittels Avantgarden aus der Gegenwart heraus reaktiviert.

Fortschritt in den Wissenschaften wie in den Künsten bedeutet nichts anderes als eine zunehmende Vergegenwärtigung ihrer Vergangenheiten. Diesem Ziel dienen Archive und Museen, die alle Vergangenheiten der Kulturen gleichzeitig vergegenwärtigen möchten und damit ein Indikator für Fortschritt sind. Wenn wir den Anspruch der neuronalen Ästhetik, neuronalen Kunstgeschichte und neuronalen Medienwissenschaften, etwas tatsächlich Neues hervorgebracht zu haben, vor diesem Hintergrund sehen, muss man danach fragen, ob diese neuen Ansätze uns die historischen Leistungen der Künste, Theologien, Ästhetiken und Philosophien in einer neuen Weise erschließen. Lässt sich beispielsweise mit einem solchen Ansatz das preziöse, aber verschlissene Projekt des Wagner'schen Gesamtkunstwerks so vergegenwärtigen, dass wir es für die heutige Pädagogik verwerten können? Wagners Zeitgenossen der Helmholtzschule hatten mit dem Verständnis insofern kein Problem, als das Projekt mit der Entdeckung der Synästhesien als Resultat empirischer Forschung verknüpft war.

BEISPIELE FÜR VERGEGENWÄRTIGENDE RÜCKERFINDUNGEN

Wenn Bill Gates das von Microsoft entwickelte Betriebssystem Windows, "Fenster" nennt, dann überträgt er die scheinbar konventionelle Auffassung der Renaissancekünstler, ein Tafelbild sei ein Fenster zur Welt, auf das Display des Computers. Wenn Felix Burda, ausgehend von zeitgenössischer Videokunst, in den Bildräumen barocker Deckengemälde Manifestationen von Vorstellungsräumen erkennt, vergegenwärtigt er eine aus unserem Bewusstsein weitgehend verschwundene historische Leistung von Künstlern und zeigt zugleich, worin Sinn und Bedeutung der heutigen Video-Avantgarde liegen könnten. Wenn Markus Brüderlin auf höchst spekulative Weise die Rechtfertigung der so genannten abstrakten Kunst vornehmlich aus der mehrere tausend Jahre zurückreichenden Geschichte des Ornaments herleitet, leistet er damit eine Rückerfindung des Ornaments von der Gegenwart aus, die sowohl der abstrakten Kunst wie dem aus Kunst und Design verdrängten ornamentalen Gestalten zu neuer historischer Bedeutung verhilft. Wenn schließlich Hubert Burda für das Verfahren des Kollagierens, wie es sich von Dada bis zur heutigen elektronischen Medienpraxis entwickelt hat, Analogien in den Bildprogrammen des capriccios sieht, trägt er dazu bei, die zeitgenössische Praxis zu qualifizieren und uns die historische zu vergegenwärtigen.

Die "vergegenwärtigende Rückerfindung", die damals Renaissance hieß, ist bereits Mitte des 15. Jahrhunderts von Leon Battista Alberti, einem der Gründerväter der Neuzeit, zum signum temporis bestimmt worden. Alberti entwarf eine impresa, eine Art Logo, das von dem Künstler Matteo di Pasti zu einer berühmt gewordenen Medaille verarbeitet wurde. Versehen mit der Unterschrift quid tum zeigt das Logo ein so genanntes geflügeltes Auge in einem Lorbeerkranz. Mit dieser Bilderfindung gelang Alberti die vergegenwärtigende Rückerfindung des allsehenden Weltenherrscher-Auges und gleichzeitig der Evidenznachweis für die behauptete "Allsehendheit". In der Kunst der Romanik gelang es Künstlern mit einem raffinierten Trick, die Augen des auferstandenen Christus so darzustellen, dass der Betrachter sich von ihnen ununterbrochen an jedem möglichen Standort vor dem Triumphbogen fixiert glaubte.

Selbst wenn sich der Betrachter bewegte, meinte er sich noch von den Augen des alles sehenden Christus verfolgt. Heute bietet die Hirnforschung dank neuer bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) ein unmittelbares Evidenzerlebnis in der Parallelisierung von Begriff und Anschauung. Mit solchen Verfahren lässt sich untersuchen, welche Hirnareale bei welchen Aktivitäten, etwa beim Sprechen, Vorstellen, Wollen, Denken, Empfinden, aktiv sind. Albertis geflügeltes Auge begründete humanistisch modern die "Allsehendheit" als Supervision, als Überblick, der es von einem erhöhten Standpunkt aus erlaubt, ein Ganzes in den Blick zu nehmen. Alberti überführte die Supervision ins Supervisionäre, indem er die Leistungen des Gesichtssinns mit den Flügeln der Imagination und anderen Leistungen des Gehirns verknüpfte. Das geflügelte Auge sagt uns, dass das Auge für die Wahrnehmung der Welt Arbeitsleistungen des Gehirns benötigt. Ohne Gedanken, ohne Einbildung und ohne Empfindungen blieben die Wahrnehmungen des Auges bedeutungslos. Die Flügel auf Albertis Impresa sind modernisierte Engelsflügel. Der Künstler hat so die überholte Engelstheologie für den zeitgenössischen Humanismus "rückerfunden" und wieder nutzbar gemacht. Die Wiederentdeckung und Neuaneignung von dauerhaft gültigen Grundlagen des menschlichen Daseins, wie sie das geflügeltes Auge symbolisiert, traf sich mit dem Credo der Humanisten "Ich will wissen, was ich glauben muss".

STRICH DRUNTER

Die Kunst-, Bild- und Medienwissenschaften, die sich in ihrer Argumentation auf Erkenntnisse der Hirnforschung stützen, können ihre durch den neural turn vermittelten neuen Einsichten nur mit Bezug auf die alten Annahmen ihres jeweiligen Faches bewerten. Die neuen Einsichten führen zwangsläufig dazu, daß sehr alte Fragen plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen. Dies wird umgekehrt wiederum die Hirnforscher dazu anregen, neue Hypothesen zu bilden, was bereits jetzt spürbar ist. Hirnforscher wie Wolf Singer, Ernst Pöppel und Semir Zeki beziehen bereits jetzt intensiv Resultate aus Ästhetik und Kunstgeschichte in ihre Untersuchungen mit ein, wohingegen die Arbeit anderer Hirnforscher die große Bedeutung hervorhebt, die Wahrnehmungs-, Kognitions-, Sprach- und Kommunikationswissenschaften vor der Entwicklung der bildgebenden Verfahren hatten.

EVIDENZBEWEISE

Es liegt zunächst nahe anzunehmen, daß das mit dem iconic turn einhergehende neue Interesse an der Macht der Bilder einem geschärften Bewußtsein für die Risiken der Medienmacht entspringt. Möglicherweise hat es aber auch damit zu tun, daß durch die "Bilderschwemme" in nahezu allen Bereichen öffentlicher Kommunikation jede Form von rationaler Argumentation durch überwältigende und deshalb sehr riskante Evidenzerlebnisse ersetzt wird.

Was die erste Annahme anbetrifft, so liegt das Problem weniger auf der Ebene derjenigen, die die Medienmacht besitzen, als vielmehr auf der Ebene der höheren Funktionsträger des Kulturbereichs. Sie scheinen ein gesteigertes Interesse daran zu haben, die Macht der Medien als grenzenlos zu betrachten.

Es stärkt offenbar ihr Selbstbewußtsein, wenn sie sich als Teil der Medienmacht begreifen können, die angeblich das Unterbewusstsein der Bevölkerung manipuliert. Sie kommen sich umso erhabener und mächtiger vor, je mehr die Macht der Medien nach außen hin als gefährlich und verschwörerisch dargestellt wird.

Wie wenig Medienmacht letztendlich ausrichten kann, zeigt das Beispiel Willy Brandts. Es ist bekannt, daß die angeblich von der Bild-Zeitung gegen den Sozialismus aufgestachelten Massen – das Blatt erreicht täglich immerhin zwölf Milionen Leser – dennoch Willy Brandt zum Bundeskanzler wählten.

Ähnlich verhält es sich mit den Klagen über Gewaltdarstellungen im Fernsehen. Sie werden vornehmlich von den Printmedien vorgebracht, die damit die Konkurrenz zu attackieren suchen. Mit schöner Regelmäßigkeit wird die Klage über Gewalt im Fernsehen damit begründet, daß diese Kinder und Jugendliche zur Nachahmung animiere.

Die Logik der Argumentation klingt bestechend, beweist aber letztlich nur eines: daß diejenigen, die der im Fernsehen gezeigten Gewalt die Schuld an jugendlichen Gewalttaten zuschieben, keine Verantwortung für das übernehmen wollen, was angeblich durch Bilder passiert. In Wirklichkeit aber ist Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem. Im Übrigen hätten die Programmmacher des Fernsehens längst wegen Anstiftung zur Gewalt belangt werden müssen, wäre die Argumentationskette richtig.

Was die angebliche Verdummung durch die Bilder der Massenmedien anbetrifft, so haben die öffentlich-rechtlichen und die privaten Sender zwar in die Klage über die katastrophalen Ergebnisse der PISA-Studie kräftig mit eingestimmt, um im Anschluss aber verstärkt solche Programme anzubieten, die sich an die in der PISA-Studie als "leistungsschwach" eingestufte Bevölkerungsgruppe wenden. Untersuchungen zeigen, daß diese Gruppe keineswegs so kognitiv leistungsschwach, ästhetisch unansprechbar und moralisch abgestumpft ist, wie die Programme der Sender uns glauben machen wollen.

Zum Beispiel stehen Sex und der Gebrauch von Drogen bei Jugendlichen nicht deshalb so hoch im Kurs, weil das Fernsehen sie dazu animieren würde, sondern weil die Gesellschaft die Überwältigung der Gefühle durch Verführung als etwas geradezu Unwiderstehliches feiert. Die heutigen Jugendlichen sind vollkommen selbstverständlich mit Fernsehen, Video, PC und Stereoanlage aufgewachsen. Es ehrt sie, wenn sie sich die Unterstellung verbitten, sie kennten die Differenz zwischen medialer Manipulation und der tatsächlichen Wirkung von Medien nicht.

Ein anderes Beispiel betrifft die leider lange Zeit mit Erfolg durchgeführten Prozesse gegen Unternehmen aus der Tourismusbranche. Kunden verklagten Reiseveranstalter auf Prospektbetrug mit dem Argument, daß der weiße Sandstrand, die azurblaue Lagune und die schicken Holiday-Ressorts, die im Reiseprospekt abgebildet seien, nicht mit dem Bild übereinstimmten, das man sich selbst vor Ort habe machen können. Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, nach hundert Jahren massenmedialer Konsumwerbung und lebenslangem eigenen Gebrauch von Photo- und Filmkamera zu behaupten, man sei nicht in der Lage, zwischen Verpackung und Produkt, Erscheinung und Wesen, Bild und Abbild zu unterscheiden und habe daher keine Vorstellung vom Unterschied zwischen der Abbildung im Prospekt und der Wirklichkeit am Urlaubsort gehabt. Der Konsument als armes Opfer der Medien – mit dieser Rolle scheint an deutschen Gerichten jetzt erst einmal Schluß zu sein. Zumindest spricht dafür die Tatsache, daß die Klage eines Rauchers gegen einen der großen Tabakkonzerne in erster Instanz sofort abgewiesen wurde. Der Kläger hatte sich vor Gericht geweigert, auch nur einen Anflug von Eigenverantwortung für sein Schicksal und seine Krankheit zu übernehmen. Er bestand im Gegenteil darauf, daß er in all den Jahren, in denen er die Zigaretten des Tabakkonzerns geraucht hatte, nichts von der krankmachenden Wirkung des Nikotins erfahren habe. Und selbst wenn er davon gewußt hätte, wäre er dadurch, daß der Tabakkonzern ihm mit seinem Produkt eine Sucht aufgenötigt hätte, trotzdem zum Opfer geworden. Im übrigen sei auf der Verpackung nicht ausreichend auf die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen hingewiesen worden. Die Richter mochten der Klagebegründung, die einseitig in Richtung Produzentenhaftung argumentierte und jegliche Konsumentenhaftung ausschloß, nicht folgen. Sie wiesen die Klage ab, noch bevor es zum Rückfall in die zwar politisch korrekte, aber immer schon unzutreffende Argumentation mit den Mechanismen der Bildwirkung und in der Folge zu einer weiteren Akzeptanz falscher Argumente in der Öffentlichkeit kommen konnte. Die Auffassung der Richter, daß jeder Mensch prinzipiell aus eigener Erfahrung um die Möglichkeit wisse, wie Bilder manipuliert werden können, und jeder deshalb immer auf der Hut sei, Bilder als Evidenzbeweise anzuerkennen, scheint von den Medien, insbesondere der Werbung, nicht unbedingt geteilt zu werden. Sonst würden die Werber schwerlich weiter mit Vorher- Nachher-Vergleichen arbeiten.

Allerdings weiß man in den Werbeagenturen natürlich auch, daß die adressierte Klientel sehr wohl über die Manipulationsmöglichkeiten von Bildern aufgeklärt ist, was sie dazu benutzt, Vorher-Nachher- Vergleiche mit Witz zu gestalten, der letztlich die behauptete Wirkung des Produkts in Frage stellt.

Ein weiteres Beispiel stellen die neuen multimedialen Spiele dar, die, anspruchsvoll inszeniert, den Nutzer in eine geschlossene virtuelle Welt einführen. Doch jeder Jugendliche kann ganz lebenspraktisch zwischen der Virtualität des Computerspiels und der Realität der Lebenswirklichkeit unterscheiden, auch wenn ihm von den Kritikern der angeblichen Macht der Medien immer wieder nahe gebracht wird, daß sich die Realität durch den Computer virtualisiere.

Die Erfahrung zeigt, daß bereits kleinere Kinder sehr gut zwischen der Realität der Lebenswirklichkeit und der fiktiven Welt der Märchen und anderen Parallelwelten differenzieren können. Sie wissen, daß es sich bei Büchern und Filmen um Zeichensysteme handelt, mit deren Hilfe Vorstellungen und Gedanken realisiert werden, und daß dadurch keineswegs die Realität virtualisiert wird.

SO WHAT?

Die Probleme des Evidenzbeweises können im Alltag zumindest von den Jüngeren, die im Medienzeitalter aufgewachsen sind, hinreichend beherrscht werden. Das gilt übrigens auch dann, wenn man sie in bestimmten Bereichen der Alltagspraxis, beispielsweise in der Praxis des Arztes, auf die Probe stellt. Da die medizinische Diagnosepraxis stark von bildgebenden Verfahren geprägt ist, läßt sich im metaphorischen Sinn durchaus davon sprechen, daß man heute zum Arzt geht wie früher zum Porträtmaler oder zum Photographen. Obwohl Ärzte mit ihren durch die Medien aufgeklärten Patienten über Röntgenbilder, CTs und Sonographien auf eine Weise sprechen, als beschrieben sie, wie Galeristen, ein informelles Bild ("Sehen Sie hier den Unterschied zwischen scharfausgezogener und aufgelöster Kontur, dunkleren und helleren Grauwerten" etc.), käme es keinem Patienten in den Sinn, die Querschnittaufnahme durch seine Wirbelsäule mit einer Capogrossi-Reproduktion zu verwechseln, da er ja weiß, daß es auf den Bedeutungszusammenhang ankommt. In ganz anderer Weise stellt sich das Problem des Evidenzbeweises durch Bilder für Ärzte, Wissenschaftler und andere Berufsgruppen dar, die mit Imaging-Techniken arbeiten. Wenn etwa durch die ungeheure Verfeinerung der bildgebenden Verfahren bei der medizinischen Diagnostik präkanzeröses Zellgeschehen bereits zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt als bisher erfaßt werden kann, so verändert sie dadurch das gesamte Aussagengefüge von Diagnostik und Therapie.

Die Tatsache, dass die Überlebenszeit von Patienten durch die Frühentdeckung steigt, verdankt sie in diesem Fall nicht der zellulären Krebsforschung, sondern den Fortschritten der Imaging-Technik. Auf dieser Ebene den iconic, pictorial oder neural turn festzustellen, ist nur für die nichtausdrücklich als wissenschaftlich ausgewiesene medizinische Praxis und die Ingenieursarbeit irritierend. Für die explizit argumentierenden Wissenschaftler sind Probleme im Zusammenhang mit der Verwendung von Imaging-Technologien, wie sie die kontext- und erfahrungsabhängige Interpretation derart erzeugter Bilder oder die Nutzung solcher Bilder für die Rechtfertigung von Handlungsstrategien darstellt, mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Probleme identisch.

Alternative Hypothesen und das Herausarbeiten von Zweideutigkeiten und Ambivalenzen sind geradezu gefordert. Die zusätzliche straf- und haftungsrechtliche Verantwortung, die sich im Fortschritt durch das unvermeidliche Überschreiten des state-of-the-art ergibt, muss über die Zustimmung der Klienten abgesichert werden. Für Wissenschaftler ist das eigentliche Betätigungsfeld die Auseinandersetzung mit der Problematik ihrer Hypothesen. Sie ergibt sich aus der gewählten Vorgehensweise, dem festgelegten Rahmen und der Kontextuierung.

Je unlösbarer die Problematik erscheint, desto höher ist der wissenschaftliche Rang der Argumente. Im Sinne des iconic turn heißt das, dass Imaging Hard- und Software zur Problematisierung von Erkenntnissen, Ideen und Methoden und zur avantgardistischen Erschließung alter Erfahrungen und Bewertungen gebraucht wird. Imaging hat für eine ganze Reihe von Wissenschaften deshalb einen hohen Stellenwert, weil mit dieser Technik Problematisierungsleistungen erbracht werden können, die zuvor unmöglich erschienen. Mit Hilfe von Imaging löst man nicht einfach altbekannte Probleme. Diese werden vielmehr auf eine andere Ebene gehoben, in neue Perspektiven gesetzt und durch vergegenwärtigende Rückerfindung von Bekanntem bearbeitet. In der Medizin zeigt sich diese Tendenz zu Rückerfindung in der Renaissance der alternativen Medizin, spiritueller Praktiken und der Prophylaxe durch veränderte Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Diese Vorgaben für die medizinische Versorgung sind statistisch signifikanter und haben weitreichendere Folgen auf den Fortschritt der Medizin als noch so geniale Spitzenleistungen der Imaging-Wissenschaften.

FAZIT

Die Euphoriker des pictorial, iconic und neural turn sollten sich darauf einstellen, daß sie mit den bildgebenden Verfahren immer nur zur – freilich extrem interessanten – neuen Formulierung alter Hypothesen kommen können (zur Logik dieses Prinzips wissenschaftlichen Arbeitens hat Karl Popper Entscheidendes gesagt). Als Beispiel sollen hier die in der Öffentlichkeit groß propagierten neuen Erkenntnisse der Hirnforschung zur Gefühlsarmut (Alexithymie) dienen, die von Fachjournalisten wie folgt dargestellt wurden: Franz und seine Mitarbeiter hatten den Versuchspersonen, die an das EEG-Gerät angeschlossen waren, Bilder emotional aufgeladener Szenen und Gesichter vorgelegt. Als die Wissenschaftler dann die EEG-Kurven auswerteten, trauten sie ihren Augen kaum: die Hirnströme der Gefühlsblinden zeigten nach zwei bis drei zehntel Sekunden heftige Ausschläge – heftigere sogar als die der Kontrollgruppen. "Es scheint also", erklärte Franz, "als würden alexithyme Gehirne emotionale Eindrücke durchaus registrieren – aber sie blocken die emotionale Verarbeitung dann in einem sehr frühen Stadium aktiv ab."

Das scheint zunächst ein recht bescheidenes Ergebnis für eine kostenintensive Untersuchung zu sein, zumal die Tiefenpsychologie immer schon von der Annahme ausging, daß Gefühlsblindheit nicht durch das Fehlen, sondern durch das Unterdrücken von Gefühlen entsteht. Die Aussage, "sobald es um Emotionen geht, kommt es bei Alexithymen zu einer massiven Hemmung", bezeichnet aber nicht die Wiederholung von Bekanntem, sondern die vergegenwärtigte Rückerfindung bekannter psychoanalytischer Erkenntnisse. Sie verschiebt diese auf eine neue Ebene, von der aus die Psychoanalyse ihr Verständnis für die Therapie Gefühlsblinder erweitern kann. Das neurophysiologische Ergebnis des Versuchs bestätigt nicht nur das Faktum der Gefühlsblindheit, sondern liefert zusätzlich auch eine neurophysiologische Begründung für die alte Annahme, daß bei Alexithymen Emotionen unterdrückt werden, weil sie zum Beispiel mit Angst verbunden sind.

Für den Praktiker ergeben sich aus der Neuformulierung eines alten Problems neue Therapieansätze. Für den Wissenschaftler bedeutet die vermeintliche Plattitüde, bei Alexithymen sei die Verarbeitung von Emotionen abgeblockt, hingegen ein ganz neues Niveau für die Argumentation und Problematisierung des Wissensbestandes. Denn bei der Abblockung von Gefühlen handelt es sich ja nicht um einen Betriebsunfall, sondern um eine Strategie des Gehirns. Die Frage ist nun, wie das Gehirn zur Bewertung von Strategien kommt, wenn, wie das bei Alexithymen der Fall ist, das limbische Regulativ ausgeschaltet ist. Eines scheint nach den vorliegenden Forschungsergebnissen aber klar zu sein: das Gehirn fällt bei Ausschaltung des limbischen Regulativs nicht in frühere Funktionsweisen zurück. Für die Psychoanalytiker bedeutet diese neue Erkenntnis der Hirnforschung, Gefühlsarmut nicht mehr als Krankheit oder Dysfunktion anzusehen oder zu behandeln. Sie begreifen Alexithymie vielmehr als eine Bewältigungsstrategie des Gehirns, die sich zwar bewährt hat, aber – wie alle Problemlösungen – für das Gehirn nur um den Preis eines neuen Problems zu haben ist.