KUNSTZEITUNG

KUNSTZEITUNG 1/2010 | Titelseite, Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Verblödete Eventclowns

Wie Happening, Action Teaching und Performance von der Kirche abgestoßene Ritualformen erbten und sie mit der heutigen Ausbildungssauce Bolognaise wieder und wieder erbrechen

Anfang der 60er Jahre entwickelten auch in der katholischen Kirche sogenannte Reformtheologen und Seelenhirten, die aus lauter Up to date-Verlangen den Advent glaubten zum Event machen zu müssen, die Vorstellung, modern zu sein hieße, sich von den Traditionen abzukoppeln, obwohl die Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts bewiesen hatte, dass es nicht um die Absetzung von der Tradition geht, sondern um deren Vergegenwärtigung unter dem Druck des Neuen, das uns zwingt, die vermeintlich verstaubten Traditionen mit neuen Augen zu sehen. Im konkreten Falle ging es damals, Höhepunkt das Zweite Vatikanum 1965/67, um den Abschied von der lateinischsprachigen Liturgie und von angeblich überständigen Ritualformen im Kultus. Kurios genug: Die katholische Kirche lernte von den Theaterkünstlern, indem sie das Prinzip der frontalen En face-Hinwendung des Akteurs/ Priesters zum Publikum/ Gläubigen übernahm.
Mit der leichtfertigen Übersetzung des Lateinischen in die Banalität der Alltagssprachen wollte man Verständlichkeit der Verkündigung erreichen. Aber bei den Künstlern hätten die Bischöfe auch lernen können, dass das Geheimnis der Offenbarung tiefen Sinnes gerade auf Nichtverstehbarkeit beruht. Und dass es generell nicht um das Verstehen, sondern um die Verständigung/Kommunikation über das prinzipiell Unverstehbare, Inkommensurable, Unverfügbare gehen muss. Der Aktionismus in all seinen künstlerischen Erscheinungsformen ist durch das Verlangen nach Ritualisierung des Verhaltens und Ausprägung von Liturgien, das sind situativ angepasste Formen des kultischen Sprechens, gekennzeichnet. Seit den ersten großen Aktionsstücken im Jahre 1959, zu denen in Deutschland vor allem der Kult der Linierung („Große Linienziehung“) von Bazon Brock in der Klasse Hundertwasser der Hamburger Kunsthochschule gehört, wurden solche Formen des Kunstkults als Happening und action teaching zu gesellschaftlichen Ereignissen, die für das Publikum anziehender zu sein schienen als die modernistischen Reformen der Kirchen, vor allem der katholischen – natürlich auch attraktiver als die Kümmerformen öffentlich demonstrierter Zeremonien bei Staatsbesuchen, Ministervereinigungen, akademischen Feiern und den obligaten Betriebsfesten.

Warum die Künstler sich um solche kultischen Ausprägungen bemühten, obwohl sie doch seit ihrer gesellschaftlichen Etablierung im 14. Jahrhundert sich gerade von der Legitimierung durch Kultur und Kirche befreit hatten? Die Antwort ist so einfach wie einhellig gegeben worden: Man liefe mit seiner kritischen Absetzungsstrategie als Künstler völlig in die Leere und Beliebigkeit, wenn es keine Kulte mehr gibt, von denen man sich abzusetzen versuchen könne. Die entscheidende Absetzstrategie war die Karikatur und Selbstkritik in kabarettistischer Präsentation, die der Zensur zu entwischen versuchte mit Doppelbödigkeit, Vielwertigkeit, Witz und Ironie. Paradebeispiel dieser Absetzstrategie bildete Hugo Balls Auftritt als blauer Bischof während der ersten DADA-Séancen im Frühjahr 1916. Im Sinne unserer These war es folgerichtig, dass Ball nach der Ausprägung der DADA-Strategien zum Apologeten von Stiftern frühchristlicher Kulte wurde, unter denen Ball sich mit dem Logo D.A.-D.A. als doppelter Anrufung von Kirchenvater Dionysos vom Areopag identifizierte.
Zahllos sind die Indienstnahmen von Kulten der Kirchen und des Staates, der Stände und der bürgerlichen Selbstfeier als führender Klasse durch das Kabarett, das seine Erhellungen mit der Strahlkraft des Witzes nur so brillant formulieren konnte, solange Geltung und Durchsetzung der sozialen Riten und Liturgien selbstverständlich waren. Alle Aktionisten verstanden sich auf die Tradition der Dadaesken, des Kabaretts und des Gesellschaftsspiels, Bilder zu verlebendigen durch die Aufstellung „lebender Bilder“ (tableaux vivants). Für die Aktionisten ging es um die Überführung des Werks in das prozesshaft-aktuelle Wirksamwerden; die Werkformen wurden verflüssigt durch Verzeitlichung im Ritual und durch die Liturgie der Transformationen – die ewige Liturgie, das heißt, das ewig gleiche Schema der aktionistischen Kunstformen. Den größten Einfluss hatten die Aktionisten auf die Performierung der deutschen Stadttheaterszene von Ulm bis Bremen und Frankfurt, wo zum Beispiel Peter Zadek oder Peter Stein mit ihrer konstanten Aktionistentruppe, genannt die „Jünger Petri“, das Bühnengeschehen in aktionistische Prozeduralformen umsetzten (kleiner Scherz als Zugabe: Dass so viele „Peter“ die Avantgarde trugen, vom Wiener Aktionisten Peter Weibel, dem Bildaktionisten Peter Roehr, bis zum Begriffsaktionisten Peter Sloterdijk, beruht auf dem mythologischen Versprechen der petrinischen Tradition, dass jeder Peter ein Gründungsheros sei, denn Griechisch/Lateinisch heißt Petra eben Fels, auf dem man gründen könne).

Wenn gegenwärtig allgemein beklagt wird, dass die Performer der Künste von jedem Event- und Comedy-Clown in den Schatten gestellt werden, dann liegt das daran, dass diese Aktionisten eben die Orientierung auf Ritual und Litanei verloren haben, weil ihnen im häuslichen wie schulischen Erziehungskontext das Verständnis für Formfragen, Formalisierungen und Formierungen vorenthalten wurde. Dieser generellen Vernachlässigung von Bildung in Ausbildungscamps, genannt Schulen und Universitäten (vom KZ zum IZ, vom Campus ins Internetzeitalter, dem neuen GULAG der globalisierten Welt als geschlossener Anstalt), genügt dann das Affentheater der Privatsender, weil die Vergitterten und Vernagelten schon fröhlich kreischen, wenn ihnen die Zoowärter Mario Barth und Stefan Raab Kopulationsbewegungen als höchsten Ausdruck kultischer Ritualisierung vortäuschen. Was schief lief? Auch die künstlerischen Aktivisten sind inzwischen Bologna-geschädigt, der Fisch stinkt vom Kopf. Auch dann, wenn im Kopf kaum noch etwas drin ist. Die Verblödung der Künstler zu Event-Clowns des Marktes steht nicht hinter der Verblödung anderer Funktionseliten wie die der Finanzwelt und der Politik zurück. Wie sollte sie auch, wenn doch allesamt dem Marktgeschehen als einzigem verbindlichem Kult und der Börse als einzig interessanter Ritualisierung und dem Gesang der Auktionäre als einzig lockender Litanei huldigen?