KUNSTZEITUNG

KUNSTZEITUNG 1/2011 | Titelseite, Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Diesmal klappts!

Die Kultur erobert die Macht über Künste und Wissenschaften zurück

Was regen sich die guten Leutchen auf über die Schließung ganzer Forschungsinstitute, Museen, Theater, Orchester oder über die Sperrung von Studienplätzen durch Verdreifachung der Studiengebühren, über Fatwas gegen Karikaturisten und Literaten? Haben nicht unzählige Hochkulturen wie die der Ägypter und anderer Afrikaner oder die der Sumerer, der Hethiter, der Minoer, der Griechen, der Römer, der Chinesen, der präkolumbianischen Indio-Gesellschaften und der Reiche des europäischen Mittelalters staunenswerteste Zeugnisse der Welt- und Gottbezüge geschaffen, ohne Künstler und die Künste, Wissenschaftler und die Wissenschaften zu etablieren?

Wenn seit 600 Jahren irgendetwas ein Alleinstellungsmerkmal der europäischen Entwicklung gegenüber der großen, großen Welt zu kennzeichnen vermag, dann ist es die „Ausdifferenzierung“ der Künste und Wissenschaften aus dem Regime der Kulturen Europas, in deren Zentrum das Christentum stand. Mit der allerchristlichsten Auszeichnung von Menschen als Kindern Gottes wurde zwar dem Konzept der Individuierung vorgearbeitet – heute noch im Grundgesetz als unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen verankert; aber zur Mündigkeit reiften die Individuen erst als Autoren aus eigenständiger Geisteskraft und aus dem Streben nach Erkenntnis ohne Anleitung/Zensur Dritter.

Herkömmlich bestimmen der Vater, der Clan, der weltliche und der geistliche Führer sowie die Traditionen und Sitten einer Gesellschaft, welche Aussagen über die Welt und speziell das religiös-kulturelle Selbstverständnis der jeweiligen Überlebenskampfgemeinschaften zugelassen werden können und welche nicht. Künstler und Wissenschaftler emanzipierten sich von der Bevormundung durch diese klassischen Autoritäten, indem sie selber zu Aussagenurhebern, also Autoren, wurden. Es gelang, die Autorität durch Autorschaft durchzusetzen, indem man sie als „Hofnarrentum“ relativierte oder glaubte beweisen zu können, dass abweichende Auffassungen von Leuten, hinter denen kein Hof, kein Bischof, kein Bankhaus, kein Volk, keine Armee oder sonstiges Machtpotenzial standen, kaum das Kollektivbewusstsein beschädigen könnten.

Wieso konnten sich die Autoren als Autoritäten dennoch etablieren? Sie waren gezwungen, gerade weil keine Macht hinter ihnen stand, ihre Aussagen als Bilder, Texte, Kompositionen so „interessant“ zu gestalten, dass man ihnen weder nur in der Furcht vor Bestrafung für Missachtung, noch in der Hoffnung auf Belohnung für Zustimmungsschmeichelei folgte – es ging vielmehr um die Sachen selber. Gegen diese Attraktivität künstlerischer und schließlich wissenschaftlicher Aussagen zu Gott und der Welt kamen die herkömmlichen Vergewisserungsformeln religiös-kultureller Instanzen nicht an.

In einzelnen Fällen hielten sich etwa Verdikte wie das gegen die „neue Weltsicht“ des Galileo Galilei Jahrhunderte lang gegen alles bessere Wissen. Umso beschädigender wirkte sich die späte Kapitulation der Religion vor den Aussagenansprüchen der Wissenschaftler und Künstler aus. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der „Kulturkampf“, der Kampf zwischen den religiös geprägten Kulturen und dem künstlerisch-wissenschaftlichen Zeitalter der Moderne, zugunsten des Letzteren für entschieden erklärt, zumal seit der amerikanischen Revolution 1776 die endgültige Trennung von Staat und Kirche beispielhaft vollzogen zu sein schien.

Ein folgenschweres Fehlurteil. Die Konservativen entwickelten Widerstand aus dem Konzept der Kulturnation, wie es aus der Zerschlagung des Napoleonischen Universalismus (heute analog Globalisierung) hervorgegangen war. Die jesuitisch oder, politisch korrekt, die dialektisch getragene Gegenaufklärung erfand die bis heute genialste Bestimmung des Verhältnisses von Kulturanspruch und Autonomieverlangen der Selbstdenker. Wenn das Insistieren auf Rationalität, Faktizität und sozialem Kalkül das Selbstverständnis der Künstler und Wissenschaftler kennzeichnet, werden das Irrationale, das Kontrafaktische und das Absurde zum Machtkern der Religionen und ihrer Kulturen. Unabweisbar aber leuchtet ein, dass Rationalität nur im Eingeständnis der Grenzen des Wissens behauptet werden kann; mit der Festlegung solcher Grenzen wird aber das Jenseits der Grenze von Rationalität unabdingbar bestätigt: Das Beharren auf Rationalität zieht die Orientierung auf Irrationalität notwendig nach sich.
Ähnlich entfaltet sich die Komplementarität von Faktizität und Kontrafaktizität (das ist Phantasmagorie, Verschwörungsevidenzen bei tatsächlicher Zufälligkeit, Suggestion des Wunders etc.). Wer auf „Fakten, Fakten, Fakten“ besteht, behauptet damit, dass sich die Unterscheidung zum Kontrafaktischen ziehen lässt, also das Kontrafaktische ein Faktum ist. Wer alle sozialen Bindungen unter die Logik des Vorteilskalküls stellt, behauptet zugleich, dass es absurde Begründungen für Beziehungen gibt, die jedem Vorteilskalkül spotten, wie etwa die Liebe.

Demzufolge verwandelte sich das Postulat der Rationalität der europäischen Aufklärer zu dem Postulat, einen vernünftigen Gebrauch von der Unvernunft zu machen, die Orientierung auf Kontrafaktizität als psychologische Gegebenheit anzuerkennen und zu lernen, wie man mit der Absurdität etwa von Affekt- oder Liebesbeziehungen einem politideologischen Kalkül Nahrung gibt. Das war wahrhaft dialektisch, also unwiderstehlich trotz aller Widerstände und Widerwärtigkeit. Paradebeispiel wurde das sozialpsychologische Grundgesetz: „Was immer Menschen für wirklich halten, wird wirklich durch die Konsequenzen des Dafürhaltens.“

Gegen diesen Elan, wie er den Selbstmordattentäter im Kalkül mit dem Absurden trägt oder den religiösen, ökonomischen, ökologischen Fundamentalisten im Beharren auf der Kontrafaktizität bestärkt, ist kein Kraut gewachsen. Was dem leninistischen Universalsozialismus und dem hitleristischen Nationalsozialismus durch die Intervention Amerikas verwehrt blieb, wird jetzt, nachdem Amerika selbst von jüdischen, christlichen, muslimischen Fundamentalisten erobert wurde, wahrscheinlich. Die selbstzufriedene Behauptung, Kapitalismus und Pornografie würden auch die rigidesten Fundamentalisten in die Knie zwingen, basiert auf Wunschdenkblasenbildung bei Leuten, die alle anderen für so korrupt, opportunistisch und ignorant halten wie sie es selbst sind.

Ein leichtsinniger Irrtum. Diesmal wird es gelingen. Die europäische Sonderbewegung von Autonomiebehauptung der Künste und Wissenschaften und dem Konzept der Demokratie wird als welthistorisches Intermezzo samt feuilletonistischer Ornamentik zu Ende gehen – ganz wie Hegel es schon prognostizierte. Es lohnt sich also mehr denn je, opportunistische Charakterlumperei, Lippenbekenntnisse zum Modell der europäischen Demokratie und kulturelle Legitimation von Zensur, Bevormundung und Unterdrückung hinzunehmen.

Ein Angebot war stets äußerster Ausweis der strategischen Intelligenz religiös-kulturalistischer Fundamentalisten: Sie meinten gutbrüderlich, man werde doch wohl lieber konvertieren, als sich wegen einer Frage der religiösen Identität in Lebensgefahr oder zumindest Sklaverei der Dreifachbesteuerung und partieller Berufsverbote zu begeben. Jetzt bestätigen Europa und Amerika die Überlegenheit solcher fundamentalistischer Strategien: Hurra, wir kapitulieren zur Bewahrung unserer Überlebensfähigkeit. H. M. Broder hoffte noch auf Dialektik der Systemlogik und Würdeverlangen der Individuen. Inzwischen fordert niemand derart rücksichtslos Respekt und Anerkennung ein wie die Fundimachos und Mafioten. Und wir gewähren sie ihnen im Pathos ökonomischer Sachzwanglogik – genannt Globalisierung. Damit stehen wir endlich auf einer Stufe mit den triumphalistischen Liquidatoren Europas und denen der altväterlichen Avantgardisten des dollargestützten Prinzips e plubirus unum.