Sushi

4. Jahresheft des adc-Nachwuchswettbewerbs 2001

Sushi: 4. Jahresheft des adc-Nachwuchswettbewerbs 2001  | HfG Offenbach, 2001.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das Beste vom deutschen kreativen Nachwuchs zwischen zwei Buchdeckeln. 36 Gewinnerarbeiten des ADC (Art Directors Club) Nachwuchswettbewerbs 2001, Beiträge von jungen Kreativen sowie "alten Kreativ-Hasen" und vieles mehr. Die Gestaltung lag dieses Mal in den Händen von Andreja Dominko, Annette Pfisterer und Uli Knörzer - das sushi no. 4-Team der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Inhalt

4 editorial____andreas schilling vom stern erklärt die mission der sterne.

8 zeit der zeichnung____markus rasp zur gegenwärtigen situation der Illustration.

21 krieger und vabanque-spieler____visionen für eine neue lehre von bazon brock.

25 alle macht den spezialisti____uwe Ioesch über die genialen dilletanten.

30 new work____einmal in new York arbeiten. sechs junge gestalter haben es gewagt.

38 vorwort____delle krause spricht über die qualitäten eines neuen jahrgangs.

40 adc-talent____vierundzwanzig ausgezeichnete diplomarbeiten.

92 adc-junior____zwölf ausgezeichnete praxisarbeiten.

118 fun in cannes____junge kreative strömen gen süden.

124 die vorjahresssieger____roman beesch, thilo hecht und minh khai doan erzählen vom leben danach

129 die alten hasen: weiter im text____helga falkenstein, rainer baginski und robert kuhn [...]

136 index

138 lehrende adc-mitglieder

140 impressum

Seite im Original: 21

krieger und vabanque-spieler

deutschlands hochschulen für kunst und gestaltung stehen unter dauerkritik. zu lange studienzeiten, praxisferne und überflüssige intellektualisierung lauten die vorwürfe. im sommer 2001 veranstaltete die hfg offenbach am main einen zukunfts-workshop. bazon brock erinnert an verschüttete werte und skizziert wege aus der krise.

früher pflegte bazon brock seine vorträge mit einem kopfstand zu beginnen, auf diese weise begegnete »der da oben« »denen da unten« von angesicht zu angesicht.

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die gegenwärtig allgemein behauptete krise der kulturinstitutionen und lehranstalten für kunst und design wird durch den eindruck verstärkt, dass die institutionen der öffentlichkeit nicht mehr zu vermitteln vermögen, wofür sie stehen – was die beteiligten wollen, worauf sie sich verpflichtet haben.

entscheidende formen der verpflichtungen hätten dem verhältnis von professoren zu den studierenden zu gelten (herzstück des vertrags wäre die professorale zusicherung für studierende eine ausbildungs- und berufsfähigkeitsgarantie auszustellen, wenn sich studierende zu einer wöchentlich mindestens 20-stündigen kooperation mit dem professor verpflichteten). aber selbst wo solche verpflichtungen eingegangen werden bleiben sie wirkungslos, weil die partner, die studierenden, ihren teil des vertrags von lehrenden und lernenden nicht einzuhalten gedenken – nicht einmal durch bloße physische präsenz, geschweige denn durch geistesgegenwart. die historischen muster solcher institutionen haben immer noch glanz: das bauhaus, die kunstakademien, die expansiven industriefirmen, die kulturvereine. wollte man diesen historischan mustern tatsächlich zeitgemäße zuordnen und die heutigen lehrinstitute auf ein muster und damit auf ein ziel verpflichten, lauteten die empfehlungen etwa folgendermaßen:

1, eine hochschule für gestaltung (vom integrierten studiengang innerhalb der universität bis zur eigenständigen kleininstitution hfg wie in offenbach) könnte sich in der neuen sozialen formation eines fight clubs manifestieren. darin aktualisierte sich der überlieferte kampfbund kultur oder auch die kulturmafia als propaganda-organisation für multikulti oder feministische respektive ethnische revision der curricula (von den elaboraten toter weißer männer zu denen schicker junger naomi-biester, coloured displays, unesco-botschafter).

2. eine abgemilderte variante wäre die hochschule als bekenntnisgemeinschaft, wie sie historisch das bauhaus darstellte: bekenntnis zur modernität, zur religion des positivismus, zur kirche der erkenntnis, zur spiritualität oder anthroposophie, zur ganzheitlichkeit. an die stelle der kulturmafiosi und kunstkrieger rückten studierende als parteigänger je eigentümlicher gestalt- und kunstanschauung.

3. den dritten typus einer neuen sozialen formation in der einheit von lehrenden und lernenden qua institution böte die aktualisierung des rund 250 jahre alten residenzstädtischen akademiewesens, die aktualisierung liefe auf die gründung eines kunstkasinos hinaus (im italienischen ist bis heute auf wunderbare weise die semantische einheit von bordell und börse gewahrt). einen kleinen nachglanz der alten akademie und vorschein des neuen kasinos bietet die düsseldorfer kunstakademie unter dem grandiosen rektor markus lüpertz, der als höchstrangiges ausbildungsziel deklariert, die studierenden sollten lernen, ihren meister zu verehren, darüber hinaus hätten sie an der musentombola für genietreffer teilzunehmen – immerhin eine humanitäre abmilderung des russischen roulettes und seiner verbrämungen zur existentiellen verzweiflungstat, zur wahnsinnsgloriole oder zum triumphalismus der amoralität, diese begriffstrias kennzeichnete bisher das omnipotente genie vor dem präpotenten kleinbürger. die studierenden der kasinokunst würden zu psychisch stabilen, stressresistenten vabanque-spielern ausgebildet, die gleichermaßen russisches, musisches, ökonomisches und politisches roulette zu spielen vermögen.

4. eine heutige hochschule für gestaltung könnte sich auch nach dem muster der vielen start-ups und sonstiger industrie-initiativen als trainingscamp für programmierte instruktion etablieren – das wäre eine veredelte und intensivierte fachhochschulkonzeption, bei der die fitness für definierte berufsrollen darin besteht, dem ständigen technologischen und wirtschaftlichen wandel entsprechen zu können. man trainiert wie für die olympiaden, die allerdings permanent stattfinden, sodass der unterschied zwischen training und ernstfall aufgehoben wird.

sollte ich mich selbst entscheiden, ob ich lieber mitglied eines fight clubs, einer bekenntnisgemeinschaft, eines kulturkasinos oder einer familie von programmatikern der alltagstauglichkeit zugehören wollte, würde ich mich zweifellos für das letztere entscheiden, allerdings mit dem ablenkungseffekt, ständig doch dem nachzuhängen, was ich als kämpfer, bekenner oder vabanque-spieler hätte ausrichten können. deswegen sinne ich auf eine möglichkeit, diese unterschiedlichen ansätze ihrerseits zu vereinheitlichen: im modelt einer hochschule für kunst und gestaltung als basislager.

nicht zuletzt die romanisierenden oder brutalisierenden tv-dokumentationen über wissenschaftler im ewigen eis, am nordpol oder im himalaya, in der wüste oder auf den ozeanischen weiten haben uns aufbau und Funktion von basislagern nahegebracht. auch die rigider werdenden bedingungen kultureller produktion, etwa als themenausstellungen (ausweitung der versicherungssummen ins unbezahlbare, verschärfung der konservatorischen hege- und pflegeinstinkte, einschränkung der dauerausstellung zugunsten von publikumswirksamen sporadischen highlights) legen es nahe, den grundbestand einer institution nach dem muster eines basislagers zu organisieren, von dem aus dann einzelne kuratoren, professoren, fachvertreter, seminaristen oder drittmittel-projektisten die spezifische zurichtung der bestände zu ihren zwecken betreiben können. von einem solchen basislager her ließe sich auch kunst und gestaltung der absicht zur etablierung eines hooliganesken kampfbundes, einer positiven kunstkirche oder eines kasinobetriebs angehen – in welchen höhen des anspruchs oder tiefen ozeanischer selbstversunkenheit oder wüsteneien romantischer genieexzesse auch immer.

das basislager-modell hat den vorteil, allen anforderungen des lehr-, lern-, publikations- und ausstellungsbetriebs gerecht werden zu können (siehe etwa meinen hinweis auf reorganisation der sammlung falckenberg in hamburg-harburg als basislager, von dem aus und mit dessen beständen die verschiedensten kunstkuratoren ihre je spezifischen wirkungsstrategien für ausstellungen realisieren).

im mittelpunkt des basislagers wäre als zentrale ressource das imaging anzusiedeln, das sowohl die bildenden künste wie die bildenden wissenschaften tangiert (auf englisch: imaging arts and sciences). mit der nutzung der bildgebungsmaschinen, der computer, sind die wissenschaften wieder – wie schon bis zum 16. jahrhundert – gezwungen, bildend zu sein, d.h., sie entwerfen als zeichenfiguration den gegenstand ihres interesses selbst. sie operieren nicht in der unmittelbaren anschauung der natur, sondern in deren aufarbeitung als modell, bild, schema, formel. das verlangt von den wissenschaften das gleiche maß an ästhetischer wie epistemologischer und ethischer kompetenz (zu letzterem siehe die debatten um manipulative genetik).

andererseits haben sich längst künstler und gestalter methodisches vorgehen und begründungen nach dem muster wissenschaftlichen arbeitens angeeignet (für die gestaltung war der erste historische höhepunkt der versuch der hfg ulm, wissenschaftliche analyse und gestalterische synthese hand in hand zu betreiben). ein neuer universalismus der bildenden wissenschaften und methodisch betriebenen künste zeichnet sich ab in der gemeinsamen kompetenz für die herstellung von und operation mit zeichengebilden. der uomo universale wird zum uomo globale, der allenorts und zu jeder zeit die gleichen figurationsprozesse zu starten und zu deuten vermag. dieses initiieren, programmieren und interpretieren aus einer hand und in einer aufgabenstellung kennzeichnet seit leibniz universale bildung, nicht aber die banale unsinnigkeit des alles-wissens. demzufolge:

hfg offenbach bildwert. basislager für bildende wissenschaften und künste
university for applied arts, offenbach. base for imaging arts and fine sciences