Die Form der Unruhe

Band 1. Das Statement. Vom Buchdruck zum Computer.

Die Form der Unruhe | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Mit Beiträgen von Prof. Dr. Andrea Back, Prof. Dr. Dirk Baecker, Prof. em. Dr. sc tc hc Bazon Brock, Prof. Dr. Heiko Kleve, Prof. Dr. Franz Schultheis und Wochenkommentaren von Hanspeter Spörri.

Seite im Original: 38

Be my Rockface! – Gib mal Laut!

Grundlegende Form der Kommunikation im Tierreich ist der Kontaktlaut, der von Zeit zu Zeit ausgesendet wird mit der Frage «Ich bin hier, wo seid Ihr?» Wenn die Lautgeber kein artspezifisches Echo auf ihren Versuch, sich in Beziehung auf die anderen Mitglieder ihres Sozialverbandes zu orientieren, erhalten, zeigen sie erhöhte Erregung und gesteigerte Suchaktivität. Das bedeutet, dass für diese Lebewesen der Raum, in dem sie operieren, definiert wird als nicht nur physikalischer, sondern auch als artspezifischer, psychologischer Echoraum. Die Begrenzungen des Raumes sind durch die Reichweite der Kontaktlaute bestimmt. Der Lebensraum ist ein Echoraum.

Mehr und mehr scheint auch für menschliche Lebensgemeinschaften der Weltbezug im Wesentlichen durch die Frage bestimmt zu werden, ob auf die eigene Verlautbarung von Kontaktwunsch ein Echo erreichbar ist oder nicht. Zwar galt immer schon «esse est percepi», was heisst, unsere Existenz sei abhängig von der Art und Weise, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Aber um wahrgenommen werden zu können, gilt es, sich überhaupt wahrnehmbar werden zu lassen. Also gilt: Wir können als Menschen nur existieren, wo unsere Lebensäusserungen von anderen wahrgenommen werden und wir die Chance haben, auf diese sozialen Echos unsererseits wieder zu reagieren. Dieses wechselseitige Zurückwerfen der Echos erfüllt das Bedeutungsschema von Reflektion. Gegenwärtig ist den Mitgliedern der Sozialverbände im verstärkten Masse solche Reflektion ihrer Lebensentäusserungen vor allem dadurch möglich, dass mit dem Zugang zum Echoraum Internet jederzeit und an jedem Ort gerechnet werden kann. Auch darin erfüllt sich die Weisheit einer antiken Beschreibung des Verhältnisses von Realraum und Vorstellungsraum «et prope et procul», das heisst, wenn man auch fern ist, kann man sich doch ganz nahe kommen.

Zugleich stellt diese Nähe aber bei der gegenwärtig gegebenen Echodichte eine Herausforderung für die Orientierung dar. Die Frage stellt sich: Wie navigiert man in diesem dichten Echo-Stakkato? Dafür geben homerische Gestalten ein Beispiel, die bisher nicht gewürdigt wurden. Es sind die Boots- und Steuermänner, denen Odysseus die Ohren mit Ohropax verschloss und sie gerade dadurch befähigte, unversucht und unabgelenkt das Lebensschiff voran zu bringen, Richtung Heimat.

Robert Musil lässt in seinem «Mann ohne Eigenschaften» den General Stumm von Bordwehr eine Erschütterung seines Weltbewusstseins erleiden, als ihm ein Bibliothekar kurz und bündig erklärt, man könne sich natürlich nur in der verwirrenden Fülle der Bibliotheksbestände zurecht finden, wenn man keine Bücher lese. Zu Adornos Zeiten fragte man sich noch, wie es denn die Redakteure, die Medientechniker aller Sparten und das Begleitpersonal von Schiffen, Zügen und Flugzeugen aushalten können, ununterbrochen den Zumutungen des Orts- und Themenwechsels, der Wahrnehmungsappelle und Erwartungserregungen ausgesetzt zu sein. Die Antwort heisst: Durch die verschlossenen Münder, Augen und Ohren. Bibliothekare lesen bekanntlich keine Bücher, Zugschaffner nehmen nicht die Landschaften wahr, durch die sich ihr Medium bewegt, Fernsehredakteure sehen sich nicht im Geringsten veranlasst, die tägliche Programmflut ihres Senders auf sich selbst wirken zu lassen; kein Fernsehtechniker fühlt sich durch seinen Beruf verpflichtet, fernzusehen. Und doch bringen gerade diese alle erst durch ihre willentliche Taubheit, Blindheit und Stummheit die Maschinen ins Ziel, halten die Programme am Laufen und die Titel parat oder wohlfeil, die sie selbst nie lesen.

Wer das recht bedenkt und zu würdigen weiss, wird zum Rebell gegen Ideologiekritik als Entlastungsübung, wie bei denjenigen, die die BILD-Zeitung zumindest in den Ferien täglich nur zu lesen sich erlauben, wenn sie das mit gehöriger Kritik am journalistischen Flachsinn und stilistischem Unvermögen begleiten; oder bei denjenigen, die stundenlang sich Nächtens durchs Programm zappen mit der entlastenden Begründung, sie wollten sich auch mal – leider ohne Erfolg – den Wonnen der Gewöhnlichkeit hingeben, von denen andere berichten.

Solche Rebellen begegnen uns im rebell.tv der Tina Piazzi und des Stefan M. Seydel, die mit geradezu stoischer Unerschütterlichkeit durch den Echoraum der Medien navigieren. Sie reizen damit den Beobachter ihrer Manöver zur Frage: Wo ist ihr Ziel, wo liegt ihr Ithaka? Wie werden sie sich je ausweisen können, in ihrem eigenen Leben angekommen zu sein – wie Odysseus im eigenen Hause identifiziert von seinem Haushund?