Frankfurter Rundschau

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Strafe für Mehrarbeit?

Matthöfer gegen Freizeitkünstler

Ein hübsches Festgeschenk an alle, deren künstlerische oder wissenschaftliche Interessen so weit gehen, daß sie sogar nach Dienstschluß noch dichten, denken oder malen. Die Bonner Koalitionspolitiker haben endlich entdeckt, wozu kulturelle Kreativität der Bevölkerung gut ist, nämlich zur Sanierung des Schuldenhaushalts. Nach neuestem Bonner Gemunkel und Gemauschel will Finanzminister Matthöfer allen Freizeitkünstlern und Freizeitwissenschaftlern die Freude an zusätzlicher kreativer Arbeit wegsteuern. Bisher brauchte, wer z.B. als Techniker seinen Job versah und feierabends malte, die für seine Bilder erzielten Einnahmen nur zum halben Satz zu versteuern. Wenig genug kam dabei heraus: Alle bundesdeutschen Freizeitkreativen ersparten zusammen auf diese Weise jährlich 20 Millionen Mark. Diesen Betrag will Matthöfer jetzt kassieren. Verständlich natürlich, weil Matthöfer „planmäßig“ für 1981 nur 27 Milliarden Mark Neuverschuldung aufnehmen will, und nicht 27,02 Milliarden.

Wie man hört, begründet der Finanzminister seine Strafe für kreative Freizeitler damit, daß es ihm nicht gelungen sei, die vielen anderen, zigmal höheren Subventionen abzubauen, z.B. die für den Motorsport zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Im übrigen seien Benzinvergeudung und die Zerstörung von Erholungslandschaften durch Lärmterror der Möchtegern-Richthofens auch kreative Freizeitgestaltung, genauso wie das Schreiben wissenschaftlicher Abhandlungen oder das Malen von Stilleben. „Gibt es nicht“, so scheint der Herr Minister zu fragen, „schon genug Publikationen und Austellungen von hauptsberuflichen Künstlern und Wissenschaftlern? Müssen wir als Kulturnation nicht dagegen einschreiten, daß die Freizeitproduktiven mit ihren Werken die Umwelt verschmutzen?“

Recht so. Dieser Akt von Kulturförderung durch Strafe für zusätzliche Arbeit bringt endlich das kulturpolitische Selbstverständnis der Koalition mit den Erfordernissen des Politikergeschäfts in Übereinstimmung.

Aber ist in dieser Sache bereits das letzte Wort gesprochen, Herr Minister? Könnten Sie nicht vielleicht doch ihren Kollegen Ertl dazu rumkriegen, den Freizeitkünstlern das östrogenveredelte Kalbsfleich zum halben Satz als Honorar anzubieten, um so die Subventionen für Lagerhaltung zu sparen? Sie würden sich viel Ärger ersparen und erreichten doch Ihr Ziel: Den Freizeitkreativen verginge der Genuß des Honorars ganz von selbst. Wie wär’s?