Musealisierung als Zivilisationsstrategie

Arbeitsheft zum Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“, das am 24. November 2009 stattfand.

Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Titelseite. Gestaltung: Gertrud Nolte Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 1 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 2 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 3 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 4 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 5 (Inhaltsverzeichnis 1/2) Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Arbeitsheft, S. 6 (Inhaltsverzeichnis 1/2)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag der Arzt ohne einen therapietreuen Patienten, was der Künstlerohne einen verständnisfähigen Betracter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?

Durch Wissen klagend - 

durch Klagen leidend - 

durch Leiden wissend

Agnosce, dole, emenda

Seite im Original: 7

Peter Sloterdijk: Für eine Renaissance der Lernkultur

Das europäische Trainingslager

Was wir die europäische Kulturgeschichte zu nennen gewohnt sind, ist das Drama der Explizitmachung menschlicher Existenz durch technische und symbolische Ergänzungen. Dieser Phänomenkomplex zeigt bereits auf den ersten Blick seine entmutigende Komplexität, auf den zweiten auch seine Unheimlichkeit. Er umfaßt nicht weniger als die Umwandlung Europas in ein Trainingslager für menschliche Steigerungen an einer Vielzahl von Fronten, gleich ob es sich um das Schul- und Militärwesen, die Welt der Werkstätten oder um die eigensinnigen Universen der jüngeren Medizin, der Künste und der Wissenschaften handelt. Als vom mittleren 19. Jahrhundert an der Sport, begleitet vom Hygienismus und zahlreichen Gymnastiksystemen, zu dieser Reihe hinzukam, ergänzte er die bekannten Praxissphären um eine eigenwertige Disziplin, die nicht weniger beinhaltete als die Reindarstellung des neuzeitlichen Steigerungsverhaltens in spezifischen Theatralisierungen. Der Sport brachte nicht nur die „Wiedergeburt der Antike“ zum Abschluß, er lieferte die handfesteste Illustration für den performativen Geist der Moderne, sofern diese ohne die Entspiritualisierung der Askesen nicht zu denken ist. Entspiritualisierte Askese heißt Training und korrespondiert mit einer Wirklichkeitsform, die von den Einzelnen Fitness überhaupt, Fitness sans phrase verlangt.

Training ist Methodismus ohne religiösen Bezug. Darum entsprang das Übergewicht des Westens in der Evolution der Weltgesellschaft des 19., des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht nur aus dem zu Recht viel getadelten „Imperialismus“; es besaß einen tieferen Grund in der Tatsache, daß es die Menschen dieser Weltgegend waren, die aufgrund ihrer Übungsvorsprünge alle übrigen Zivilisationen auf dem Planeten nötigten, sich in die von ihnen eingeleiteten Trainingszyklen einzuklinken. Der Beweis hierfür: Unter den abgehängten Nationen schafften nur diejenigen den Sprung nach vorn, die sich darauf verstanden, mittels eines zeitgemäßen Schulwesens ein ausreichendes Maß an didaktischem Streß zu implantieren; das gelang am besten dort, wo, wie in Japan und China, ein elaboriertes System feudaler Dressuren den Übergang zu den modernen Disziplinen erleichterte. Inzwischen haben die Tigerstaaten des Übens aufgeholt, und während der Modernismus des Westens über Imitation und Mimesis hochmütig die Nase rümpft, haben neue Konkurrenten in aller Welt das älteste Prinzip des Lernens zur Grundlage ihres Erfolgs gemacht. Was eine alte Großmacht des Übens wie China ihm verdankt, werden die Okzidentalen wohl erst begreifen, wenn die Konfuzius-Institute der neuen Globalmacht bis in die letzten Winkel des Planeten vorgedrungen sind.

Man kann der Neuzeit im ganzen nur gerecht werden, wenn man sie auf einen bislang nie angemessen dargestellten mentalen, moralischen und technischen Wandel bezieht: Das Dasein der Modernen trägt Züge einer globalen Fitnessübung, bei welcher die alteuropäische „ethische Unterscheidung“, der absolute Appell zur Erhöhung des Lebens – in vormoderner Zeit nur von den wenigsten vernommen –, in einen universell adressierten und vielfältig beantworteten metanoetischen Imperativ umgewandelt wird. Dessen Übermittler sind in erster Linie der neuzeitliche Staat und die ihm gemäße Schule, anfangs energisch unterstützt von der Geistlichkeit aller Konfessionen. Daneben haben sich auch andere Agenturen, nicht zuletzt die Schriftsteller der Aufklärung, Fragmente des Mandats angeeignet, zur Änderung des Lebens aufzurufen. „Kultur ist eine Ordensregel“ – das bedeutet für die Modernen: Sie stehen ständig vor der Aufgabe, sich einem Leistungsorden einzufügen, der ihnen seine Regel aufprägt, mit der bemerkenswerten Nuance, daß sie dem Orden nicht aus freien Stücken beitreten, sondern in ihn hineingeboren werden. Ob sie wollen oder nicht, ihre Existenz ist von vorneherein in allgegenwärtige disziplinäre Milieus eingebettet – dagegen kommen Aussteigerbewegungen, Faulheitsromantiken und Große Weigerungen nicht auf. Wie um zu beweisen, daß es ihm mit seinem Leistungsimperativ ernst ist, kennt auch der Leistungsorden, der sich im Gewand der bürgerlichen „Gesellschaft“ verbirgt, so etwas wie Konfirmationen für den Elan der Jungen: Zertifikate, Examina, Promotionen, Prämien.

Menschenausstatter im allgemeinen

Zu Beginn der Neuzeit entgleitet das Privileg, den absoluten Imperativ zu übermitteln, den Inhabern religiöser Sprechämter und geht auf eine Anzahl von säkularen Agenturen über. Unter denen ragen hervor: der frühneuzeitliche Fürst als Schirmherr der Menschenproduktion, der barocke Pädagoge als Experte der pansophischen Menschenformung und der Renaissance-Feldherr als der an der Antike geschulte Virtuose massenhafter Menschenaufstellungen im Formationskrieg. Neben sie treten im Laufe der Zeit Scharen von Beratern und Einflüsterern, die sich an ihre Mitmenschen nicht mehr als Überbringer des metanoetischen Imperativs wenden, sondern als Vermittler von praktischen Neuerungen, die eher technische Vorteile als moralische Besserungen zum Inhalt haben. Ich nenne sie die Menschenausstatter der Neuzeit. Ihnen kommt eine hohe Bedeutung für die Formung der „menschlichen Materie“ ihrer Zeit zu, weil sie sich nie auf die für Philosophen verführerische Ideologie des unbemittelten, unbedingten Menschen einließen. Die neuen Ausstatter wählen zum Menschen den pragmatischen Zugang. Sie sehen in ihm in erster Linie den Klienten, das heißt den von beschaffbaren Dingen umgebenen, von Dingen stimulierten, mit Dingen übenden Teilhaber an der Güter- und Sachenwelt. Sie sprechen nie von dem Einen, das not tut, solange sie für nützliche Innovationen werben können. Sie legen den Zeitgenossen nahe, ihr Leben durch Teilnahme an aktuellen Künstlichkeiten zu verändern und ihren existentiellen Tonus, nicht zuletzt ihre Wettbewerbsfähigkeit, durch neue Informationsmittel, neue Komfortmittel, neue Distinktionsmittel zu heben. Dieser neue Markt zersetzt das archaische Entweder-Oder der ethischen Differenz. Jetzt können sich Fundamentalisten in Kunden verwandeln, aus Gläubigen dürfen Leser werden, aus Weltflüchtern manifeste Medienbenutzer. Wer sein Leben ändern will, sieht sich in einen ständig wachsenden Horizont von Lebensergänzungsmitteln und Lebenssteigerungsmitteln versetzt – siebilden die stärksten Attraktoren in der modernen Flut der Waren, die man zu Unrecht oft allein unter dem Konsumaspekt beschreibt.

Die anthropotechnischen Wirkungen – die kompetenzhebende Dynamik und die Erweiterung des Operationshorizonts – dieser Dienste und Produkte wird im allgemeinen nur in den Anfangszeiten uneingeschränkt begrüßt. In der Frühzeit einer Innovation fällt vor allem die Differenz zwischen Benutzern und Nicht-Benutzern ins Auge, indessen in der Phase der Marktsättigung eher die entropischen und mißbräuchlichen Effekte die Blicke auf sich ziehen. Solange nur die wenigsten imstande sind, zu lesen und zu schreiben, erscheint allgemeine Alphabetisierung wie ein messianisches Projekt. Wenn alle dazu in der Lage sind, bemerkt man die Katastrophe, daß es fast niemand richtig kann.

Vor diesem Hintergrund wird eine für die heutige Saturierungsphase symptomatische Tatsache begreiflich: Unzählige möchten sich der Allgegenwart der Reklame entziehen, ja, ihr wie einer Pest ausweichen. Auch in diesem Fall ist die Unterscheidung von vorher und nachher hilfreich. Aus der Sicht der entstehenden modernen Güterwelt konnte man die Reklame damit legitimieren, das Weitersagen der Nachrichten von der Existenz neuer Lebenssteigerungsmittel sei unabdingbar, da die Bevölkerungen der Handels- und Industrienationen ansonsten um wesentliches Wissen über diskrete Weltverbesserungen betrogen blieben. Als Botschafterin neuer Vorteilsbringer ist die frühe Reklame das allgemeine Trainingsmedium der aktuellen Leistungskollektive, die man in kulturkonservativen Milieus leichtfertig als „Konsumgesellschaften“ denunziert. Der Widerwille gegen die Reklame, die die gesättigten Infosphären der Gegenwart durchzieht, geht jedoch von der richtigen Intuition aus, wonach sie in ihren meisten Erscheinungsformen längst zu einem Training nach unten gehört. Sie sagt nicht mehr weiter, was Menschen wissen sollen, um an vorteilhafte Innovationen zu kommen; sie erzeugt Trugbilder von käuflichen Selbsterhöhungen, die de facto meistens Schwächungen bringen.

Angesichts dieser Tendenzen erweist sich Bazon Brocks Projekt zur Ausbildung von Diplom-Rezipienten, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Bürgern und Diplom-Gläubigen als ebenso notwenige wie zeitgemäße Anknüpfung an die Erfolgsphase neuzeitlicher Menschenausstattung. Die genannten Personengruppen sind im Verlauf der Moderne in Fehlübungen und maligne Wiederholungen verstrickt worden, die – auf je spezifische Weise – zu massivem Kompetenzabbau geführt haben. In sämtlichen gesellschaftlichen Subsystemen ist die Zeit reif für eine neue Form des Kompetenz- und Fitnesstrainings, wie es Bazon Brock für das ästhetische Feld in seinen Besucherschulen seit 1968 exemplarisch praktiziert hat. Die jetzt intendierte Ausweitung der Übungszone auf Patienten, Konsumenten, Wähler und Gläubige ist umso dringender geboten, als klassisch schulische Ausbildungsformen in diesen Bereichen zunehmend nur noch ihr eigenes Versagen reproduzieren.

Erosion und Reformation der Schule

Das Problem des heutigen Schulwesens besteht offenkundig darin, daß es nicht nur dem Staatsauftrag, Bürger heranzuziehen, nicht mehr nachzukommen vermag, weil die Definition des Ziels angesichts der Anforderungen der aktuellen Berufswelt zu unscharf geworden ist. Es artikuliert sich noch deutlicher in der Preisgabe seines humanistischen und musischen Überschusses, um sich einem mehr oder weniger entgeisterten Betrieb pseudowissenschaftlich fundierter didaktischer Routinen zu widmen. Indem die Schule während der letzten Jahrzehnte ihren seit dem 17. Jahrhundert beharrlich bewiesenen Mut zur Dysfunktionalität nicht mehr aufbrachte, verwandelte sie sich in ein leeres selfish system, das sich ausschließlich an den Normen des eigenen Betriebs orientiert. Sie produziert Lehrer, die nur noch an Lehrer erinnern, Schulfächer, die nur noch an Schulfächer erinnern, Schüler, die nur noch an Schüler erinnern. Dabei wird die Schule auf inferiore Weise „antiautoritär“, ohne aufzuhören, formal Autorität auszuüben. Da das Gesetz des Lernens durch Nachahmung nicht außer Kraft zu setzen ist, riskiert es die Schule, aus ihrer dargestellten Unwilligkeit, Vorbildlichkeit darzustellen, das Vorbild zu machen, das sich in der nächsten Generation wiederholt. Die Folge davon ist, daß in der zweiten, dritten Generation fast ausschließlich Lehrerinnen und Lehrer auftreten, die bloß noch die Selbstbezüglichkeit des Unterrichts zelebrieren. Selbstbezüglich ist der Unterricht, der stattfindet, weil es in der Natur des Systems liegt, ihn stattfinden zu lassen. Mit der Ausdifferenzierung des Schulsystems ist ein Zustand eingetreten, in dem die Schule ein einziges Hauptfach kennt, das „Schule“ heißt. Dem entspricht das einzige externe Unterrichtsziel: der Schulabschluß. Wer von solchen Schulen abgeht, hat bis zu dreizehn Jahren lang gelernt, sich die Lehrerinnen und Lehrer nicht als Vorbilder zu nehmen. Durch Anpassung an das System hat man ein Lernen gelernt, das auf die Verinnerlichung der Materien verzichtet; man hat, nahezu irreversibel, die Stoffdurchnahme ohne aneignendes Üben eingeübt. Man hat den Habitus eines Lernens-als-ob erworben, das sich beliebige Gegenstände defensiv zu eigen macht, in der systemimmanent richtigen Überzeugung, die Fähigkeit zur Anpassung an die gegebenen Formen des Unterrichts sei bis auf weiteres das Ziel aller Pädagogik.

In dieser verfahrenen Lage besinnt sich Bazon Brocks Reformpädagogik auf die anthropotechnischen Grundprämissen allen Lernens und trägt so dazu bei, die Ordensregeln einer Zivilisation mit Zukunft zu verfassen. Ihnen folgen heißt, in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens annehmen.